#Risg diese Debatte ist nicht ehrlich, oder: Pflege als Plastiktopfpflanze?

Das Reha- und Intensivpflegestärkungsgesetz, kurz Risg, bewegt die Gemüter. Der Entwurf sieht vor, dass Menschen über 18 vorwiegend in stationären Einrichtungen gepflegt werden sollen. Diese Debatte wird hitzig und emotional geführt. Das ist wider dem Grundgesetz, meinen die einen, das ist einfach eine Sparmaßnahme, meinen die anderen. Ich möchte mich mit dem Pro und Contra gar nicht auseinandersetzen, sondern mal eine andere Perspektive aufmachen, die dabei völlig untergeht. Und eigentlich sind es zwei Perspektiven.

Die Personaluntergrenze Ppug sieht vor, dass auf einer Intensivstation, also, wenn es echt um Leben und Tod geht, eine Betreuung von 1:2 vorgesehen ist. Oftmals kann diese Quote gar nicht eingehalten werden, Notbesetzungen von 1:4 sind häufig. Das bedeutet, geht es echt um die Wurst, muss eine Pflegekraft 4 Menschen, tief sediert an Beatmungen betreuen, oder, wenn es gut läuft, zwei. Das hört sich wenig an, ist aber im Grunde kaum zu schaffen, wenn es wirklich gut laufen soll. Und gut laufen, meint da meist nicht, ein schickes Outcome mit nach Hause gehen und ein Liedchen trällern, sondern das blanke Überleben. Ist das Gröbste dann geschafft, dann gilt 1:1 daheim. Das ist, um es mal gelinde zu sagen, nicht fair. Das meint nicht, dass ich den Menschen ihre 1:1 Betreuung nicht gönne, sondern das bedeutet, dass niemand recht einsehen kann, weshalb Pflege das blanke Überleben unter solchen Bedingungen anstellen muss. Und es ist mir ein Rätsel: da sind sie nun nämlich, die Betroffenen und die melden sich lautstark. Sie wollen selbst bestimmen und das sehe ich ein. Das würde ich auch wollen und daran ist nichts falsch. Die Debatte wird aber in eine Richtung gelenkt, als sei die Intensivstation nun für alle ein absolutes Wunder, das man sicher nie wiedersehen würde. Es kommt offenbar auch niemand auf die Idee, dass auf Grund der miesen Pflege-Patienten-Ratio auf ITSen so mancher kein korrektes Weaning haben konnte und sich genau in der Situation befindet, in der er sich befindet. Das ist absurd. Und ich möchte das hier mal erwähnt haben.

Was mich zusätzlich betroffen macht, ist die Art und Weise, wie in den Artikeln, die ich bislang dazu gelesen habe, die Journalisten und die Betroffenen über Pflege reden. Völlig aus der Bahn geworfen hat mich der Artikel der ARD (https://www.tagesschau.de/inland/interview-intensivpflegegesetz-101.html?fbclid=IwAR274AeMPOccX_mquxh2AvVceZBm41E69_Nc_8pQ1tL_p2YCCKpY106K4lI) . Da wird eine Frau 24/7 von Intensivpflege betreut. Sie nennt das, was das Team da tut „waschen“. Das sich hinter dem Waschen eine komplexe Handlung mit Beobachtung, Bewegung, Prophylaxen, Therapie und Erhaltung, also PFLEGE verbirgt, das wird entweder von ihr oder durch den Artikel nicht kommuniziert. Was ICH lese: Pflege ist irgendwas mit waschen. Das bedeutet, selbst, wenn 24/7 jemand an Bord ist, dann wird Pflege nicht als das wahrgenommen, was es ist. Das ist dramatisch.

Pflege ist der, der da ist. Worin nun der große Vorteil der 1:1 Betreuung besteht, wird gar nicht kommuniziert, das ist für alle in dem Artikel so selbstverständlich, wie Luft und Brot. Pflege ist das, was einfach da ist. Aha.. dass wir aber über Risg reden, weil eben nicht für alle Pflege da ist, das erwähnt dort niemand. So selbstverständlich ist Pflege noch selbst in den Köpfen derer, die sie um sich haben.

„Zwei Pfleger müssen mit in den Urlaub“ wird da berichtet. Urlaub in einem umgebauten Wohnmobil. Für die Pflege ist die eigene Tagesstruktur dort nicht planbar. Sie leben dann also dort mit auf engstem Raum, arbeiten auf engstem Raum. Niemand fragt nach Arbeitssicherheit, niemand nach rückenschonendem Arbeiten. Zwei Pfleger müssen mit in den Urlaub. Als handele es sich bei beruflich Pflegenden um Plastiktopfpflanzen ohne eigenen Willen, Leben, Familie, Freizeit . Wie die Kaltmamsell im 19. Jahrhundert. Auf Twitter habe ich erfahren, dass die Bereitschaft, mal eben 14 Tage die eigene Familie zu verlassen, Teil der Zielvereinbarungen und der Zeugnisse sind. Ich höre da kein Danke. Da werden erwachsene Menschen aus ihrem Leben gerissen, um unter merkwürdigen Bedingungen zu arbeiten. Und niemand sagt: bemerkenswert! Pflege ist das, was einfach da ist. Wie Wellensittich Hansi, der im Käfig eben „mit muss“. Das befremdet mich zutiefst.

Nach dem Artikel leistet die Familie das Meiste. Ich will gar nicht absprechen, dass Familien UNGLAUBLICHES leisten. Aber sorry, es geht doch hier eben nicht um die Leistung der Familie, es geht um Intensivpflege von Fachkräften. Und die wird da gar nicht erwähnt. Sorry, aber wenn es ohne die geht, dann ist Risg doch völlig in Ordnung, oder wie genau ist das? Weshalb reden öffentlich rechtliche Sender so über Pflege? Weshalb heben Betroffene die Unabdingbarkeit von Intensivpflege nicht hervor? Was ist da los in den Köpfen? Wann wird verstanden werden? Ein Schutzbefohlener kann nicht mehr Menschenwürde haben, als ein Mensch, der ihn pflegt. Beruflich pflegt. Und ob diese Bedingungen, wie wir sie nennen, immer menschenwürdig sind, muss auch aufs Blatt. Woran ich das ablese? Daran, wie ihr über die Menschen redet, die euch versorgen, Intensivpflegen, ihre Familien zurücklassen, und das zu leisten und as für einen Apfel und ein Ei.

Meinungen sind erwünscht.

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