Was die Politik meint, wenn sie bei Vivantes von „schlechten Arbeitsbedingungen“ spricht: ein Blick unter den Teppich

Nachdem Sin_azucar vor ein paar Tagen in ihrem Blogbeitrag vom Exodus der gesamten Station 12c aus dem Auguste-Victoria-Krankenhaus Vivantes berichtete, ist eine Menge geschehen. Durch Eure Aufmerksamkeit, für die ich Euch herzlich danke, ist die Presse aufmerksam geworden und in jeder Zeitung war zu lesen, dass die Station geschlossen den Konzern verlässt.

Am Dienstag wurde politisch getagt. Statt sich nun mit der Frage auseinanderzusetzen, was zum Exodus der Station geführt habe, mahnte Gesundheitssenatorin Kalayci an, die Krankenhäuser müssten die Pflegesituation verbessern. Man sprach von „Kanibalismus unter den Kliniken“.

Ich finde den Vergleich unsäglich und befremdlich, denn das St. Joseph hat nichts weiter getan, als bessere Bedingungen geboten. Auch die Politik spricht von Bedingungen. Diese seien, so vermutet der FDP Politiker Thomas Seering, in städtischen Kliniken besonders schlecht.

Wenn die Politik von Arbeitsbedingungen spricht, dann meint sie nicht wirklich Bedingungen. Arbeitsbedingungen sind etwas Messbares. Sie meint tatsächlich mit diesem Terminus, das Aushalten von struktureller Gewalt.

Ach ja, ein Funfact. Vor ein paar Tagen veröffentlichte Frau Kalayci ein liebliches Foto aus dem Dominikus Krankenhaus Berlin. Dort, so schrieb sie, gäbe es nur glückliche Pflegekräfte. Dass auf dem Bild nicht eine einzige Pflegekraft zu sehen war, ist nur ein Aspekt. die Mitarbeiter des Dominikus haben bis zu 1200 Plusstunden. EINTAUSENDZWEIHUNDERT! So also sehen für die Politik glückliche Pflegekräfte aus: unsichtbar und überarbeitet. Mehr muss man eigentlich zu Frau Kalayci und ihrer Haltung gegenüber Pflege nicht wissen.

Liebe Politik, wenn eine Klinik verspricht, keine Gewalt anzuwenden, ist das das Gegenteil von Kanibalismus. Es ist Humanität.

Nach dem Blog haben sich mehrere Mitarbeiter gemeldet und ich möchte einen Teil davon hier veröffentlichen. Damit jeder weiß, was Vivantes durch ihre sogenannten „Arbeitsbedingungen“ Pflegenden zumutet. Und warum die Leute gehen.

Natürlich gehen die Leute, weil die Nurse-Patienten-Ratio unter diesen Bedingungen nicht zu schaffen ist. Aber es gibt auch andere Probleme:

Vivantes hat ein Problem mit sexualisierter Gewalt!

-eine Hebammenschülerin des AVK wurde durch einen Oberarzt sexuell belästigt. Als sie sich beschwerte zeigte sich, dass sie keinesfalls der erste Fall war. Es ist unbekannt, wie lange der OA so handeln konnte, am Ende war er fort. Das hört sich gut an, aber er ist nicht der einzige Fall.

-ein externer Lehrer und Arzt belästigte die Auszubildenden der Pflege. Er wurde nicht gekündigt, denn er „wisse doch so viel“. Lediglich in zwei Kursen durfte er nicht mehr unterrichten.

Unter diesem Aspekt klingt es besonders zynisch, wenn Vivantes in eine Ausbildungsoffensive gehen möchte. Da lernen schon ganz junge Menschen, dass ihre körperliche Unversehrtheit nicht gewährleistet wird und sich unter dem uralten Paradigma von „Pflege ist Liebe“ keinesfalls Schutz für alle verbirgt.

Ausbilder drohen mit körperlicher Gewalt

— eine festangestellte Lehrerin unterrichtete sehr veraltetes Wissen, dieses widersprach auch der von ihr verwendeten Literatur. Mit Widerspruch konnte sie jedoch nicht umgehen und drohte dann auch schon mal mit 1L Glasinfusionsflaschen zu werfen. Die Fachbereichsleitung „handelte“ in dem sie ihr nicht mehr „so“ wichtige Themen zukommenließen, denn man könnte sie ja nicht kündigen oder so, sie sei kurz vor der Rente.

Im KFH (Kaiser Friedrich Krkhs) spricht man von „Terrorregime“

So berichtet eine Quelle:

– „die PDL Lemke (hieß sie glaube ich, ist mittlerweile in die Zentrale gewechselt) hat wohl von der aktuellen und damaligen PDL des KFH geheime Informationen zu Personalakten erhalten. Die KFH Leitung wurde darauf gekündigt. Seit diesem Sommer ist sie wieder PDL im KFH, der aktuelle Geschäftsführer des KFH ist wohl mit ihrem Mann bekannt und hat sie wieder eingestellt. Über die Hälfte der Stationsleitungen war am Überlegen zu kündigen, da die Dame wohl eine Art Terrorregieme führt.

Schwangeren wird der Arbeitsschutz verweigert

-„Eine Kommilitonin die als studentische Kraft im Pool arbeitete, wurde schwanger und benötigte für das Arbeitsamt eine Bescheinung, dass sie nicht arbeiten könne. Der Betriebsarzt meinte, er benötigt eine Meldung dazu vom Fachbereichsvorgesetzten. Dieser fühlte sich nicht zuständig, da sie keinen festen Vertrag hätte, die Veträge ja pro Schicht abgeschlossen werden, der Rahmenvertrag dazu wurde ignoriert. Sie solle sich an die kommissarische PDL wenden (der Kandidat), dieser entgegnete ihr, was sie denn von ihm wolle. Er habe sich im System gelöscht, er kann da jetzt nichts machen. Außerdem hat sie ja keinen Vertrag. (Der Betriebsarzt füllte ihr den Schein dann aus, um ihr helfen zu können)“

Kompetenz spielt keine Rolle und Arbeitsrecht auch nicht

-„Beim Aufbau der Komfortstation im AVK wurde lange Zeit nach einer Leitung gesucht. Der einzige hausinterne Kandidat wurde wegen mangelnder Eignung (BA oder MA Pflegemanagement und bereits stv. Leitung soweit ich mich erinnere) abgelehnt. Es wurde die Leitung der Komfort aus dem KSP (Spandau) genommen. Diese wurde von der PDL jedoch geschasst, da sie massiv Überstunden angesammelt hatte und er sie nicht für tragbar hielt. Sie nahm ein Viertel oder die Hälfte des Teams mit. Vorort zeigte sich, dass das KSP recht hatte. Die Anforderung an das Personal war, dass es mindestens eine Fremdsprache könne. Die Leitung konnte nur Deutsch und obwohl in Sachsen „studiert“ (DDR-Fachhochschule; ja thepretisch Studium aber ich habe mir sagen lassen, dass war eigentlich auch nur ne Ausbildung. Kollegin auf meiner Station war mit ihr zusammen in einem Kurs, die sagte das so) konnte sie noch nichtmal fließend sächsisch. Sie sammelte jedenfalls massiv Überstunden und forderte bei ihrem Personal ein jede Minute zu begründen, lehnte eine Begründung ihrer Überstunden aber ab. Sie führte spontan Personalgespräche ohne die Möglichkeit den Betriebsrat zu informieren, da es unteranderem auch am Wochenende war. Diese gingen teilweise Stunden, dass nur eine PFk auf Station war. In den ersten 10 Monaten der Station ging jede PFK, die fachlich etwas drauf hatte. Kolleginnen, die einen Illeus zum bsp. nicht erkannten, sollten Praxisanleiter werden. Aussage der Chefärztin der Inneren Chirurgie zu mir: „Wenn sie jetzt auch noch gehen, kann ich hier ja keinen Patienten mehr herlegen“. Ich war der letzte von 6 PFKs der ging.“

Die Leute kippen einfach um wegen der „Arbeitsbedingungen“

-„als ich von der Ortho gehen sollte, sollte ich auf die 12C wechseln. Ich hatte einige Wochen vor dieser Ankündung auf der 12B (Partnerstation der C) gearbeitet und war heillos überfordert. Die Kolleg*innen war super hilfsbereit, die Patienten auch. Aber für einen Anfänger war es bereits 2012 kein Arbeitsplatz. Die Belastung auf der Infektologie war so hoch, dass der langjährige Praxisanleiter, der 20 Jahre nie krank war, einen Herzinfakrt erlitt und einen dreifachen Baypass brauchte. Er fiel 6 Monate aus“

Der billigste Anbieter gewinnt

Die Politik spricht sich gerade in Berlin für das Verbot von Leiharbeit aus. Dadurch könne keine Stabilität der Versorgung gewährleistet werden. Der eigentliche Grund, weshalb die Laasingkräfte nicht mehrere Tage mit den gleichen Patienten arbeiten können, scheint aber dieser zu sein:

-„Seit ca 4-5 Jahren gibt es das Programm Insitu. Es organisiert für Häuser die Leasingkollegen. Problem: das günstigste Angebot bekommt den Zuschlag. somit können an 5 Tagen 5 unterschiedliche Kolleg*innen kommen. Ein Opfer dieser Umstellung unteranderem die 12C im AVK. Längst eingearbeitete Leasingkolleg*innen konnten nicht mehr gebucht werden, da sie zu teuer waren, oder nur an einem Tag das günstigste Angebot darstellten.“

Und da sind wir nur bei den „Bedingungen“. Von dem, was Pflege eigentlich ist, kann und will, hat keine der Quellen bislang gesprochen. Es ist kein Kanibalismus anderer Kliniken, diese sonderbare Behandlung von Pflegenden NICHT auszuüben. sondern normal. Es ist kein Verrat oder feiges Wegrennen. Es ist einfach der Selbstschutz, der die Menschen aus dem Konzern treibt. Und bei o.g. Mitarbeitern handelt es sich nur um zwei Mitarbeiter. Kümmern Sie sich endlich um die echten Missstände.

Die Frage bleibt: wie kann so etwas jahrelang unbemerkt von Presse und Gesellschaft bleiben? Und da sind wir beim eigentlichen Punkt: Pflege wird behandelt wie eine Verfügungsmasse, der man alles antun darf, weil sie ja „berufen“ ist. Die ist immer da. Die kann und darf so behandelt werden. Pflege ist der Fußabtreter der Gesellschaft und die Gesellschaft wundert sich, dass kein junger Mensch mehr Fußabtreter sein möchte. Passen Sie endlich die Gegebenheiten des Berufs an die der restlichen Welt an.

Die Selbstermächtigung einer Station, oder: was wir können, wenn wir an einem Strang ziehen

Ein Gastbeitrag von @sin_azucar

Ich hatte neulich einen Einsatz als Leasingkraft in einem Haus des Berlin-eigenen Vivantes Konzerns, dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Friedenau. Ich kannte das Haus nicht, musste mich erst zurecht finden, bis ich auf der 12 C, einer Station für Infektiologie und Onkologie ankam. Beide Bereiche sind mir recht fremd, so dass ich darauf angewiesen war, häufig bei den fest angestellten Kollegen nachzufragen. So kam ich ins Gespräch mit Rainer.

Rainer ist um die 50, trägt einen hochgestellten blauen Iro und ein echsenartiges Tattoo auf der linken Kopfhälfte. Er ist außerdem unfassbar fit im Bereich der Infektiologie, und ein wirklich freundlicher, souveräner Mensch. Überhaupt fiel mir bereits zu Beginn des Dienstes auf, dass diese Station anders ist: die Kollegen waren nicht die (Verzeihung) häufig anzutreffende Brathähnchenfraktion mit eher überschaubarem Horizont, sondern: professionell. Sie traten souverän auf, sie verfielen nicht in eine kindlich-süßliche Art des Umgangs miteinander, sie agierten (auch körpersprachlich) auf Augenhöhe und unter Wahrung gegenseitigen Respekts untereinander und den ärztlichen Kollegen gegenüber.

Zurück zu Rainer, mit dem ich irgendwann darüber sprach, dass die Privatisierung des Gesundheitswesens der Sündenfall…wir brauchten gar nicht weiter zu sprechen, sondern waren uns da sehr schnell einig. Und dann erzählte Rainer mir das Folgende:„Wir sind ja dann bald weg. Mal sehen wie‘s weitergeht, dann…“ – „Ach, haben viele gekündigt, oder wird die Station geschlossen?“ – „WIR haben gekündigt.“. Und auf meinen verwirrten Gesichtsausdruck: „Wir haben alle gekündigt. Die gesamte Stationsmannschaft. Inklusive der Ärzte.“

Das musste dann erstmal bei mir sacken. Kolleginnen, stellt Euch das vor!Und wie geht es dann weiter mit der Station?Nun, Rainer holte dann etwas aus: die Station, die ich gerade kennen gelernt hatte, war eine der ersten, die 1987 damit begonnen hatte, HIV-positive Menschen zu behandeln, und in den 90er Jahren die erste HIV-Schwerpunktstation bildete. Über die Jahre hatte sich ein Team zusammen gefunden, das offenbar enorm gut zusammen passte und aus sehr vielen sehr reflektierten Kolleginnen, auch ärztlichen, bestand. Dieses Team besteht in seiner Kern-Zusammensetzung seit rund 30 Jahren. Mit dem Aufgehen des Auguste Viktoria in den landeseigenen Vivantes-Konzern und der damit beginnenden Ökonomisierung des Krankenhausbetriebs wurde die Situation allerdings unschön:Mehr Patienten, weniger Pflegende, allgemein schlechtere Arbeitsbedingungen, wirtschaftlicher Druck. Missachtung der pflegerischen Leistung durch die euphemistisch „Arbeitsverdichtung“ genannte überbordende entmenschlichende Abfertigung von Kranken.

Die Kolleginnen taten alles, was man so tut, wenn man sich gegen die derzeit vorherrschende Situation wehren will: Beschwerden, Gefährdungsanzeigen, Gespräche, pipapo. Der Erfolg: gleich null. Und schließlich tat sich eine neue Möglichkeit auf.Über mir nicht bekannte Wege signalisierte ein anderes Krankenhaus Interesse daran, die „Station“ zu übernehmen. Ganz richtig, nicht nur hier einen, da einen, und vielleicht noch einen Arzt, sondern: alle.Es gab Gespräche, Treffen, man tauschte Vorstellungen aus und stellte Forderungen, und schließlichwar es soweit: die Kolleginnen kündigten geschlossen und werden im Laufe dieses Jahres gemeinsam ihre Station in Tempelhof neu eröffnen. Mit 10 Betten weniger bei gleicher personeller und ärztlicher Besetzung. Mit zusammen 500 Jahren an infektiologischer Expertise. Mit dem unbedingten Willen, ihre pflegerische Qualität aufrecht zu erhalten, WEIL ES DAS IST, WAS SIE VERDIENEN. Weil es das ist, was Patienten verdienen. Weil eine gute pflegerisch-medizinische Versorgung ein Menschenrecht ist.

Die Reaktion von Vivantes übrigens?Verwirrung, Schock, dann: ein bockiges „Na und? Dann geht doch. Wir können das auch ohne Euch.“ Und die Ansicht, dass diese Geschichte nicht unbedingt an die Öffentlichkeit gehört.Tja. Hiermit misslungen.Und die Moral von der Geschicht: Kolleginnen, nehmt Euch ein Beispiel! Wir haben derzeit alle Karten und alle Macht in der Hand, WENN WIR SIE ANNEHMEN und an einem Strang ziehen. Lasst Euch nicht von den Luftpumpen aus der Wirtschaft belabern, die uns weis machen wollen, dass nur Zahlen und Bilanzen zählen – das stimmt nicht. Lasst Euch nicht von Hierarchiejunkies erzählen, dass wir keine Entscheidungsbefugnis haben – dasstimmt nicht.Lasst Euch nicht von Nonnenabkömmlingen erzählen, dass unsere Pflicht den Patienten gegenüber liegt – das stimmt am allerwenigsten. Unsere Pflicht besteht UNSEREM Leben, UNSERER Gesundheit, UNSEREM Wohlergehen gegenüber, niemand anderem!In diesem Sinne: bildet Banden.

Die Dildofee im Altenheim oder : eine wahre Geschichte zum Nachdenken

von: Donna

Beitragsbild: Logo einer sehr guten und bekannten Firma, für die wir hier nicht werben. Symbolbild.

Wer jetzt einen reißerischen Blogartikel über GILFs und wüste Orgien erwartet, liest am besten gar nicht weiter. Hier geht es nicht um Pornofantasien oder irgendwelche pseudolustigen Andeutungen von Wegen „Ha Ha. Alte Menschen sind lächerlich“.

Es geht um die subjektive Auseinandersetzung damit, wie Bewohnerinnen mit dem Bedürfnis nach Beratung und dem Wunsch nach sexueller Autonomie an mich herangetreten sind.  Meine erste Berührung mit dem Thema „Sexuelle Bedürfnisse im Alter“ hatte ich schon während der Ausbildung und es waren ausnahmslos alte Männer, die mich belästigten. Bei manchen hatte ich das Gefühl, dass sie nicht im Krankenhaus lagen, um gesund zu werden, sondern jedem weiblichen Wesen, das den Raum betrat, ihre Genitalien förmlich ins Gesicht zu drücken (Wer das für übertrieben hält, kann unter #respectnurses bei Twitter nachlesen, dass solche Verhaltensweisen Alltag sind). Ekelhaft und so gar kein Ansporn, sich über Möglichkeiten der Gegenwehr hinaus damit zu beschäftigen.

Andere Facetten habe ich erst kennengelernt, als ich viel später in einem großen Altenheim gearbeitet habe. Genau genommen hat es damit angefangen, dass eine Bewohnerin mit hochrotem Kopf gefragt hat, wie sie wohl ihre Intimbehaarung loswerden könnte, ohne Pickel zu bekommen. Ich solle bitte nicht schlecht von ihr denken, sie habe sie nur loswerden wollen, wie sie in Verbindung mit Einlagen unangenehm riechen und ihre Selbstversuche seien schiefgegangen. Da sie sich unglaublich geschämt hat und sonst völlig selbstständig war, habe ich sie – auf ihre Dringende Bitte hin- ohne Akteneintrag entsprechend beraten und an eine geeignete Ärztin verwiesen (Ja, dafür hätte man mich wohl rausschmeißen können, aber die Bew. Brauchte keine Hilfe und hatte noch nicht einmal eine Akte- also keine Gefahr, selbst wenn der MDK vor der Tür gestanden hätte)

Was noch lange nachhallte, war der Gedanke daran, dass sie sich so sehr geschämt hat, dass sie mir mehrfach mein Versprechen abnahm, auf keinen Fall meinen Kollegen davon zu erzählen. So wie die meisten anderen, habe ich vorher NIEMALS auch nur einen Gedanken darauf verwendet, dass Frauen im Alter sich überhaupt noch Gedanken über ihren Intimbereich machen.

Das diese Art der Gedanken wahrhaftig nicht die einzigen sind, wurde über die nächsten Wochen klar. Dame A hatte Dame B anvertraut, dass ich ihr sehr geholfen hatte und Dame B dann Dame C etc. So Avancierte ich zur Beraterin für Intimfragen, die sich bald auch um Themen drehten, die die Sexualität betrafen. Immer mit sehr roten Gesichtern, immer sehr respektvoll, immer bereit, sich sofort wieder in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen. So erfuhr ich auch von unsensiblen bis rücksichtslose Ehemänner und letztendlich auch davon, dass etwa fünf der Damen gerne „modernes Spielzeug“ ausprobieren würden. Bei allen anderen drehte sich alles um die richtige Intimpflege und andere Fragen, die man allesamt so erwarten würde.

UFF. Die Frage nach Vibratoren hat mich erst einmal überfordert und ein paar Tage schwer beschäftigt und zwar auf ganz persönlicher Ebene. Wie sollte ich damit umgehen? Wie sollte ich den Damen erklären, dass mich ihr Vertrauen sehr ehrt, sie mir da aber womöglich zu viel zutrauen… besonders auch wegen der Einblicke in das Eheleben in Zeiten, in denen Man(n) Frauen ein natürliches Bedürfnis devot zu sein angedichtet hat (ja, gibt es- ist aber gerade nicht Thema), die ich hier nicht wiedergeben werde. Den Damen helfen wollte ich schon, aber im Internet wollten die Damen nicht einfach kaufen, weil man nicht weiß, was man da kauft und das Handling auch nicht erklärt wird- was für mich definitiv ausfiel.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Man kann sich, wie für einer Tupperparty, eine Beraterin buchen, die eine Auswahl des Portfolios mitbringt, alles erklärt und auch verkauft. Bei der Party selber war ich nicht dabei, aber den Erzählungen nach gab es viel Sekt und viel Gelächter. 

Vorher gab es aber einige Schwierigkeiten, denn aus Furcht vor Gerede musste nicht einfach ein Termin gefunden werden, sondern auch dafür gesorgt dass er zu einer Zeit stattfand, in der keine der Damen gesucht würde ( nicht alle waren komplett unabhängig), keine Verwandten vor der Tür stünden und auch sonst keiner Mitbekommen konnte, was da genau gefeiert wird. Die Beraterin musste ihr Auto mit der riesigen Firmenaufschrift weiter weg parken, sich unauffällig kleiden und durch einen Seiteneingang kommen, weil der Pförtner sofort gefragt hätte, wo sie hingehöre (zwei Koffer sind auffällig, besonders wenn die Besucherin fremd ist).

So viel Theater wegen ein bisschen Plastik und dem Bedürfnis nach Sexualität im Alter. Warum eigentlich? Von dem Bild der „gütigen Oma“ im Schaukelstuhl mit karierter Decke auf den Beinen haben wir uns doch schon lange verabschiedet. Warum konnten die Damen nicht einfach machen was sie wollen, ohne dafür so einen Aufwand zu betreiben? Imho gilt, dass jeder Mensch- ob Altenheim oder nicht, schamfrei dafür sorgen können sollte, dass es (ihm/ihr) gut geht. Das ist schon mit einer einzigen Voraussetzung machbar: das alte Menschen nicht dafür stigmatisiert werden.

Auf der einen Seite wird gerne betont, dass Sexualität ein menschliches Grundbedürfnis ist, aber auf der anderen regen sich Menschen (besonders gerne Angehörige) auf, wenn alte Menschen dieses Bedürfnis zum Ausdruck bringen. Übrigens. Mit „Zum Ausdruck bringen“ meine ich keineswegs Formen von sexueller Belästigung! Ich spreche davon, dass es schon reicht, wenn eine Dame und ein Herr um die 80 sich im Altenheim zusammenfinden und mehr tun, als „soooo niedlich Händchen zu halten“. Heftige emotionale Reaktionen, sogar Eifersucht der ca. 60 Jährigen Kinder auf den neuen Partner ( nicht selten aus Furcht um das Erbe), wüste Beschimpfungen der Mutter und erstattete Anzeigen gegen den neuen Partner- alles schon erlebt. Wenn Sexualität ein Grundbedürfnis ist, müssen wir uns definitiv damit auseinandersetzen. Ganz besonders auch damit, wo wir die Grenze ziehen.

Für mich gilt: Sexual Assistentinnen buchen- meinetwegen.

                        Selber handeln: Nein. 

Vermutlich das Gleiche, was die Meisten dazu sagen würden. 

Was mich aber zurzeit beschäftig sind eher Fragen wie: Was tun, wenn ein/e EhepartnerIn sich aufdrängt? Schließlich bedeutet es Einmischung in eine Ehe.

Wenn ein dementer Mensch sehr offensichtlich Bedürfnisse hat und immer wieder MA und BewohnerInnen belästigt?

Wenn Angehörige eine Partnerschaft nicht akzeptieren wollen und sich einmischen?

Was tun, wenn Belästigung oder gar Vergewaltigung aufgedeckt werden? Wie tritt man den Behörden gegenüber?

Wie respektiert man die Grenzen der MA die sich davon überfordert fühlen? Wie unterstützt man sie?

Ich denke, dass man sich mit diesem Thema durchaus beschäftigen sollte. Wenn Sexualität ein Grundbedürfnis ist, benötigen wir die Auseinandersetzung mit Sexualität im Alter besonders jetzt, wo wir allen Voraussagen nach besonders viele alte Menschen teilweise an Demenz erkrankt, aber körperlich noch relativ fit, versorgen müssen.

Sie alle mit Medikamenten ruhig zu stellen, finde ich weder ethisch angemessen, noch dem Anspruch an einen angenehmen Lebensabend gerecht werdend. Just Sayin.

Wie immer: Alle Ansichten subjektiv und nicht unbedingt Massentauglich. Ich wollte niemandem auf die Füße treten, außer er/sie/es hat es verdient.

Raus aus der Pflege? Zumindest im Kopf!

In der letzten Zeit hatte ich viele Gespräche mit Kollegen aus der Pflege und vielleicht kennt Ihr das auch: gerade wenn wir daheim Besuch bekommen, rollt mein Mann mit den Augen, wenn es sich andeutet, dass bestimmte Leute bei uns aufschlagen werden. Das Problem? Menschlich keins, sie sind wirklich lieb und nett, ABER: alles ist Pflege. Es gibt neben dem Beruf nicht ein einziges Thema, dass bedient werden könnte und für Außenstehende wird das dann schnell langweilig. Nicht nur das: Irgendwie kommt mir das Ganze auch mental nicht gesund vor.

Wie läuft das? Endlose Tagesblöcke arbeitet man im Schichtdienst, dann kommt noch der Haushalt, mental Load Familie, man ist platt. In den Sozialen Medien geht es dann mit Pflege weiter. Kongresse? Ja, klar, Pflege. Und wie sieht die Geschichte räumlich aus? Kliniken sind nicht von dieser Welt, sind eben nicht wie zum Bäcker Brötchen verkaufen gehen, wo man nebenan noch den Friseur zum Austauschen hat. Die Leute, die das mit dem Schichtdienst Mitttragen und sich zu den unmöglichsten Zeiten noch mit einander treffen sind – ha – aus der Pflege und die Themen, die man bespricht, sind – man ahnt es schon: Pflege. Sorgen. Nöte. Probleme. Manche der Kollegen sind an ihren freien Tagen noch im ehrenamtlichen Rettungsdienst (ich selber war jahrelang bei der Feuerwehr, ach, fragt nicht)

Irgendwann zieht sich die Schlinge zu. Ich habe Leitungskräfte, die berichten, ihre Mitarbeiter würden bei Vorträgen nichtmal einfache Statistiken verstehen, alles Neue scheint ja sowieso irgendwie bedrohlich zu sein, da ist irgendwas passiert, was sich von Außen fast so beurteilen lässt, wie eine berufsimmanente soziale Deprivation. Am Abend reicht es mit dem leeren Akku gerade zu seichtem Programm im TV. Und dann geschieht es, dass das ganze Leben nur noch Beruf ist. Die Statistik der GKV spricht von hohen Burnout-Raten. Wie dem vorbeugen? Wie erhält man sich eine gewisse Form der mentalen Gesundheit?

Fachzeitschriften raten dazu, sich eine bessere work-life-balance zu schaffen. Ja, das scheint mir erstmal aussichtslos, wenn ich mir die Realität betrachte. Mich machen solche Aufforderungen auch sauer, weil die ganze Last des Gesundbleibens und Ausgleichens beim AN liegt. Hm. Schwierig.

Gegen den Trott:

Ich kenne wirklich lange Stresstage in Phasen. Dann geht es bei mir 17 Stunden am Tag rund. DAs liegt (bei mir) daran, dass ich keine echten Arbeitszeiten habe und einfach durchmache, solange der Akku es hergibt. Damit ich durch diese Phasen komme, und nicht im Nebel versinke, stelle ich mir jeden Tag kleine Aufgaben, die nichts damit zu tun haben, was ich gerade arbeite. Ich gehe also vor die Tür (wie Ihr zur Arbeit) und suche mir ganz bewusst eine wirklich schöne Situation. Das muss jetzt nichts toll Spektakuläres sein. Blätter und Sonne können toll sein. Sonnenaufgänge sind toll. Käfer, Blumen.. sowas. Das fotografiere ich. Tagsüber ist das Bild mein Anker. Es zeigt mir, dass der Tag, völlig Wurst, wie er abläuft, nicht zu 100% nervig war. Und: ich erhöhe meine Achtsamkeit für einen Moment raus aus allem. Am Ende habe ich dann eine Collage der Phase.

Natürlich macht das nichts mit meiner Denke per se. Es gibt mir keine neuen Impulse. Und ich glaube eben, die sind wichtig. Hier wird es etwas Komplizierter.

Lesen! Tatsächlich lese ich gerne auch mal etwas außerhalb meiner Thematik, von dem ich absolut keine Ahnung habe. Also, schnappt Euch doch mal ein Buch, von dem Ihr annehmt, dass es eigentlich nicht für Euch ist. Ich habe gute Erfahrungen mit Philosophen (nicht mit den Großen anfangen, eher Neuere), mit Psychiatriebüchern und .. yeah: Reiseführern. Warum? Die sind äußerst kompakt und bieten viel Info auf kleinem Raum.- Blinkist lieber nicht. Mir geht es da immer auch um Sprache. Die App hat nur die Infos, aber das ist wenig.

Wenn Ihr keine Lust auf lesen habt, knallt Euch doch mindestens einmal im Monat ne Doku rein.

Noch besser ist es natürlich, wenn Ihr mal wieder im Museum oder in der Galerie verschwindet.

Kurse: Wenn Ihr den Luxus habt, ein bisschen auf Euren Dienstplan Einfluss nehmen zu können, dann macht doch mal einen Kurs. Die Volkshochschulen bieten da eine Menge an (steuerlich absetzbar) und ansonsten geht ja mal ein Tanzkurs, ein Kochkurs. Oder, da sitzen wir gerade dran: macht was Sinnloses. Einen Funkschein. Oder einen Bootsführerschein, es gibt sehr sehr günstige Golfkurse. Ja, einfach was, wozu Ihr gar keinen Zugang habt. Weil: nur so kommen neue Impulse in die Birne. Und die tun gut.

Und das muss überhaupt nicht zielgerichtet sein. Wir achten viel zu oft auf Effizienz. Aber doch nicht in der Freizeit. Ich züchte zum Beispiel seit Jahren sinnlos Andentomaten. Die sind einfach nichts für unsere Breitengrade aber hey… muss alles Sinn machen? (Einmal habe ich EINE essen können, naja… *schulterzuck*).

Ich glaube ernsthaft, dass es sich nicht nur für den Job und die Gesundheit lohnt, sich mal anderen Dingen zuzuwenden, nicht NICHTS zu tun. Man lernt da auch tolle Leute kennen. Die.. einfach keine Ahnung haben von dem, was Ihr arbeitet. Und mit denen Ihr auch mal über ganz ganz andere Dinge machen könnt.

Am 25.1. ist zum Beispiel der nächste Careslam in Berlin. Sechs Kollegen spielen Theater. Macht doch mal mit 😉

Liebe Grüße und ein superschönes Wochenende für Euch

"Ich könnte das nicht!": Pflege und Sexunfälle, oder: was ist ein attraktiver Beruf? CN: ALLES!

Der Mensch schwitzt, uriniert (hell, eiweissflockig, dunkel, trüb, Azetongeruch), defäkiert (normalgeformt, schleimig, breiig, dunkel, hell, ungeformt, blutige Auflage), sezerniert (Nasenborken, Gaumenschleim, Hautfaltenschmutz), blutet (venös, arteriell, krustig, schorfig), Ohrenschmalz, Fußgeruch, Borken im Bauchnabel, im Sonnenschein glitzernde Hautschuppen, wenn man die Thrombosestrümpfe auszieht..sie rieseln überall, Myriaden von Milben siedeln um auf meinen Unterarm und auf meine Kopfhaut.

Hatte ich Schuppen, Tränensteine, Spucke (sabbernd, glibbernd, fädenziehend) und Fingernagelschmutz schon erwähnt? Fäkalkollektoren, Inkontinenzmaterial, Urinstäbchen und -beutel, Sonden, Drainagen, Liquorpunktionen und Pleurapunktionen. Es gibt nichts, was mir nicht schon über die Hände gelaufen wäre, wie Anderen die frische Maibrise im Frühling und der warme Sommerregen.
Pflege muss dringend attraktiver werden, aber ich weiß nicht, ob wir alle das selbe meinen.

Genitalschleim jedweder Coleur lasse ich mal weg.
„Ich könnte das nicht!“ Los, Hände hoch, wer das schonmal gehört hat. Offenbar sehe ich aus, als wäre das ganze Zeug mein Lieblingstraum und als könne ich ohne nicht leben.
Ich könnte das ganz gut.
Darüber kannste eigentlich mit keinem reden. Vor 5 Jahren saß ich das erste mal bei den Eltern meines zukünftigen Mannes und es kam, wie es kommen musste: „Du bist also Krankenschwester?“ „Hm“ *nickt* , „Was machst Du denn da so?“
Schnapp! So geht die Falle zu! Bloß nicht antworten!
Es gibt zwei Möglichkeiten. A) Du erzählst irgendwas Belangloses und irgendwer am Tisch stöhnt „Ich könnte das nicht!“ Oder B) Du sagst die Wahrheit, dann bist du raus! Die Wahrheit klänge irgendwie so, wenn ich meine Begegnungen mit merkwürdigen Sexualpraktiken anderer Menschen aufzählen würde:
Irgendein Vollpfosten hat sich eine Brennessel in die Harnröhre gesteckt, weil er keinen Ingwer im Haus hatte, um ihn sich in den Hintern zu stecken, weil das angenehmer brennt. Ich könnte das nicht. Und ich habe seitdem ein Problem mit Ingwer.

Ein anderer hat sich ein Brett mit einem Metallgegenstand gebaut, das hat er über die Badewanne gelegt und sich rittlings draufgesetzt. Leider war er kein Tischler und das Ding ist mit Analstöpsel aus Metall mit ihm in die Badewanne gerauscht. Ich könnte das nicht! Und der Bauchchirurg hat Stunden gebraucht.

Ein Drogie hatte Sex mit seiner Freundin, die ihm den Hodensack aufgerissen hat. Die Hoden hingen ohne Sack frei in der Gegend rum. Leider war er aggressiv und wollte den Hodensack nicht nähen lassen. Er verschwand aus der Notaufnahme und die Polizei musste ihn suchen. Ich könnte das nicht. Und es war total eklig, diese hodensacklosen Hoden in der Hand zu halten. Seitdem habe ich ein Problem mit diesen Kinderglibberaugen zum Lutschen.

Der Nächste hat sich eine Kugelschreibermine in die Harnröhre eingeführt. Leider war die Feder dran und kam nicht mehr raus. Notfallmäßig haben wir ewig geprökelt, bis wir das Ding wieder ans Tageslicht gezerrt hatten. Ich könnte das nicht. Seitdem habe ich eine Affinität zu Füllern.

Ein Typ hat in der Superillu gelesen, dass eine Zecke verschwindet, wenn man Pattex draufschmiert. Er war gründlich und nahm eine ganze Dose. Die trocknete auf seinen Schamhaaren an. Um die Zecke zu ziehen, musste ich ewig lange über seinen Schamhaaren präparieren, der Zecke drunter ging es super. Ich könnte das nicht, so selten blöd sein. Ich hatte dadurch ganz lange keine Zeit für das weinende Kind auf dem Flur. Ich habe „Arschloch“ gedacht.

Der NAW kam mit wehenden Fahnen. Ein schreiender, blasser Mann auf der Trage. Aus seinem Hintern guckte ein Stück Feuerwehrschlauch raus. Die Kollegen sagten, den Feuerlöscher selber hätten sie schon abgeschnitten. Ob das nicht nett wäre.
Der Typ hatte den Griff eingeführt. Sonen alten, mit Halteklammer dran. Die hatte sich dann in seinem Darm gelöst und Peng, das ganze Rektum zerrissen. Ich könnte das nicht. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich einen hysterischen Lachanfall. Das tat mir leid, denn der Typ hatte keine Narkose bekommen. Ich war Feuerwehrfrau. Seitdem habe ich ein Problem mit b-Rohren.

Eine Frau meldete sich am Counter. Sie sei im Bad ausgerutscht und auf eine Deoflasche gefallen, die in ihrem Hintern steckte. Das heisst, die Flasche nicht mehr, aber der Deckel. Wir haben eine Notfallendoskopie gemacht und den Deckel geborgen. Sie brüllte: “ Glauben Sie mir etwa nicht??“ Doch, doch. Aber ich könnte das nicht.

Der RTW brachte einen brüllenden Mann. Zwischen seinen Beinen hing eine 1,5 l Colaflasche. Dadrin war irgendetwas lilanes, zermatschtes. Es war sein Penis. Er hatte tatsächlich seine Colaflasche gepoppt, der Unterdruck hat seinen Penis – völligst zerfetzt. Er bekam eine Narkose aber wir bekamen das Ding nicht raus. Weil nun schon alles egal war, nahm ich eine Gipssäge, die ist ja oszillierend und gab mein Bestes. Was wir dann in der Hand hatten, war eine riesige handvoll blutender Brei. Wir sind mit einem Megaspeed in den OP gefahren. Es geht das Gerücht, der Urologe habe den Patienten gefragt, ob er seine Freundin (die Flasche) wieder haben wolle oder sich ne neue besorge. Wir haben die Flasche aber unter Eigentum aufgelistet. Man kann ja nie wissen.

Dem nächsten schreiende Mann fehlte einfach ein Stück seines Penis. Er blutete, wie die Sau. Das sah aus, wie ein Gewaltdelikt, als wenn ihn jemand schrecklich getreten hätte und ich fragte, wie das passiert sei. „In Marzahn!“ brüllte er. Ich fragte nochmal.
Er brüllte: „Na, beim Ficken!“ Ok, ehrlich? Ich könnte das nicht.

Manchmal an der Kasse im Supermarkt, gucke ich mir die Gestalten so an und denke für mich: ok, rechnerisch der, der, der und der. Menschen haben offenbar ein Problem mit Fäkalien, Urin, Schweiß und Sekreten. Sie haben offenbar aber weniger ein Problem, sich die irrsten Sachen anzutun. Das Problem dabei: sie tun das auch mir an, denn ich werden Teil des Erlebten. Manche Stories sind so krass – die kannste einfach keinem erzählen. Was machst Du denn da so Schönes?

Doch, Pflege muss dringend attraktiver werden, aber ich weiß nicht, ob wir das selbe meinen.

Eine Auszubildende erzählt…

Ginny, eine Auszubildende im dritten Jahr, möchte über ihre Erfahrungen reden…

Da unter dem Hashtag #respectnurses auf Twitter nicht nur der Umgang von Angehörigen und Patient*innen mit dem Pflegepersonal, sondern auch der Umgang zwischen Kolleg*innen, oft geschildert wurde, musste ich sofort an mich und meine Mit-Azubis denken. Ich bin derzeit im dritten Ausbildungsjahr und mir sind wieder viele Situationen in der Pflege eingefallen, in welchen der Umgang mit dem Auszubildenden – auch mit mir – wirklich absolut nicht in Ordnung war. Aufgrund der Umstände in der Pflege könnte man vermuten, dass untereinander ein Zusammenhalt der Pflegenden wenigstens bestehe oder man sich über Nachwuchs in der Pflege freue. Doch leider ist dies nicht immer der Fall. Ich denke, absolut jede Pflegefachkraft kann sich noch an einige negative Beispiele aus der Pflegeausbildung diesbezüglich erinnern. Ich persönlich und einige Bekannte haben es leider schon oft erlebt, dass Auszubildende auf Station beispielsweise dazu ausgenutzt wurden, Putzarbeiten zu erledigen mit dem Argument, dies sei ja ‚Schülerarbeit‘. Versteht mich nicht falsch. Mir ist klar, wie man beispielsweise seinen Arbeitsplatz hinterlassen muss und darum geht es auf keinen Fall. Interessant ist auch, dass ungefähr jede Person in meiner Berufsschulklasse schon erwähnt hat, dass manche Pflegende der Meinung sind, auf die Klingel zu gehen sei nur die Aufgabe von uns Schüler*innen. Dies ist mir schon passiert und war dann aber auch für eine Kollegin „falsch“. Ich musste Essen für die Patient*innen der Station austeilen, befand mich außerdem im 1. Einsatz meiner gesamten Ausbildung und kannte die ganzen Untersuchungen noch nicht auswendig und musste erst nachlesen und nachdenken, welche Patient*innen nüchtern bleiben mussten und welche nicht. Es klingelte zudem wirklich ständig und während die besagte Kollegin im Stationszimmer sitzen blieb, bin ich gefühlt von Zimmer zu Zimmer gelaufen und hab daher länger gebraucht mit dem Austeilen vom Essen. Schließlich stürmte die Kollegin aus dem Stationszimmer und schrie mich an, wieso ich denn so lange brauche, dass es schneller gehen muss und ich außerdem die Klingel einfach ausschalten und sofort wieder rausgehen solle. Da ich wirklich sehr laut angeschrien wurde, schämte ich mich sehr und dachte mir nur: „Wie denken jetzt wohl meine Patienten, die das gehört haben, von mir?“ Auch Kommentare wie: „Da du nicht ein mal die Vene getroffen hast, kann ich mir vorstellen, dass du bei dieser schlechten Koordination zu blöd zum Fahrrad fahren bist“ waren in manchen Bereichen an der Tagesordnung. So macht es natürlich Spaß, das Legen von Zugängen zu „lernen“. /ironyoff Prinzipiell stellt sich mir die Frage, warum es einigen Menschen nicht möglich scheint, konstruktive Kritik auszuüben, wenn man etwas nicht gut oder einen Fehler macht. Es ist klar, dass wir noch in der Ausbildung sind und daher alles andere als perfekt und superschnell. Aber sind nicht gerade wir die Zukunft der Pflege? Wir sind potenzielle zukünftige Arbeitskräfte auf den Stationen. Die meisten von uns möchten wirklich lernen und auch konstruktive Kritik hören, anstatt angeschrien zu werden. Hier ist ein häufiges Problem, dass einige Auszubildende sich eher nicht trauen, solche Dinge anzusprechen und sich zu verteidigen.

Ein Faktor, der hier nämlich mit hineinspielt, ist die Notengebung der Stationen. Wenn man nach einem Praxiseinsatz bewertet wird, dann überlegt man es sich lieber zweimal, ob man es anspricht, dass man sich nicht gerecht behandelt fühlt. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Das ist ein Satz, den viele von uns schon hören mussten – auch von Lehrkräften, wenn man Missstände ansprach. Dieser Satz mag zwar an sich irgendwo wahr sein, dennoch kann ich ihn trotzdem nicht mehr hören, da er immer genutzt wird, um solche Vorfälle zu bagatellisieren. Es gehört eben NICHT zu irgendeinem Beruf, sich anschreien oder beleidigen oder ausnutzen zu lassen! Verdammt noch mal. Weitere Sätze, die uns allen inzwischen echt zum Hals raushängen: – „Schülern kann man keine sehr gute Note in der Bewertung geben. Ihr seid ja schließlich nicht examiniert.“ -> Man bewertet doch nach dem Ausbildungsstand! Natürlich wissen wir nicht mal annähernd so viel, wie fertig ausgebildete Pflegefachkräfte. Selbstverständlich heißt das nicht, man soll dauernd grundlos die Note 1 vergeben. Ist es aber nicht irgendwie komisch, sie rein aus Prinzip NIE zu geben? – „Warum entscheidest du dich noch für den Beruf? Finde ich nicht gut. Warum macht das überhaupt noch jemand?“ -> der Hintergrund bei dieser Aussage ist klar, dennoch… das führt eher zu Demotivation. Ein weiteres großes Problem in der Ausbildung sind die fehlenden Anleitungen. Hier wird der Fachkräftemangel schon sehr früh ersichtlich.

Ich habe es erlebt, dass es auf manchen Stationen leider gar keine Praxisanleiter*innen teilweise gibt. Generell geschehen Anleitungen oftmals eher nur „nebenher“. Pro Einsatz müssen 10% der Arbeitszeit als Praxisanleitung gefüllt werden. Dies kann so gut wie nie gewährleistet werden. Am Ende vom Einsatz schreibt man dann doch teilweise irgendwas rein, um wenigstens ein bisschen was dastehen zu haben. In fast jedem Einsatz wird auch ein Grund für die Unterschreitung der Anleitungszeit angebeben: Personalmangel. Bei all diesen Gegebenheiten ist es nicht sehr verwunderlich, dass viele Menschen die Ausbildung schon abbrechen oder vorhaben, nach Beendung dieser einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Natürlich habe ich mich in diesem Post eigentlich nur auf negative Gegebenheiten bezogen. Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen und denen meiner Klassenkamerad*innen sprechen und möchte auf keinen Fall aussagen, dass es überall zu 100% schlecht läuft und alle examinierten Pflegefachpersonen nicht gut mit Auszubildenden umgehen. Gerade deshalb möchte ich aber allen Kolleg*innen, insbesondere engagierten Praxisanleitungen, danken, dass sie sich für uns Auszubildende einsetzen und auch wollen, dass wir einen Lernzuwachs haben. Solche Menschen schätzen ich und viele andere wirklich sehr. Wir sehen das definitiv, wie einige von euch sich so viel Mühe geben.

„Lieb Schwesterlein“: lieb, beliebt, beliebig. Von der Unmöglichkeit, gleichzeitig lieb und progressiv zu sein.

Hast Du ein schlechtes Gewissen, wenn Du Dich krankmeldest, bist Du schon versetzt worden, weil Du Veränderungen angestoßen hast, gab es Teams, in denen Du Dich unwohl gefühlt hast und wo Diskurse unmöglich waren? Warum das so ist, das liest Du hier..

Eins meiner Erweckungserlebnisse hatte ich in einem Spätdienst. Die (beliebte) Schichtleitung kritisierte das Vorgehen einer sehr jungen Kollegin. Die blieb ganz ruhig und sagte: „Danke, aber ich kann die Kritik nicht annehmen, weil….“ und führte ihre Argumente, die übrigens auf den Punkt und schlüssig waren, aus. Was dann folgte, war höchst interessant. Es entstand Gemurmel, Genörgel, die Schichtleitung war entsetzt, meckerte die ganze Zeit vor sich hin und die Stimmung war für WOCHEN im Eimer. Oh lala.

Pflege hat ihre Wurzeln, man kann das nicht oft genug betonen, im Kloster und im Militär. Darauf gründen sich die steilen Hierarchien, die Ihr im Alltag oft antrefft. Gruppen durchlaufen dabei Formungsphasen. Sie Bilden sich, sie normieren sich, und sie stormen (streiten sich). Das ist in Teams, die nicht Teil der Medizin sind, ein völlig normaler Prozess. In Kliniken ist das aber anders. Wer aus dem Kanon der Norm ausbricht, der wird schnell außerhalb der Gruppe angesiedelt. Harmonie ist das höchste Gebot. Wer diese vermeintliche Harmonie stört, der kann durchaus durch, sagen wir mal, schwierige Zeiten gehen, bis er wieder „artig ist und hört“. Konformität, Angepassten, gilt als das höchste Ziel.Nicht umsonst rufen oft noch ältere Patienten nach „lieb Schwesterlein“. Die meinen das ernst!

Insbesondere trifft es Menschen, die nonkonforme, querdenkende Neuerungen einführen wollen. Wenn es Dich also tröstet, und das sollte es, möchte ich Dir Menschen vorstellen, denen es genauso ging. Die auf das Übelste angegangen worden sind und.. am Ende dann Veränderungen geschaffen haben. Höre und staune.

  • Liliane Juchli, das hat sie mir bei meinem Interview erzählt, bekam massenweise Hassbriefe von Schwestern und Kliniken. Sie sei „der Teufel der Pflege“, sie „zerstöre die Krankenpflege“. Sie sagte mir, die Briefe hätten Leitzordner gefüllt!
  • Antje Grauhan, die einen Diplommediziner Pflege, also eine akademische Ausbildung forderte, stieß nicht nur auf taube Ohren, sondern gegen Wände. Bis heute unterliegt sie einer gewissen damnatio memoriae.
  • Sabine Bartholomeyczik berichtete in einem Artikel, ihr sei förmlich der Mund verboten worden.
  • eine Auszubildende verlor in den 70ern beinahe ihren Job, weil sie Überstunden abgegolten haben wollte. Das sei UNVERSCHÄMT!

Du siehst also, von ganz oben bis ganz unten hat das alles eine gewisse Tradition und Kultur. Woher mag die kommen? Dazu kann man (ich) nur Vermutungen anstellen. 85% aller Pflegenden sind weiblich. Frauen aber genossen noch bis vor kurzem die Erziehung, dass ein Mädchen „Lieb, artig, angepasst, nicht streitend“ sein soll. Frauen, die laut sagen, w as sie denken, werden noch heute als „hysterisch, krank, emanzipierte Fregatten (Körperlichkeit spielt hier IMEMR eine Rolle), zänkisch, widerborstig et al. “ gelabelt. Gar nicht selten werden sie auch pathologisiert.

Yvonne Falkner, die Initiatorin des Empowerments Careslam, gilt, das sagen sie ganz offen, als „narzisstisch, Borderlinekrank, verrückt“. Sie bekam von Pflegenden ein Label aufgedrückt – das übrigens völlig falsch ist. Was ihr Verbrechen ist? Sie leitet junge Kollegen auf der Bühne theaterwissenschaftlich an, über das, was sie im Beruf erleben, zu sprechen. Denn auch das ist ganz und gar nicht normal. Schon das Ansprechen gilt als zutiefst böse. Immer wieder lese ich im Netz: „Wenn man schlecht über den Beruf redet, dann trägt man nicht zu einem besseren Ansehen des Berufs bei“ Man diskreditiert ihn und andere also. Aha. Das ist schon ein bisschen weird. Nicht über Kritik reden zu dürfen. aber, das ist natürlich sowohl der Erziehung als auch der Kultur geschuldet. Artige Mädchen tun so etwas nicht. Nicht umsonst forderte Erwin Rüddel, gut über den Beruf zu sprechen, dann würde die Politik auch helfen. Dahinter steckt genau die Vorstellung. Im 19. Jahrhundert galt der Beruf als das, was Frauen (artige FRAUEN) eben naturgemäß könnten. Noch heute wird Artigen und Angepassten gefordert. Merkwürdigerweise auch von Pflege selbst s, nicht umsonst fordert diese Artigkeit ja auch die Riege alter weißer Männer (und Frauen) aus der Pflegekammer RLP in ihrem „feierlichen Versprechen“ ein.

Das hat Auswirkungen. Wer artig ist, gilt als „gut“, der kommt hoch. Dass hinter artig sein nicht automatisch Fachwissen steckt, davon können viele ein Lied singen. So berichtet Kollegin Veronica M. auf Twitter ganz oft (eine Frau mit unendlich Fachwissen), dass sie als „schlecht“ gilt, weil sie eben diese Konformität nicht mitmacht, und Fachwissen vor Gruppendynamik stellt. Oft fragt sie, ob das schon Asperger sei. Sie fühlt sich anders, krank, glaubt, dass Teamarbeit nichts für sie sei, dass irgendwas mit ihr nicht stimme. Doch, mit ihr stimmt alles. Nur, das Gefühl dafür hat sie verloren, weil die Normierung und Kultur so unfassbar greift. Daraus resultiert ein merkwürdiges Ding. Wenn nicht der hochkommt, der gut ist, sondern der, der lieb ist, dann ist Beliebtheit der Schlüssel für alles.

Macht einmal den Selbstversuch. Schaut Euch die Botschaften der „beliebten“ Blogs an. Alle konform. Alles süßlich. Je platter die Aussage, desto Love. Desto hoch. Herz und Mut haben das sehr clever genutzt.

Imagekampagne setzen nicht umsonst auf Humor (=nimm doch nicht alles so ernst) und Herz (liebsein, beliebtsein), aber wenn morgens 300 Individuen in eine Klinik gehen, sich uniformieren und alle lieb sind, resultiert daraus ein Brei, der nichts mehr hat. Ganz oft, bei Jubiläen, bei Kündigungen, wundern sich Leute, dass man ihnen nicht sagt, dass sie fehlen würden, dass die Anerkennung individuell sei (der Blog von Notaufnahmeschwester zum 30. Jubiläum). Nun, wer beliebt in Massen daherkommt, der ist schnell beliebig. Und wer beliebig ist, ist ersetzbar. Nicht anders ist es zu erklären, dass PDLs noch heute auf Austauschbarkeit setzen.

Wir schauen nochmal nach oben: wer etwas verändern möchte. DARF nicht konform sein. Das ist besonders tragischen weil Diskutieren bereits als Ausbruch aus der Konformität gilt. Wer etwas anspricht, ist böse. Der spaltet die heile Welt Pflege. Das Argument, dass dann oft kommt, ist „Meine Meinung“. Argumente gibt es nie. Im besten Fall wird gar nicht auf die Argumente eingegangen. Die Kultur ist so eingefahren, dass Tonepolicing gefahren wird. Tonepolicing ist, dass man sagt, der TON sei nicht richtig. Das kennen wir aus der Erziehung: „Nicht in dem TON!“ Was Tonepolicer vergessen: hier reden Erwachsene. Es ist nicht an ihnen, den Ton zu kritisieren. Der Ton wird meist kritisiert, um Frauen ihre Stimme zu nehmen. Die Botschaft ist: wenn Dein Ton, also DU, nicht NETT ist, dann höre ich Dir nicht zu und Du bist böse. Und böse Mädchen….. (ihr denkt es Euch schon). Was ich darauf sage: Mein Ton geht alle nichts an. Die Botschaft. Wer mich Tonpoliced, enttarnt sich. Gehe ich nicht drauf ein. Harmoniesucht ist in der Pflege en vogue. Diskurs ist Streiten, Streiten ist Böse. Das geht nun schon 150 Jahre so.

Deshalb geht es Dir schlecht, wenn Du dich krankmeldest, auf deine Bedürfnisse hörst, etwas ansprichst. Und es kommt noch wilder: in den Leitungskursen wird das gelehrt! Genau DARAUF zu setzen. Du hast Angst, unartig zu sein, emotionale Konsequenzen aushalten zu müssen. Das erziehen sie schon den Azubis an, indem sie ihnen hierarchische Plätze außerhalb der Pflegegruppe zuweisen und sie mit pflegefremden Tätigkeiten ausstatten. Wer freut sich nicht, endlich dazuzugehören, und nicht mehr Handtücher zu falten ..dazugehören und richtige Arbeit zu machen? Das setzt man nicht aufs Spiel, gell? Beliebtsein ist ein Problem.

Wie man sich dem Problem entledigt? Halte es aus, nicht beliebt zu sein. Wer liebt Dich? Deine Familie, Deine Freunde. Alles andere ist nur Arbeit. Je geborgener Deine eigentliche Situation, desto leichter ist das. Und bei jedem Trouble denke dran: Den Namen der Beliebigen beliebten kennt heute keiner mehr.

Sei wild und frech und wunderbar!

LIEBE Grüße