#proudtobeanurse?

Freunde, nicht nur gratis Lavendel steht uns nun allen zur Verfügung, nein! Eine neue Gratissau wird durchs Dorf getrieben und ich muss gestehen, DAS könnte die Lösung sein. Oh..wait!

Stolz sollt Ihr sein. Berufsstolz. Es gibt ganze Seiten, die sich damit befassen! Es gibt auch gute Argumente, sich diesen neuen Stolz anzuschaffen. Es wurde sogar ein Verein gegründet: Berufsstolz-Pflege. Und die fahren Gründe auf, da kannste nicht nein sagen. Florence ist nämlich 200 geworden, ja. Und die WHO hat das Jahr 2020 zum Jahr der Pflegenden ausgerufen. Yihhaaaaaaa!

Die neueste Ausgabe der DBFK Zeitschrift propagiert es auch: das NEUE Selbstbewusstsein, für das es ZEIT wird. Endlich. Aber was ist das eigentlich, dieser „Stolz“? Und warum ist das eine solche berufsinterne Verhohnepiepelung, das die Schwarte kracht?

Stolz ist ein Gefühl. Der Stolz ist die Freude, die der Gewissheit entspringt, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben. Dabei kann der Maßstab, aus dem sich diese Gewissheit ableitet, sowohl innerhalb eines eigenen differenzierten Wertehorizonts herausgebildet als auch gesellschaftlich tradiert sein. Im ersten Fall fühlt man sich selbst bestätigt und in seiner Weltanschauung bestärkt („Ich bin stolz auf mich“), im anderen Fall sonnt man sich in der gesellschaftlichen Anerkennung („Ich bin stolz, etwas für meine Stadt geleistet zu haben“). (Ja, das ist Wiki, ich war faul)

Soso. Überprüfen wir mal den Wertehorizont. Nurseseattheiryoung. Mobbing, Coolout, Burnout, Krankschreibungen, ein ganzer Berufsstand veräppelt von einem Land in der Pandemie. Menschen, die stundenlang in ihrem IKM liegen. Menschen, die auf Twitter täglich schreiben, dass sie nicht mehr können, mediale Aufmerksamkeit, weil alles am Ende ist und nichts funktioniert. Das Jahr der Pflegenden ist im Nichts verrauscht. Wer hoffte, für seine außerordentliche Leistung im Jahr der Pflegenden noch einen Bonus zu bekommen, der schaut ins Leere, das Bundesgesundheitsministerium verkauft den Beruf als Schneeball-Ramsch und Knuddeljob. Pflexit und rette sich, wer kann.

Ich habe nur eine Frage: WORAUF THE HECK soll ich stolz sein?

Ich weiß nicht, wie man in einem klimatisierten Büro darauf kommen kann, dass Pflege zu wenig Selbstbewusstsein habe. Es ist nicht die Pflege, die zu wenig Selbstbewusstsein hat. Es ist eine Gesellschaft und Politik, die eben dieses Selbstbewusstsein unterdrückt. Wie bitte, Herr Westerfellhaus, kann man sich monatelang nicht melden und dann in einer Zeitung etwas vom Selbstbewusstsein der Pflege salbadern? Um DAS auszuhalten, braucht es tatsächlich stolz. Hätten wir einen Coronabonus, würde ich mir glatt einen Hering kaufen, um den mit diesen Seiten einzuwickeln. Da aber immer noch PSA fehlt, 70 Pflegekräfte gestorben sind und es sogar die eigenen Reihen – Stolz hin und her- einen [zensiert] schert, frage ich mich, wie Ihr darauf kommt, es gäbe irgendetwas, worauf ich oder irgendwer stolz sein könnte.

Überlegen wir noch mal grundsätzlich, wie das mit dem Stolz läuft. Sobald ein Kleinkind Pipi in sein Töpfchen macht, ist ein großes Bohei. Alles freut sich, es gibt Aufmerksamkeit und alle sind zufrieden. Das Kind freut sich: Pipi in das Töpfchen.
Wie das mit dem Stolz nicht läuft: Herr X liegt seit 12 Stunden in seinem IKM und es besteht keine Möglichkeit, es ihm zu wechseln. Es gibt deshalb nichtmal ein Bohei. Es gibt keinen Grund, stolz zu sein, weil das System es weder mir noch Herrn X ermöglicht, auf ein verdammtes wie auch immer geartetes Töpfchen zu gehen.

Stolz sein? Dass ich es heute geschafft habe, in einen Supermarkt zu gehen, ohne rausgeworfen zu werden? Stolz, dass seit 12 Stunden niemand mehr eine sexualisierte Gewalt gemeldet hat oder laterale Gewalt wie vom Erdboden verschollen ist? Schade, dem ist nicht so.

Was ist das für eine Parallelwelt, in der Nurses wie ein WKII Soldat aus den Trümmern ihres Berufsfundaments die verbeulten Köpfe stecken sollen und ächzen sollen: „Ich bin stolz, eine Nurse zu sein!“, bevor sie für 8 Stunden todmüde ins Bett fallen?

Stolz können die Länder sein, deren Opfer wenigstens einen Staatsakt bekommen haben. Was haben wir bekommen? Lavendel.

Stolz können die Länder sein, die einen neuen Studiengang bekommen haben. Was haben wir bekommen? Die neue 120h Kraft ohne Schulabschluss.

Stolz können Länder mit ANP sein. Was haben wir bekommen? Delegationsarbeiten. Yay. Um „unseren Beruf auszuwerten“, der ganz ehrlich, auch ohne die zusätzliche Arbeit, die man dem Doc abnimmt, schon gut genug gewesen wäre. Wozu? Damit der Behandelnde tiefer hinter seinen Akten verschwinden kann.

Stolz können Länder mit funktionieren Beratungseinheiten sein. Was haben wir bekommen? Eine Pflegebratungsstelle, in der Sozialarbeiter sitzen.

Stolz ist, wenn Laien und Beruf sich deutlich voneinander abgrenzen. Wie das bei uns läuft? Angehörige sind der größte Pflegedienst und der Profi Handlanger.

Ich habe keine Ahnung, was Ihr da in den Kaffee kippt, aber hört schnell auf, Ayahuaska-Lianen auszupressen und kommt zurück zur guten, alten Kafeesahne.

Es gibt niemanden, der in diesen Beruf REIN will, alle wollen raus. Es redet sich leicht vom Schreibtisch aus. Und ich will da nicht Eure Leistungen schmälern, aber das Salbadern ist wie der Gap von Arm und Reich. Die, die nicht am Patienten arbeiten, werden immer abgehobener, die die am Patienten arbeiten, immer wütender. Das ist auch eine Grundemotion. Nur mit Stolz hat sie nichts zu tun.

Diese Billigmasche, jetzt irgendeinen PR Jargon anzuziehen, der natürlich, genau, wie die lustigen Kärtchen, die man zum Jahr der Pflegenden als Erwachsener ausmalen sollte, gar nicht kostet, sie verfängt nicht. Kein #proudtobeanurse Button vor einem Profilbild kann das Problem verdecken. Ihr erschafft einen Hypertext, unter dem nichts als heiße Luft ist. Emotionen, die durch mangelnde Resonanz nicht da sind, kann man nicht implantieren, wie einen Silikonbusen. Es gibt keinen Emoschönheitschirurgen für das, was eine ganze Gesellschaft über fast 100 Jahre vergeigt hat.

Sie wollen, dass wir stolz sind? Bieten Sie was, das man stolz sein kann. Sogar die eigene Resonanz sollen wir noch aus dem Nichts erzeugen. Finden Sie nicht, dass das das jämmerlichste Armutszeugnis seit 1850 ist? Weit ist das von der Petroleumlampe im Krimkrieg alles nicht entfernt.

#nurseseattheiryoung

Die 15 jährige Marguerite Maria Alacocque, Salesianerin in Frankreich aus dem 17. Jahrhundert und, man rät es, Heilige, erzählt in ihrer Autobiographie von der Krankenpflege. Keinesfalls möchte ich Euch das vorenthalten.

„Ich war so empfindlich, dass die geringste Unsauberkeit meinen Ekel erregte. So war es auch, als einmal eine Kranke sich erbrochen hatte und ich den Boden reinigen sollte. Da tadelte er [Jesus] mich so streng dass ich nicht widerstehen konnte und die Reinigung mit der Zunge vornahm und den Auswurf aß. […] Von diesem Augenblick an bereitete mir diese Handlung so große Freude, dass ich gewünscht hätte, alle Tage ähnliche Gelegenheiten zu haben, damit ich lernte, mich zu überwinden und Gott allein dabei zum Zeugen zu haben. […] Auf diese Weise spielt die göttliche Liebe mit ihrer unwürdigen Sklavin. Als ich einmal eine Kranke versorgte, die an Dysenterie litt, spürte ich mehrmals starken Brechreiz, deshalb tadelte er mich so streng, dass ich mich gezwungen sah, als ich ihre Ausscheidungen hinausbrachte, einige Zeit meine Zunge hineinzustecken und alles in den Mund zu nehmen, um den Fehler gutzumachen. Ich hätte es auch geschluckt, wenn mich mein Herr nicht an den Gehorsam gemahnt hätte, wonach ich nichts ohne Erlaubnis essen durfte.“

Umberto Eco, der anhand des Berichts der jungen Frau über den erotischen Umgang mit dem Gottesbild spricht, der hier eindeutig vorhanden ist (wenngleich auf eine eher masochistische Art und Weise), machte sich Gedanken über den Umgang mit dem Heiligen. Demut, die hier dargestellte Tugend und Unterwerfung, mögen wichtig sein, um über das Heilige zu reden. Aber die Unterdrückung von Ekel, die von einer 15 jährigen geforderte Selbstkasteiung, die völlig außen vor stehende self awareness und geradezu passionierte Devotheit sind gar nicht so historisch, wie man meinen könnte. Als ich den Auszug las, kam mir sofort ein sehr modernes Phänomen in den Sinn: #nurseseattheiryoung.

Bei dem Hashtag geht es darum, wie junge Auszubildende und junge Kollegen, die neu im Team ankommen, in den Teams behandelt werden. Nicht, dass das Phänomen nicht bekannt wäre. Schon im Arbeitsbericht der Bundesregierung aus dem 1970ern stehen Protokolle, die davon künden, wie Auszubildende entrechtet, niedergeschrien, gemobbt und zum Putzen abgestellt wurden. Man könnte meinen, es hätte sich etwas getan in den letzten Jahren, aber das ist ein Trugschluss. So trat vor Kurzem eine Auszubildendengruppe zum Waschtag an (man kennt das, grau ist alle Theorie, und dann geht es los), Sie schafften es weder mental, noch in der vorgegebenen Zeit (wen wundert das?). Ermutigt wurden sie dann so: Sie seien sich wohl zu fein zum Waschen, aus ihnen würde nie etwas werden. Sprachs und ließ die Kolleginnen weinend stehen.

Wie man bekanntlich weiß, bin ich nicht für das Läuten der Empathieglocke bekannt, aber mal ganz ehrlich, liebe Kollegen in überall: habt Ihr ein Ding an der Marmel? Man könnte doch meinen, dass ein Beruf, der zur Sorgearbeit befähigt, irgendeine soziale Komponente beinhalten würde, die eine Interaktion möglich machen würde. Eine Erinnerung, wie das war, das erste Mal, als ganz junger Mensch, einen fremden, alten, kranken Körper anzufassen. Es kann doch niemandem neu sein, dass dieses stete mentale Einprügeln auf junge Kollegen die krank macht. Wie kann es zur Ersterfahrung des fremden Körperkontakts das erste Stresstrauma gratis dazugeben?

Nein, das sind keine Einzelfälle. Es berichten Azubis, dass nicht mit ihnen gesprochen würde. Sie wurden einfach stehengelassen. Pause wird getrennt gemacht, man hat am Examenstisch nichts verloren. Die Aufgabe? Putzen, bis der Arzt kommt. Sich ekeln? Ein Zeichen von Unfähigkeit. Was dagegen hilft? Noch mehr putzen und ein bisschen Häme einstecken. Und wer ab da die Parallelen nicht sieht, dem kann ich leider nicht helfen.

Da werden Kollegen angebrüllt, es wird ihnen Hilfe verweigert, wenn sie sich beschweren, wird das Ganze zum „Konflikt“ runtergebrochen. Mobbing? Ist längst tief in der Pflegekultur verwurzelt. Woran man das sieht? Am Whataboutsim, der darauf folgt. Die Riten sind nämlich einzuhalten. Wer sich als junger Mensch nicht traut, in eine Übergabe mit 10 Kollegen zu platzen und sich vorzustellen, der hat das Ritual der demütigen Unterwerfung vollends versaut und bleibt halt vor der Kanzel stehen, bis er festwächst. „So war das bei uns auch!“ – ja, fällt mir nichts zu ein, Ursula, wenn Du das selbst nicht als absolut inakzeptabel verstanden hast, stimmt vielleicht was mit Deiner Psyche nicht. Es gäbe, so eine junge Kollegin, einen ganz bestimmten Ort in der Hölle für Altschwestern, so hoffe sie. Die Hoffnung ist alt, ich befürchte, der Ort ist überfüllt.

Als absolute Unverschämtheit wird dann gebrandmarkt, wenn der junge Mensch das macht, was ihm zusteht: nämlich die Kursleitung einschalten. Dann wird gelogen, bis die Schwarte kracht. Über die Unfähigkeit des jungen Menschen. Der überhaupt keine Ahnung hat, wie sich Fähigkeit und Unfähigkeit in der Schlangengrube bemisst. Jüngst las ich die Stellenanzeige einer Klinik, die verzweifelt eine Direktion sucht und nicht findet. Ich habe in die Bewertungen geschaut. Weshalb da niemand arbeiten möchte? Nurses eat their Young. Und mit Young bezeichnen die dort alles, was beim Urknall nicht volljährig gewesen ist.

Das Phänomen ist ein weltweites. Was absolut keine Ausrede darstellt, es weiter zu kultivieren. Der Notstand öffnet Arschkrampen, die sich auf Kosten junger Mitarbeiter die Seele putzen, Tür und Tor. Azubis berichten, wie in den Schwesternzimmern abgelästert wird über alles und jeden. Das geht über Psychohygiene weit hinaus, das ist bösartiger Mist und gehört geahndet. Kannste aber knicken, wenn Du weiter niemanden hast, der die Stelle der Megäre einnehmen könnte.

Nurses eat their Young ist der Hauptgrund für Kündigungen der Auszubildenden in den ersten 6 Monaten. Das habt Ihr ja fein hingekriegt. „aber die haben…. aber die können heute nicht mehr….“ NEIN! Die bringen mit, was sie haben und ihr tretet das Fundament kaputt, statt darauf aufzubauen.

Wen das nicht interessiert? Den BGM mit seinen zuckersüßen Schneeballphantastien. Zu Nurses eat their Young gehören übrigens auch sexuelle Gewalterfahrungen mit Patienten.

Das Ganze ist kein lustiges Spiel, sondern gehört zur lateralen Gewalt. Mich würde ja einmal das Argument derer interessieren, die so agieren und das ganz normal finden. Aber auch das kennen wir ja letztlich: es ist ganz bestimmt niemand gewesen.

Warum nur will niemand diesen herzigen Beruf ergreifen und sein Leben mit herzig empathsichen Kollegen teilen, die nicht nur auf der Station, sondern auch in Foren geifern wie die Boxerhunde. Wehalb nur gibt es Krankheiten und diese riesige Fluktuation? Wer zur Seite austritt, weil er zu feige ist, nach oben zu argumentieren, der ist schon ein verdammt, armes Würstchen Mensch und nichts, nichts rechtfertigt das.

Es muss heute niemand devot sein, im Team eingeordnet werden, damit das sich bloß nicht mit Neuerungen auseinandersetzen muss, und niemand will am Ende heiliggesprochen werden. Es ist ein Beruf.

„Chillen, rauchen, Kaffee saufen! “ was Pflege angeblich in der Pandemie getan hat. Ein Rant FSK >16!

Wissen Sie, ich spüre, da bin ich sehr empathisch, wenn sich meine Freundinnen aufregen. Und meine Kolleginnen, die Schwestern im Geiste. Und vor ein paar Tagen erspürte ich so eine Szene im Netz. Es ging, man denkt es sich, darum, was Pflege in der Pandemie getan habe. Gar nichts! Die waren und sind alle in Kurzarbeit. Glauben wir der Bevölkerung, dann hat man erst Kliniken geräumt, wir haben alle daheim gesessen, auf unseren Terrassen. Die paar, die noch in den Kliniken geblieben sind? Alles faule Schweine. Die saßen da und rauchten, soffen Kaffee und chillten ihr Leben.

Jana Langer, die hier angesprochen wird, ist OP-Krankenschwester mit satten Überstunden im dreistelligen Bereich.

Wer solche Kommentare schreibt, bei dem muss es doch Kürbisgranulat aus dem Kopf rieseln, wenn er sich kämmt. Diese Leute sind doch offensichtlich dermaßen hohl in der Birne, wenn die mit offenen Mund an einer Wand lang laufen, die saugen sich doch da fest wie Nacktschnecken! Wenn wir morgens um 5:30 auf der Station ankommen, dann gehen Pfeifen wie Du gerade in die zweite REM-Phase über und kratzen sich am S……chienbein. Bis dahin haben wir nicht nur uns und unsere Familien versorgt, unsere Kinder in die Frühkitas geschliffen (um uns dann von Nine till Five Latte Macchiato Müttern vollabern zu lassen, dass ihr Björn-Hergen-Tillmann es viel zu früh findet, um 09:00 in der Schule zu erscheinen, von kindlicher Work-live-balance her), nein, unsere Hunde waren Gassi und das Mittag ist vorgekocht. Und Du Meerkohlsaatgut glaubst, wenn wir da um 06:00 immer noch sitzen, wir hätten es fein?

Wir versorgen pro Station 36 kranke Menschen. Und Du scheinst offenbar zuviel Rollenspielepornos anzugucken, denn was da läuft, ist eine Übergabe. In kurzer, knapper Form lassen wir uns wenigstens die wichtigsten Daten geben, damit in der Hüftaustauschfabrik wenigstens das Wichtigste nicht verloren geht, während Du in der Poofe liegst. Anders wären nämlich die Gewinne nicht einzufahren, die man nicht an uns weiterreicht. Während Ihr noch davon träumt, dass wir gedankenverloren irgendwelche Händchen halten und der Mama die Stirn mit unsren Händen kühlen, machen wir unsere Arbeit. Weil in diesem Land der do-it-yourself Mentalität aus der Heimwerkerhölle jeder Knallstrauch meint, irgendwas zu Pflege beitragen zu können, nimm hier die volle Wahrheit. Pflege ist Arbeit mit dem Kopf.

Ich nehme an, dass Du wenigstens in Fernsehserien mal gesehen hast, was ein Meeting ist. Leute, die da mit dem Kopf arbeiten, die trinken dazu nicht nur Kaffee, sondern Saft und Wasser. Da kommt keiner rein, wie Ihr, stört, ohne zu fragen „Ich will nur ganz kurz, ja…?“ (Nein, Du Bratze, verdammt, Du störst ein Meeting, Deine saublöde Nachfrage, ob Du ne Vase haben kannst, kann 5 Minuten warten!!!) und zieht das strikt im 5 Minuten-Takt übergriffig wie Tempelaffen durch.

Und dann geht es ab. Acht Stunden lang kannste Trinken vergessen. Von Essen ganz zu schweigen. Es gibt Kollegen, die sich am Abend verzweifelt 2 l Wasser einfach so auf Ex hinterkippen, Kollegen mit Blasensteinen und grausigen Nierenwerten, Blasenentzündungen und Synkopen. Weil? Weil Ihr eine Politik befeuert, die es einem nicht mal erlaubt, zwischendurch einen Schluck Wasser zu saufen!! Und WEHE, man tut das. Dann kommt ganz sicher einer, der sich beschwert, dass ein Fussel auf der Bettdecke ist.

So eine selten dämliche Grütze. Schau Dir mal Dienstpläne an, wie oft da steht „OP“. Das bedeutet nicht, dass die sich haben operieren lassen. Das bedeutet „OHNE PAUSE“. Warum? Weil so Nase-aus- der Maske-raushängen-lassende Knalldödel wie Du so schwachsinnige Scheiße machen, wie an Regenwürmern lecken, die Kreuzottern sind!!! Mit so einer jämmerlichen Grütze haltet Ihr uns auf Trab, ohne euch zu schämen.

Schon in der Ausbildung gab es noch so oberschwesterliches Urgesteinsmehl, die es für eine Sünde hielten, wenn man sich mal setzte. Und schrieb. Mal ganz deutlich, Klapskalli: Schreiben und über Patienten reden ist ARBEIT! Nur in Eurer Schwester Stephanie-Fantasiewelt aus der Schwarzwaldhölle kommt Pflege mit was im Kopf nicht vor.

Schon im 19. Jahrhundert hat man Schwestern erklärt, Kaffee wäre Schwatzhaftigkeit. Sogar Wikinger würden nach einer Tasse aus dem Boot fallen. Frauen seien für Kaffee zu schwach. (Der erste, der hier nach ner Quelle plärrt, kriegt mein Buch über den Kopf!). Ich sag Dir mal, wie schwach Pflege ist. Die heben den 130 kg Süßling, weil keine Zeit ist, sich n Transportgerät zu holen. So schwach ist Pflege. Wenn dazu noch Beatmungsgeräte, DeFi und 20 Infusionsflaschen auf der Trage liegen, pfeifen die beim Rennen in den OP noch Lapaloma. So „schwach“ sind die.

Übergabe gilt irgendwie nicht als Arbeit bei Euch da draußen, kann das sein? Schon der Heliosgründer schämte sich nicht, vor der Presse zu sagen, es gäbe gar keinen Pflegenotstand, man müsse mal um 14:00 kommen, da könne man sehen, wie sie „Kaffee saufen!“. Ich nehme an, der sprachs und verzog sich zum nächsten Meeting mit Kaffee , Saft und Wasser. Aus seiner Minibar im Auto. Ich glaube, es hakt!

Bereitschaft ist nicht, nicht arbeiten. Und weißte, was lustig ist? Die kämpfen bis heute darum, diese Standzeiten bezahlt zu kriegen. Was denen an Geld verwehrt wird für angeblich nicht geleistete „echte“ Arbeit, das nennen andere „Brainstorming für ein Startup“ und saufen dazu literweise Chai-Latte. Und Du hast die unglaubliche Frechheit, die einzigen 150 ml am Tag zu besülzen?

Rauchen? Ich kann Dir sagen, weshalb die vor die Tür gehen und rauchen. Weil das der einzige verdammte Ort in jedem 500 Betten-Haus ist, wo Ihr ihnen nicht auf die Nerven fallt. Wo man mal durchatmen kann. Andere hätten schon Engelstrompeten geraucht.

Wenn Ihr könntet, würdet Ihr uns doch noch beim Morgensch*** auf dem Klo hinterherkommen, weil gerade was ganz Wichtiges ist!

Früher hat man im Nachtdienst noch gestrickt! Ja, Flachzange, für die Patienten. Manchmal sogar MIT den Patienten. Und Du hast also Angst, während Du in Deinem Homeoffice gejammert hast, dass das Zoom-meeting, an dem Du mit Hausschuhen teilgenommen hast, bei Kaffee und bei Vollmond ausgesätem Demeter-Brötchen, dass Pflege CHILLT?

Was ist Deine Angst? Dass Du für das Plastikgeld Deiner Krankenkassenkarte, für das Du in diesem Land weniger blechst, als Du an Leistungen rauskriegst, irgendwie zu wenig Beachtung kriegen könntest? Machst Du das bei Deinem KFZ-Mechaniker auch, in die Halle stürmen „Tagchen, Meister Lampe, jetzt nicht Bierchen und Käffchen, jetzt schön arbeiten!“. Der macht aus Deinem Vergaser noch ne Orangensaftpresse, wenn Du Glück hast. Nee, traust Du Dich nicht. Ist ja n Mann, gell? Aber im Schwesternzimmer, da gibts n Aufstand wie Tempelaffen bei der Bananenfütterung. Herrgottscheiße, ist das jämmerlich. „Und dafür hab ich nun auf dem Balkon geklatscht!“ Das Leben ist blöde und gemein, gell? Aber Ballermann is owei guad gö?

Warum Du Dich das traust? Weil in diesem Land jeder Sepp, der schonmal seiner Frau mit 37,9 Grad Temperatur beim Eisprung einen O-Saft eingegossen hat, meint, er könne „pflegen“.

#pflegdichselbst und #geh Lavendel gießen. Nicht, dass Du in der zweiten Welle keinen hast. Dein Charakter ist dreckiger, als meine Tasse um 14:30. Und da ist sie schon 8 Stunden angetrocknet.

Bitte gerne.

#ichpflanzfürdich – wie Politik Pflege verhöhnt, symbolisch missbraucht und ihr nichtmal einen eigenen Blumentopf gönnt!

Es gab viel symbolisches Danke in den letzten Monaten. Danke, das sich allerdings nicht im Geldbeutel zeigte. Aber viel, viel Symbol. Es gab Dankschreiben mit einem Keks, Dankschreiben mit einer Maske (wie praktisch, die PSA zu verschenken, statt bereitzustellen), es gab Geklatsche. Aber was es vor allem gab, war, dass sich die Politik selbst in den Vordergrund rückte. Wer vorne im Bild ist, der hat ja Danke gesagt. Der muss ja gut sein. Nein, war er nicht. Er hat lediglich die Pflege für PR missbraucht. Während sich hinten die Kollegen abmühten, die Menschen am Leben zu halten, hielten vor der Kamera Politiker ihre schlecht verdeckten Nasen in die Kamera.

Es schämt sich auch niemand der verfehlten Symbolpolitik, schämt sich nicht der 70 Toten. Und es nimmt kein Ende. Erst heute gab es in Mainz die Aktion #ichpflanzfürdich. Dort, ja ist es nicht wunderbar, wurden Kräuter und Lavendel gepflanzt, die, haltet Euch fest „den Coronahelden gewidmet sein können!“

Pflege bekommt also weder Geld, noch einen eigenen Blumentopf. Aber viele, viele kamen.

Da hielten sie dann ihre Schildchen lächelnd in die Höhe. Es wurde nichtmal eine Maske getragen, um wenigstens so Respekt und Anstand zu zeigen. Während sich in den Kliniken die Leute die Hacken ablaufen, pflanzen Politiker lächelnd Blümchen für die fleißigen Bienchen (ein Schelm, wer die Symbolik nicht sieht) und nicht einmal diese Symbolik gehört den Pflegenden alleine. Da stellen sie sich wieder in den Vordergrund, auf dem Rücken der Geschlauchten werden lächerliche Bildchen gemacht. Ach egal doch, das Corona, wozu Maske tragen, wenn das doch am Ende das PR Bild versaut?

„Der gepflanzte Lavendel soll neben Bienen und anderen Insekten auch die Besucherinnen und Besucher des Gutenberg Health Hub erfreuen. Nichtmal die Blumentöpfe haben die Pflegenden für sich allein. Entleerter wird das alles somit nicht mehr.

Wer sich derweil über die vollends verfehlte Politik beschwert, dem gebietet die SPD den Mund zu halten. Man dürfe zwar kritisieren, aber der Ton müsse dabei stimmen. Pflege, das sind Frauen, die den Mund nicht aufmachen sollen. Auf ihrem Rücken profilieren sich lächelnde Politiker, auf deren Rücken liegt die Last des Gesundheitswesens einer ganzen Struktur. Aber niemanden interessiert es. Frau Esken ist der Meinung, Verkäuferinnen leisten auch was. Und ein Blumentöpfchen, das sei doch nice.

Blumentöpfe auf die Gräber der verstorbenen Kollegen zu pflanzen, das macht halt keine Publicity. Da müsste man sich dann das Scheitern eingestehen. Da wäre man dann in seinem ewig lächelnden Wolkenkuckusheim tatsächlich mit Tod und Sterben konfrontiert. Und soweit möchte man dann doch lieber nicht gehen, für seine Coronahelden.

Fazit.

Das ist die peinlichste Aktion ever, ever ever. Und obwohl ich sonst nicht Ai Wei Wei zitiere, tue ich es doch und zwar seine „study of Perspektive“ , den Mittelfinger des verwirrenden Protestes.

Lavendeltöpfchen pflanzen, für die, die es gerade noch schaffen, sich auf die Couch zu pflanzen? Heldengeschwafel statt Änderungen? GO FUCK YOURSELFES!

Merke: #ichpflanzfürdich kann jeder Pfosten. #ichbeatmedich nicht

Ich bin mit meinem Protest nicht alleine geblieben, grüße die Kollegen in Mainz und alle, die sich auf Social Media beteiligen und helfen!

Klei mi am mors mit Empathie

Wohl mit keinem anderen Satz kann man in Pflegeforen dermaßen viele likes generieren, wie mit der Behauptung, zur Pflege benötige man Empathie.

„Ich bin so empathisch, deshalb pflege ich!“. Diese Haltung spiegelt sich deutlich auch in den Stellenanzeigen wieder, in denen Häuser Personal suchen. Die Empathie darf niemals fehlen, so wie das Gütesiegel „torffrei“ auf Blumenerde. Da werden PDLs gesucht, die „durchsetzungsstark und empathisch “ sind, was nichts weiter bedeutet als : „Wasch uns den Pelz, aber mach uns nicht nass!“ Zu Pflegende beschweren sich, dass Pflegende einfach nicht empathisch seien. Aber was hat es eigentlich auf sich, mit diesem Wort, dieser Fähigkeit? Und weshalb bekommen Leute Schnappatmung, wenn wir sagen: „Klei mi am mors mit Empathie!“?

Es ist der vielleicht meistgefallene Satz in Zusammenhang mit einer Dienstleistung. „Wer mit Menschen arbeitet, der braucht Empathie“. Was ist eigentlich Empathie?

Empathie ist, laut Definition, die Fähigkeit und Bereitschaft die Motive, Gefühle, Persönlichkeitsmerkmale eines anderen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden (Lexikon der Psychologie 2017). Diese, so die landläufige Meinung, werden also benötigt, arbeitet man im Dienstleistungsbereich. Schauen wir uns das Ganze einmal genauer an .

Pflege ist die Dienstleistung (also eine Leistung gegen Geld), Defizite im Bereich der ABEDL zu kompensieren. Doch das Ganze erstreckt sich ja scheinbar nicht allein auf die Pflege, wenn angeblich ALLE Dienstleistungen gemeint sind.

  • Der Sommelier: bestelle ich eine Weinbegleitung, dann beruht der Rat des Sommeliers ganz allein auf seiner Kenntnis, welche Traube denn nun zu meinem Essen passt. Meine Motive, Gefühle und Persönlichkeitsmerkmale sind in dem Prozess keinesfalls von Bedeutung. Außer, ich teile ihm mit, dass ich Rotwein generell verabscheue. Das hat dann aber mit seiner Empathie nichts zu tun, sondern mit meiner Mitteilung. Niemand wird von einem Sommelier erwarten, meine Entscheidung, Rindfleisch ohne Rotwein zu präferieren, erwarten. Im Gegenteil. Meine Ablehnung des Gängigen und Erprobten dürfte ein dickes Augenrollen bei ihm hervorrufen. Da ist die Empathie des Gastes gefragt.
  • Hotelier: In Bettenburgen landen gerne bis zu 700 Gäste. Hoteliers, also definiert als die Menschen an der Rezeption, sind zumeist freundlich. Die Werbung verspricht zwar, dass man mir jeden Wunsch von den Augen ablesen wird, aber tatsächlich muss ich diese Wünsche artikulieren. Die Forderung, er müsse meine Motivationen, Gefühle oder Persönlichkeitsmerkmale nachempfinden, käme mir bei 700 Leuten absurd und verlogen vor. Im Gegenteil. Ich fände das creepy.

Die Liste ließe sich so lange fortführen, sie ginge über Zimmermädchen, Friseure, die Fußpflege bis hin zu Kosmetikern. Bei keiner dieser Dienstleistung ist Empathie eine Voraussetzung für das Gelingen der Dienstleistung.

Entsetzt kreischen mir Menschen dann entgegen, dass Empathie ja aber viel besser sei, als unhöfliche oder harsche Menschen. Der Absage an Empathie wird also automatisch entgegengestellt, das Gegenteil von Freundlichkeit oder Höflichkeit zu sein. Beide Begriffe haben aber null miteinander zu tun. Auch wenn mir die Motivationen und Gefühle des anderen völlig uneingänglich sind, kann ich durch die Bank weg höflich sein. Aber dieses „wer nicht empathisch ist, ist UNHÖFLICH und rüde!“ scheint des Pudels Kern zu berühren.

Googeln wir statt des schwammigen Begriffes Empathie einmal einfühlsam und bringen ihn zusammen mit dem, was Pflege ist, nämlich ein gefühlter Frauenberuf, dann wird das Ausmaß des Dilemmas etwas klarer.

Suchergebnisse auf die Googlesuche „einfühlsame Frau“.

  • warmherzige Frauen sind sexy
  • Männer bevorzugen einfühlsame Frauen
  • einfühlsame Frauen machen Männer scharf
  • wird eine Frau als intelligent wahrgenommen, ist sie abturnend. Warmherzigkeit kann da helfen, diesen scheinbaren Makel zu überwinden

Das scheint mir der Punkt zu sein, um den es bei diesem Anspruch, eine emphatische Pflege zu haben EIGENTLICH geht. Wer die Empathie eines anderen beansprucht, der hat in unserem Dienstleistungsbereich eine sexy, warme, scharfe Frau vor sich. Tata.. das hat ja nicht lange gedauert, bis die Verbindung von Pflege und Sexyness aufploppte.

Die Empathie zu fordern, marginalisiert also den Beruf als Ausdruck einer intelligenten, berufstätigen Frau und reduziert ihn auf ein Gefühl. Er sexualisiert ihn sogar. Er bedient damit uralte Stereotype aus dem 19. Jahrhundert, nachdem Pflege etwas für Frauen sein, weil die in ihrer Natur läge.

Das findet sich häufig in Konflikten wieder. Wer hat nicht schonmal bei Fehlverhalten eines Patienten gehört, dafür „müsse man jetzt Verständnis haben“ oder „das müsse man doch verstehen!“? Dahinter verbirgt sich wiederum nichts weiter, als das häufig hierarchisch höhergestellte Kollegen demjenigen, den die Situation betrifft, absprechen, ein Urteil und demzufolge eine Konsequenz fordern zu können. Denn “ wer das nicht versteht, der hat ja keine Empathie“. Das Absprechen einer Empathie ist das Totschlagargument. Empathie zu fordern kann also im Gegenzug als Freifahrtschein für jedwedes übergriffiges Verhalten herangezogen werden. „Hab Dich nicht so“

Das macht diesen Begriff gefährlich. Wer sich „nicht so haben“ soll, wer alles erdulden und erleiden soll, wer alles mitmachen und eine eigene Urteilsfähigkeit hintan stellen soll, der gilt: nichts. Und wie sehr Pflege nichts gilt, das haben wir gerade erlebt.

Wenn eine Dienstleistung also auf ein schwammiges Mitgefühl und Einfühlen reduziert wird, dann muss sich niemand mit dem Können und der Kompetenz auseinandersetzen. Man kann den Mitarbeiter marginalisieren und ihn emotional auskühlen. Das Ende vom Lied: Coolout, Burnout.

Ob sich die Leute , die Stellenanzeigen auf dieser Basis schreiben, bewusst sind, was sie da tun? Auf jeden Fall!

Es gibt tatsächlich nur ein einziges Pflegemodell, das Empathie bedingt. Das psychiatrische Modell. Allerdings kommt die Empathie da nicht allein des Wegs. Sie geht in Person Hand in Hand mit Kongruenz (also authentisch zu kommunizieren, was „Ei mein Lieber Guter, wie gehts uns denn heute?? *säusel) von vornherein ausschließt, und der Authentizität (sich so geben, wie man fühlt, weil das Gegenüber sich emotional ggf. zwar nicht mitteilen kann, aber niemand wird Menschen mit Demenz absprechen, hochgradig emotional intelligent zu sein und auf Stimmung zu reagieren).

Dieses Modell ist also das GEGENTEIL von selbstaufopfernder, sich nicht spürender Empathie, wie der AG und Laien sie fordern. Ach guck.

Wenn Laien (und auch Kollegen) etwas von Empathie erzählen, frage ich mich immer, wie das in ihrer Traumwelt in einem Hochleistungsbetrieb abgeht. Empathie in der Pflegebatterie zu suchen ist für mich genauso sinnvoll, wie zärtliche, streichelnde Tierliebe im Mastbetrieb zu suchen.

Absurd ist die Forderung nach Empathie auch aus anderer professioneller Sicht. Es wird dem Beruf niemand absprechen, gerade bei den Cooloutraten und Burnoutraten, dass die Arbeitsverdichtung durch die Decke geht. In einem solchen Betrieb ist das sich selbst Wahrnehmen nicht möglich. Sonst gäbe es ja oben genannte Krankheitsbilder nicht bei Pflegenden.

Empathie kann aber nur bringen, wessen Selbstwahrnehmung gesund und ungestört ist. Die Arbeitsbedingungen und Empathie schließen sich also gegenseitig aus. (Singer, 2013) Sie sind neurologisch und neuropsychologisch nicht möglich.

Arbeitgeber und Gesellschaft fordern also an dem Punkt entweder unter dem Deckmantel der Empathie „heiße, warmherzige mütterliche Frauen“, mit denen sie umspringen können, wie sie wollen, oder sie verarschen die Kompetenz Pflegender bewusst, wenn sie etwas fordern, was sie politisch und gesamtgesellschaftlich unmöglich gemacht haben.

Der Schuldkomplex einer mangelnden Empathie wird dabei vollends auf die Pflegenden übertragen, anstatt sich mit der absurden Forderung zu befassen. „Du bist NICHT emphatisch!“ „Ich bin SO empathisch!“

Pflegende, die heute von sich behaupten, empathsich zu sein, die haben also noch nicht ausgelastete Arbeitskapazitäten, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann. Oder sie lügen in Ermangelung eines Bewusstseins für den Begriff.

Arbeitgeber, Politik und Gesellschaft, die Empathie fordern, fordern an den Bedingungen vorbei.

Was sie dann offenbar nicht haben? Empathie.

Solange das so ist: Klei mi am mors mit Empathie und sucht euch einen neuen Kampfbegriff der Ausbeutung. Dieser ist enttarnt.

Nachrichten aus der Anderswelt

Wisst Ihr, was mich wirklich zum Verzweifeln bringt? Nursetwitter UK. Wenn ich mir deren Nachrichten, deren Presse und deren Fragen zum Beruf anschaue, die sie einfach mal eben so zwischendurch abhaken und bereden, dann wird mir klar: Das sind Nachrichten aus einer völlig anderen Welt.

Lange war ich bei Escardio und ACNAP, den internationalen Kardioschwestern. Das wurde schnell etwas peinlich, weil wir in D eben nicht laufend irgendwelche Studien selbst machen und Dinge zu präsentieren hatten.

Heute war wieder so ein Tag. Die Frage war ganz einfach. „What about broader physical and mental wellbeing health information for your patients? How can we ensure this information is high quality?“ (Was ist mit umfassenden Informationen zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden Ihrer Patienten? Wie können wir sicherstellen, dass diese Infos von hoher Qualität sind?)

Was willst da antworten? Es klänge irgendwie so:

Ja, ganz generell wird in der Ausbildung gelehrt, dass Pflege auch in D eine beratende Funktion habe. Wie diese genau aussieht, darüber herrscht in der Praxis völlige Uneinigkeit. Das ist aber auch egal, solange wir den richtigen Haken abhaken und das richtige Kürzel an der richtigen Stelle machen. Noch immer berichten Kolleginnen, dass Patienten sie bestürzt anschauen, wenn sie sagen, dass sie jetzt den ZVK ziehen oder Fäden. Ob sie das denn könnten und auch dürften? Kompetenz von Pflegenden wird nicht wahrgenommen und wem man kaum Fädenziehen zutraut, der berät ganz sicher nicht und wird, wenn er es denn tut, auch nicht ernstgenommen. Lustige Anekdote dazu.

An einem sehr sehr außergewöhnlichen Tag hatte ich im Schockraum wenig zu tun und einen Patienten mit VWI. Stundenlang warteten wir auf den Troponintest I und II und ich hatte ewig Zeit, ihn beim Monitoren zu betreuen. Weil außerhalb alles rannte und sich stapelte, klärte ich ihn auf, was denn nun weiter passieren würde. Über seine Fragen für den anstehenden Katheter, über eine kommende Reha, über die Kabel und was sie bedeuteten. Er lachte. Später kam die ärztliche Kollegin und fragte: „Hat sie die Kollegin aufgeklärt? Was soll ich mit Ihnen auf dem Zettel noch durchgehen?“ Der Patient schaute sie verblüfft an. „Aber sie ist doch nur Schwester. Ich dachte, sie scherzt!“ Danke. 2 Stunden nicht ernstgenommen. Soviel also zu wie ich meine Infos sicherstelle.

Überhaupt scheint ein großes Problem zu sein, dass Patienten oft nicht wahrnehmen, was eigentlich der Beruf der Pflege ist. Selbst Pflegende nehmen das nicht wahr. Vor ein paar Tagen postete eine Ausbilderin (und soweit ich weiß, ist sie Referentin eines Berufsverbandes), dass sie doch tatsächlich einen FLECK auf ihrer Bettdecke habe!! (hier Kreischen einfügen). Was denn mit der Pflege los sei? Wir haben versucht, ihr sehr geduldig zu erklären, dass Pflegenotstand ist. Wir haben versucht, ihr zu erklären, dass die Theorie und die Praxis eine Lücke haben und zumindest ich verwunderte mich sehr, das ihr das in all den Jahren nicht aufgefallen war. Nein! Das Bett hat neu bezogen zu werden. Pflege, das ist in D immer noch waschen und irgendwas mit Bettenbeziehen. Aus irgendeinem kühnen Grunde kommen wir davon nicht weg.

Es besteht auch scheinbar gar kein Interesse seitens der Patienten, herauszufinden, was das eigentlich ist, diese Pflege. Pflege wird dermaßen einer Fremdzuschreibung unterzogen, dass die Leute nicht verstehen möchten, dass der Hauptgrund zum Verlassen des Berufs ist, dass man ihn nicht so ausüben kann, wie man ihn gelernt hat. Zum Teil ist das strukturell und systematisch bedingt, zum anderen Teil aber hat an diesem System der Faktor Patient als Bürger einen maximalen Anteil dran.

Solange der Patient Bürger ist, geht ihn die Sache ja nichts an. Ist der Bürger dann Patient, dann fühlt er sich nicht verantwortlich. Man muss ihm helfen. Das muss man doch! Und das muss man zu den Konditionen, die er wünscht. Gefälligst. Und das ohne Rücksicht auf die eigenen Gefühle, Ressourcen und Möglichkeiten. Er, der Patient, möchte mit der Sache, die ihn betrifft, nichts zu tun haben. Alles soll so bleiben, wie er es sich ausgemalt hat. Wenn auch der Paradigmenwechsel in der Pflege seit 1990 nicht bei ihm angekommen ist, aber das hat er begriffen: irgendwas mit wichtig.

Merkwürdig wütend wird man dann, wenn er gesagt bekommt, dass Pflege zu diesen Konditionen gar nicht arbeiten muss. Dass sie gehen kann. Und was er dann macht? Dann? Dann sei man halt schuld, dass er stirbt. Man sei ein Egoist. Ein Verachter. Ach, guck. Die Frage, ob es etwas gegeben hätte, was macht, dass das Personal bleibt, diese Frage stellt er sich nicht. Geht ihn ja nichts an.

Und das finde ICH verächtlich.

Im minimalsten Konsens soll man dann „zusammenarbeiten“, aber letztlich ist das etwas Unmögliches, weil damit oft einfach nur gemeint ist, man soll zu seinen Bedingungen das unter Pflege Verstehen, was er fremdzuschreibt.

Wie nur stelle ich also sicher, dass die Informationen über körperliche und physische Wohlbefindlichkeit sicher sind?

Währenddessen schachert Saskia Ecken um die Prämie. Die sei Angelegenheit des Arbeitgebers. Zuständig für Pflege ist: Niemand. Außer Pflege. Ganz allein. Aber so, wie irgendwer es 1800 festgelegt hat. Nicht wir. Denn dafür sind wir nicht zuständig.

Also, was antworte ich auf solche Fragen aus UK?

Tote Kollegen. Das neue tote Kapital, von dem niemand spricht im Year of the Nurses and #achhaltetdieKlappe

Ein Rant von Donna Rabiata

Spoiler: wegen der Schleifen haben wir den DBfK und die Kammer angeschrieben…. Still ruht der See der guten Idee… das alles ist nur noch peinlich.

Deutschland 2020 – postmoderne Gesellschaft in einem der reichsten Länder der Welt. Gut aufgestelltes Gesundheitssystem und alle Welt schaut auf Deutschland, voll des Lobes, ob der Maßnahmen zu #flattenthecurve. In Werbeclips mit rührseliger Musik werden wir von Prominenten dazu ermuntert, zu Hause zu bleiben und es geht das Gerücht, dass in manchen Gegenden immer noch gegen 19:00 ganz dolle geklatscht wird, um Pflegepersonal seine Dankbarkeit zu zeigen. 

Währenddessen entgeht den Heldenbeklatschern, der Politik und den selbsternannten Genies des Personalmanagements mit Klopapierüberschuss im Lager, das Jetzt, in der Krise, die ihren Höhepunkt noch nicht einmal erreicht hat und mitten im Yearofthenurseandmidwife min. 35 Menschen, die bei mangelnder Schutzausrüstung ihr Leben für diese Gesellschaft riskiert, ebenjenes verloren haben. COVID-19 fordert auch unter Pflegenden Opfer.

Während in anderen Ländern, z.B. Italien, wenigstens noch die Namen und ihre Bilder veröffentlicht werden (hoffentlich mit Zustimmung der Hinterbliebenen), gedenkt man der Toten hier: gar nicht. Es scheint nebensächlich, uninteressant um nicht zu sagen: inexistent. 

Diese Menschen sind mitten hineingegangen in die Infektionsherde und haben dort ihr Leben gelassen. Die Hinterbliebenen müssen damit zurechtkommen, dass ihre Herzensmenschen nicht „nur“ mal wieder ständig einspringen, oder Zusatz Dienste schieben. Sie werden NIE wiederkommen. Nie wieder. Weil sie andere retten wollten und es vermutlich auch haben. Um den Preis ihres eigenen Lebens, was der Gesellschaft, die ja ach so dankbar ist, komplett gleichgültig ist. Oder habe ich den Aufschrei nicht mitbekommen? 

Die Proteste zugunsten der vielen „Alltagshelden“, die gerade um die versprochene Prämie betrogen und aus Supermärkten verwiesen werden, wenn sie als solche erkennbar sind?

Die Petitionen an den Bundestag, in der eine Entschädigung/Rente für die Hinterbliebenen gefordert wird, während man Pflegekräften erklärt, sie hätten ja jetzt ihr krisensicheres Gehalt und bräuchten die Prämie gar nicht?

Die Demonstrationen gegen die gekippte max. Stundenzahl von 10Std/Tag während man sie dafür auslacht, dass sie sich diesen Beruf ausgesucht haben?

Es ist blanker Hohn, Pflegekräften Toilettenpapier als „Bonus“ und „Dankeschön“ mit großer Geste UND Pressebericht zu überreichen, während man an ihre verstorbenen Kolleg*innen keinen Gedanken verschwendet.

Es ist schon beinahe lustig, dass man der Gruppe der Pflegenden, der man in aller Selbstverständlichkeit ALLES – inklusive Empathie als Äquivalent zur Professionalität und der Möglichkeit des qualvollen Ablebens, mal eben so abfordert, selbst nicht einmal genügend Empathie entgegenbringt, um ihren Angehörigen, die in diesen Fällen zu Hinterbliebenen wurden, anständig zu kondolieren oder gar ehrliche Unterstützung angedeihen zu lassen. 

Wertschätzung Made in Germany…

Da ich auch wütend eine große Freundin von Lösungen bin: 

Eine schwarze Schlaufe, nach dem Vorbild der Schlaufen für Brustkrebs und/oder Aids, gekauft für einen kleinen Geldbetrag, der an die Hinterbliebenen geht – Steuer- und Abgabenfrei natürlich(!) sollte mindestens drin sein.

 MINDESTENS. 

1€ und eine schwarze Schlaufe zum Gedenken an unsere Kolleg*innen.

Gelebte Empathie. Werden wir das schaffen?

Disclaimer: Das viele den Text gar nicht, oder nur schwer verstehen werden, weil ich mehr als 17 Worte pro Satz verwendet habe, interessiert mich heute nicht die Bohne. Haben sich schließlich selbst ausgesucht, diesen Text zu lesen.

Forderung: Ein Pilotprojekt „Red Button für Pflegekräfte“ – selbst etwas ändern können, wenn man nicht mehr kann!

Corona, das zeigen schon die ersten Wochen, demaskiert wie nichts Anderes die maroden und schlecht überdeckten Lecks im Gesundheitssystem. Pflegekräfte, das ist nun klar, sind einerseits systemrelevant, andererseits aber nicht systemrelevant genug, um sie mit Isomaterial zu schützen. Nicht systemrelevant genug, um Angriffen aus der Bevölkerung zu entgehen. Howard Cartoon, der Leiter des ICN, sprach in diesem Zusammenhang deutlich aus, dass es sich dabei um abuse (Missbrauch) an Pflegekräften handele. Er sieht Zusammenhänge einerseits mit den Ländern, die generell nicht viel für den Schutz der Pflegenden tun, andererseits offenbaren sich für ihn auch Missstände in der Gesundheitserziehung. Nicht anders sei es für ihn zu erklären, weshalb Menschen in Supermärkten Pflegende angriffen (Nursing Times).

Nicht, dass Pflegende das nicht längst schon wüssten. Es sind einerseits strukturelle Probleme, andererseits gibt es seit Jahren immer wieder Übergriffe in Form von verbaler, körperlicher oder sexueller Gewalt. Dazu kommt noch das Problem, dass ein jedes Haus paradoxerweise mit seinen Pflegenden nahezu verfahren kann, wie es will.

Für alle anderen Interessengruppen gibt es bei Problemen Meldesysteme. Patienten können sich an Patientenfürsprecher und Organisationen wenden, es gibt eine Heimaufsicht, den MDK.

Doch, und das ist die Schere der Branche, obwohl es durch die Gesundheitsreporte bekannt ist, dass Pflegende durch ihren Job erkranken, werden sie nicht gut genug präventiv geschützt. Sie werden, auch das zeigt Corona, auf Verschleiß gefahren, bis sie aus dem Beruf ausbrechen. Die Sorgen und Nöte, die sie in ihrem Alltag haben, sind keine, die ein Betriebsrat ändern könnte oder gar ein Arbeitsgericht.

Niemand ist in einer Behörde zuständig, wenn es kein Material gibt. Niemand ist zuständig, wenn sich ein Krankenhaus oder ein Pflegedienst weigert, gegen verbale und körperliche Gewalt vorzugehen. Es besteht keine Sensibilisierung gegenüber sexualisierter Gewalt und, ob der einzelne zu oft zum Einspringen emotional genötigt wird, bleibt in der Grauzone des Wortes.

Auf den Werbeblättern der Kliniken und Pflegedienste wird eine liebliche, fürsorgliche Welt versprochen, die in der Realität gar nicht existiert. Die Enttäuschung darüber paart sich dann seitens des Patienten zumeist mit seiner veralteten Vorstellung von Pflege, die sich im Schwester Stephanie Bereich ansiedelt. Da hilft auch keine konzentrierte Aktion Pflege. Es müssen sowohl Aufklärung der Bevölkerung her, als auch die Möglichkeit, die Probleme einerseits sichtbar zu machen, andererseits auch konstruktiv anzugehen.

Dabei muss definitiv der Einzelne gefordert sein, transparent zu machen, was ihn belastet. Und es muss die Möglichkeit geschaffen werden, neben Betriebsräten und Gerichten, eine Stelle adressieren zu können, die zuständig ist. Was her muss ist: ein roter Knopf für die Pflege. Ein Alarmbutton, der Missstände aufzeigt und sie konstruktiv löst.

Wie könnte ein Pilotprojekt dazu aussehen?

Durch den Fachkräftemangel hat Pflege eine nie dagewesene Möglichkeit, selbst Druck auszuüben. Pflege stimmt einfach mit den Füßen ab. Dem Arbeitgeber ist daran gelegen, dass er möglichst viele Pflegende hat. Das erste, was zu realisieren ist, besteht aus der Implementierung zweier Schritte.

a) es muss eine virtuelle Plattform geben, auf der die einzelnen Einrichtungen (Kliniken, Rehas, Ambulante Pflegedienste, Altenheime, Tagespflegen, WGs etc.) gelistet sind. Jede Einrichtung, die Pflegende beschäftigt, ist zu erfassen.

b) es ist eine Meledeform dort zu implementieren, bei der die Einrichtung und die Beschwerde erfasst werden können. Sollte diese Meldung des Einzelnen anonym erfolgen sollen, dann muss die Möglichkeit dazu gegeben werden.

c) pro Bundesland sollte es je eine Stelle geben, die das Bundesland betreut. Die Meldungen sind zu erfassen und mit dem jeweiligen Haus ist in Kommunikation zu gehen und sind Lösungen zu suchen. Hierbei muss ganz klar das gesundheitliche Wohl der Pflegenden im Vordergrund stehen. Die Meldung ist von Pflegenden klar einsehbar. Sie wird (ähnlich der Verweildauern im PC) im Ampelverfahren angezeigt. Ein rotes Verfahren bedeutet, dass eine Meldung eingegangen ist und der Pflegende sich die Meldung ansehen kann. Das schafft Transparenz über die Arbeitsbedingungen vor Ort. Gelb bedeutet, dass die Situation in Bearbeitung ist und die Einrichtung sich kooperativ verhält. Grün bedeutet, dass das Problem gelöst ist. Nach einem halben Jahr wird die Situation evaluiert. Ist sie dauerhaft behoben, wird der Eintrag gelöscht.

Zusätzlich ist eine App zu implementieren, damit der/die Pflegende im Bedarfsfall schnell eine Meldung absetzen kann. Das entlastet emotional.

Die Meldungen sind seitens der Meldestelle (nennen wir sie Schiedsstelle?) zu erfassen und transparent zu machen.

Das würde bedeuten, dass Problemerkennung, das Angehen des Problems und das Mitlösen auch beim Einzelnen liegt und er aktiv an seinen Arbeitsbedingungen mitarbeiten kann.

Zu erwarten wäre, dass sich die Einrichtungen darauf einstellen, möglichst wenig Einträge zu haben, damit es ihnen möglich bleibt, weiterhin Personal rekrutieren zu können.

Zu erwarten wäre auch, dass eine Auswertung zeitnah zeigen würde, wo der Gesetzgeber generell nacharbeiten muss, um den Schutz der Pflegenden zu gewährleisten.

Auch wäre zu erwarten, dass gerade Angehörige und übergriffige Patienten alsbald begreifen, was sie dürfen und was nicht. Der Schiedsstelle sollte das Recht eingeräumt werden, im Bedarfsfall auch eine Anzeige zu erwägen. Das ist wichtig, weil sich Einrichtungen gerne sträuben, Gewalt zu ahnden. Der Mitarbeiter traut sich das Vorgehen meist auch nicht und so kommt es quasi nie zu einer juristischen Auseinandersetzung. Es muss deutlich werden, dass eine Einrichtung mit ihren Pflegenden kein Selbstbedienungsladen für Übergriffe ist. Und dass auch der Ausbeutung mal ein Ende gesetzt werden muss.

Dies gilt insbesondere für ambulante Pflegedienste. Weil der Kunde dort oft derjenige ist, der von vornherein meint, besondere Rechte an Pflegenden zu haben, ist hier ein Riegel vorzuschieben. Eine aufgeklärte Gesellschaft muss zurück an den Punkt geführt werden, wo sie im Rahmen der Gesundheitskompetenz die Kompetenzen der Profis anerkennt.

Das träge aber auch den Bereich des Bad Leaderships, in dem schlechte Vorgesetzte Druck auf Pflegende ausüben, somit emotionale Gewalt, zeitgleich aber aus dem Bewusstsein, in einer uralten toxischen Hierarchie den Hut aufzuhaben, meinen, sich alles herausnehmen zu können.

Da Politik und Gesellschaft ja nun erkannt haben, wie wichtig Pflege ist, sollte es dem Bund doch ein solches Projekt mit 16 Stellen wert sein.

Das kostet unterm Strich weit weniger, als die Folgekosten, wenn Häuser nicht mehr arbeitsfähig sind und Pflegende aus ihrem Beruf ausbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

In Not? Hier drücken!

„Mein Team ist phantastisch!“ – Führen in Zeiten der Krise.

Sowohl die Teams der einzelnen Stationen, als auch die gesamten Organisationen befinden sich derzeit im Ausnahmezustand und wohl selten kam es auf das Führungsgeschick in den einzelnen Organisationseinheiten so sehr an, wie jetzt.

Nicht nur, dass andauernd neue Informationen über Hygiene, Besucher, das Virus selbst, politische Entscheidungen in den Stationsalltag fluten, wie kaum je zuvor. Gerade jetzt kommt es darauf an, dass sich diese Informationen schnellstmöglich durchdeklinieren. Und ganz ehrlich, wer kennt es nach Stationssitzungen nicht, dass Wochen später noch immer der Letzte keine Ahnung davon hat, was jetzt neu im Handling ist und es ein furchtbares Durcheinander gibt? Nur: Dafür ist jetzt keine Zeit.

Unfassbarerweise hat aber gerade die Wurzel des Berufs, das Klosterwesen, eine ganz erstaunliche Vielfalt an Krisenmanagement zu bieten, auf das Pflege flugs zurückgreifen kann. Nicht gleich die Nase rümpfen. Die Benediktsregel (dem hl. Benedikt von Nursia 5. Jh. nach Christus zugeschrieben) ist das Fundament zum Führen eines Klosters. Dort gründen unsere Wurzeln und diese Regel ist tatsächlich so aktuell, dass auch gestandene Manager von großen Konzernen immer noch „Benedikt für Manager“ kaufen können. Gucken wir uns das also einmal an.

Unterscheiden

Das alleroberste Gebot ist tatsächlich die Fähigkeit des Unterscheidens. Und gerade im ethisch-moralischen Kontext ist diese Fähigkeit jetzt wichtig. Denn nicht wenige Pflegende stürzt der neue Umgang mit Besuchsregeln in ein Dilemma, dem sie sich schwer entziehen können. Wir sind gewohnt, den Beruf aus humanistischen Gründen, möglichst individuell und am Patienten orientiert zu planen und auszuführen. Humanismus (eine seiner Wurzeln ist Kant) sagt, dass kein Leben ein anderes beschneiden darf. Auf dieser Basis handeln nicht wenige, die von sich selbst sagen, sie seien berufen. Alle Menschen haben dabei die gleichen Rechte.

Doch nun sind die Grundrechte eingeschränkt zum Wohle aller. Tatsächlich befinden wir uns nicht in Zeiten des Humanismus. Wir befinden uns quasi im pflegerischen Utilitarismus. Das Wort kommt von utility, Nützlichkeit, und bedeutet im philosophischen Ansatz, dass das Wohl des Einzelnen dem Gesamtwohl unterworfen ist. Deshalb sollen alle daheim bleiben, auf ihre Grundrechte teilweise verzichten. Zum Wohl der Gemeinschaft wird dabei die Pflege (und andere systemrelevanten Berufe) doppelt belastet. Zum Wohle der Gemeinschaft ist die Quarantäne für Pflege eingeschränkt, gelten Gesetze nicht mehr.

Das Dilemma besteht darin, dass nun professionelles Handeln sich nicht mehr grundsätzlich am Einzelnen ausrichtet. Und nicht ausrichten darf. Auch, wenn es das Wohl des Einzelnen wäre, jetzt inmitten seiner Familie zu sein, muss auch das Wohl der Schutzbefohlenen sich dem Wohl der Gemeinschaft unterwerfen. Das bedeutet, dass den Mitarbeitern klar sein muss, dass die Besuchsbeschränkungen keine fiese Sache sind, sondern das Wohl der gesamten Gesellschaft nur bestehen kann, wenn Pflegende safe sind. Es ist einfacher für Ihre Mitarbeiter, das durchzuhalten, wenn Sie das mit ihnen bereden. Es bedeutet, dass das Absetzen der Masken keine coole Höflichkeit sind, sondern ebenfalls gefährdet. Es bedeutet aber auch, dass Ihre Patienten und Bewohner die Pflegenden mitschützen müssen. Nicht nur zum Wohl aller, sondern auch zu ihrem eigenen Wohl.

Das Dilemma besteht darin, dass dies die humanen Maxime schützt!

(Benedikt sagt, es gibt einen guten und einen schlechten Eifer, der vom Abt zu beobachten sei. (72,1;2) und es ist ein schlechter Eifer, jetzt außerhalb der Regeln zu agieren)

Schwächen mit Geduld ertragen

Nicht alle Mitarbeiter verarbeiten die Krise auf die gleiche Art und Weise. Es wird Zeit, dass wir eine Basis finden, über Gefühl zu reden. Das Gefühl, dass derzeit viele eint, ist Angst und Unsicherheit. Auch die, die bereits in Bergamo im Zentrum arbeiteten, berichteten von unfassbarer Angst, ihre eigenen Familien infizieren zu können. Teilweise war die Angst so groß, dass sich Kollegen selbst töteten. Es wird also Zeit, auch Ängste für voll zu nehmen, die unter normalen Umständen eher nicht kommuniziert würden. Ein einfaches „wie geht es Euch heute?“ wirkt da wunder. Auch, einfach mal über Angst zu reden (Wie steht es um Eure Ängste? Wie kann ich sie Euch nehmen?) kann so ein Gespräch eröffnen. Die Plattform dafür kann Skype sein.

Achtung! Bereits jetzt finden Interaktionen statt. Es gibt Teams, die die Befürworter der logischen Maßnahmen dissen, weil „die Tatsache, dass wir unsere Pause nicht zusammen machen können, unser Team zerstört“. Wer da zur Logik aufruft, wird schnell zu dem, der das ganze Team hasst und quasi zerstören will. Seien Sie sensibel für solche Gruppendynamik. Es kann nicht sein, dass nun die, die die Schutzmaßnahmen konsequent betreiben, hintertrieben werden. Mobbing ist schon vor der Krise kultureller Bestandteil von Pflegeteams gewesen. War er vorher schon unerträglich für Menschen in einem sozialen Beruf, kann er jetzt zur tödlichen Gefahr werden, wenn die Maßnahmen gelockert oder hintertrieben werden. Es geht nichts (auch das wusste schon Benedikt) ohne den Beistand des anderen.

Es ist jetzt Zeit, sofort positive Rückmeldungen zu geben. Die soziale Distanz meint keinesfalls, dass man jetzt nicht mit guten persönlichen Worten auch mal zeigen könnte, dass Wertschätzung im Strudel des Chaos nicht unterginge. Was schließlich bleibt gerade sonst noch?

Für all das ist jetzt Zeit. Papier schreit Sie nicht an und kann warten. Aber an Ihrer Seite arbeiten Menschen, die in Presse und Vokabular oft genug unter „Häuser, Heime, Kliniken, Betten“ subsummiert wurden. Sie führen kein Haus! Sie führen Menschen.

P.S. den Managementmagazinen war dieser Beitrag zu progressiv. Das sagt viel über die Kultur des bad Leadership

Hier noch n Link zum philosophischen Dilemma.

https://www.nzz.ch/feuilleton/coronavirus-warum-der-humanismus-dem-utilitarismus-ueberlegen-ist-ld.1549687?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub

+++ Eil+++ Arne Evers arbeitet! +++Eil+++

Seit gestern ist völlig unklar, was Satire darf. Aber das hat jetzt eine neue Stufe. Arne Evers hat einen neuen Artikel bei Bibliomed.

Wir sollen staunen.

Arne Evers möchte uns mitteilen, dass er jetzt arbeitet. Als PDL muss er jetzt ganz viel organisieren. Darüber gibt es einen seitenlangen Artikel.

In dem Artikel wird mit keinem Wort die übermenschliche Leistung seiner Mitarbeiter erwähnt. Aber der Arne, der muss jetzt ganz viel arbeiten.

Während sich allerorten PDL s die Hacken aborganisieren, Material organisieren, schafft es Arne noch, n flotten Artikel zu schreiben. Während alle unter Lebensgefahr schindern, möchte uns Arne mitteilen, wie fleißig er ist.

Leute, was darf Satire? Und weshalb?

Ich kenne viele PDl, die jetzt organisieren. Die schreiben keine Artikel, die loben ihre Mitarbeiter und stehen ihnen zur Seite.

Ich spare mir jetzt den ganzen Kram über Narziss, der sich selbstverliebt im See selbst anschaute. Ich verrate über die Mythologie aber soviel: er ist letztlich von Raubtieren in der Arena getötet worden.

Liebe Mitarbeiter von Arne. Ich bin sicher, Ihr macht einen tollen Job und ich möchte Euch dafür danken. Ich kann mir vorstellen, das ist eine schwere Zeit für Euch. Leute, das Peterprinzip ist stark in der Pflege. Verzweifelt nicht.

Ciao, Monja, die sich mal die Eckzähne feilen geht. *roarrr* *fremdschämend gesendet*

Ja, das ist jetzt in der Krise echt die Frage, die sich ALLE stellen: Was macht Arne?