Das Positionspapier Pflege der Grünen. „Yes, we care!“ ?- NO! You don’t!

Vor ein paar Tagen überreichte mir Katharina Schulze auf Twitter stolz das Positionspapier der Grünen zur Pflege. Ich brauchte 3 Minuten, um es durchzulesen und fand: nichts. Nichts Sinnvolles. Aber gehen wir es doch gemeinsam durch.

„Yes we care!“ schöne Grüße an das „yes we can“ von Obama. Passt schon zum Atomwaffenshopping, das Grün jetzt treibt, aber was weiß ich schon?

Das Cover ist alleine schon geeignet, jeder Pflegefachkraft die Zornesröte ins Gesicht steigen zu lassen. Man muss nicht Kunstgeschichte studiert haben (hab ich aber), um zur verstehen, worum es geht.

Zitiert wird Superman, der sich das Oberhemd aufreißt, bevor es zum Retten der Welt geht. Das war ja auch logisch. Alle Welt redet vom Coronahelden und auch, wenn unklar bleibt, wer denn nun schon wieder zum Helden gemacht werden soll oder wer sich zum Helden macht, stechen die Farben Pink und Grün hervor. „Yes we care“ steht auf pinkfarbenem Grund und wie schon immer bleibt offen, wer dieses „wir“ eigentlich ist. Auch Ramelow (Linke) bemühte ja das „wir“, als er davon sprach, dass „wir“ uns um die 20% schwerkranken Pflegenden kümmern könnten. Wenn mit „wir“ = wir sorgen uns um Pflege gemeint ist, ist das schwer in die Hose gegangen. Auch das Cape des Helden/der Heldin ist rosa. Und auch die Fingernägel sind lackiert. Hier wird (weibliche) Pflege mit Grüner Politik im Heldenmythos gemischt. Diese Adaption ist eine Hybris, denn geopfert (unfreiwillig) haben sich bislang nur Pflegende. Der Held stirbt gerne mal, er arbeitet umsonst und deshalb braucht er auch zwei Jobs (Superman arbeitete bei der Zeitung, weil man vom Heldentum nicht leben kann). Niemand aus der Pflege will Held sein. Dafür hätte man aber vielleicht statt seiner eigenen Projektionen mal die Tagespresse lesen müssen. Also unterm Strich: Die Grünen wollen so tolle Helden sein wie Pflege und Pflege ist Held und alles ist eins. Pink wird für Frauen bemüht. Eigentlich ein Fall für die Rosa-Hellblau-Falle. Aber nicht nur die Symbolik ist von gestern

Die große „Reform“ kommt auf 17 Seiten daher. So schnell geht Reform also. Von der sind Einleitung und alles abseits Profipflege abzuziehen, dann bleibt nicht viel.

„Richtungswechsel in der Pflege“

Es wird beschrieben, dass es nun eine generalistische Ausbildung gäbe und das Schulgeld wegfalle. Man könne studieren. Ja, das wissen wir bereits. Neu wird es bei der Altenpflege.

„Die alten Abschlüsse in der Gesundheits- und (Kinder-) krankenpflege und Altenpflege bestehen weiter fort, allerdings wurden in der Altenpflege die Anforderungen gegenüber den anderen Ausbildungsab- schlüssen heruntergesetzt. Wir wollen das Ziel der Pflegeberufereform, die Ausbildung zur Alten-, Kinder- und Krankenpflege gleichwertig zu gestalten, umsetzen. Wir treten deswegen dafür ein, dass das abge- senkte Qualifikationsniveau bei einer eigenständigen Ausbildung in der Altenpflege geändert wird. Denn die Ausbildung zur Altenpflege wurde aus dem Konzept der Generalistik herausgerissen. Sie kann weiter- hin eigenständig, mit einem deutlich niedrigeren Kompetenzniveau separat weitergeführt werden. Aus un- serer Sicht hat das nichts mit Attraktivitätssteigerung in dem Berufsfeld zu tun. Zudem ist dieser Abschluss nicht europaweit anerkannt, wie der Abschluss der Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann. Wir wollen, dass die erstmals gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsaufgaben ebenso in der Altenpflege gelten und auch die wissenschaftliche Untermauerung in der Altenpflege muss vertieft werden.“

Das Problem ist nicht so einfach, wie es dort steht. Denn schon lange hinkt Deutschland der von der EU geforderten 12 Jahre Schulbildung für Pflege hinterher. Nur Deutschland unterscheidet überhaupt zwischen den 3 Feldern. Das liegt daran, dass es einfach nicht so viele Menschen gibt, die den Beruf ausüben wollen. Der Altenpflege wird unterstellt, sie arbeite lieber mit Herz statt Wissen. Der Punkt ist problematisch, aber bekannt. Es muss also die Möglichkeit zum Qualifizierungsaufstieg auch für niedrigere Schulabschlüsse geben oder für Quereinsteiger. Historisch ist das ein Problem. Denn das ist kein Fortschritt, sondern beamt uns zurück in die 1960er, wo der Deutsche Verein Altenpflege definiert hat als Beruf, den ausüben soll, wer nicht so gebildet ist und schulisch für Krankenpflege nicht geeignet ist. Das ist so retro wie eine Schlaghose.

Erfreulich ist, dass endlich akademisiert werden soll. Allerdings kann man die Nachtigall steppen hören. Denn bislang zahlen Pflegestudierende horrende Summen für ihr Studium, weshalb der Satz „Mit uns wird es deshalb eine universitäre Fakultät für Pflegewissenschaft in Bayern geben.“ erstmal wundert. Wer wird die betreiben? Wer verdient daran? Weshalb wird nur eine Akademisierungsquote von 10-20% anvisiert? Es gibt über 50 Pflegestudiengänge. Worum genau geht es hier? Niemand weiß es.

Pflegeexpertise nutzen

Eingesetzt werden Community Health Nurses (=Gemeindeschwestern/Kiezpflege) und Advanced Nursing Practise. Doch konkrete Bedarfszahlen bleiben offen. Es wird von Projekten gesprochen. Ein konkreter Plan steht nicht dahinter. Auch, wo die Leute herkommen sollen, bleibt ein ewiges Rätsel.

Pflegexpertise nutzen hätte so viel beinhalten können. Dahinter verbirgt sich jedoch nur der Ausbau der ländlichen Versorgungsstruktur ohne konkrete Zahlen oder Bedingungen.

Mitspracherecht für Pflegende

Es wird darauf verwiesen, dass in anderen Ländern Pflegende selbst Heil-und Hilfsmittel verordnen (es geht hier um APN), in der Fußnote wird das Dilemma ersichtlich, denn andere Länder akademisieren und so ist das die Aufgabe einer akademisierten Pflegeperson. Jetzt wird es wieder schwammig: „Wir Grüne setzen uns für Rechtssicherheit und Klarheit in der Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten ein. Um auch in Zukunft mehr Eigenverantwortung für die Berufsgruppe zu ermöglichen, ist diese Ausübung dauerhaft zu verankern.“ Wo das zu verankern ist, ob Rechtssicherheit Gebot oder Verbot bedeutet, nichts ist transparent.

Dann geht es um Kammer. Unter dem Mitspracherecht verbirgt sich: nichts. Was Pflege von Kammer zu erwarten hat, hat sie in der Pandemie gelernt.

Personalbemesssung

Nach viel Text, der zeigt, dass die Pflegeberufereform in der Praxis nicht umsetzbar ist, scheint die Lösung, mehr Personal zu wollen, konkludent. Die große Enttäuschung nach vielen Verweisen auf Pflegepersonalbemessungsforschung: es gibt keine Lösung.

Implementiert werden soll PPR 2.0, ein Bemessungsinstrument. Doch das hat eine Geschichte.

Lange, lange Zeit maßen Pflegende (es ist eine Zusatzarbeit, die auf die Pflege noch draufkommt, die eh nicht mehr kann) die PPR 1.0. Jeder Patient wird dabei in Gruppen eingeteilt und es wird geklickt was die Maus hergibt. Hinter den Tätigkeiten, Bedarfen und Ausführungen sind Minutenwerte hinterlegt. Die bilden dann den eigentlichen Bedarf ab. Als es Auswirkungen zeigte, wurde es ganz schnelll eingestampft. Was daran noch schlecht ist? Zuerst ist es ein Instrument, das zusätzlich geleistet werden muss. Dann passiert es, dass die Zeit, die am zu Pflegenden geleistet wurde, oftmals den Stundenrahmen der Pflegeperson überschreitet. Auf meiner ITS (da hieß es TISS), habe ich so in einem Dienst an einem Patienten eine Arbeitsleistung von 12 Stunden gehabt. Was die Verwaltung sagte? Toll. Da kann man mal sehen, was die noch bringen können. Alles Gute. Zudem verspricht PPR2.0 keine akute Entlastung, denn erstmal muss wieder jahrelang der Bedarf gemessen werden, bevor man diskutieren kann, wie der Bedarf dann mit Personal gedeckt wird (und woher eigentlich soll der kommen?). Völlig unbeeindruckt zeigen sich also die Grünen davon, dass Pflege nicht mehr kann, laut internationalen Studien (zu denen Deutschland wohlweislich KEINE DATEN eingereicht hat) mental zusammenbricht und unter PTBS leidet (es wurden Pflegende stationäre aufgenommen, aber wo keine Daten, da sind keine Probleme, das ist ja schön einfach). Es ist davon auszugehen, dass Long-Covid bei Pflege, PTBS, Depressionen, Burnout durch Covid zu einem beispiellosen Pflexit führen wird. Und was machen die Grünen? Hängen die Aussicht auf bessere Zeiten nach einer jahrelangen Messung den erschöpften Pflegenden wie einem müden Esel die Möhre am Stock vor die Nase, damit er weitertrabt. Das ist also „Pflege stärken“? PPR 2.0 sind lediglich neue Minutenwerte. Bislang ohne Erfassung und damit: keine Hilfe. Nur mehr Arbeit.

Dazu kommt, dass Pflege wieder nach Verrichtung gemessen wird. Wieder Taylorisierung. Dass es einen Pflegeprozess und Beziehungsarbeit gibt, fällt bei verrichtungsbezogener Messung völlig weg. Genau diese beiden Elemente aber sind DIE Pflege, die Pflege ausmachen, wenn wir von Qualität sprächen. Pflege bleibt also Fließbandarbeit. Da ist das Abo auf mental Health Krankheiten schon drin.

Meisterbonus
2000 Euro soll Weiterbildung einmalig dem Absolventen bringen. Dass der aber vorab viel mehr Geld in seine Weiterbildung gesteckt hat? Uuuups! Vergessen

Digitalisierung

Ja, jede Lobby muss bedient werden. Ich habe mich schon dazu ausgelassen, dass Digitalisierung im Pflegebereich nach Neurologen ein Gefahrenpotential für Pflegende darstellt, da sie ihrer Resonanz beraubt werden (Mabuse 2020) und weitere Burnouts/Pflexits/Berufsunfähigkeiten drohen. Ja, aufgrund Digitalisierung! Doch statt das ins Arbeitsschutzgesetz aufzunehmen und Richtlinien dafür zu präsentieren, wird die Digitalisierung fröhlich vorangetrieben. Die Gefahr wird dabei völlig ignoriert.

Gesundheit

Ganz im Sinne Westerfellhaus Beratungsprojekt, der Beraterfirmen dafür anheuern möchte, Pflege einmal beizubringen, wie sie richtig führt, damit die MA gesund bleiben, sprechen sich die Grünen aus (ein Schelm, wer die kommende Grün-Schwarze Freundschaft hier schon sieht). Pflege ist also nur zu doof zum Führen und braucht Beraterkompetenz (die viel, viel Geld kostet). Dass Pflege durchaus durch Studium und Weiterbildung bereits diese Kompetenzen erworben hat und nur nicht umsetzen kann, weil sie systemisch daran gehindert wird? Egal! Weitere Millionen werden also in Beraterfirmen versenkt, und die Pflegeführung zum Sündenbock gemacht. Dass aber gleichzeitig bad Leadership (ich schrieb drüber) durchaus die Regel ist, dass systemische Probleme nicht im mittleren Management angegangen werden können? Spielt keine Rolle. Die Schuld an allem haben ab nun die PDLs dieser (schönen neuen schwarz-grünen Pflege-)Welt, die einfach zu doof zum Führen waren. Alles klar.

Gewalt

Ja, Schutz von Gruppen? Unbedingt dafür. Wer vergessen wurde? Gewalt gegen Pflegende. Sie findet bei den Grünen einfach nicht statt.

Magnetkrankenhäuser sollen gefördert werden

Problem? Es gibt in Europa bislang nur eins. Das ist in Belgien.

Das alles ist unbefriedigende Politik und keine „Pflege nach Corona-Politik“ Es offenbart sich, dass über Pflege jeder 17 Seiten reden kann. Verstehen aber wohl niemand.

Danke für nichts.

Arme Patienten oder rustikale Rüpel? Weshalb eine Klinik eben kein Hotel ist und Ihr nervt

In den 1990er Jahren hatten findige BWL-er eine super Idee. Patienten waren jetzt keine Patienten mehr, sondern Kunden oder Klienten. Das Wort Patient kommt aus dem Lateinischen und bedeutet in etwa soviel wie „der, der zur Geduld gezwungen wird/der Geduldige/der Duldsame“. Nicht nur, dass es die Krankheiten waren, die eine gewisse Geduld nötig machte, wenn man sich vor den 90ern in eine Klinik begab.

Das Wort bedeutete auch, dass man aus seinem individuellen Leben für die Dauer seines Aufenthaltes in eine Institution musste, in der man einer von vielen war, die nach eigenen Regeln spielte und man seine persönliche King Kotelett Allüren hier nicht ausleben konnte. Tat man es dennoch, wurde das gar nicht goutiert. Dafür lief der schon immer mies personell besetzte Laden, insofern hielten sich Geben und Nehmen die Waage. Allen war klar, dass ein Krankenhaus ein Haus ist, in dem (viele) Kranke sind und das einen im besten Fall wieder gesundmachen sollte. Es gab Besuchszeiten, damit nervige Angehörige dem Ablauf nicht auf die Ketten gingen und in alten Filmen ist noch zu sehen, wie pünktlich die Nurse die Zimmer von den Verwandten leert, damit alle wieder in Ruhe arbeiten können. So weit so schlecht. Oder gut. Je nachdem.

Aber, nein, jetzt gab es ja DRG und mit den Fallpauschalen auch das Gesetz des Marktes. Damit auch alle, alle kamen, war plötzlich Marketing in. Es gab also Kunden und Kliniken mit „hotelähnlichem Charakter“. Was im Steigenberger die American Express, wurde nun die AOK-Karte. (Schon da zeigen sich Unterschiede), Essen austeilen hieß nun „Service“ und entglitt völlig den ABEDL. Es gab ein Beschwerdemanagement, das vermutlich mehr Personalzeit gebunden hat, als Pflege jemals an einem Tag für einen Schwerkranken hatte und jeder Rotz und Löffel wurde nun auf Kärtchen dem Beschwerdemanager übergeben. Alter! Das Obst zu unbananig, die Röntgentrage zu kalt, das Fernsehen zu schlecht, das Essen (für 4 Euro am TAG!) völlig ungenießbar (ach nee). Anstatt sich nun endlich um Kranke zu kümmern, klöppelten Stationsleitungen Bilder des Teams an die Wände, ob die sich da porträtiert sehen wollten oder nicht. Es hieß jetzt auch nicht mehr Bild, es fanden „Vernissagen“ statt und jeder Napfkopf, der schonmal einen Pinsel in der Hand gehalten hatte, stellte jetzt seine Bilder in Klinikgängen aus. Kannste Dir nicht ausdenken!

Das war für mich persönlich der Moment, wo Pflege verscherbelt wurde. Aus ressourcenorientiertem Handeln und Helfen wurde „Zimmermädchen mit Servicefunktion!“ Ab jetzt hatten Berufsfremde die Deutungshoheit in der Hand. Unvergesslich, wie in Hamburg einmal ein Besucher mit seiner topmobilen Frau kam und sagte: „Jetzt trinken wir mal einen schönen Tee!“. Ich wünschte viel Spaß. Nach einer Viertelstunde kam dann die Beschwerde. Wo denn der Tee bliebe? „Den müssen Sie sich kochen!“ „Warum das denn?“ „Weil Sie es KÖNNEN!“. Ich habe, ehrlich gesagt, sehr gerne fast 30 Minuten die Gegendarstellung für das Management geschrieben, als meine Berufsprinzipien aufzugeben. Kannste selbst? Machte selbst! Und davon bin ich nie einen Millimeter abgerückt.

Wenn auch der Deutsche Sterilium klaut und nicht in der Lage ist, Gesundheitskompetenz zu entwickeln oder sich die Hände zu waschen: DAS hat er begriffen, dass eine Klinik irgendwas mit Hotel ist. Und daraus macht er, was er will. Die 600 Bettenbuchte unterscheidet sich ja architektonisch auch kaum von einem Bettenbunker auf Malle, sodass der durch Langeweile geplagte ASilettenschlurfer im Flügelhemd genug Zeit damit verbringen kann, Nurses anzutatschen, fernzusehen oder sich auf die Suche zu machen, wo es im 3*Hotelklinikdings denn hakt.

Dabei stehen 3 Dinge im Vordergrund: Fressen, Freizeit, Freundlichkeit. Der Peter hat da zum Beispiel ein ernsthaftes Problem:

„Ich kann vor diesem Haus nur warnen (sich!! hahahahaha, Peterle, ich kann vor JEDEM Haus nur warnen!) (…) Man wird hier für dumm verkauft! Als Privatpatient bekommt man nur dumme Ausreden, wenn permanent das falsche Essen kommt (..) ich werde meinen ANWALT sprechen, ob ich Klage erheben darf!

Peterle, ganz ehrlich? Nur, weil Ihr diese sauteuren Zimmer mit Flatscreen habt, mit denen Euch jedes Haus a la Komfortstation verscheissert, habe ich da einen guten Rat. Wenn Dir das verdammte Essen nicht passt, lass Dir eine verdammte Pizza kommen und begreife, dass Pflege nicht das Zimmermädchen ist. Du warst krank und man hat Dir geholfen. Was ist Dein verdammtes Problem?

Oder auch schön:

Unfreundliches Personal. Standen mehrere Minuten (hahahahahaha) vor dem Sprechfenster der Schwesternstation. direkt vor uns saß eine Schwester am PC. Kein Guten Tag, kein Blickkontakt. Hat uns konsequent ignoriert und dann weggelaufen!

Was ich sagen möchte? Du wohlstandsverwahrloste Bratze kannst Dir offenbar, obwohl Du mobil bist und es Dir also gutgeht, nicht vorstellen, dass da jemand arbeitet und von den 36 Patienten irgendwer dranner ist als Du? Das ist schon verdammt arm. Nein, im Krankenhaus ist es nicht Dein Recht, dauernd wen zu unterbrechen. Da muss man WARTEN. Wenn Du da stationär bist, hast Du eh nichts anderes mehr vor. Schon gar nicht nach MINUTEN. Nein, ihr seid nicht alle gleich wichtig. Schon gar nicht, wenn Du der bist, dem es offenbar am besten ging, denn wie man sieht, bist Du nicht bettlägerig oder irgendwie bedroht. Arschkrampe.

Jason. „Alle super nett, bis auf eine, die mir so vorkommt, als wenn sie da nur ihr Geld verdienen muss“

Ja, Jason , ganz nah dran. Das sind da ALLES Leute, die ihr Geld mit ihrem Beruf verdienen. ALLES! Keiner, nichtmal einer, ist da, weil er Dich lieb hat und JEDER wäre lieber beiden Seinen daheim. ZU DENEN DU NICHT GEHÖRST! Es ist ein Beruf. Nichts weiter.

Robert Sievers: „Personal, was sich da aufspielt vom Feinsten! (…) Zimmer eine ZUMUTUNG!!!“ Dann ein Bild von einem Braunolfleck, der auf dem Linoleum nicht rausging. Funfact. Robert war zur Transplantation da. Robert: die wollen Dir da Organe von einem Menschen einpflanzen. Damit Du überleben kannst. Das machen die unter Hochdruck. Und Dein Problem ist, dass da ein Fleck ist und Dir der Fernseher an der Decke nicht gefällt? Ist das Dein Ernst? Und ja, das Personal muss Dinge fragen und Dinge regeln. Die sind nicht zum Händchenhalten da.

Eine andere beschwert sich, dass ein Mitpatient eine Pediküre bekam. Huhuuuu! Das ist es, worum es bei PFLEGE geht. Menschen pflegen. Nicht, ob Du da feinchen im Bettchen liegst. Herrgott!

Ein anderer bemängelt, und schreibt das seitenlang, dass am Infoschalter jemand nicht „Wie bitte?“, sondern „Was?“ gefragt hat. Ja, das sind Probleme, die die Welt bewegen.

Ihr habt doch alle den Schuss nicht gehört. Ein Krankenhaus ist kein All-IN-Hotel. Es gibt Pflegenotstand und auch, wenn es Dir aufgrund Deiner Egomanie gar nicht schlüssig ist: es gibt Leute, denen geht es dreckiger als Dir. Patientia! Geduld! Gefälligst!

So wird das nichts. Ihr müsst verstehen, dass Notstand bedeutet, dass der auch da ist, wenn IHR im Krankenhaus seid. Können wir bitte wieder über Krankenhäuser reden? Es ist zudem kein Hotel

Und solche Leute? Möchte niemand pflegen

PDL zu sein bedeutet in der Krise: geh waschen, oder wir schmeißen Dich raus.

Westfellhaus möchte jetzt vermehrt Berater in den Einrichtungen einsetzen (katsching, die Beraterkasse klingelt!!!), damit die alle mal richtig führen lernen. Aber führen PDLen richtig, werden sie… rausgeschmissen.

Text: A.W.

Der Titel ist bewusst doppeldeutig gewählt. Wenn Sie zu der Kategorie Mensch gehören, der findet, dass doch alles ganz einfach ist, oder dass die Menschen sich nicht beklagen sollten, weil sie sich doch alles selbst ausgesucht haben, hören Sie hier auf zu lesen oder verkneifen sich einfach jeden weiteren Kommentar. Vielen Dank – und jetzt raus hier. 

Dieser Bericht ist eine Sammlung aus Berichten und Telefonaten, die zusammengefasst und sinngemäß wiedergegeben werden. Keine/r der Beteiligten möchte namentlich genannt werden. 

Dass es sehr anstrengend ist PDL zu sein, ist sicherlich jedem klar, oder? Zumindest hier, beim Lesen, sagen sicherlich die Meisten zu. In der Realität, wo man den Leuten gegenübersteht, ist es das nicht. Da wird man mehrfach bedroht (beruflich und persönlich), angebrüllt, beleidigt und von allen möglichen Seiten für unfähig erklärt.

Gemeint sind hier übrigens nicht die Aufsichtsbehörden. Ausgerechnet von dieser Seite kommt bei den meisten PDL eher Wertschätzung und Unterstützung an – dort weiß man nämlich, was es bedeutet, sich täglich dagegen zu wehren, als Mülleimer behandelt zu werden. 

Bewohner, Angehörige und Vorgesetzte sind da schon ein ganz anderes Kaliber. Mitarbeiter benehmen sich in aller Regel, sitzen sie doch im gleichen Boot. 

Die Position an sich ist oft eine „Schleudersitzstelle“ mit hohem Potential gekündigt zu werden, weil man hierarchisch die niedrigste Führungsposition innehat. Das bedeutet, wenn etwas schief geht, kann man nur beten, dass man gut genug dokumentiert hat, sonst ist man dran, egal, ob man schuld war und wie gewissenhaft man seinen Job macht – und die Arbeitgeber sichern sich ab. Schon im Arbeitsvertrag wird gerne verankert, dass man bei schlechten Ergebnissen, also schlechten „Noten“ bei Überprüfungen, nicht einfach nur gekündigt werden, sondern auch zu Schadenersatz herangezogen werden kann und wird. Ob das juristisch haltbar ist, ist eine andere Sache, aber es steht schonmal drin und bedeutet somit, dass das Arbeitsverhältnis eher nicht friedlich enden wird. Außerdem ist es so gut wie überall Teil des Vertrages, dass man, je nach Vertrag, in Notfällen oder sogar „jederzeit“ zur Arbeit „am Bett“ herangezogen werden kann. Ohne zeitliche Begrenzung. Alleine hier wird schon klar, dass dieser Job immenses Stresspotential hat. Wenn man selbst am Bett steht, wer sichert dann die Qualität, die für die gute Note sorgt, die wiederum den eigenen Job sichert? Hat man hier den falschen Vorgesetzten, nimmt man besser ganz schnell den Hut. 

Konnte man vor 5 – 10 Jahren noch einen solchen Vertrag ohne große Bedenken unterschreiben, weil kein AG auf die Idee gekommen wäre, seine PDL einfach zu kündigen, sieht es, nicht nur, aber besonders seit Corona GANZ anders aus. 

PDL sind Mangelware. Besonders die, die den Job ernst nehmen. Ein Überbleibsel der in Deutschland chronisch unüberlegten Gesundheitspolitik ist, dass man bis vor ca. einem Jahrzehnt alles zur PDL gemacht hat, was einen kaputten Rücken hatte. Führungsqualitäten waren da nicht gefragt, man musste die Leute aus der Berufsunfähigkeit herausschaffen und tat dies mit eilig zusammengestellten Kursen, die nur geändert wurden, wenn eine Gesundheitsreform sie dazu zwang. Das führte dazu, das die neuen „Führungskräfte“ sofort und chronisch überfordert waren. Mit allen daraus resultierenden Nebenwirkungen, kombiniert mit einer gewissen Machtstellung. Diese Generation ist jetzt zum großen Teil in (Früh)Rente und macht ganz sicher drei Kreuze, dass sie endlich Ruhe hat. Nun sind aber von der neuen Generation, die wenigstens in den meisten Bundesländern mittlerweile ein Studium vorweisen muss, noch nicht genug nachgerückt. Laut dem viel beschworenem „Gesetz des Marktes“ sollte eine PDL also derzeit traumhafte Arbeitsbedingungen haben.

Hat sie nicht – siehe Verträge und siehe imFolgenden

Jetzt auch noch Corona. Man kann es nicht mehr ertragen. Pflege ist ohnehin ein hochemotionales Spannungsfeld. In alle Richtungen. Seit Corona ist es hochexplosiv. Von allen Seiten. 

Die Vorgesetzten und die Qualitätsmanager rotieren vor lauter Nervosität. Alle versuchen, sich gegen alles Mögliche abzusichern, wälzen die Verantwortung mit allen möglichen Anordnungen nach (hierarchisch betrachtet) „unten“ ab. Einige PDL sollten sogar unterschreiben, das sie persönlich verantwortlich dafür sind, das genug Schutzmaterial vorhanden ist. Was es nicht ist. Die Beschaffung ist immer noch schwierig, nicht zuletzt, weil einige Häuser ums verrecken die Budgets nicht anpassen, obwohl die Preise explodiert sind.

Ganz am Anfang, als gar nichts zu bekommen war, konnten viele Altenheime noch auf die Reserven ihrer PDL zurückgreifen. Wohlgemerkt: Das Anlegen solcher Reserven war verboten. „Just in time“ war das Motto, das jede PDL mit ein bisschen Verstand ignoriert und ein ordentliches Vorratslager aus Schutzmaterial und Desinfektionsmitteln angelegt hat, wohlwissend, dass Grippe und Norovirus garantiert nicht auf die monatliche und streng budgetierte Bestellung mit früher 3 tägiger, aktuell mit ca. 4-6-wöchiger Lieferfrist, warten(ganz zu schweigen, dass manche PDL solchen Mehrbedarf erst Genehmigen lassen muss…) . Alleine die Verwaltung dieser Lager ist ein echter Aufwand. Man muss dafür Ecken und Räume finden, in die niemand hineinmuss, was bei 30 Prüfinstanzen eine gewisse Herausforderung bietet und man muss die Vorräte in ein Budget quetschen, das ohnehin kaum einzuhalten ist. Wie genau das geht, verrät man besser nicht, liest nur EIN  falscher Buchhalter hier mit, kann man Gift darauf nehmen, das diese Lager, sofern überhaupt noch vorhanden, gesucht und geplündert werden. Diese Lager gibt es meistens schon viele Jahre, oft noch aus „Vor Budget“ Zeiten erhalten, zum Schutz vor Verfall seitdem in ständiger Rotation gehalten und eifersüchtig bewacht von der PDL, mit dem Ziel, gegen kurzfristig erhöhten Bedarf gewappnet zu sein. Corona hat dieses „kurzfristig“ schon lange gesprengt. 

Die Reaktion auf den Mangel an Schutzkleidung haben sicher alle noch gut in Erinnerung: Es hieß, dann müsse man wohl oder übel halt ohne Schutzkleidung weitermachen. Was nicht ausgesprochen wurde war, von wem man erwarten würde, die Pflegekräfte dazu zu bringen im Zweifel auf den Selbstschutz zu verzichten… Die Reaktion aller mir bekannten PDL war die Gleiche: NEIN! Niemals! Schlimm genug, dass man immer und immer wieder bei den Mitarbeitern bettelt, ihre Freizeit zu ignorieren und einzuspringen. Aber sie dahin zu bringen, ihr Leben zu gefährden?! Nein. Sollen doch die Funktionäre, die diese geniale Idee hatten, mit gutem Beispiel vorangehen und ihr Leben ohne Schutzmaterial in die Waagschale werfen.

PDL  werden mittlerweile noch heftigerem Druck ausgesetzt, als ihre Seitenlangen Stellenbeschreibungen veranschaulichen. Unter anderem sollen sie, meist unter Apellen an den „Teamgeist“ oder „die Vernunft“, manchmal sogar unter Androhung von Repressalien, dazu gedrängt werden, wieder „am Bett“ zu arbeiten. Unter Aufrechterhaltung der eigentlichen Aufgaben natürlich. Schließlich muss man sich nur gut organisieren, dann sind zwei Jobs locker zu schaffen. 

An dieser Stelle sollte man gleich noch einen Mythos aufklären: der des traumhaften Verdienstes einer PDL. Die mit Abstand meisten PDL erhalten ein Gehalt, das zwar etwas höher als das Grundgehalt einer Pflegefachkraft liegt, aber unterm Strich meist darunter. Eine PDL muss dafür dann aber trotzdem rund um die Uhr erreichbar sein, auch wenn sie eigentlich die WE und Feiertage frei haben sollte. Auch Überstunden sind die Regel, nicht die Ausnahme. Aufgeschrieben werden sie fast nur, wenn sie durch Arbeit „am Bett“ entstanden sind. Wer als PDL Überstunden macht, gilt als unfähig, weil nicht organisiert. Ohnehin beinhalten die meisten Verträge das alle Überstunden mit dem Gehalt abgegolten sind. Im gesetzlichen Rahmen natürlich…

Zurück zu Corona: Nun ist man in gewisser Weise stur und sieht auch als PDL nicht ein, dass der AG mit seiner genialen Idee, auf dem Rücken der PDL, der er praktischerweise keine Überstunden zahlen muss und die qua Vertrag zur Arbeit „am Bett“ herangezogen werden kann, Kosten für Zeitarbeiter einspart, indem sie doppelte Arbeit macht. 

Das führte – trotz Corona, trotz Personalmangel, PDL Mangel und der Frage, wie der Laden denn dann laufen soll, alleine in meinem Bekanntenkreis zu 4 Kündigungen. Wegen Verweigerung der vertraglich vereinbarten Pflichten. Kein Witz. Die Arbeitsgerichte werden entscheiden, aber 3 Altenheime und ein KH haben jetzt erst einmal keine PDL. Wir sind gespannt, wer sich denn jetzt den Kasak anzieht und einspringt, oder ob es so läuft wie bisher: steht die PDL nicht als „Reserveinfanterie“ zur Verfügung und ist kene Zeitarbeit zu bekommen, tut es keiner, denn so wichtig ist die Besetzung dann auch wieder nicht. Irgendeine Fachkraft wird es schon auffangen, bei Weigerung lässt man das Wort „Abmahnung“ fallen und gut ist.

Zu den Angehörigen, mit einem Disclaimer: Ihr, die Ihr euch kümmert, die Bestimmungen selbstverständlich einhaltet, immer wieder mal Fragen habt, die ihr Gesprächsbedarf habt, die Ihr auch mal bei uns Trost sucht, aber immer die normalen sozialen Normen dabei einhaltet, seid ab hier NICHT gemeint! Bleibt wie Ihr seid. Bitte. Ihr seid tolle Menschen und eine Labsal – auch für alle Mitarbeiter. 

Dieser Abschnitt widmet sich denen, die sich an den Mitarbeitern abarbeiten.

Wie oben erwähnt, bedeutet Pflege, sich in einem hochemotionalen Spannungsfeld zu bewegen. Das lernt man in „der Pflege“ also an der Pflegefront, unabhängig von der Qualifikation (immerhin, DA sind sie demokratisch) gleich in den ersten Tagen.  

Auch außerhalb von Pandemien muss man höllisch aufpassen, sich nicht in innerfamiliäre Konflikte hineinziehen zu lassen. Das ist besonders als PDL wichtig, weil gerade innerhalb von Familien gerne geklagt und mit einstweiligen Verfügungen „gearbeitet“ wird und man da ganz schnell in rechtliche Schwierigkeiten geraten kann.  Doch doch, Sie haben richtig gelesen. 

Gerade der Generation „Babyboomer“ zugehörige Menschen, die die größte Gruppe der Angehörigen stellen, sind da selten zimperlich. Noch weniger zurückhaltend sind diese Leute gegenüber den Mitarbeitern. Ironischerweise hat Corona an dieser Stelle hier für etwas Entlastung gesorgt. Durch das stark eingeschränkte Besuchsrecht hat man meist nur noch einen dieses Kalibers gleichzeitig vor sich stehen und sie können nicht mehr einfach so in das PDL Büro stürmen und losbrüllen. Denn vor Corona gab es immer mal wieder Grüppchen, die sich zum Sturm des PDL Büros verabredet haben. Dafür tun sie das jetzt allerdings am Eingang. Um klarzustellen, dass sie sich nicht testen lassen, nur weil wir zu blöde sind, die Menschen richtig zu versorgen. Überhaupt ist man Rechtsschutzversichert und würde schon klarstellen, wer hier das sagen hat. Wo überhaupt die Leitung ist, wolle man wissen, oder hat sich diese blöde F…. schon ins Home-Office verkrochen!?!

Doch doch, Sie lesen immer noch richtig. Nicht ohne Grund steht am Eingang vielerorts Security, wahlweise der größte und breiteste männliche Kollege, um die Tür zu sichern. Denn so einige Angehörige meinen, sie brauchen sich nichts sagen zu lassen. Die Schreihälse, die zu Beginn der Coronakrise in den PDL Büros aufschlugen, um Rechenschaft darüber zu verlangen, wie man Gedenke, die heiß geliebten Bewohner (für die man oft nur unter Murren und Beschwerden mal eine Flasche Duschgel für 0,69€ locker macht und vor 2 Jahren zuletzt besucht hat) vor Corona zu beschützen, sind genau die, die die Vorschriften auf allen möglichen Wegen umgehen wollen. 

Und überhaupt: Ist Mutter denn heute, für den Besuch geduscht worden? 

Da ist man sich nicht zu blöd, über den Zaun der Terasse zu klettern, einfach an dem Mitarbeiter, der den Test machen soll vorbeizulaufen, die Formulare mit „Caspar Hauser“ zu unterschreiben, nicht erhitz- und abwischbare Lebensmittel mitzubringen, mit 9 Personen aufzutauchen um den Forderungen nach freiem Zutritt „Nachdruck zu verleihen“, oder hnter der nächsten Ecke zu warten, bis einer die Mutter/den Vater abgeholt hat – ohne Masken natürlich, die Mitarbeiter mit Ausdrücken zu beschimpfen, für die man Jugendliche auf das schärfste verurteilt und: tatsächlich handgreiflich zu werden. Es wird geschubst, gespuckt(!), angehustet, die Maske heruntergerissen, sogar Körperverletzungen wie Faustschläge hat es schon gegeben. Besonders beliebt ist es auch, damit zu drohen, die eigene berufliche Position dafür zu nutzen, das jeweilige Heim/KH zu diskreditieren. Man sei also schon so gut wie erledigt. Persönlich, aber auch das Heim/KH an sich. Nur damit das mal klar ist. 

Als PDL lässt man seine Mitarbeiter mit solchen Leuten natürlich nicht alleine und versucht auch im Anschluss an das jeweilige Ereignis den Mitarbeiter ein wenig aufzufangen, während man hofft, dass niemand die eigenen zitternden Hände bemerkt. Denn auch an einer PDL geht das nicht spurlos vorüber. Angst haben die meisten dabei nicht, weitaus häufiger ist Wut und Hilfslosigkeit, weil man in der Situation selbst relativ wenig tun kann, um diese Leute zur Raison zu rufen. Man kann sie nicht unmittelbar sanktionieren. Für die körperlichen Angriffe kann man sie Anzeigen, klar. Aber in der Situation selbst muss man die richtige Dosis aus Autorität und Verständnis treffen, damit es nicht endgültig eskaliert. 

Corona stresst alle. Ein Freifahrtschein den „Mr. Hyde“ in sich herauszulassen ist das jedoch nicht. Für niemanden. 

Ich selbst kenne keine PDL, die sich nicht schon freiwillig den Kasak angezogen hat, weil es zu knapp war. 60 Std. Wochen sind die Regel, wie oben erläutert meist ohne Ausgleich. Zuzüglich der ständigen Erreichbarkeit und besonders die Organisation von Ersatz bei kurzfristigen Ausfällen. Das alles „on Top“ einer meist vier (!) DIN A4 Seiten langen Stellenbeschreibung zzgl. willkürlich dazu gedichteten Aufgaben (die i.d.R. der juristischen Absicherung der Chefetage dienen) wie jetzt gerade durch die Pandemie. 

Dieser Text hat keinen roten Faden, keine sinnvolle Aufteilung und keine Pointe. Weil Krise genau das ist. Kritisch und chaotisch. 

Oder doch: Benehmt euch gefälligst. Alle.

„Wir waren keine richtige Familie!“ – Kinder von Pflegenden leiden mit

Vom ersten Weihnachtsfest meines Ältesten kenne ich nur Bilder. Es fand ohne mich statt. Aus Kostengründen und Erziehungsgründen. Denn ich war Schwesternschülerin und damit billig verfügbar an Vorfeiertagen, Feiertagen und überhaupt und hatte überdies zu lernen, dass der Beruf kein Zuckerschlecken war. Punkt! Mein Kleinkind lernte das somit gleich auch.

Als ich 10 Jahre Alleinerziehende mit mittlerweile 3 Kindern war, geriet der Beruf zur Organisationshölle. Wollte ich sicherstellen, dass die Kurzen morgens etwas essen, mussten sie um 05:00 spätestens raus, wollte ich ihnen das ersparen, konnte es eng mit ihrem Zeitmanagement werden, sofern Kinder überhaupt über so etwas verfügen. Vielleicht war es einfach Glück. Ab dieser Zeit weigerte ich mich strikt, Heiligabend zu arbeiten. Ich kenne dafür keine Silvesterfeiern und komme mir noch heute verloren vor, diesen Abend zu begehen.

Während Menschen im Bürojob darüber diskutieren, dass der Schulbeginn um 08:00 für Kinder viel zu früh ist, stehen Kinder von Pflegenden oft als Erste um 06:00 vor der Kita oder dem Hort, falls ihre Eltern glücklich geplant sind und um 06:30 anfangen dürfen. Die mittelalterlichen Zeiten der Stundengebete regeln noch immer den Schichtdienst in Hochleistungskliniken. Sie greifen ein in den kindlichen Biotagesablauf (von Rhythmus zu sprechen, kommt mir absurd vor, der wäre regelmäßig) und weit darüber hinaus.

Früher war es einfacher. Als heiraten im Pflegeberuf nicht mehr verboten war, untersagten Arbeiten einfach Männer. Punkt. Doch die Rückständigkeit der Gesundheitsbranche macht sich eben auch im Umgang mit arbeitenden Eltern bemerkbar. Die Branche stellt (angeblich) das Wohl der Patienten an die erste Stelle. Die soziale Rolle als Eltern fällt runter. Selbst im Frei muss stets und ständig damit gerechnet werden, dass die Privatzeit mit den Kindern unterbrochen wird, weil die Frage aufkommt „ob man nicht eben mal einspringen kann“. Das schlechte Gewissen darf man sich aussuchen. Entweder man hat es, weil man das Team alleine lässt oder die eigenen Kinder. Die jedoch sehen einen sowieso nur an allerhöchstens 2 von 4 Wochenende, an unendlich vielen Abenden und am Morgen nicht. Qualitytime ist so nicht zu machen.

In der ersten Welle der Coronapandemie, als die Frage nach Notbetreuung aufkam, schrieb jemand, Schwestern sollten sich halt keine „Blagen anschaffen, wenn die stören“. Nein, es sind nicht unsere Kinder, die uns stören, die gehören zu uns. Es seid Ihr Fremden, die an unsren freien Tagen versorgt werden wollt, die Ihr Euch nie darum geschert habt, was Einspringen bedeutet.

Auf Facebook habe ich gefragt, ob diese Situation jemand beschreiben kann. Und es meldeten sich leider nur 2 Menschen. Eine schreibt, dass es sie als Kind zerrissen habe. Immer dieses schlechte Gewissen, die Mama zu stören, die müde nach dem Nachtdienst war oder völlig fertig nach dem Frühdienst. Dass es ihr so leid getan habe, sie wecken zu müssen und dass sie sich verloren gefühlt habe. „Ich habe mich als Tochter oft schlecht gefühlt, wenn ich den Feierabend oder den Schlaf meiner Mutter unterbrochen oder gestört habe. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie von der Arbeit kaputt und ausgelaugt nach Hause kam.“

Eine Kollegin schreibt mir, dass sie den Beruf verlassen habe. „.. den treffendsten Satz hatte meine damals 10 jährige Tochter. .. „Dann sind wir jetzt wie eine echte Familie und Ihr habt auch mal am Wochenende Zeit für uns?“ Das tat schon weh! Einer von uns hatte immer Dienst.“

Dem gegenüber steht das gebetsmühlenartig „Das habt Ihr Euch doch so ausgesucht!“ der Gesellschaft und ich frage mich oft, in wieweit 17 jährige Menschen überhaupt den Spagat zwischen den beiden sozialen Rollen Eltern und Berufstätige schon absehen können. Denn nein, traurige Kinderaugen, das Gefühl zu stören und Belastung zu sein, habe ich mir persönlich als Mutter nicht für meine Kinder ausgesucht, als ich in die Pflege ging. Es wird uns aber als Selbstverständlichkeit verkauft.

Unzählig die geschwisterliche Eifersucht bei den Meinen, wenn ich aus Glück frei am Tag des Elternabends des einen hatte (den Abend dann aber nicht mit den Kindern verbringen konnte) und beim anderen nicht.

Nein, es gibt keine oder kaum Schichtkitas und als Alleinerziehende bist Du komplett verloren. Als Eltern musst Du Dein Kind in das Betreuungskarussel stecken, zu unmöglichen Zeiten bringen und abholen. Dann hast Du um 23:00 ein Schulkind im Auto, das sich dann logischerweise weniger gut in der Schule konzentrieren kann. Bei Pflege läuft die Bildungsbenachteiligung also von Anfang an mit. Zum Wohle der Gesellschaft. Das sind keine modernen Bedingungen für einen Beruf und die Arbeitgeber entziehen sich der Problematik vollends.

Nächstenliebe nennen Politiker den Beruf. Und machen so deutlich, dass der Beruf keiner ist. Die Selbstausbeutung und Selbstaufopferung, die von Pflegenden verlangt wird, geht über ihr Selbstopfer hinaus. Die Kinder der Pflegenden liegen mit auf dem Altar der Gesundheitsindustrie, die nach Moral ruft, wo sie selber keine kennt. Die Probleme, die das aufwirft, sollen Pflegende selbst lösen. Alle daraus resultierenden Probleme, wie Berufsflucht und Interaktionsproblematiken, werden vertagt. Was soll das für ein Beruf sein, der mich zum unmoralischen Dämon erhebt, wenn ich mich weigere, das Wohl meiner Kinder für das Wohl fremder Menschen zu opfern? Wo bleiben die Lösungsansätze?

Gesundheitsminister Bayern zum Coronabonus: „Vergelts Gott ist keine schlechte Währung!“

In der Debatte um den Coronabonus, die lächerlich genug ist, wenn wir auf die Leistungen schauen, die Pflegende allerorten liefern, ist mir ein besonderes Früchtchen durch die Lappen gerutscht, dem sie jetzt in Bayern erlaubt haben, sich als Gesundheitsminister auszutoben. Dank Stefan Schwark, der das dankenswerterweise twitterte , geht es nicht verloren.

Unkommentiert vom Pflegering, vom DBfK und auch von den Kammern blieb eine Aussage von Holetschek vom 19.11.20, aber schauen wir uns die fleischgewordene Gnade Gottes bezüglich pflegerischer und sozialer Kompetenz mal an. Klaus Holetschek, der Typ alter weißer Mann, gilt als „Mann für heikle Aufgaben “ (BR), als „Macher“ (steht bei Wikipedia, war ihm wohl wichtig) und hat genau die Karriere vorzuweisen, die derzeit in der Pflege als die wichtigste Voraussetzung gilt, um Gesundheit und Pflege anzuführen: er ist Jurist (die Pflege in der Charité wird ebenfalls von einer Juristin vertreten). Noch 2015 sah er, glauben wir seinem Wikipediaeintrag, aus, als hätte er Kini Ludwig bei Wish bestellt. Mittlerweile ist nicht nur der Bart sondern auch der Lack ab, das scheint nur Konsequent, denn seiner kommenden Aussage nach könnten wir annehmen, er habe selbigen gesoffen .

Die krachlederne Kompetenzbombe äußerte sich zum Coronabonus in BR-Quer vom 19.11.20 wie folgt: „Ach, vergelts Gott ist auch keine schlechte Währung.“ Die bayerische Aussage meint den Gesichtslohn des Lächelns, mit dem Du Dir beim Bäcker nichts kaufen kannst, verweist aber darüber hinaus noch auf die Karmazulage, die im 19. Jahrhundert pflegende Nonnen bekamen. Gott vergilt nämlich leider erst postum, nach dem Tod und somit ist die Währung, die der Macher (hust ) Holetschek hier in Aussicht stellt, der Gotteslohn. Nachdem sich so viele fragten, wie hoch der Bonus sein würde und wie viele ihn kriegen werden, ergeben sich aus der Aussage neue Zahlen. 150 (20 mehr als noch vor 4 Tagen!) unserer toten Kollegen haben ihn demnach offenbar bekommen, denn sie sind ja tot. Wie hoch der Bonus ist, den Holetschek in Aussicht stellt, ob es sich dabei um Ablass im Fegefeuer handelt oder Freiflugstunden auf Wolke sieben, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Was wir aber wissen, ist, dass bereits jetzt auf den Intensivstationen unseres Landes viele unserer Kollegen in der Warteschlange für den Gotteslohn stehen und ihn auch erhalten werden.

Sollte es so etwas wie Gotteslohn geben, bin ich sicher, dass Typen wie Holetschek in der Hölle braten werden, weil sie sich misogyn und menschenverachtend äußern. Die Zeit, die der gute Christ beschwört, mag ihm bezüglich überwiegend weiblicher Pflegekräfte, die man widerstandslos demütigen und veräppeln darf, wie der Himmel des alten weißen Mannes vorkommen. Für mich klingt der Verweis jedoch irre. Früher, als Politiker wenigstens noch Anstand wahrten, sind sie für weniger zurückgetreten. Etwas, was der „Macher“ wirklich machen sollte, denn was er vergisst: Pflegende dürfen wählen. (Ja, das dürfen die!) Was ist die Voraussetzung für die Bekleidung des Amtes? Ein EQ/IQ in Höhe des eigenen Barthel-Index?

Gerade in Bayern beweist Holetschek aber auch, neben dem Realitätsverlust, seine Geschichtsvergessenheit. Als im 19. Jahrhundert weit weniger gut ausgebildete Menschen dem Regierenden, also Kini Ludwig ohne Wish, bescheinigt haben, dass er nicht ganz sauber tickt, hat der sich in den Starnberger See gestürzt. Schade eigentlich, dass das Wiederaufleben der „guten alten Zeit“ mit Gotteslohn und Frauenhass nur für alte weiße Männer gilt.

Da bleibt den bayerischen Kollegen jetzt leider nichts erspart und ich hoffe, dass sie ihn bezüglich der dreisten Aussage zur Rede stellen.

Wer ihm sagen will, was er davon hält:

Klaus Holetschek, MdLKramerstraße 1587700 Memmingen

Telefon:08331/2169

Fax:08331/47408 (hahaha, die haben noch Fax!)

E-Mail:klaus.holetschek@csu-landtag.de

Wer sich die Frechheit angucken möchte:

https://www.br.de/br-fernsehen/programmkalender/sendung-2892772.html

Ab 32:55

Pflege. Die unsichtbar Berührten

Jedes Semester, wenn ich mit meinen Studierenden das Thema Medizingeschichte des Mittelalters beginne, steige ich mit einer ganz einfach scheinenden Frage ein: „Wann haben Sie zuletzt einen Menschen auf der Straße gesehen, von dem Sie annahmen, dass er wirklich krank sei?“ Die Antwort darauf ist bislang nach einigen Minuten des Schweigens immer dieselbe und lautet: „Noch nie.“ Alter und Krankheit spielen sich zumeist außerhalb der visuellen Wahrnehmung ab. Sie sind verborgen, outgesourced, versteckt hinter den Mauern von Kliniken, Heimen, Residenzen oder den Gardinen der Wohnung der anderen.  Krankheit ist etwas sehr Intimes. So intim, dass selbst die moderne Presse noch immer angegriffen wird, wenn sie Bilder von prominenten Kranken zeigen will, weil das als der maximale und unethische Übergriff gewertet wird. Obwohl es auch Zeiten gab, in der Krankheit sichtbar war, spielte sich Krankheit im Wesentlichen immer hinter Mauern ab. In der Antike waren es die Mauern der Privathäuser und der Heiltempel, im Mittelalter dann auch die Spitäler und Klöster, die Leprösenhäuser und später dann Krankenhäuser, Psychiatrien und Altenheime.  Die Kranken hinter diesen Mauern vermuten wir. Wir können sie imaginieren in ihrem Leid, wir befassen uns gesellschaftlich mit ihren Themen, wir verhandeln Inklusion, Ableismus, Gerontologie und arbeiten uns ab an wordings vom „Menschen mit Demenz“ und um den Unterschied von „Essen anreichen“ statt „Füttern“. 

            Doch neben den Kranken existieren noch andere Menschen hinter diesen Mauern, die Sie wahrscheinlich bis jetzt nicht einmal mitgedacht haben. Gesunde, zumeist junge Frauen (annähernd 90% von ihnen sind weiblich), die einen Großteil ihres Lebens hinter diesen Mauern mit den Kranken zubringen. Auch für sie haben wir uns an wordings abgearbeitet. Sie waren Krankenschwestern, Gesundheits-und Krankenpflegerinnen und sind nun Pflegefachpersonen. Reframing statt Reformen hat hinter diesen Mauern Tradition. 

In der Antike waren es meist Sklavinnen, die Kranke pflegten. Sie suchten sich diese Arbeit nicht alleine aus. Sie mussten tun, was der Herr des Hauses von ihnen verlangte und auch sexuelle Dienstleistungen gehörten dazu. Sie hatten kein Anrecht auf ihren eigenen Körper, konnten nicht über ihn bestimmen, hatten kein Recht auf die freie Wahl ihres Aufenthaltsortes und waren zwar kostbare, aber austauschbare Ware. Ihre Kinder gehörten dem Herren gleich mit. Auch Nonnen verstanden sich als Sklavinnen des Herren und die aus der Klostermedizin geborene Krankenpflege verlagerte sich dann auf die „liebe und gute Frau“ deren innere Bestimmung es war, Kranke zu pflegen. Liebesdienst nannte man diese Tätigkeit. Der Arzt übernahm den Part des Herrn. 

So unberührt diese Frauen auch von unseren Gedanken und von Ereignissen des Lebens hinter den gesellschaftlichen Gardinen der Krankenhäuser zu sein scheinen: Ihre Körper sind es nicht. Denn gleich hinter den Mauern der Institutionen verschieben sich nicht nur die Wahrnehmungs- sondern auch die Rechtsgrenzen der Gesellschaft. Alles, was Sie über Freiheit, Emanzipation, Selbstbestimmung, Recht und Grundrechte wissen, geben jeden Morgen, meist ab 05:30 – die Dienstzeiten sind übrigens die Zeiten der Stundengebete der Klosterschwestern aus dem Mittelalter –, diejenigen am Eingangstor ab, die die Kranken versorgen. Sie wechseln vom Individuum Frau in eine weiß uniformierte Arbeitsmasse des Liebesdienste, dessen Paradigmen sich die alten weißen Männer der Gesellschaft standhaft weigern, zu verändern. In der weißen Arbeitsmasse scheinen sie eine ungeheure Projektionsfläche ihrer draußen bereits von der Emanzipation hinweggefegten Träume zu finden und kreieren dort nach Lust und Laune ihre Traumpflegerin, wie pubertäre Schmierfinken schlechte Graffiti an Klotüren schmieren. Besonders deutlich wird das in den Zeiten der Pandemie.

Die Verfügungsmasse Pflege setzt sich zusammen aus ihren uniformierten Körpern. Man besteht darauf, sie beim Vornamen zu rufen. Der salbaderte Pseudotitel „Schwester“ soll kaschieren, dass den Frauen nicht zugestanden wird, mit dem gleichen Respekt angesprochen zu werden, wie man jede andere Frau anreden würde, mit der man in einem Dienstleistungsverhältnis steht. Seit 1997 gibt es die Bestrebung, Pflegende beim Nachnamen ansprechen zu lassen. Darauf wird oft mit Empörung reagiert. Hier wird Besitz angezeigt. „Meine Tina!“ hat die gleiche übergriffige Qualität wie „meine Polin“, erzeugt Pseudointimität und garantiert, die erwachsene, gut ausgebildete Frau nicht anhand ihrer Kompetenzen wertschätzen zu müssen. Nachnamen werden meist erst der Pflegedienstleitung zugebilligt. Fernab von der patientennahen Versorgung gilt wieder, was der gute Ton zu bieten hat. 

Diese Pseudointimität erzeugt Nähe, wo keine ist. Diese führt oft zu sexualisierter Gewalt an Pflegenden. Der zumeist männliche Patient, der gar nicht verstehen möchte, dass die junge Frau, die er doch beim Vornamen nennt, keineswegs dazu da ist, soll sich nicht so haben, wenn er ihr an die Brust oder zwischen die Beine fast, sie verbal anzüglich attackiert. Dazu ist sie ja da, höhö. Wer nun glaubt, das Recht springe hier ein, der hat #respectnurses verpasst. Ganz im Gegenteil werden diese Straftaten fast nie angezeigt und im Team sogar heruntergespielt. Framings wie: „Das gehört halt dazu, hab Dich nicht so.“ verweigern gerade jungen Auszubildenden jeden Schutzraum und generieren Scham, befördern Opferumkehr. Auch das hat Tradition. So musste zu Beginn der 1920er Jahre ein Übergriff gemeldet werden – damit die betreffende Schwester, die ganz sicher einen Anlass dazu gegeben hatte, eine Bestrafung kassieren konnte. Eine Broschüre aus heutiger Zeit garantiert, dass es fast nie zu einem Übergriff käme, wenn nur die Pflegende ja in ihrer Rolle bliebe. Auch hier erfolgt Schuldumkehr. 

In der Pandemie ist der pflegende Frauenkörper, wie auch sonst in der Pflege, der mit den besonderen Anforderungen. Er darf keine Ruhe haben müssen, er kann 12 h durcharbeiten ohne zu klagen und kommt mit drei freien Tagen im Monat aus. Man legte die Arbeitszeitgesetze nieder und die Patientenuntergrenzen. Ab da war (mit dem Pflegekörper) alles möglich, zu Gunsten der Gesellschaft. 

Selbstverständlich schluckt das System Gesundheit auch die Kinder der Pflegenden. Während in anderen Gesellschaftsschichten darüber gesprochen wird, dass ein Schulbeginn um 08:00 zu früh sei und gar nicht gut für die Kindesentwicklung, muss der Nachwuchs der Pflegenden um 06:00 in der Kita antreten. Gerade in der Pandemie sind es nun auch die Kinder der Pflegenden, die in neuen Clustern der Notbetreuung zusammengefasst werden, also einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Pflegenden, die fragten, wie sie die öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt umgehen konnten, weil sie Angst hatten, im ÖPNV angesteckt zu werden, antworteten die Grünen keck, dann sollten sie halt das Rad nehmen.  Ein Beruf also, der sich schon lange die innerstädtischen Mieten nicht mehr leisten kann, soll also gegen 05:00 seinen Nachwuchs im Winter aufs Rad wuchten, um pünktlich auf der Arbeit zum Liebesdienst zu sein. Das ist dann auch gleich gut für die Umwelt. Ob es gut ist für die Kinder, ist egal. 

Eine Klinik hing aus, dass Pflegende ihre Kinder in Quarantäne nicht zu Angehörigen geben sollten, die ebenfalls in der Pflege arbeiten. Auf die Idee, dass die Eltern des Kindes selbstverständlich ihr Kind selbst in der Quarantäne betreuen, kam man nicht. Die Versorgung der Bevölkerung gehe vor. 

Auch der Beruf selbst ist Körper. Fürs Händchenhalten dankte Pinar Atalay am 30.12. in den Tagesthemen den Coronahelden. Als hätten gut ausgebildete Pflegefachpersonen 3 Jahre Ausbildung, ein Fachjahr, 5 Jahre Studium durchlaufen, um Händchen zu halten. Das muss diese systemrelevante Arbeit sein, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann. Nicht ein ganzes Arsenal hochkomplexer medizintechnischer Geräte zu bedienen, sondern Händchenhalten. Mehr abwertend geht kaum. Noch nie hingegen hat man in den Tagesthemen davon gehört, dass man den BWLern Uschi und Tina fürs Geldzählen dankte oder der Europapolitikerin Uschi fürs Häppchenessen in Brüssel. Doch bei Pflege geht Abwertung immer klaglos durch.

Klaglos ist überhaupt das Gebot der Stunde. Obwohl wir wissen, dass immer weniger junge Menschen den Pflegeberuf ergreifen wollen, beharren die Imagekampagnen der Politik darauf, dass das ein erfüllender, liebevoller Beruf sei. Von Kompetenz keine Spur. Da werden Schneebälle in Werbefilmchen ans Krankenbett getragen (wozu? Das fragt sich wohl bloß ein Profi) und eine Horde grenzdebiler Versager zeigte uns in Ehrenpflegas, dass Geriatrie einfach mit Alten chillen ist. Arschwischen und Händchenhalten durch liebevolle empathische Frauen. Überhaupt diese Empathie. Jeder weiß, dass in Kliniken nur noch verwahrt wird, die Branche selbst nennt Altenheime Pflegebatterien. Aber der Sprech von der allseits vorhandenen Empathie darf nie fehlen, wenn man an seinem Schwester-Stephanie-Double rumpfuscht. Dass sich dahinter ein Modell aus Empathie/Kongruenz und Authentizität verbirgt, wird allseits auf das Mitfühlen runtergebrochen. Kompetenz egal, Hauptsache mitfühlen. Als ob das beim Liebesdienst am Fließband überhaupt noch möglich wäre. 

Erstaunen ruft in der Pflege hervor, wer sich derzeit nicht impfen lassen möchte. Kein Mensch kam vorher auf den Gedanken, dass die Pflegenden ein Anrecht darauf hätten, die Impfung zu verweigern, solange keine Impfpflicht besteht. Der im Schleudergang der Bürokratie untergehende Aufklärungsvorgang, der oft nur Sekunden dauert, wird oft nicht als Privileg empfunden. Deutlich verstehen nämlich Pflegende, dass es nicht um ihre Gesundheit geht, sondern um Utilitarismus. Arbeitsfähig sollen sie bleiben und allzeit einsetzbar. Wer, das beweist der Gesundheitsreport, seit Jahren zum Beruf mit dem höchsten Krankheitsstand mit Überbelastung im Bereich mental health zählt, der darf natürlich berechtigt fragen, ob man ihn mit dem Hinweis auf Gesundheit verarschen will. Spricht man das Phänomen an, erlebt man im Netz, insbesondere von Laien und – wen wundert es- Ärzten, dass die Empörung hochkocht, die Frauen hätten ein Recht, über ihren Körper selbst zu befinden. Das erinnert schon sehr an die Abtreibungsdebatte. Unprofessionell sei das, urteilte Natalie Grams. Was schon witzig ist, denn seit Jahren werden die Zugangsvoraussetzungen hinabgesetzt, damit noch der Letzte sein Plätzchen in der Pflege finden kann. Mit den geringsten Ausbildungen muss das Unmögliche gestemmt werden, weitab jeder EU-Norm. Und impfen wird nun zum Paradigma für Professionalität erhoben? Das macht dann eine ausgebildete Fachkraft ja so kompetent wie die 90jährige Risikopatientin. Nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, sich impfen zu lassen, aber alleine, dass nicht in Betracht gezogen wurde, der pflegende Körper habe an seinem Körper ein Wort mitzusprechen, ist enorm. 

Wer hinterfragt, ob nicht vielleicht ein Trauma aus all dem Konglomerat entstanden sein könnte, der erntet pures Gelächter. Trauma? Sowas haben (artige) Pflegekräfte nicht. Gefälligst. Und wenn, dann seien sie wohl emotional. Was möchte man da sagen? „Ja Du alte Arschkrampe, Menschen sind emotional, wenn man sie jahrelang ausbeutet.“

Pflege, gefangen in den alten Paradigmen der gehorsamen Frau ohne Recht am eigenen Körper, die ihre Kinder der Situation mit ausliefert (denn man hat es sich ja so ausgesucht), hat mit der neuen Generation keine Zukunft. Es sei denn, man nivelliert die Voraussetzungen immer weiter nach unten, bis aus dem Hochleistungsberuf dann endlich nur noch liebevolles Händchenhalten übrig ist. Dafür reicht es allerdings, einen Therapiehund zu engagieren. Der braucht nachweislich auch weniger Pausen und die Welpen können sie auf dem Tiermarkt noch verkaufen. 

Die Emanzipation, deren Themen sexuelle Selbstbestimmung, Frauengesundheit, das Entlarven patriarchaler Mythen und die Kontrolle über das eigene Leben und den Körper war, sie muss stattgefunden haben, als alle Pflegenden gleichzeitig im Dienst gewesen sind. Oder die Mauern der Institutionen waren so hoch, dass sie von ihr unberührt blieben. Der demografische Wandel zeigt: Die Emanzipation muss in die Kliniken, um berufliche Emanzipation zu gewährleisten. Denn eins ist sicher: Wir brauchen Pflege. Patienten gibt es wie Sand am Meer, Pflegende nicht. Es wird Zeit, dass die Gesellschaft sich rührt. 

Pflege. Einen Scheiß muss ich!

Jedes Semester, wenn ich mit meinen Studierenden das Thema Medizingeschichte des Mittelalters beginne, steige ich mit einer ganz einfach scheinenden Frage ein: „Wann haben Sie zuletzt einen Menschen auf der Straße gesehen, von dem Sie annahmen, dass er wirklich krank sei?“ Die Antwort darauf ist bislang nach einigen Minuten des Schweigens immer dieselbe und lautet: „Noch nie.“ Alter und Krankheit spielen sich zumeist außerhalb der visuellen Wahrnehmung ab. Sie sind verborgen, outgesourced, versteckt hinter den Mauern von Kliniken, Heimen, Residenzen oder den Gardinen der Wohnung der anderen.  Krankheit ist etwas sehr Intimes. So intim, dass selbst die moderne Presse noch immer angegriffen wird, wenn sie Bilder von prominenten Kranken zeigen will, weil das als der maximale und unethische Übergriff gewertet wird. Obwohl es auch Zeiten gab, in der Krankheit sichtbar war, spielte sich Krankheit im Wesentlichen immer hinter Mauern ab. In der Antike waren es die Mauern der Privathäuser und der Heiltempel, im Mittelalter dann auch die Spitäler und Klöster, die Leprösenhäuser und später dann Krankenhäuser, Psychiatrien und Altenheime.  Die Kranken hinter diesen Mauern vermuten wir. Wir können sie imaginieren in ihrem Leid, wir befassen uns gesellschaftlich mit ihren Themen, wir verhandeln Inklusion, Ableismus, Gerontologie und arbeiten uns ab an wordings vom „Menschen mit Demenz“ und um den Unterschied von „Essen anreichen“ statt „Füttern“. 

​Doch neben den Kranken existieren noch andere Menschen hinter diesen Mauern, die Sie wahrscheinlich bis jetzt nicht einmal mitgedacht haben. Gesunde, zumeist junge Frauen (annähernd 90% von ihnen sind weiblich), die einen Großteil ihres Lebens hinter diesen Mauern mit den Kranken zubringen. Auch für sie haben wir uns an wordingsabgearbeitet. Sie waren Krankenschwestern, Gesundheits-und Krankenpflegerinnen und sind nun Pflegefachpersonen. Reframing statt Reformen hat hinter diesen Mauern Tradition. 

In der Antike waren es meist Sklavinnen, die Kranke pflegten. Sie suchten sich diese Arbeit nicht alleine aus. Sie mussten tun, was der Herr des Hauses von ihnen verlangte und auch sexuelle Dienstleistungen gehörten dazu. Sie hatten kein Anrecht auf ihren eigenen Körper, konnten nicht über ihn bestimmen, hatten kein Recht auf die freie Wahl ihres Aufenthaltsortes und waren zwar kostbare, aber austauschbare Ware. Ihre Kinder gehörten dem Herren gleich mit. Auch Nonnen verstanden sich als Sklavinnen des Herren und die aus der Klostermedizin geborene Krankenpflege verlagerte sich dann auf die „liebe und gute Frau“ deren innere Bestimmung es war, Kranke zu pflegen. Liebesdienst nannte man diese Tätigkeit. Der Arzt übernahm den Part des Herrn. 

So unberührt diese Frauen auch von unseren Gedanken und von Ereignissen des Lebens hinter den gesellschaftlichen Gardinen der Krankenhäuser zu sein scheinen: Ihre Körper sind es nicht. Denn gleich hinter den Mauern der Institutionen verschieben sich nicht nur die Wahrnehmungs- sondern auch die Rechtsgrenzen der Gesellschaft. Alles, was Sie über Freiheit, Emanzipation, Selbstbestimmung, Recht und Grundrechte wissen, geben jeden Morgen, meist ab 05:30 – die Dienstzeiten sind übrigens die Zeiten der Stundengebete der Klosterschwestern aus dem Mittelalter –, diejenigen am Eingangstor ab, die die Kranken versorgen. Sie wechseln vom Individuum Frau in eine weiß uniformierte Arbeitsmasse des Liebesdienste, dessen Paradigmen sich die alten weißen Männer der Gesellschaft standhaft weigern, zu verändern. In der weißen Arbeitsmasse scheinen sie eine ungeheure Projektionsfläche ihrer draußen bereits von der Emanzipation hinweggefegten Träume zu finden und kreieren dort nach Lust und Laune ihre Traumpflegerin, wie pubertäre Schmierfinken schlechte Graffiti an Klotüren schmieren. Besonders deutlich wird das in den Zeiten der Pandemie.

Die Verfügungsmasse Pflege setzt sich zusammen aus ihren uniformierten Körpern. Man besteht darauf, sie beim Vornamen zu rufen. Der salbaderte Pseudotitel „Schwester“ soll kaschieren, dass den Frauen nicht zugestanden wird, mit dem gleichen Respekt angesprochen zu werden, wie man jede andere Frau anreden würde, mit der man in einem Dienstleistungsverhältnis steht. Seit 1997 gibt es die Bestrebung, Pflegende beim Nachnamen ansprechen zu lassen. Darauf wird oft mit Empörung reagiert. Hier wird Besitz angezeigt. „Meine Tina!“ hat die gleiche übergriffige Qualität wie „meine Polin“, erzeugt Pseudointimität und garantiert, die erwachsene, gut ausgebildete Frau nicht anhand ihrer Kompetenzen wertschätzen zu müssen. Nachnamen werden meist erst der Pflegedienstleitung zugebilligt. Fernab von der patientennahen Versorgung gilt wieder, was der gute Ton zu bieten hat. 

Diese Pseudointimität erzeugt Nähe, wo keine ist. Diese führt oft zu sexualisierter Gewalt an Pflegenden. Der zumeist männliche Patient, der gar nicht verstehen möchte, dass die junge Frau, die er doch beim Vornamen nennt, keineswegs dazu da ist, soll sich nicht so haben, wenn er ihr an die Brust oder zwischen die Beine fast, sie verbal anzüglich attackiert. Dazu ist sie ja da, höhö. Wer nun glaubt, das Recht springe hier ein, der hat #respectnurses verpasst. Ganz im Gegenteil werden diese Straftaten fast nie angezeigt und im Team sogar heruntergespielt. Framings wie: „Das gehört halt dazu, hab Dich nicht so.“ verweigern gerade jungen Auszubildenden jeden Schutzraum und generieren Scham, befördern Opferumkehr. Auch das hat Tradition. So musste zu Beginn der 1920er Jahre ein Übergriff gemeldet werden – damit die betreffende Schwester, die ganz sicher einen Anlass dazu gegeben hatte, eine Bestrafung kassieren konnte. Eine Broschüre aus heutiger Zeit garantiert, dass es fast nie zu einem Übergriff käme, wenn nur die Pflegende ja in ihrer Rolle bliebe. Auch hier erfolgt Schuldumkehr. 

In der Pandemie ist der pflegende Frauenkörper, wie auch sonst in der Pflege, der mit den besonderen Anforderungen. Er darf keine Ruhe haben müssen, er kann 12 h durcharbeitenohne zu klagen und kommt mit drei freien Tagen im Monat aus. Man legte die Arbeitszeitgesetze nieder und die Patientenuntergrenzen. Ab da war (mit dem Pflegekörper) alles möglich, zu Gunsten der Gesellschaft. 

Selbstverständlich schluckt das System Gesundheit auch die Kinder der Pflegenden. Während in anderen Gesellschaftsschichten darüber gesprochen wird, dass ein Schulbeginn um 08:00 zu früh sei und gar nicht gut für die Kindesentwicklung, muss der Nachwuchs der Pflegenden um 06:00 in der Kita antreten. Gerade in der Pandemie sind es nun auch die Kinder der Pflegenden, die in neuen Clustern der Notbetreuung zusammengefasst werden, also einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Pflegenden, die fragten, wie sie die öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt umgehen konnten, weil sie Angst hatten, im ÖPNV angesteckt zu werden, antworteten die Grünen keck, dann sollten sie halt das Rad nehmen.  Ein Beruf also, der sich schon lange die innerstädtischen Mieten nicht mehr leisten kann, soll also gegen 05:00 seinen Nachwuchs im Winter aufs Rad wuchten, um pünktlich auf der Arbeit zum Liebesdienst zu sein. Das ist dann auch gleich gut für die Umwelt. Ob es gut ist für die Kinder, ist egal. 

Eine Klinik hing aus, dass Pflegende ihre Kinder in Quarantäne nicht zu Angehörigen geben sollten, die ebenfalls in der Pflege arbeiten. Auf die Idee, dass die Eltern des Kindes selbstverständlich ihr Kind selbst in der Quarantäne betreuen, kam man nicht. Die Versorgung der Bevölkerung gehe vor. 

Auch der Beruf selbst ist Körper. Fürs Händchenhalten dankte Pinar Atalay am 30.12. in den Tagesthemen den Coronahelden. Als hätten gut ausgebildete Pflegefachpersonen 3 Jahre Ausbildung, ein Fachjahr, 5 Jahre Studium durchlaufen, um Händchen zu halten. Das muss diese systemrelevante Arbeit sein, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann. Nicht ein ganzes Arsenal hochkomplexer medizintechnischer Geräte zu bedienen, sondern Händchenhalten. Mehr abwertend geht kaum. Noch nie hingegen hat man in den Tagesthemen davon gehört, dass man den BWLern Uschi und Tina fürs Geldzählen dankte oder der Europapolitikerin Uschi fürs Häppchenessen in Brüssel. Doch bei Pflege geht Abwertung immer klaglos durch.

Klaglos ist überhaupt das Gebot der Stunde. Obwohl wir wissen, dass immer weniger junge Menschen den Pflegeberuf ergreifen wollen, beharren die Imagekampagnen der Politik darauf, dass das ein erfüllender, liebevoller Beruf sei. Von Kompetenz keine Spur. Da werden Schneebälle in Werbefilmchen ans Krankenbett getragen (wozu? Das fragt sich wohl bloß ein Profi) und eine Horde grenzdebiler Versager zeigte uns in Ehrenpflegas, dass Geriatrie einfach mit Alten chillen ist. Arschwischen und Händchenhalten durch liebevolle empathische Frauen. Überhaupt diese Empathie. Jeder weiß, dass in Kliniken nur noch verwahrt wird, die Branche selbst nennt Altenheime Pflegebatterien. Aber der Sprech von der allseits vorhandenen Empathie darf nie fehlen, wenn man an seinem Schwester-Stephanie-Double rumpfuscht. Dass sich dahinter ein Modell aus Empathie/Kongruenz und Authentizität verbirgt, wird allseits auf das Mitfühlen runtergebrochen. Kompetenz egal, Hauptsache mitfühlen. Als ob das beim Liebesdienst am Fließband überhaupt noch möglich wäre. 

Erstaunen ruft in der Pflege hervor, wer sich derzeit nicht impfen lassen möchte. Kein Mensch kam vorher auf den Gedanken, dass die Pflegenden ein Anrecht darauf hätten, die Impfung zu verweigern, solange keine Impfpflicht besteht. Der im Schleudergang der Bürokratie untergehende Aufklärungsvorgang, der oft nur Sekunden dauert, wird oft nicht als Privileg empfunden. Deutlich verstehen nämlich Pflegende, dass es nicht um ihre Gesundheit geht, sondern um Utilitarismus. Arbeitsfähig sollen sie bleiben und allzeit einsetzbar. Wer, das beweist der Gesundheitsreport, seit Jahren zum Beruf mit dem höchsten Krankheitsstand mit Überbelastung im Bereich mental health zählt, der darf natürlich berechtigt fragen, ob man ihn mit dem Hinweis auf Gesundheit verarschen will. Spricht man das Phänomen an, erlebt man im Netz, insbesondere von Laien und – wen wundert es- Ärzten, dass die Empörung hochkocht, die Frauen hätten ein Recht, über ihren Körper selbst zu befinden. Unprofessionell sei das, urteilte Natalie Grams. Was schon witzig ist, denn seit Jahren werden die Zugangsvoraussetzungen hinabgesetzt, damit noch der Letzte sein Plätzchen in der Pflege finden kann. Mit den geringsten Ausbildungen muss das Unmögliche gestemmt werden, weitab jeder EU-Norm. Und impfen wird nun zum Paradigma für Professionalität erhoben? Das macht dann eine ausgebildete Fachkraft ja so kompetent wie die 90jährige Risikopatientin. Nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, sich impfen zu lassen, aber alleine, dass nicht in Betracht gezogen wurde, der pflegende Körper habe an seinem Körper ein Wort mitzusprechen, ist enorm. 

Pflege, gefangen in den alten Paradigmen der gehorsamen Frau ohne Recht am eigenen Körper, die ihre Kinder der Situation mit ausliefert (denn man hat es sich ja so ausgesucht), hat mit der neuen Generation keine Zukunft. Es sei denn, man nivelliert die Voraussetzungen immer weiter nach unten, bis aus dem Hochleistungsberuf dann endlich nur noch liebevolles Händchenhalten übrig ist. Dafür reicht es allerdings, einen Therapiehund zu engagieren. Der braucht nachweislich auch weniger Pausen und die Welpen können sie auf dem Tiermarkt noch verkaufen. 

Die Emanzipation, deren Themen sexuelle Selbstbestimmung, Frauengesundheit, das Entlarven patriarchaler Mythen und die Kontrolle über das eigene Leben und den Körper war, sie muss stattgefunden haben, als alle Pflegenden gleichzeitig im Dienst gewesen sind. Oder die Mauern der Institutionen waren so hoch, dass sie von ihr unberührt blieben. Der demografische Wandel zeigt: Die Emanzipation muss in die Kliniken, um berufliche Emanzipation zu gewährleisten. Denn eins ist sicher: Wir brauchen Pflege. Patienten gibt es wie Sand am Meer, Pflegende nicht. Es wird Zeit, dass die Gesellschaft sich rührt. 

Impfgegener in der Pflege. „Mein Körper, meine Sache!“

Um es gleich vorwegzunehmen: Impfen ist der Schlüssel. Ich bin dafür. Ich warte sehnlichst auf den Tag, wo endlich der verdammte Brief ankommt, dass ich dran bin. Aber darum geht es hier nicht.

Erstaunt blicken Medien gerade auf die Tatsache, dass ungefähr 50% der Pflegenden sich nicht impfen lassen wollen. In den Kommentaren der einschlägigen Medien fordern Laien, dass das doch die Pflicht der Pflegenden sei. Es sei ihre Aufgabe, so die Patienten zu schützen, die sie betreuen. Verbände und Profis fordern, doch mal zu zeigen, wie professionell man sei. Ich hingegen schüttele den Kopf. Und ich verstehe Impfgegner, obwohl ich selber keiner bin.

Ich betone oft, dass das mit dem Körper von Pflegenden eine merkwürdige Sache sei. Er scheint den Pflegenden selbst nicht zu gehören. Seit in der Antike Sklaven pflegten, ist das Recht auf den eigenen Körper, das eigene Leben ausgerechnet in der Pflege eingeschränkt. Körper und Seele werden mit Schichtdienst belastet. An den Körper der Pflegenden werden Anforderungen gestellt. Überbelastbar muss er sein, er muss den (sexualisierten) Anforderungen entsprechen, die Gesellschaft an ihn hat. Er darf keine Ruhepausen haben müssen. Er muss mehr heben, als in andern Berufen. Die Kinder von Pflegenden werden wenig berücksichtigt und dem System mit einverleibt. Die stehen viel zu früh auf und selbstverständlich sind sie in den Clustern der Notbetreuung, sehen schon außerhalb der Belastung Pandemie ihre Eltern nicht regelmäßig. Es ist ganz klar: irgendwas stimmt nicht mit der Sicht, die die Gesellschaft auf die Pflegekörper hat.

Die ganze Pandemie wird auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen. Zuerst wurde das Arbeitszeitgesetz ausgesetzt, dann die Personaluntergrenze. Nun ist (mit dem Körper der Pflegenden) alles möglich. Ob die Pflegenden selbst sicher waren? Nein. Das sind sie bis heute nicht. Tagelang haben Pflegende ihre Masken daheim ausgekocht und gebacken. Es gab kein Schutzmaterial, die Mäntel rissen, die Masken waren ungeeignet. Über 130 Pflegende sind bislang gestorben. Was niemand erwähnt, denn offenbar sind die Körper der Pflegenden einfach unwichtig und Arbeitsmasse. Systemrelevant, ja. Aber nicht systemrelevant genug, um darüber zu reden, wenn sie sterben. Als sei das alles ganz normal.

Die Politik, die schon begriffen hat, dass der Pflegenotstand ihnen auf die Füße fällt, setzt weiter auf Reframing statt Reformen. Das sei doch ein guter Beruf, sicher sei er und so LIEBEVOLL. Die Zugangsvoraussetzungen werden immer weiter runtergesetzt, damit auch der Letzte noch einen Platz in der Pflege findet. Deprofessionalisierung allerorten. Auf die Kompetenz wird nichts gegeben. Ist man kompetent, ist man schnell renitent. Hauptsache liebevoll, da ist das mit der Kompetenz kein Thema. Nicht innerhalb nicht außerhalb der Pandemie. Und nun sollen Pflegende ihre Professionalität durch Impfung beweisen? Das ist schon lächerlich, dass sie niemals ihren Beruf professionell so ausüben können, wie sie ihn gelernt haben und nun soll es professionell sein, sich impfen zu lassen.

Es gibt keine Impfpflicht. Das wurde immer betont. Doch offenbar meint das wieder einmal nicht alle. Es meint die anderen. Die, die nicht Pflege sind. Fordert ein Pflegender das gleiche Recht ein, wie jeder andere Bürger, dann ist das empörend. Denn: er habe ja die Anvertrauten zu schützen. Doch das ist falsch, denn wie bei jedem anderen Bürger gilt hier „Mein Körper, meine Sache“ und das unabhängig davon, ob das sinnvoll ist.

Es gibt nicht einen einzigen Betreuungsvertrag, der besagt, der Patient habe mit den Pflegenden selbstverständlich respektvoll umzugehen. Respekt wird nur einseitig gefordert. Ein unilateraler Gefühlsvertrag Als sei es ok, Pflege mies zu behandeln. Was oft genug geschieht, schaut man auf #respectnurses.

Das ist absurd. Denn die Anvertrauten, die die Heime stürmten, die sich in Kliniken trafen, die in vollbesetzten Wohnzimmern Weihnachten ohne Maske feierten, als der ambulante Dienst kam, die, die jetzt lawinenartig in den Wintersport fuhren.. all diese schützen die Pflegenden nicht. Selbst, einfach mal ein Jahr KEINEN VERDAMMTEN BÖLLER abzuschießen, um Kliniken nicht zu überlasten, war der halben Nation schon zuviel des Guten. Scheiß auf Pflegende. Weshalb dann sollte es ausgerechnet eine moralische Pflicht seitens der Pflege geben, andere zu schützen, wenn die so GAR NICHTS darauf geben, ob Pflegende überleben, oder nicht?

Pflege erlebt, wie sie das Kanonenfutter der Pandemie wurde. Sie werden geopfert und das seit Jahren, wenn nicht schon immer. Ich verstehe, dass es größtes Misstrauen gibt, wenn man zu den ersten gehört, die den vakzinen Wall für die Bevölkerung abgeben sollen. Schließlich ist die Gesundheit der Pflegenden den Leuten sonst auch egal. Wer also garantiert, dass es der gleichen Gesellschaft nicht auch völlig egal ist, wenn etwas schief geht? Im Gegensatz zu mir haben im Schichtdienst arbeitende keine Möglichkeit, sich wirklich zu informieren. Denn die sind nach 12 h und mit nur 3 freien Tagen im Monat einfach völlig platt. Was ich nicht sage ist, es ist nicht nötig. Aber ich denke, die Gesellschaft vergisst, dass sie kein Anrecht darauf hat, dass Pflegende ihren Impfwall bilden. Sie dürfen nett drum bitten. Zudem geht es auch hier nicht um die Sicherheit der Pflegenden. es geht um die Sicherheit, das System nicht kollabieren zu lassen. Dass jemand, den das System sonst durchs Leben prügelt, sich sagt „Ist mir völlig egal, Euer beschissenes System“ verstehe ich. Systemrelevant bei allen Nachteilen zu sein, ist das neue Heldentum. Aber niemand spricht von einem Coronabonus für die, die sich impfen lassen. Über den Körper der Pflege wird einfach verfügt. Kein Wunder, dass da viele An Versuchskaninchen denken. Denn genau das sind sie nämlich sonst auch. Versuchskaninchen für einen riesigen, mies angelegten Versuch, der da heißt: „Wie kann ich Pflege auspressen und trotzdem sicherstellen, selbst genug zu gewinnen?“ Niemand spricht dieser Tage darüber, keine Renditen zahlen zu können. Aber Gehälter nicht zahlen zu können, darüber redet man.

In diesem Kontext ist das sich nicht impfen lassen wollen einfach auch als eine Art des Widerstands zu sehen. Widerstand derer, die sagen: Ab hier reicht es. Denn, was das Verfügen über die Gesundheit Pflegender angeht, reicht es schon lange. Das belegen die Gesundheitsreporte. Und nun soll die Gesundheit plötzlich wichtig sein. Ist sie, aber nur und das System und die Arbeitskraft zu erhalten. Und das sind auf BEIDEN Seiten die falschen Motivationen.

Deutschland verweigert Pflegekräften in der Pandemie konsequent Traumaprävention. In anderen Ländern sind sie Bestandteil der Begleitung des NHS (Greenberg). Bildung, Stress, Ausbeutung, mental health Probleme. Niemand sagt, dass Traumareaktionen logisch sein müssen.

Und denen, die schreien „ich erwarte aber..“ muss man klarmachen: Sie haben von diesen Menschen nichts mehr zu erwarten. Sie dürfen demütig Danke sagen, für jeden Tag, den die Teams durchhalten und sich endlich für ein besseres Gesundheitswesen einsetzen.

Geht Euch impfen lassen. Für Euch. Und die Gesellschaft? Denkt mal drüber nach, was sie da tut.

Edit. 6.1.: RP Online zeigt auf, dass eine Klinik in Viersen die besten Impfquoten mit 97% hat. Ihr Geheimnis? Von Anfang an waren die Pflegenden perfekt geschützt, gut aufgeklärt und all den Belastungen eben nicht ausgesetzt. Ach guck an.

Bild (Lack Pereniy, Picture Alliance DPA)

Systemrelevant Händchenhalten. Ein Jahresend-rant ;-)für Pinar Atalay und die Tagesthemen

Tagesthemen am 30.12.2020. Pinar Atalay dankt. Wie man das so am Jahresende macht. Sie dankt den Held*innen, die in Altenheimen den Menschen die Hand hielten. Und ich denke mir: was nur läuft bei den Leuten falsch?

Was da geschehen sein mag, kann man sich nur erahnen. Vielleicht kam der Chefredakteur 10 Minuten vor der Sendung zu ihr und sagte: „Pinar! Gleich machst Du […]“ und Pinar ballte freudig die Hände progressiv und dachte motiviert „FAKTEN! INVESTIGATIV! GRÜNDLICH!“ „[…] die Dankesrede an die Pflegekräfte!“ und Pinar blieb nach dem „Fuck!“ der Rest im Kopf stecken. Könnte ich sogar verstehen, weil das nun nicht der Superauftrag ist. Ich weiß nicht, weshalb Fairmedia für Pflege nicht klappt, weshalb wir da auf Händchenhalten reduziert werden und der Heldenmythos bemüht wird, wo bereits 133 Helden so tot sind, wie es Superwoman selbst in den 1990ern nie war. Vielleicht denken Menschen wie Pinar Atalay auch, dass es reicht, Held*Innen und Händchenhalter*Innen/Händchenhalter_Innen/Händchenhaltenden auf seinem Paper ordentlich zu gendern und dann wäre der sozialen Gleichheit Genüge getan. Vielleicht ist es dann nicht so schlimm, der Berufsgruppe einfach mal so übelst abwertenden Klassismus, garniert mit berufsdiableistischem Schmalz zu servieren, der 1, 3 Millionen Frauen einfach so in die Karrierefresse haut. Vielleicht ist das so, wenn man Karriere gemacht hat, dass man alle anderen für ein bisschen dämlich hält. Zu blöde für Kompetenz, aber gut genug für Händchenhalten. Mir erschließt es sich nicht, dass man für Deniz Yücel Menschenrechtsverletzungen erkennt, für Millionen Alte und Senioren nicht. Ist das Wohlstandsverwahrlosung? Rohheit? Ich weiß es nicht. Frau Atalay ist da auch nicht alleine. Auch Politik bemüht das Geschwafel vom Händchenhalten der Pflege, spickt den emotional aufgeladenem Schrott dann auch mal mit „die Stirn kühlen“. Aber viel spannender, als die Beobachtung, dass es im Öffentlich-rechtlichen einfach superwurstwumpsegal ist, wie Pflegefachpersonen im Beruf heißen, was sie tun: was wäre, wenn die Leute recht haben?

Wenn Pflege Händchenhalten ist, was stellen sich diese Leute dann vor, wie so ein Tag abläuft? Da kommst Du morgens zum Dienst und ergreifst die ersten Hände, spendest Trost am Fließband wie ein Superstar die Hände seiner Fans von der Bühne aus berührt. Da jeder weiß, dass es Pflegenotstand gibt, hältst Du Hände im Akkord, schwitzend, mit schwarzen Krümelchen, bist völlig exhausted (heute ist man nicht mehr platt wie ein Fahrradschlauch, man ist heute exhauuuuusted) und kannst den Ansturm der Hände einfach nicht mehr bewältigen. Die Übermenge an Patienten, 150 Paare versorgst Du in der Nacht, greifen, grabschen, haschen und zerren an Dir wie Zombies im Apokalypsefilm auf der Suche nach dem manuellen Trostspender, der ihnen aus Zeitmangel die schweißige Hand verwehrt.

Trostsuchende Hände im Pflegenotstand. Der Händchenhaltendendenden gibt es zuwenig! Man verzweifelt

Wie viele Kollegen haben sich auf diese Art und Weise abgearbeitet? Vom ganzen Händchenhalten bluteten ihnen die Finger, die Haut fiel ihnen in Fetzen runter und endlich, ja endlich, waren sie so abgegriffen, die trostspendenden Hände der Liebesdienerin, wie der Fuß der Petrusstatue im Vatikan. Die abgegriffenen Stümpfe, eine gruselige Mischung aus einem Paar Pinguinflossen und Bernd das Brot, wurden zum Betriebsarzt geschickt, der dann die Berufsunfähigkeit aussprach. Und letztlich: fordern wir nicht alle, es müssen endlich mehr Hände ans Krankenbett?

Machen wir nicht selbst ein Gewese und Händehygiene? Regten wir uns nicht auf, als sie uns literweise Sterilium klauten? Begann nicht damit das ganze Coronaleid, weil wir einfach keine Hände mehr halten konnten? War das nicht der Beginn der kalten Hand am Nachttopfrand? Wetterten nicht gerade österreichische Ärzte gegen die Expansionsbestrebungen der Pflege, dass man meinen könnte, sie hätten Pflege bei der Flucht gleichwie in Handsmade Tale ertappt? Desdoktor auf der Flucht? Ist es nicht so, dass man ein glückliches Händchen bei der Pflege braucht?

Haben Sie auch ein glückliches Händchen zum Händchenhalten? Pflege kann jeder!

Was macht es schon, dass dieses Narrativ weder Rücksicht auf Person, Körper und Mensch nimmt? Pflege als schiere Händchenhalter sind die Lösung. Das eiskalte Händchen (im Englischen The THING) macht und hält alles. Nicht nur Hände, sondern vor allem den Mund. Und genau das wünscht man sich von Pflege so. Endlich wären auch die ätzenden Suchen nach Imagekampagne vorbei. Vorbei das Gelächel und Gesäusel. Endlich ginge Rekrutieren ganz einfach.

Suchen eiskaltes Händchen zum Händchenhalten

Auch die Digitalisierung würde dann endlich voranschreiten und die Robotik. Statt die ewig nörgelnden Pflegekräfte zu ertragen, würden im 100 Patienten-Saal einfach Hände aus der Decke fallen wie sonst Sauerstoffmasken bei Druckabfall aus der Flugzeugkabinendecke. Dann endlich könnten alle Händchenhalten. Wer braucht schon den Rest von dem, was die da können, von dem wir nicht wissen, wie sie heißen und was sie machen?

Die Ausbildung würde sich stark verkürzen. Statt teurer Bücher würde ein Einblatt zur Demonstration reichen, wie die hohlen Fritten der Pflege Hände halten müssten. Alles wäre so viel einfacher.

Ausbildung, 3 Jahre lernen, Hände zu halten

Pflege? Das Zeug braucht keiner. Was man braucht ist, Robotik und Journalismus. Der nämlich ist immer faktenbasiert, respektvoll, die Stimme der Bevölkerung, mit Druck auf Menschenwürde. Und nun geht, und haltet Hände. Und endlich den Mund!

Das narrativ vom Händchenhalten kommt übrigens aus dem 19. Jahrhundert, als adelige Frauen ohne Skills zum Trost am Krankenbett standen.
Wer hofft, das sei noch heute so, entwertet 3 Jahre Ausbildung und tritt kompetenten Menschen in den Arsch!

Über Pimmelnasen und die ersten infizierten Kollegen in der Abstrichstelle

Die erste Kollegin aus unserer Corona-Untersuchungsstelle ist seit letztem Wochenende infiziert und erkrankt. Sie hat hohes Fieber. Sie kann nicht gleichzeitig essen und atmen, und sie lebt allein. Sie ist Anfang 50, ein paar Jahre älter als ich. Und sie sagte mir grade, dass sie Sorge davor hat, ins Krankenhaus zu müssen, wenn die Atmung so schlecht bleibt, wie sie grade ist. Das war vor 10 Minuten. Ein paar WhatsApp-Nachrichten, hin und her. 

Ich habe ihr gesagt, dass sie sich um Gottes Willen melden soll, wenn ich irgendwas tun kann. 

Dass unsere Chefin mir heute morgen erzählt hat, dass sie jetzt nachts das Telefon mit ans Bett nimmt, damit sie bloß nicht verpasst, falls die Kollegin sich akut verschlechtert und sie dann anruft. 

Wir rätseln alle, wo sie sich angesteckt haben könnte. 

Grade diese Kollegin ist sehr genau, achtet sehr darauf, sich zu schützen, ist nie ohne Maske unterwegs, auch wenn sie Abstriche macht, immer mit zusätzlichem Augenschutz, doppelte Handschuhe, FFP2-Maske, Virenschutzkittel, ständige Zwischendesinfektion, natürlich auch, wenn sie angehustet oder angefasst wurde. 

Eigentlich ist unser Arbeitsplatz einer der sichersten: wir haben genug Schutzkleidung und – Vorrichtungen. Niemand ist leichtsinnig. Die Fenster stehen permanent offen, es herrscht überall Durchzug. 

Und trotzdem ist meine Kollegin jetzt infiziert und es geht ihr nicht gut. Natürlich kann man eine Infektion nie zu hundert Prozent ausschließen, das geht nicht. 

Egal wie gut du dich schützt, es kann immer genau der eine Patient sein, der nun die astronomische Virenlast hatte, der dich aus vollem Hals anhustet, der die Maske eben doch nicht sofort nach dem Abstrich wieder aufsetzt, das kleine Kind, das nach dir schlägt, weil es den Abstrichtupfer in der Nase nicht erträgt…wenn da die Aerosole trotz Durchzug (bei Windstille zB) zu lange stehen bleiben, und du blöderweise grade beim Wechseln der Maske eingeatmet hast (was du natürlich eigentlich nicht tust, aber was immer einfach mal sein kann) – dann kann es passieren.

Und natürlich kannst du auf dem Weg zur Arbeit neben einem dieser unzähligen Pimmelnasen sitzen, die vielleicht asymptomatisch sind und gar nicht wissen, dass sie über ihre Ausatmung permanent  Viren im Waggon verteilen. Wenn von denen nicht nur einer, sondern zwei, drei, vier mit fahren (was im Berufsverkehr keine Seltenheit ist, und übrigens BVG: Eure Kontrolettis bekleckern sich da nicht grade mit Ruhm, weil sie offensichtlich zu konfliktscheu und feige sind, um sich mit Covidioten anzulegen, und deshalb lieber alle Augen maximal zukneifen als einen von denen tatsächlich mal zur Kasse zu bitten) und vielleicht noch der eine oder andere Corona-Leugner, der sich provokativ komplett ohne Maske in die Bahn setzt – wenn du da mit einer gewöhnlichen Alltagsmaske auch sitzt, hast du eigentlich schon verloren. 

Ich habe mich immer über die Maskenverweigerer geärgert. Ich habe sie auch verschiedentlich angesprochen. 

Ich habe auch Menschen angesprochen, die Pimmelnase trugen. 

Die Reaktionen waren nie sonderlich aggressiv, eher haben mich die Angesprochenen belächelt, oder sie haben genervt die Augen gerollt, womit ich sehr gut zurechtkomme. Aber ehrlich: jeder einzelne dieser Menschen, von denen täglich ich weiß nicht wie viele mit ÖPNV unterwegs sind, könnte derjenige sein, der meine Kollegin oder eine andere Pflegefachfrau angesteckt hat. 

Jeder von denen könnte einer von denen sein, der für den Tod einer der 106 Kolleg:innen durch Covid-19 verantwortlich ist. 

Jede Pimmelnase ist ein Zurschaustellen der eigenen „Arschlecken“-Mentalität, der eigenen „Mirdochegal“-Einstellung gegenüber Anderen, die deine absolut unwichtige Befindlichkeit über die Gesundheit und im schlimmsten Fall über das Leben meiner Kollegin stellt. 

Und ich kann überhaupt nicht sagen, wie sehr ich diese Wurschtigkeit verachte. Ich möchte jedem Einzelnen von ihnen Fotos der verstorbenen Kolleg:innen zeigen. Ich möchte jedem Einzelnen die Nachrichten meiner Kollegin aus Italien vorlesen, die sie mir in der ersten Welle aus Norditalien geschickt hat. 

Und nicht zuletzt möchte ich jedem einzelnen von denen meine volle grade Rechte zwischen die Zähne schlagen. Das überlebt man wenigstens. 106 Kolleg:innen haben Covid-19 nicht überlebt. 

Und meine Kollegin? Ist jetzt infiziert. Ich hoffe, sie hat einen milden Verlauf. Und überlebt.