Oh Du Schreckliche! Ein Rant auf Betriebsweihnachtsfeiern!

Zehn Jahre blieb ich verschont aber in diesem Jahr war es soweit. Mein Chef, sozial und auch sonst mega intelligent, sagte, dass wir die Weihnachtsfeier organisieren müssten. Mir lief es eiskalt den Rücken runter und ich fragte mich in einem ersten Impuls, was wir ihm getan hätten? Was würde geschehen? Würden wir, nach einem langen Tag, im Gemeinschaftsraum Kekse knabbern, während aus dem Radio Weihnachtslieder liefen? Würden wir die Bibliothek putzen? Ich stellte fest, dass ich nachhaltig traumatisiert bin von Weihnachtsfeiern und Teambuildingmaßnahmen aller Arten. Das kam so.

Mein erster Einsatz ever fand auf der Geriatrie statt. Auch dort wurde Weihnachten gefeiert. Mit den Bewohnern. Natürlich fand die Party am freien Tag der Schüler (!!) statt, die dann anzutanzen hatten. Das fand ich nicht fair, immerhin hatte ich nicht nur frei, sondern auch Familie. Naja, was solls und was tut man nicht alles für gute Noten? Wir karrten also alle, wirklich alle, auf den Gang, auf dem ein riesiges Tischensemble aufgebaut war. Dann saßen abwechselnd ein Bewohner und je einer „irgendwas mit Pflege“ nebeneinander, und wir sangen gruselige Weihnachtslieder. Der Kartoffelsalat war von der Öse selbstgemacht. Mit fetter Mayonnaise. Als das ungewohnt fette Essen seine Wirkung entfaltete und mir meine Tischnachbarin den Salat gleich auf meinen Teller mitkotzte, flog auch ihr Gebiss in hohem Bogen mit auf meinen lieblosen Pappteller. Mit der Weihnachtsstimmung war es dann endgültig Essig. Gottseidank hatte ich schon vorher keine gehabt.

Weihnachtsbäume gab es damals auf jeder Abteilung und jeder Station. Sie zu schmücken war Schülerinnenaufgabe. Natürlich in Überstunden, die nicht aufgeschrieben werden durften. Zwischendurch wurde man eifrig ausgeborgt. Bis zum 23. 12. hatte jede von uns also mindestens 10 Jubelfichten mit alten und wirklich hässlichen Glaskugeln aller Sorten behangen und Kilometer an Lichterketten entheddert. „Is das nicht wunderbar?“ Am Arsch die Waldfee! Ich konnte keine Tannen mehr sehen!

1989! Ich hatte mich endlich in die ZNA hochgearbeitet und war Schülerin. Wir waren viele Schüler dort. Ursel verstand das Weihnachtsfeiern und organisierte es. Es gab kein Entkommen. Wir hatten einen Restaurantplatz in einem wirklich üblem Einkaufszentrum, weil das nah an der Klinik war. (Seit damals habe ich das Clou in Reinickendorf aus Protest nicht mehr betreten). Und Ursel wusste, WANN man zu feiern hatte. Um genau 20:30! Warum? Weil dann die Nachtdienste noch mitessen konnten und die Späteste dazukommen konnten. Vier endlose Stunden! Damit das alles klappte, wurden wir Schüler in die Zwischendienste gesteckt. Eine geballte Ladung Schüler – sicher 6. Nicht etwa in die Zwischendienste bis 20:00 – ohne Nein! In die 10:00-18:00. Warum? Naja, um 18:00 lohnte das Heimfahren nicht mehr und so verfügte Ursel, dass wir in unserer Freizeit bis 20:00 die Medikamentenschränke putzen dürften! Dafür wurden wir dann auch in die Pizzeria gefahren und bekamen – Jauchzet! Frohlocket! – eine Pizza. Jeder eine eigene sogar. Ich glaube, so billig hat das Virchow nie wieder seine Schränke geputzt bekommen.

Die Zeiten wurden nach der Wende schlechter. Es kam die Privatisierung und aus war es mit schicken Restaurantbesuchen in Billigpizzerien. Juchu! Stattdessen war nun feiern im Gemeinschaftsraum in. Dort saßen wir alle geballt und geballt gelangweilt vor dem selben Kaffee wie am Morgen und knabberten mitgebrachte Spekulatius. Die Patienten freute es und sie störten uns eifrig. Man ahnt es. Alle am Kaffeetrinken, alle sitzen rum, warum nölen die eigentlich, dass sie Zuwenig seien? WEIL AUCH DAS MEINE FREIZEIT WAR, über die irgendein Wesen einfach verfügt hatte.

Mein eigener ZNA Chef feierte nicht. Genau aus diesem Grund. Zudem war er Weihnachtshasser. Aber in der Nikolausnacht lief er zur Höchstform auf. Unsere Umkleide war wie jede Umkleide. Chaotisch, Schuhe lagen überall rum und jeder von uns hatte mehrere Paare, die er irgendwann man wegwerfen würde. Während wir also ackerten wie besessen, weil die Hütte krachend voll war, schlich er, ohne, dass wir es wussten, durch die Abteilung. Als wir am Morgen abgelöst wurden, war große Verwunderung beim Frühdienst, der mit kleinen Nikoläusen und Päckchen aus der Umkleide kam. Ob wir das waren? Wir wussten nicht, wovon die redeten. Tatsächlich hatte jede von uns eine handgeschriebene Karte in ihren EIGENEN Schuhen (ein Wunder, wie er rausgefunden hatte, welcher Schuh zu wem gehörte, wir waren über 50 Leute!!) und einen Nikolaus und eine Kleinigkeit: Weihnachtssocken oder ein kleines Buch oder ne Haarpackung oder sonstwas. ❤ Ich erinnere mich so gut dran, denn es war mein verflixtes Scheidungsjahr und es sollte das einzige Geschenk in diesem Jahr für mich bleiben.

Das UKB schenkte uns riesige Weihnachtspäckchen mit Delikatessen, Großzügig War aber Geldwerte Zuwendung und wir mussten das Luxuszeug teuer versteuern. Das führte dazu, dass wir im knappen Januar noch weniger Geld als sonst hatten – dafür aber Kekse und Paté.

Auf Instagram laufen derzeit viele Bilder von Weihnachtsfeiern. Völlig fertige Menschen sitzen im Gemeinschaftsraum um trockene Kekse herum. Oh Du Fröhliche! Menschen, die durch die Krise dauernd einspringen. Menschen, die eigentlich oft viel lieber daheim wären – endlich – um dafür zu sorgen, dass es auch bei ihnen endlich weihnachtlich wird. Weihnachtsfeiern sind mittlerweile oft Teambuildingmaßnahmen. Das Team soll zusammenkommen. Dafür backt es oft noch selbst, putzt den Gemeinschaftsraum und sitzt dann völlig fertig vor den Keksen. Ich weiß nicht, welcher Grinch sich das als Wertschätzung ausgedacht hat. Vielleicht gibt es sogar Menschen, die das toll finden. Ich gehöre nicht dazu. Weihnachten ist das Fest der Liebe und wen ich liebe und für wen ich Plätzchen backe oder kaufe, das entscheide ich wenigstens zu Weihnachten selbst oder ich werde zum Grinch.

Am Schlimmsten waren die Tage, an denen die Chefetage Weihnachten feierte (Ärzte/Verwaltung) und wir das nur merkten, weil wir am späten Abend halbe belegte Brötchen, die ihre beste Zeit schon seit Stunden hinter sich hatten, deren Wurstränder sich wellten und deren Petersilie so trocken war wie unser Humor, von fremden Leuten auf unsere Abteilung geschleppt wurden. Das sei doch nett. Ja, sichi, Chefarzt Michi, voll nett, aus der Lieblingsabteilung den Schweineeimer der eigenen Party zu machen und sich das Aufräumen zu sparen, indem man die großzügige Essensspende aus der Hölle bei den Armen (Nurses) entsorgt. Nie waren Macht und Arroganz so nah beieinander.

Ich bin versöhnt mit allem. Wir haben weder die Bibliothek geputzt noch in der Bib gesessen. Unser Chef führte uns aus zum besten Restaurant der Stadt und lud uns ein, in dem Gourmettempel hemmungslos ein phantastisches Essen und guten Wein zu genießen. Wir fühlten uns wie die König*innen. Wir schlenderten über den Weihnachtsmarkt, schlurften Glühwein und Kakao. Niemand zwang uns zum Singen, niemand wollte eine Gratisleistung von uns. Wir haben einfach so gefeiert. Und er hat sich damit einfach so bei uns bedankt. Einfach so. Weil Weihnachten ist.

Ich wünsche Euch, dass Ihr mit Euren Teams zusammensein könnt, wenn ihr das wollt. Und ich wünsche Euch, dieses ritualhafte Keksessen im Gemeinschaftsraum absagen zu können, wenn Ihr das wolltet. Ihr werdet noch oft in Heimen und Kliniken Weihnachten feiern. Und zwar dann, wenn Ihr alt und krank seid. Geht, genießt Euer Leben! Und esst diese Brötchenspenden nicht.

70 % weniger Weihnachtsgeld für Pflege – oder Sana is not coming to town

Wir hätten alle auf das alte Weihnachtslied hören sollen. You better watch out, you better not cry. Sana zahlt dieses Jahr 70 % weniger Weihnachtsgeld. (https://www.rpr1.de/nachrichten/westerwald-eifel-rheinland/klinikum-mittelrhein-zahlt-weniger-weihnachtsgeld)

Die Inflation ist schuld. Letztes Jahr haben sie nur 67, 1 Millionen (!!!) Euro Gewinn gemacht, man sieht die Aktionäre förmlich mit rotgefrorenen Näschen im lichten Leinenkleid und klammen Händchen Zündhölzer auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen, damit sie sich den Sprit für den Bugatti leisten können. Wer wird da von der Pflege noch Weihnachtsgeld erwarten, wie kann man so roh sein? (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/191800/umfrage/gewinn-der-sana-klinken-ag/)

Wie so egoistisch? Die armen Patienten brauchen einen doch! Moment, am Energiepreis kann es nicht liegen. 8 MILLIARDEN Euro stehen von Lauterbach, finanziert über Steuergelder bereit, um die armen Kliniken zu entlasten. Die zahlt natürlich auch die Pflege. Das ist n bisschen irrwitzig. 1, 7 Millionen Pflegende zahlen demnach ihren eigenen Arbeitgebern einen Rettungstopf, damit der sie besser ausbeuten kann. Klingt irre? Isses auch!

Von Energiesparen hört man wenig. Im Altenheim brennen Licht und Heizung, die Kühlschranktemperatur wird überwacht wie eh und je. Der, der die Energie verbraucht (weshalb die Verbraucher heißen) zahlen die Energiekosten demnach nicht so echt in voll. Zu gerne würde ich wissen, wie man das auf den einzelnen Bewohner und Patienten umlegt, oder ob aus dem Topf Pflege auch den Patienten jetzt den Strom zahlt? Infos bitte in die Kommis.

Diese Gesellschaft beutet Pflege aus, wie es ihr gerade passt. Gerade zu den Stoßzeiten Weihnachten, die man eigentlich nur aushält, weil früher das 13, Monatsgehalt Weihnachten, die Januarrechnung und den Sommerurlaub finanzierte, gehören zu den Übelsten der ganzen Saison. Wer kann, schiebt Omi in die Klinik ab, Grippe bricht aus, wer kann, verlegt in Kliniken, Kliniken, die können, verturfen Patienten in Heime. Dazu noch Corona. Seit 3 Jahren verarscht man. Pflege, wo man. kann. Entlastung? Hier irgendwas mit „nie mehr Nachtdienst machen“ einsetzen..lol.

Wie man. für alles Geld übrighaben kann aber nicht für das mickrige Weihnachtsgeld der Geringverdiener, verstehe ich nicht.

Stattdessen bald wieder jede Menge moralische Erpressung. Die armen Patienten und so. Während die Pflege vom mickrigen Gehalt Strom und Heizung zahlen soll und nicht weiß, wie, während sogar Gutverdiener über die Lebensmittelpreise stöhnen, zwackt man an denen, die nix haben, das Bisschen, was sie haben könnten, noch ab.

Und es stört auch keinen.

67, 1 Millionen.

8 Milliarden.

Aber keine Puseratze, um das bisschen Geld zu zahlen.

Was Ketten wie Sana nicht verstehen: Ihnen geht es schlecht, weil sie seit Jahren ihre Pflege behandeln wie den letzten Mist. Kein Wunder, dass da keiner arbeiten will.

Immerhin, ein Gutes hat es. Musste man früher sein Weihnachtsgeld zurückzahlen, wenn man vor dem Halbjahr kündigte, bleibt einem die Rückzahlung nun erspart, denn es gab ja kein Weihnachtsgeld.

Nie war kündigen so einfach.

Lindner geht fischen, oder warum es falsch ist, Sozialpolitik von Männern gestalten zu lassen, die unter Carearbeit Selfcare verstehen

Wir haben eine Carekrise. Die haben wir nicht seit gestern sondern schon seit vielen Jahrzehnten. Care, das ist Sorgearbeit, haushaltsnahe Arbeit und bis um die 1970er herum sollte sie von Frauen erledigt werden – während der Mann Karriere machte. Das war natürlich prima für die Männer, die sich um ihr eigenes Leben so gar nicht kümmern mussten.

Aus der Verberuflichung der Sorgearbeit gingen letzten Endes die Sozialberufe hervor. ErzieherInnen, LehrerInnen, Pflegefachpersonen, Altenpflege, Raumpflegerinnen…, also all das, was substituieren sollte, dass Frauen ab den 70ern selbst Karriere machten. Noch heute können Männer nichts mit Carearbeit anfangen. Almut Schnerring, die ein Buch über Equalcare geschrieben hat, konstatiert, dass Männer augenscheinlich zu starken, selbstständigen Kerlen erzogen würden. Der traurige Fakt ist aber, dass sie bis heute nicht lernen, wie man einen Geschirrspüler ausräumt, Wäsche macht, kocht, putzt. Ihre Unfähigkeit, für sich und oder gar andere zu sorgen, müssen sie kompensieren, indem sie Sorgearbeit bei ihren eigenen Partnern einkaufen, sie ihnen überlassen. Nicht selten arbeitet die Frau deshalb halbtags, hat Einkommenseinbußen, während der ganze Kerl, der keine Ahnung hat, wie man ein Hemd bügelt, sich für einen tollen Hecht hält. All das Organisieren, den mental load, er hat ihn nicht, er überlässt ihn oft der Frau. Feminismus hin oder her, noch heute machen Frauen weit mehr als die Hälfte der Sorgearbeit, während Jennifer Lopez „Ain’t your Mama“ im Radio singt wie Johanna von Koczian früher „Das bisschen Haushalt“.

Männer haben also von Sorgearbeit keine Ahnung. So wenig Ahnung, dass sie nicht zwischen Care und Nursing unterschieden können. „Pflege kann jeder“, sagte einst Norbert Blüm, wohl im festen Glauben daran, dass Pflege irgendwas mit Waschen sei und da Generationen Frauen ja ihre Eltern gepflegt hatten, war seine Schlussfolgerung: das kann jeder. Ich habe es immer bedauert, und das bei aller Empathie, dass ihn nie wer befragt hat, ob er das noch immer so gesehen hat, als er tetraplegisch auf Profis angewiesen war. Es wäre seine Chance gewesen, die Sicht auch Nursing zu verändern. Seinen Satz glaubt heute noch ein ganzes Land.

Jens Spahn konnte und kann sich nicht vorstellen, seine Eltern zu pflegen. Er würde aber helfen. Das sehen bedauerlicherweise alle Männer so. Sie helfen den Frauen pflegen. Je pflegebedürftiger der Angehörige, desto mehr ziehen sie sich zurück. Die Last der Carearbeit liegt bei den Frauen. Sie pflegen erst ihre Kinder, dann die Eltern und Schwiegereltern und am Ende ihren Mann. Ist ihr eigenes Ende nah, ist niemand da, der sie pflegt. Pflegepolitik wird von Männern gemacht. Ein ganzes Sozialgesetzbuch ruht sich darauf aus, dass die Frau per se es schon richtet. Wer es für SIE richtet, danach fragt das von Männern entwickelte Sozialgesetzbuch nicht.

Sozialberufe sind Berufe ohne gesellschaftliche Wertschätzung. Weshalb sie auch einfach niemand mehr machen will. Das ist von den Frauen konsequent, die die Mehrheit in diesen Berufen stellen. Warum keiner mehr zu miesen Bedingungen Kinder betreuen, Alte und Kinder pflegen und putzen will, darauf kommen weder die Politiker noch die Gesellschaft. Ich habe da eine Idee.

Will ich wissen, wie es um die Sozialpolitik und Gleichberechtigung bestellt ist, dann guck ich in den Bundestag. Der nämlich bildet ja im Grunde die Gesellschaft ab. Frauen gibt es dort kaum. Gerade mal 34,9 Prozent. Männer also machen Sozialpolitik. Christian Lindner soll gar in Zukunft für die Personalschlüssel in Kliniken und Heimen zuständig sein. Für DEN Sorgeberuf also per se, der in Deutschland nie von Care und Nursing unterschieden wird und seit Jahren selbst Sorgenkind ist.

Nun hat Lindner bekanntgegeben, dass er selbst st Elternzeit nehmen wird, wenn es denn soweit ist. Was man in dieser von Carearbeit getragenen Zeit macht, das weiß er auch schon. Angeln, imkern, promovieren, Bücher schreiben, jagen.

Carearbeit als Selfcarearbeit

Was Lindner nicht weiß oder nicht zu wissen scheint. In der Elternzeit geht niemand promovieren, angeln oder fischen. Es sei denn, man repräsentiert gar nicht den Bürger, sondern parkt das Baby ab 6:00 bei einer Nanny.

Man kümmert sich ums Kind, ist froh, wenn man es bis 13:00 unter die Dusche schafft, fröhlich der Tag, an dem man ein T-Shirt ohne Möhrenbreisabber sein Eigen nennt, in Ruhe pinkeln konnte oder die Augenringe einem nicht über die Wangen klappen. Ich habe nichts dagegen, dass Reiche das anders machen. Dass sie vielleicht tatsächlich Kinder bei den Kindermädchen parken, zum Jagen gehen wie einst Kaiser Wilhelm, während der Hof den Nachwuchs erzieht. Aber das ist halt weltfremd und ich würde es den 80 Millionen Menschen, 40 Millionen Frauen nicht unter die Nase reiben. Weil das einfach arschig ist. Sicher kann man liberal sein aber unter Carearbeit nur Selfcare zu verstehen und damit as Signal zu senden: Carearbeit? What the actual fuck? Das sourced man aus, soll das Kind erziehen, wer will, Sorgearbeit schert mich nicht, sie ist nichts wert. Seht her, wer Sorgearbeit macht, der kann noch jagen, fischen, promovieren, was kostet die Welt, Geld spielt keine Rolex, ihr Möhrenbrei-T-Shirt-tragende Loser! Das ist ärmlich. Ärmlich, weil es zeigt, wie wenig vom Careproblem im Bundestag angekommen ist, der sich doch von den Steuern derer ernährt, die Möhrenbrei-T-Shirts tragen.

Ärmlich, weil eben dieser Mann wesentliche Teile der Sozialpolitik mitsteuern wird, von der er, so sehen wir es hier, keine Ahnung, keine Wertschätzung hat und Abstand hält.

Der selbe Linder, der von Wohlstand erhalten salbadert, aber nicht auf dem Schirm hat, dass ab 2030 Frauen nicht mehr Teil der Erwerbstätigen sein können, weil sie ihre Eltern pflegen müssen. Diese Männer also gestalten die Sozialpolitik des Landes. Für Frauen und auf dem Rücken der Frauen. Dass er seine privilegierten Carearbeits-Vorstellungen in die Welt posaunt, ist eine Schelle für all die Frauen, die in der Carefalle stecken. Die übrigens der Mittelstand sind, den er vorgibt, entlasten zu wollen.

Es ist 2022. Nie vorher war nach den 1970ern Emanzipation so verloren wie in diesen Jahren, als klar wurde, dass Carearbeit unsichtbar ist, von Frauen ausgeübt, die einfach nur zu arm, zu doof oder und unkreativ waren, nebenbei noch zu jagen, fischen, imkern, während sie all das stemmten, von dem Männer keine Ahnung haben. Meine Damen, erziehen Sie die nächste Generation Männer gründlicher.

Im Altenheim pflegen nun Floristen.

Wenn Du einen Betrieb aufrechterhalten musst, in dem die Leute mies bezahlt werden und in dem die Arbeit keiner mehr machen will weil wegen Gründen, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: Du musst Dir die suchen, die NOCH verzweifelter sind, damit sie Dir auf den Leim gehen. Dachte sich offensichtlich die Caritas und heuert nun Floristen für die Altenpflege an.

Pflege kann, das wusste schon Norbert Blüm (und der konnte sich leider erst am Ende seines Lebens vom Wahrheitsgehalt seines Satzes überzeugen, als er tetraplegisch wurde) jeder. Also können das auch Floristen. Mir ist ja schleierhaft, warum die nicht einfach Friseure… oder Automechaniker genommen haben, aber seis drum: sie wollen nunmal Floristen.

Um Pflegequalität gehts offensichtlich nicht, sondern um Hände statt Köpfe. Ich würde zu gerne wissen, wie das praktisch abläuft. Vermutlich so: „Hey, das da, Zimmer 1-35, das ist Dein Strauß liebe Omas. Die steckst Du alle in die Wanne und beim Frühstück musst Du sie schön gießen, ja?“

Zu gerne, so vermutet Geriatric-Nurse auf Twitter, würden wir wissen, wie das aussieht, wenn dann im Heim jemand stirbt. Steht dann im Übergabeheft: „Sorry, die Omi in der 21 war erst welk und nun ist sie mir eingegangen.“

Oder: „Die lässt das Köpfchen so hängen, da habe ich sie angeschnitten und etwas Grün dazugesteckt“, „Wo steckt man denn die Frau Müller zum Mobilisieren ins Moosgummi rein?“ Ein Zimmerwechsel wird dann umtopfen.

Ich finde das alles absurd.Ich habe nichts gegen Floristen. Die machen wunderbare Blumen. Aber sie machen eben Blumen. Dieses Pflege kann jeder geht mir auf die Nerven. Was man alles pflegen kann. Blumen, Bodenfliesen…. Menschen. Nächstens heuern sie vielleicht Reinigungspersonal an, um Oma mal zu feudeln. Oder KFZ-Mechaniker für die Kardiologie, weil doch der Motor, das weiß ja jeder, das Herz jeden Autos ist und wenn die schonmal da sind, dann können sie gleich die Rollatoren ölen. Alles eins.

Warum eigentlich heuern die nicht gleich Friedhofsgärtner an und bieten die letzten Lebenstage All Inclusive aus einer Hand an? Wenn da weiterhin keine Fachpflege anbei sein muss, dann ist doch sowieso das frühere Ende vorprogrammiert. Letztens suchte doch auch eine Bestattungsfirma Pflegende.

Ich verstehe überhaupt nicht, weshalb es da keine Schamgrenzen gibt. Und weshalb überhaupt geht der Bums nur in eine Richtung? Warum gibt es nichtmal Stellenanzeigen, in denen man Fachpflege für Berufe sucht, die sie überhaupt nicht können? Wenn wir uns angeblich so gut mit Waschen auskennen, warum fliesen wir dann nicht mal Bäder? Oder werden im Wellnesstudio angestellt? In den Galerien der Altenheime hängen Bilder. Weshalb suchen Museen also keine Altenpflegenden für die Gemäldegalerien dieser Welt? Ach, das klingt absurd? Soso. Interessant.

Friseure hätte ich vielleicht noch verstanden. Alles um den Kopp rum wäre da immerhin versorgt, endlich kämen mal diese mobilen Haarwaschwannen zum Einsatz. ABEr WAS ZUM GEIER KÖNNEN FLORISTEN? Und was denken die sich dabei? Und was denken Floristen, wenn sie so eine Anzeige sehen? Und wie degradiert fühlt sich Pflege? Wenn alles Billiglohnsektor mit Hilfskräften wird, dann ist die Oma ja auch nichts anderes, als ne lebende Doppelschweinehälfte. Dann sollten sie saisonal vielleicht mal bei bekannten Großfleischereien nachfragen, ob nach dem Zersägen von Tierkadavern nicht vielleicht der eine oder andere noch Lust hat, Oma „umzulegen“? Hoffentlich begreifen die Hilfskräfte dann schnell genug, dass das in der Pflege „Lagern“ und nicht „Bolzenschuss“ heisst.

Das Bildchen kommt jedenfalls in meine Sammlung für den Vortrag.

Drama im Elfenbeinturm: Wer spricht für die Pflege? Oder, könntet Ihr alle mal die Klappe halten!?

Markus Mai hat einen Artikel geschrieben. Für die Pflege soll die Bundespflegekammer sprechen. Mehr als die Überschrift hab ich nicht gelesen, denn der Artikel, der mir und uns und allen den Mund verbieten soll, kostet 34 Tacken. Für mein Silencing zahl ich nicht noch, ich glaube fest an Kästner: Nie sollst Du so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Dich zieht, auch noch zu trinken.

Ich habe auch einen Artikel geschrieben. Für eine große Tageszeitung. Für den wollte ich ein Zitat des DPR. Aber der stellte mir die Frage, wer eigentlich für die Pflege sprechen darf? Und dann wurde es nix mit dem nächsten Telefonat oder einer Antwort auf meine Frage. Das finde ich merkwürdig, aber offenbar gab es Verwirrung im Elfenbeinturm und dann wollte die Pflege wohl nicht für die Pflege sprechen, weil das, was die Pflege gesagt hätte, jemand aus der Pflege publiziert hätte. Und so geht es nicht! Kling irre? Ist es auch! Wenn die, die verordnen, für die Pflege zu sprechen, nicht für die Pflege sprechen, wer spricht denn dann? Keiner! Das ist vielleicht nicht die besonders cleverste Strategie, aber was weiß ich schon, denn ich spreche ja nicht für die Pflege.

Mit sprechender Pflege gibt es ein Problem. Zwar ist Pflege Goldstaub und sollte behandelt werden, wie man raren Goldstaub behandelt, aber das meint noch lange nicht, dass die Pflegen(den) nun meinten, selbst was sagen zu dürfen. Jawoll. Das ist dann nämlich nicht „sprechen“, das ist „Jammern“ und das soll sie nicht, die Pflege. Sie soll darauf warten, dass jemand für sie spricht. Gefälligst. Als wäre das 19. Jahrhundert nicht schon lange vorbei, soll sie artig darauf warten, dass Funktionäre, die in ihrer Funktion bislang noch nichts gerissen haben, den Mund aufmachen. Während sie davon träumen, dass die veraltete Idee läuft, sprechen Pflegende für sich selbst.

Franzi zum Beispiel reichts. Die hat in ihren Podcast flugs Lauterbach und Lindner eingeladen. Ob die das mitbekommen haben, weiß man nicht so genau. Eine Viertelmillion Menschen und mehr haben das durch die sozialen Medien mitbekommen. Politiker nutzen Influencer gerne, wenn es um ihre eigene Belange geht. Noch nie aber hat ein Influencer gesagt: „Passt mal auf, Ihr tanzt hier für den Mist, den Ihr macht, gefälligst an, Friedensfreunde.“ Und so sind wir alle gespannt. Vom DPR gab es sicher ein Positionspapier. Das ist auch fein. Wer hat denn nun für Pflege geredet?

Ich hab auch geredet, Mich hat nämlich eine Zeitarbeitsbude angeschrieben. Ich, die liebe Monja, die geduzt wurde, als wäre ich bei Ikea Teelichte einkaufen, war plötzlich, als ich kritisierte, solche Mails überhaupt zu bekommen, gar nicht mehr die liebe, wertgeschätzte PFK. „Wars das? Wollen Sie quatschen, oder was?“ Ja, so ist das. Gerade noch beklatscht und gewollt, außer, man sagt selbst was zu dem Driss, der mit einem angestellt wird, dann ist es aus mit der Wertschätzung. Dabei hatten die mir doch angeboten, dass ich studieren könnte. (LOL). Ich weiß nicht, was mein UNI-Arbeitgeber dazu gesagt hätte und lache noch immer.

Die Kammern und Organisationen, die Räte und Gremien_ sie sind 100 Jahre zurück. Pflegende reden längst für sich selbst. Das ist für die Gremien natürlich blöd, denn es macht sie überflüssig. Und so wäre es am Besten, Pflegende würden, wie Anno Dutt, wieder den Mund halten. Sorry, ich befürchte, das wird nix mehr.

In den Sozialen Medien, wo Mitmachen gratis ist, muss niemand einen Mitgliedsbeitrag zahlen und kann sich, statt der Einheitsbreistimme, auch verschiedene Positionen anhören. Das ist in Gremien anders. Die verhandeln Positionen ganz ohne die, die sie vertreten, das Abwägen ist intransparent und wie einem unmündigem Kind wird die Position, die man vertritt und die der einzelne Pflegende dann haben soll, präsentiert wie das Essen und die Ansage von Mutti.

Pflege kann nicht demokratisch. Pflege kann nicht mitaushandeln. Das führt dazu, dass viele noch glauben, man müsse erst warten, bis man eine Meinung haben dürfe.

Wie schwer geschockt eine Gesellschaft ist, die mitbekommt, dass sich die Zeiten drehen, konnte man sehr schön bei König Charles sehen. Der, 73 Jahre jung, hielt sich nicht das an „beklage Dich niemals, erkläre Dich nie“, sondern schimpfte wie ein Kutscher über einen auslaufenden Füller. Die Welt hielt den Atem an. Hatte der König mit 73 Jahren doch einfach gesagt, was ihm nicht passte. Darf der das? Überall die gleichen Probleme, sag ich Euch.

Sei wie Charles: sag einfach, was Dich stört. Die Welt geht nicht unter. Es ist 100 Jahre später als früher.

Gummihuhn statt Lavendel

Wenn Du in den 1970ern den Rentnesaal zum Rocken bringen wolltest, dann wurde eine Kassette (ich kann mich mit technischen Details jetzt nicht befassen) mit dem Ententanz angemacht. Die 70er. Das ist lange her. Orange, grün, Braun, psychedelische Muster auf Tapeten, Erdbeerclogs und Gummitwist.

Die 70er. Das war auch die Zeit, als die Enquete herausgegeben wurde, das ist die Befreiung der psychisch und chronisch kranken Menschen aus einem System der Gewalt, aus Stätten der Verwahrlosung. Die Enquete, und so schließt sich der Kreis, wurde nie umgesetzt. Aber sie ist der Geburtsort der Altenpflege. Die 70er. Es war alles so schön bunt da.

2022 in irgendeiner beschaulichen Kleinstadt. Man hat den Ententanz wieder angeschaltet. Claudia Moll macht jetzt harte Politik. Fast zwanzig Parties hatte sie in den letzten Tagen auf dem Wahlkampfzettel und die Parties mussten abgefeiert werden. Hier wurde ein Feuerwehrauto getauft, da wurde einem Gummihuhn der Schädel abgeschlagen. Hart ist so ein Politikerleben. Aber alles mit Liebe.

Quelle Instastory

Es wäre alles nicht so schockierend, wenn nicht auch in den 1970ern Gottlieb Wendehals den Gummiadler geschwungen hätte und der Saal zur Polonaise Blankenese getobt hätte.

Woanders ist aber gar nicht 1970. Woanders ist 2022. Hitzewellen fegen über das Land, die Altenheime sind nicht klimatisiert. Die Kollegen, die seit 2,5 Jahren durch die Pandemie toben, können nicht mehr. Urlaube werden gestrichen oder mit Müh und Not erreicht. Kollegen fallen aus wegen Corona. Woanders ist die Welt nicht heile. Woanders rennt man sich die Hacken ab.

Weil noch immer keine Missstände da sind, wenn man nur nicht hinguckt, schlachtet man eben ein Gummihuhn. Launigerweise könnte man sagen, dass man mit dem Nichthandeln dem Deutschen Bundesadler symbolisch die Rübe einschlägt. Während die Kollegen ich fragen, wie sie die Gasrechnung wuppen sollen, wippt Claudi den ganzen Saal. Rückwärtsgewandt bis in die 1970er Wella-Haarspitzen, so sieht sie also aus, die Sozialdemokratische Pflegepolitik. Fühl Dich einfach gut mit Jade. Basta.

Nein, es ist nicht nur diese Symbolpolitik und das Köpfen von Plastiktieren, das mich nervt. Es sind auch die Videos, jedes zweite Wort ein ÄH und noch immer keinen Plan in Sicht. Verkörperte Westerfellhaus doch immerhin eine Art Statesman der Gesundheitspolitik, hatte wenigstens irgendeinen Plan (für mich oft der Falsche) und irgendeine dahinter verborgene Ernsthaftigkeit.

Sind das die Politiker, die wir wollen? Die im Sommer durch die Wahlkreise tingeln? Ist Sommerpause in diesem Jahr tatsächlich zu nehmen, während völlig klar ist, dass manche keine 30 Minuten Tagespause nehmen können?

Man möchte ja eigentlich zur Abendkasse gehen und sein Geld zurückfordern, wenn man das Theater sieht. Es gibt keine Scham mehr im politischen Betrieb. Ganz offen wird nicht gehandelt, sei es Corona oder Besetzungsstrategien. Irgendeine Entschuldigung wird schon ziehen. Das ist der Tanz in den pflegerischen Abgrund. Den Preis dafür zahlen mit Altersarmut und der Unmöglichkeit, sich Pflege kaufen zu können, die, die jetzt gerade an den Betten stehen und schindern. Sie werden zu wenig Rente haben, um sich selbst Pflege einzukaufen. Aber die Sozialdemokratin stört das nicht. Schnell noch ein Promovideo gedreht, indem man die Truppe auf überübermorgen vertröstet. Ja, man muss handeln, ja, das muss, äh, man, äh, machen.

ICH HALTE DAS ALLES NICHT MEHR AUS. Wir sind nicht nur was Partymusik angeht, wieder in den 70ern angekommen, sondern auch im Gesundheitssystem . Man möchte was werfen – keinen Gummiadler. Da draußen dehydrieren Alte, Alte, die im nächsten Winter frieren werden. Unterversorgte Menschen, kranke Kinder. Wie verbohrt kann man im Politikbetrieb sein?

Nichtmal ne Siegerurkunde für die Pflege

Mein Verhältnis zu Urkunden ist gespalten. Ich gebe zu, dass ich meine Graduierungen ordentlich in einem Ordner abgelegt habe und sie nicht, wie manch anderer, an meine Bürowand gerahmt genagelt habe. Ich habe einige Siege im Golf eingeheimst. Ich kann, bzw. konnte, den Golfball weiter driven als die Männer und dereinst putten wie eine junge Göttin. Aber ansonsten war ich eine sportliche Flachzange. Außer in Schach. Vielleicht war ich nicht sportlich. Vielleicht bin ich aber auch nur in einem Stadtteil von Berlin aufgewachsen, wo man im Winter drinnen war und im Sommer im Garten. Da fuhr ich Rad. Es gab keinen logischen Grund, irgendwohin zu sprinten, zu joggen oder weitzuhüpfen. Das hat absolut keine Rolle gespielt. Schwebebalken waren mein Endgegner, Ringe habe ich gehasst, ich konnte nie einen Handstand, nichtmal an der Wand. Aber das spielte absolut keine Rolle.

Außer dieses eine mal im Jahr, wenn Bundesjugendspiele waren. Für mich der sinnloseste Tag im Jahr. Nein, ich habe nie eine Siegerurkunde bekommen. Und wenn, kann ich mich nicht dran erinnern und hab sie nicht mehr. Es ist aber unwahrscheinlich, denn ich war schon immer Moppel und konnte auch nichtmal im Ansatz die Freude darüber nachvollziehen, sich für das Stückerl Papier so zu quälen. Es war unlogisch. Es war ein Stück Papier ohne größeren Wert. Nichtmal ne ordentliche Note ließ sich daraus ableiten, es gab keine Gratifikation wie bei ner ordentlichen „1“ (das war bei uns so üblich).

Derzeit gehen sie um, die Urkunden. Es gibt allenthalben Pflegepreise. Die bestehen aus ner Urkunde. Ich frage mich, wie ich mich fühlen würde, würde ich einen solch inflationären Preis bekommen. Ja, in meinem Beruf gibt es auch Preise. Da tritt man gegeneinander an, am Ende gibt es tatsächlich für einen ein paar hundert oder tausend (keinesfalls aber hunderttausend!) Euro. Das ist nice. Aber nur ein Stückerl Papier für die ganze harte Pflegearbeit hat für mich noch immer den Geruch der Siegerurkunde ohne Gratifikation.

Bayern hat heute so eine Medaille verliehen. Die „Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Gesundheit und Pflege ging an….. *Tusch* eine Pflegende Angehörige. Geehrt werden nämlich nur die, die sich jahrelang ehrenamtlich engagiert haben. Profis sind also draußen. Das leuchtet mir nicht so richtig ein, so oft, wie Profis ehrenamtlich einspringen, aber gut.. ist das halt so.

Nein, ich neide diese Medaille nicht. Echt nicht. Ich war lange im Ehrenamt, beim ASB im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr. Ich hab so ne Odermedaille. Und mal so nen Orden bekommen. (Wo ist das Ding eigentlich?) Tatsächlich fühlten wir uns so verschaukelt, dass sich manche den kleine Orden ins Ohr gesteckt haben. Damit sie „wenigstens“ was haben. Gab gleich Ärger wegen der Ehre und so. (ICH war das nicht!)

Wie geht man damit um, dass es für Profis auch Siegerurkunden gibt, die nichts bedeuten und Ehrenamtliche, die eigentlich für ihre Arbeit auch Aufwandsentschädigung bekommen sollten, mit ner Medaille abgespeist werden? Ehrenamt, das war Pflege im 19. Jahrhundert. Ein Nichtberuf, den reiche Frauen aus Langeweile ausübten. Die Kontinuität kennen wir. Pflege kann jeder, Pflege muss nix verdienen, Pflege ist haushaltsnahe Tätigkeit.

Symbolpreise. Wertschätzung auf dem Papier. Ich persönlich finde, dass Pflege ja mehr verdient hat, als den gleichen Symbolwert, wie ihn weit in den Sand hüpfen könnende Kinder bekommen . sind Papierurkunden die Re-Infantilisierung der Pflegeprofis? Ein Papier ohne Sahnebonbon? Ein Goodie fürs Artigsein? Sind sie Ausdruck der systematischen Hilflosigkeit oder glauben die Macher solcher Preise wirklich, dass man sich das über das Bett hängt und dem Besuch am (vielleicht) freien Wochenende sagt: „Guck mal, ich hab ne Pflege-Siegerurkunde bekommen!“

Ich glaub, ich versuche lieber mal das mit dem weit hüpfen nochmal….

FDP: Wer von „Vollkasko-Mentalität der Pflege“ salbadert, aber Sniper auf dem Dach hat, hat was Grundlegendes nicht verstanden

Nun pfiffen es also die Scharfschützen von den Sylter Reetdächern: Sicherheit ist eine wichtige Sache. Und deshalb durfte der Steuerzahler die Sicherheitsvorkehrungen für die VIP-Hochzeit zahlen. Das mit der Sicherheit ist Pflegenden nicht neu. Unter ABEDL 11 der Aktivitäten des täglichen Lebens sollen Pflegende ganzheitlich für Sicherheit derer sorgen, die sie pflegen. Pflegende sind also quasi die Pflegesniper derer, die, genau wie Lindner, nicht in der Lage sind, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Tut man das nicht, ist deren Leben bedroht. Die Folgen sind: Stürze, Ängste, Suizide, Unfälle, Ersticken, falsche Medikamente… die Liste ist lang.

Aber während es für den FDP Minister anscheinend völlig normal ist, dass der Staat für seine und die Sicherheit seiner Gäste aufkommt, ist die Sicherheit in Pflegeeinrichtungen schon lange nicht mehr gegeben. Im SGB kommt dieses Sicherheitsbedüfnis nur noch am Rande vor. Sicherheit benötigt, genau wie Lindners Snipertruppe, ausreichend Personal, um überhaupt was gewährleisten zu können. Für Alte und Kranke geht das schon lange nicht mehr. Wie oft es vollends danebengeht, das weiß niemand so genau. Wer keine Daten erhebt, kann nichts Unangenehmes rausfinden (praktisch, oder?). Aber es passiert. Das Zeigt auch das Schwarzbuch Pflege.

Sicherheit also kann sich nur der leisten, der das Geld dafür hat – oder es sich einfach feist nimmt. Während aber bei Scharfschützen nicht diskutiert wird, weil das eben wichtig ist, spricht die FDP bei Ausgaben für Pflege von einer „Vollkaskomentalität“, der dringend Einhalt geboten werden müsse. Claudia Raffelhüschen sieht das so: Einschnitte im Sozialbereich sollen helfen. „Den Rotstift müssen wir beim ausufernden Sozialstaat ansetzen und ihn wieder auf ein gesundes Niveau zurückführen“

Es ist eine Feudalmentalität, die da aufblitzt. Wer es sich leisten kann, oder, vielmehr, wer einem nicht den Rotstift ansetzen kann, der kann Sicherheit auf Staatskosten haben, so viel er mag. Wer nicht, der erstickt halt ohne Sauerstoff – und hat das „gesunde Niveau des ausufernden Sozialstaates“ gehörig übertreten. Frei nach dem Motto: Wenn sie keinen Sauerstoff haben, sollen sie doch Luft holen.

Während es in Kliniken und Altenheimen keine Klimaanlagen im Sommer gibt (und auch kein Personal, damit da niemand dursten muss bei 42 Grad) und man den Leuten sagt, man müsse jetzt mal sparen und solle nicht so viel Strom und Benzin verjazzen, flog Friedrich Merz mit dem Privatflieger auf die Insel. Cool. Diesel hat er da nicht verbraten, das ist löblich und schon sicher die Umwelt, weil ja Atomstrom auch umweltfreundlich ist, wird sich zum Beweis schon irgendeine krude Theorie finden lassen. Einen 9Euro-Ticket- Stehplatz im überfüllten Coronaversifften Regionalzug jedenfalls hat Merz niemandem weggenommen. Das ist doch fein. So bürgernah wünscht man sich die Politik im ausufernden Sozialstaat.

Ich möchte gar nicht wissen , wie lange die da alle geduscht haben. Wir selber sollen (und können, weil es teuer ist) ja eh nur noch kalt und schnell mal unter die Brause hüpfen. Auch das ist für Heimbewohner gar nicht neu. Einmal die Woche duschen die in der Regel – falls Personal da ist. Und schnell muss es da auch gehen, denn die paar Minuten, die dafür angesetzt und bewilligt werden, reichen für Energieverschwendung gar nicht aus.

ONEHEALTH heißt das Programm der WHO, nachdem wir Pflegenden darauf achten sollen, dass Pflege nicht die Umwelt belastet. Den Planeten pflegen und Gesundheit fördern, gehören jetzt Hand in Hand. In Deutschland freilich können Pflegende da nicht mitmachen. Aber könnte ich es, würde ich den Rotstift des ausufernden Sozialstaates vielleicht nicht beim Überwachungspersonal für O2-Pflichtige ansetzen und dann was von „Vollkaskomentalität“ höhnen. Heiraten ist ja, zusammen alt werden. Ginge es nach mir, hätte diese Hochzeit also so stattfinden können, wie der Vollkaskosozialstaat seine Alten. leben lässt. Vor einer Woche 3 Minuten duschen, Essen für 1, 50 pro Mahlzeit und Sicherheit ist leider alle. Manchmal zweifle ich tatsächlich, wer der Souverän dieses Landes ist. Im demographischen Wandel hungert und friert der Souverän und seine Bediensteten bedienen sich schamlos. Irgendwas daran gefällt mir nicht.

Und nun mit geballter Power! Pflegetsunami- das Buch!

Hervorgehoben

Manche von Euch wissen es vielleicht- vielleicht auch nicht – aber ich kann auch ohne Rant schreiben, Sachzusammenhänge denken und formulieren.

Und ich befinde, dass es jetzt Zeit war.

Zeit für dieses Buch! Zeit, Menschen zu erklären, woran es hapert, dass Pflege nicht waschen ist und was man ihnen hier vorenthält.

Zeit, Lösungen aufzuzeigen. Zeit, deutlich zu werden. Zeit, ohne große Emotion den Finger in die Wunde zu legen.

Manche von Euch haben sich das gewünscht. Ich bin froh, dass der Verlag mich so toll unterstützt hat.

Wer heute nicht lesen mag: hier ein Fitzelchen Trailer .. der aber nur ein winziger Sneakpeak in ein komplexes Buch ist, das keine Tabus kennt, unbequem ist und nichts mit Herziherz zu tun hat.

Das mit den Augen 👀 üb ich noch!

#Anne Will – Schwurbelt der? Darf der das? Ein Rant mit extra CN!

Nein, wir sind noch immer keine Best Buddies, der Lange und ich, und ja, meine Güte, seit der Sendung klatscht eindeutig die falsche Base. Ja, das kann man kritisieren.

So und jetzt mal Klartext.

Kaum war der Satz gesagt, ging auf Twitter das Geschrei los. Und das Geschrei war groß. Der Lange ist nur Leiharbeiter, der sucht sich ja da Beste aus.

-> Ja, der sucht sich das Beste aus. Der darf das. Du darfst da auch. Wenn es dich so abnervt, dass Du DAS zum Thema machen musst, dann such es Dir doch aus, Herrgottsch****!

Dieser Neid auf alles und jeden, der da irgendetwas anders macht, ist doch nicht normal.

Nächster Take, einen Scroll weiter: „INFLUENCER Reden nicht für die Pflege!Das machen Berufsverbände „

-> Keiner, wirklich KEINER von uns hat sich ausgesucht, „für die Pflege zu reden!“. Das ist so passiert, WEIL die Berufsverbände und die ganzen Kammern nicht reden. Lustige Sache, aber seine Meinung, wie auch immer die geartet ist, sagen zu dürfen, ist Teil eines echten Grundrechts. Und es ist peinlich genug, dass eben die Verbände und Kammern NIE etwas sagen, sondern ein virtuellen Paper durch den Schlitz schieben. Jeder, das ist klar, redet nicht für die Pflege, sondern für sich. Es gibt 1,7 Millionen Pflegende also 1,7 Millionen Meinungen. So wie es 80 Millionen individuelle Pflegesituationen gibt.

„Der Schwurbelt.“ – Nun, ich bezweifle arg, dass er schwurbeln wollte. Und dann hab ich mal n guten Tipp. Wenn ihr das alle so phantastisch könnt, vor der Kamera, dann geht doch einfach hin und macht es. Schreibt Bücher, geht zu Vox, schreibt Kolumnen, macht Sendungen.
Wie da tatsächlich läuft? Kaum einer, nichtmal der DPR, bekommt Medientraining. Da sitzte dann halt mit Deinem Talent und musst was draus machen. Und dann verhaspelste Dich auch mal.Oder, wie Frau Vogler, sagst einfach nix, weil Du – fatal in Talkshows – Konventionen hast, die Dir verbieten, einfach zu sabbeln. Zack – Sendezeit um.

Können wir und eventuell mal dran erinnern, dass wir alle NICHT für Medien ausgebildet wurden? Keiner hat den Tanzbären hier gelernt. Wenn Ihr das wollt, was das erfordert, geht in den Musikantenstadl, die können da gleichzeitig singen, klatschen und tanzen.

Was mich abnervt? Pflege wartet IMMER auf den Helden. Einer soll kommen, es machen und regeln. Bis jetzt sind welche gekommen und haben es immerhin gesagt.

Fazit? Keiner, nicht einer, ist da, der irgendwie genügt hat. Ähnlich wie beim mystifizierten Pflege-Corona-Helden soll ein Allrounder aus der Kiste springen, eloquent sein, schreiben können, gut aussehen, nie das Falsche sagen, lächeln, aber nicht zu sehr, dringend sein, aber nicht zu sehr, es aussprechen, aber so, dass man es versteht: DAS IS KEIN PONYHOF HIER! Menschen sind nicht Pinocchio. Die kannste Dir nicht schnitzen. Du musst schon die Menschen nehmen, die es gibt. Oder: mach es einfach selbst. Aber mach es eloquent, sieh gut aus, mach nie das Falsche….

An JEDE/R/M gibt es irgendwas zu nölen. Und viel schlimmer als der Ausrutscher (oder von mir aus auch die tatsächliche Haltung) sind dann die Heerscharen von Leuten, die es ganz sicher besser gemacht hätten. Sind alle wie Pathologen- wissen alles, aber halt immer zu spät.

Ja, mich nerven sie auch. Die Versicherungsverkäufer, die Typen mit Ernährungsdrinks und das ganze Gebabbel. Aber – hallo – wer hat die denn so gehyped? Lass mal überlegen – ach so, das ward ja Ihr. Is n bisschen irre, merkt Ihr selbst, oder?

Das, was da abgeht, ist auch ne Form des Silencing. Kein Mensch kann für alle Bereiche was Kluges oder Tolles sagen. So läuft das halt.

Wenn es denn wenigstens bei der inhaltlichen Kritik bliebe – wäre kein Ding. Aber das da geht sogar mir über das Ziel weit hinaus. Und jetzt stell Ich mir das mit einer Base vor, die 100 mal so groß ist, wie meine. Na schönen Dank auch.

Chillt mal. Ich tu das auch. Es wäre viel besser, zu überlegen, wie wir alle (denn die meinen uns alle) aus dieser Sache wieder rauskommen. Und dann gibt es da noch wesentliche Sachen. Streikende Kollegen. Tagchen.