Ein halber Kaffee..

Ja, also manchmal wüsste ich gerne, wie ich es Euch literarisch beibringe, wenn mir die Spucke wegbleibt. Aber von vorn.

Als ich in meiner Jugend ehrenamtlich Rettungsdienst gefahren bin, gab es einmal im Jahr das große Fest beim Bundespräsidenten im Schloß Bellevue. Da dürften wir rein und auf dem riesigen Rasen gab es Scampis in Knoblauchsoße, Nudeln, Brot, Naschereien, alles, was das Herz begehrt. Günther Jauch und Blacky Fuchsberger unterhielten sich mit uns und natürlich BuPrä von Weizsäcker – ja, solange ist das her. Und ich würde sagen, das nennt man „alle Register gezogen“ für ein Dankeschön.

In meinem Leben haben schon viele Menschen/Männer alle Register gezogen. Rosen, Einladungen zum Essen, die Tür aufgehalten, mir in die Jacke geholfen, Danke gesagt, gelächelt… alles wunderbar. Da fühlte ich mich umworben und wertgeschätzt. Kann man so machen.

Nun das:

Ich weiß nicht, was Jens Spahn unter „alle Register ziehen“ versteht, aber ich kam ja aus dem Lachen nicht mehr raus. Erstmal geht mir das Gelaber vom Helden auf die Nerven. Helden arbeiten in der Nacht umsonst, haben Superkräfte und sind auf so Sachen wie ordentliches Gehalt nicht angewiesen. Aber dafür gibt es sie auch nicht. Pflegende gibt es. Was also wünschen sich Helden, von Jens Spahn ernannte Helden? Was ist „alle Register ziehen“ für die Pflege?

Ein Besuch im Bundestag: Leute, da fahre ich täglich dran vorbei. Da steht vorne dran, WEM das Ding gehört: DEM DEUTSCHEN VOLK. Ich will gar nicht auf Volkskram hinaus, das Haus gehört den Bürgern dieses Landes. Sie brauchen keine Einladung, um da reinzugehen. Die Kuppel wurde sogar so gestaltet, dass die Bürger darin spazieren können und ein gläserner Pfeil zeigt nach unten in den Plenarsaal, der symbolisiert: Alle Macht geht von den Menschen aus, die in dieser Kuppel spazieren. Also Danke, Jens, dass die Bürger in den Bundestag, weil sie Helden..äh oh wait!

Gab es Blumen? Einen Wellnesstag? Was Ausgefallenes? Nein! Was gab es? Einen Cappuccino! EINEN HALBEN KAFFEE! Ich halte es nicht aus, Ich will nicht despektierlich sein, aber really? Ich habe in meinem Büro eine Maschine, die das Zeug macht. 1, 50???????

Die Notaufnahmeschwester bekam ja zu ihrem dreißigsten Dienstjubiläum einen halben Pulli (https://notaufnahmeschwester.com/2017/08/24/ein-halber-pulli/) aber das da schlägt doch dem Fass den Boden aus. Wenn das alle Register sind, dann wundert Euch nicht.

Ich bin noch unsicher: lach ich drüber oder nicht? Ich weiß es nicht. Ein halber Kaffee… Ich geh vor Schreck mal n ganzen Kaffee trinken.

Ein OP-Buch von 1926

Letztes Jahr  habe ich ein OP-Buch von 1926 durchgearbeitet (und 36-38). Ihr wisst schon, die lästigen Teile, die früher der unsterile Springer bepinselt hat. Uff. 21.09.26. Frau Schnellbügel… der Name ist Programm, hat eine Haarnadel in ihrer Harnröhre. Leider so hoch geschoben, dass nur eine Sectio alta hilft. Ich finde Lokalanästhesien. Bei Anus praeter Anlagen, bei Schädeloperationen, bei Rückenmarksoperationen und bei Billroths! Mir wird übel beim Lesen. Ein Doktor, der sich wohl verletzt hat, lässt sich aber für ne Kleinigkeit Äther geben. Ich finde Aborte, unfassbar viele Aborte.. sicher 700. Ich finde auch „Nadel in Vagina“ – und es ist klar, was das bedeutet. Logisch, es ist ja 1926. Die Leute haben kaum Geld. Ich finde einen Mann, dem sie das Rektum in Lokaler amputiert haben. Ich finde Betriebsunfälle von Krankenschwestern. Eine ist mit der Urinflasche aus Glas ausgerutscht. Die ganze Hand und die Sehnen sind zerschnitten. Eine andere hat einen Abszess im Gesicht. So viele Infektionen auf der Onko, sagt sie. Die Charite verneint das. Beide arbeiten wieder in einem Zustand, als die eine die Hand nicht öffnen und schließen kann und die andere noch die Tamponade im zerschnittenen Gesicht hat. Keine hat noch Familie, heiraten dürfte man auch nicht. Ich finde Loyalität. Viele Kolleginnen unterschreiben als zeugen die Berichte. Ich finde einen Mann, den sie eingewiesen haben, weil er Stimmen hört. Ein Dialog ist angehängt. Das Aufnahmegespräch. Nach dem, was er berichtet, gehören wir alle in die Klapse. Er machte sich Gedanken um die Zukunft. Dafür wird er nach Kladow gebracht , was er nie mehr verlassen wird. Die Archivarin tröstet mich: „Läuft heute nicht gut, hm?“ Ich sage, nee, heute nicht. „Archiv halt“ sagt sie. Morgen wieder.

Mit dem Latein am Ende… 50 Deklinationen von Grau

Ich habe heute den Eintrag aus meinem Lateinsemester gefunden, was besonders dramatisch ist, weil ich die Endungen noch immer an den Fingern abzähle.

Heute vor 5 Jahren in einem Kurs, in dem eine Frau mit schwarzen Haaren, schwarzer Lederhose und mit einer düsteren Aura uns gezwungen hat, merkwürdige Sachen zu sagen.

Quinginta declinationes cani Leute

Einige Worte über Latein. Latein läuft so ab, dass man zuerst gewahr wird, dass man eeewig nichts mit Grammatik zu tun hatte und keinen Fall und keine Zeit mehr benennen kann. Das ist ein Schock für sich. Dann geht der Spaß auch schon los. Deklinieren mit Abzählen an den Fingern und stammeln… “ -a, -ae, -ae, -am, -a. Nach viel Theater kann man dann einen Zweiwortsatz sagen, wie ein Einjähriges. Das ist ein sehr und äußerst demütigender Zustand und nahezu würdelos.Lesen geht genauso übel lahmarschig und hat was von den Typen, die in der Ersten noch nicht lesen konnten und mir so unendlich auf den Kindersack gingen. Das Ergebnis fördert dann so sinnentleerten Kram ans Licht wie “ Das Volk grüßt den Kaiser.“ und wieder ein Dejavu. Unsere ersten Russischsätze ergaben “ Anna geht über den roten Platz.“ und wer kennt es nicht? Wer hat nicht schon tausende Male vor der Frage gestanden; was um Himmels Willen heisst “ Anna geht über den roten Platz“?? Keiner. Genau. Ich könnte mich natürlich mit Sonnenbrille in die Vorlesung setzen und einfach die Seiten nicht angucken. Vielleicht verschwindet dann die Sache, wie sie aufgetaucht ist. Wie Röteln oder die Gummibären in meinem Schrank. Überhaupt, eine völlig doofe Sprache, die nicht mal Gummibären KENNT! Wer will schon doofer als so ne doofe Sprache sein?

The [Real!] Odor of Disgust

In meinem Beruf gibt es Dinge, die sind relativ leicht zu rekonstruieren. Zum Beispiel ist es einfach, rauszufinden, wann die Sissi den Franzl geheiratet hat und so Dinge. Aber es gibt sehr sehr flüchtige Phänomene, wie Geräusche und Gerüche, die eben schon 1000 Jahre verklungen sind und die sich nicht so einfach wiederfinden und beweisen lassen. Um das einigermaßen hinzubekommen, gibt es den Zweig der Emotionshistoriker, die sehr einfühlsam rekonstruieren, wie sich Dinge und Situationen angefühlt haben. Ich hatte das große Glück, eine lange Zeit bei einer von ihnen zu arbeiten.

Zu den großen Ehrungen gehört es, wenn Dich ein Kollege (in dem Fall meine ehemalige Chefin) einen Text von sich probeweise lesen lässt. Das hat sehr verschiedene Gründe. Zum einen möchtest Du verstanden werden, zum anderen ist das natürlich das pure Vertrauen in ehrliche Reaktion und kritisches Lesen. Und so bekam ich vor ein paar Wochen die große Ehre, in einen Artikel schauen zu dürfen, der sich mit dem Geruch von Krebs auseinandersetzt. Meine Chefin schreibt großartig. Ich erwartete, dass mir sogleich die Gänsehaut den Rücken hoch und runterlaufen würde. Aber… das passierte nicht. Und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass mein Ekel an der Stelle leider bereits kaputtgegangen war. Das machte wiederum ein anderes Problem, denn ich sitze gerade an einem Kapitel, das mir aufgibt, mich sehr genau mit dem historischen Geruch von Fäkalien auseinanderzusetzen.

Krankenschwestern und Fäkalien. Ich kam mir ja vor, wie frisch in die Klischeeschublade aus der Hölle eingesperrt. Natürlich. Rufen Sie eine Krankenschwester und Fäkalien sind Lappalien. Ich nörgelte. Warum ausgerechnet ich? Was ist zu beweisen? Shigellenenteritis riecht nicht lecker. Kam mir einfach vor. Auf gings. Zu meinen Großtaten auf der ZNA gehörte es, einmal ein Pärchen mit Knollenblätterpilzvergiftung betreut zu haben. Was soll ich sagen? Es dauerte 10 Minuten und wir haben die komplette ZNA evakuiert, weil der Gestank so erbärmlich war. Alle raus. Alle..naja, fast alle, außer natürlich ich, die ich, bewaffnet mit einem sehr persönlichen Kotzeimer und ohne Hoffnung, im Schockraum stehenbleiben musste. Das Leben kann gemein sein. Ich vergesse das nie. Was also soll an dieser Recherche jetzt so schwierig sein? Zack, sprachs und schlug die Bücher auf.

Wisst Ihr was? Da steht nichts über Gerüche. Unfassbar, aber wahr. Nichts! Das ist bis zu einem gewissen Grad logisch, denn was beweist der Geruch schon? Aber Nichts? Dig deeper? Tagelang also schaute ich in alle möglichen Bücher und fand keine Ruhe. Hier eine Auswahl:

Erstmal suchte ich in alten Hebammenbüchern. „Der Stuhlgang des Säuglings ist in den ersten Tagen durch die Ausscheidung des Kindspechs schwarzbraun, später wird er so wie Rührei.“.. Das hat mir mein Frühstück versaut, aber nicht weitergeholfen.

„Während des fieberhaften Krankseins hat der Kranke täglich 3-6 übelriechende erbsbreifarbige Ausleerungen.“ (1941), Hurra, wenigstens rechts jetzt mal übel bei Typhus.

„Die Träger des Contagiums sind die Darmausleerungen Typhöser; die Intensität des Contagiums steigert sich mit der Zersetzung der Dejecte [Ausscheidungen]. Ein mit in Zersetzung übergegangenen typhösen Dejecten gefüllter Nachtstuhl in warmen Krankenzimmern ist daher eine sehr gefährliche Sache, zumal auch die dunstförmigen Exhalationen der Dejecta das Krankheitsgift enthalten. Die übeln [sic] Gerüche der Dejecta sind jedoch keineswegs identisch mit dem Typhusgifte und selbst wenig übelriechende Stuhlgänge können sehr verderbliche Exhalationen verbreiten.“ (1870), ja das ist schon nicht übel….. diese verderblichen Exahalationen.

„Die Entleerungen beim Stuhlgange sind dünn, gelblich, sehr übelriechend.“ wollte man Leuten auf Kauffahrtsschiffen mitgeben. Und am Ende schrieb ich das alles zusammen und war sehr unzufrieden, weil es mir einfach nicht eklig genug vorkam. Dazu kam, dass in der Zeit, in der ich mich bewege, nicht gut riechen noch gefühlte 10000 andere Dinge bedeuten kann. Die schrieb ich auch auf. Alles!

Aber vom Stuhl (hahahaha) gehauen hat es mich nicht. Der Text musste also raus zum Probelesen. Ging er. Er ging an meine Lieblingskollegin, die den Vormittag damit zubrachte, ihn sich vor dem Mittag reinzuziehen. Ich bekam ihn zurück mit den Worten: „Es war wie in der Kindheit. Eklig, aber irgendwie auch spannend!“ Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet.

Meine Kollegin ist rechts…

Meine Kollegin ist rechts und ich kann nichts dagegen tun. Ich weiß an der Stelle nicht, ob „rechts“ noch ausreicht, um das Problem zu beschreiben, aber was ich ganz sicher glaube ist, dass ich verstehe, wo wir beide so unterschiedlich abgebogen sind und ich möchte versuchen, das zu beschreiben.

Ich habe mich in meinem (neuen) Beruf sehr bewusst dafür entschieden, mich mit der Zeit zwischen 1933-45 nicht zu befassen. Ich weiß trotzdem sehr viel darüber, aber ich halte, im Gegensatz zu manchen anderen Kollegen, diese Quellen nicht aus. Ich habe einmal den Verbleib von 400 Ärzten recherchieren müssen und ihre Biografien. Witzige, kluge, junge Menschen. Ich durfte hinter ihr Leben gucken, wie sie sich verliebten und wie sie lebten… und das war schön zu sehen. Ich habe dann viele der Spuren verloren, und am Ende nur noch Stolpersteine gegoogelt und mit Yad Vashem kommuniziert. Ich halte das nicht aus. Einer der Professoren, bei denen ich gelernt habe, hat diese Zeit erlebt. Wie er es aushält, darüber wieder und wieder zu lesen, ertrage ich kaum. Bei den Berichten ekele ich mich, nicht vor dem, was da medizinisch oder faktisch steht, sondern vor der Kaltblütigkeit, der Verrohung, dieser … Widerwärtigkeit, dieser Stumpfheit im Kopf. Dieser Stein im Magen, acht Stunden am Tag und am Abend geht es nicht weg. Hannah Arendt nannte es „empörende Dummheit“, aber das reicht gar nicht aus. Diese Zeit macht mich krank. Ich möchte das nicht. Ich könnte die ganze Zeit wütend betroffen heulen oder kotzen…Ich arbeite in vielen Ländern Europas, ich kann mit Nationalismus wenig anfangen. Ich steh auf mein Land, es ist im europäischen Kontext sehr bemüht. Aber ich habe versprochen, alle Menschen zu versorgen, unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder politischen Einstellung. Und daran habe ich mich gehalten.

Dreißig Jahre hat meine Kollegin auf dem im Buckel und in der Zeit hat sie nach Kräften versucht, die Situation zu ändern. Sie hat Menschenleben gerettet, mehr, als Deine Stadt vermutlich Einwohner hat. Sie hat Gewalt erfahren, im Beruf. Durch einen narzisstisch gestörten Pflegedierektor, der solche Menschen demütigte bis sie zerbrachen. Durch Patienten, denen es nicht schnell genug ging und die auch mal zuschlugen. Durch ein Gesundheitssystem, dem es am Arsch vorbeiging, ob ihre Kraft noch reichte. Sie war so fertig, dass sie Stunden reduziert hat. Auch, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Ihre Rente ist deshalb demnächst ein Witz. Für nichts war Geld da. Nicht für mehr Personal, nicht für ein bisschen mehr Gehalt. Die 90er. Da hast Du gemachten was man sagte, auch in der Pflege, sonst standest Du auf der Straße. So einfach war das.

Eine Brennpunktklinik . Maximalversorgung. Im Bezirk hoher Anteil von Menschen mit Migratonshintergrund. Es gab und gibt Probleme. Diese Probleme waren schwer zu kommunizieren. Auf der einen Seite muss man beim Lebensretter unheimlich schnell sein, sehr konzentriert. Auf der anderen Seite sind da kulturspezifische Situationen, wenn eine Familienmama mit zwanzig Angehörigen gemeinsam die Rettungsstelle betritt, niemand spricht Deutsch, alles ist in Aufruhr, obwohl eigentlich nichts ist und die Familie sprengt Dir alle Möglichkeiten der räumlichen und zeitlichen Koordination, für einen Fleck am Bein, obwohl drei Meter weiter ein Kind alleine ist, sich das Bein gebrochen hat und weint und Angst hast. Dann hast Du keine Zeit. Einfach keine Zeit. Die Gewalt, pure körperliche Gewalt mit Anspucken, Beschimpfen und Schlagen der Pflegenden nahm zu. Nein, nicht nur durch migrantenstämmige Menschen, auch von anderen. Darüber wurde nie geredet. Man hatte kein Geld, aber man baute eine Wand mit einer Schleuse. Draußen sitzt jetzt jemand, der die Mengen abhält, der Eintritt ist verboten. Die einzige Art, das Team zu schützen. Kultursensibel haben sie das genannt, aber vor der Kultursensibilität stünde vor allem, dass die die meiste Hilfe erfahren, die mit dem Leben ringen, also eine Menschensensibilität. An einem Ort, wo pinkeln gehen ein zeitlicher Luxus ist, ist die Frage nach Kultursensibilität fast ein Hohn. Es gäbe da nämlich noch eine Arbeitskultursensibilität… aber die kostet Geld. Stattdessen ist die Gewalt jetzt auch auf Feuerwehrleute und Sanitäter übergesprungen. Manchmal berichtet eine Zeitung.

Niemand kam, um ihr zu helfen. Auch nicht, als sie zwei Kinder alleine großzog. Niemand kam, um diese Arbeitsbedingungen zu verbessern, diese Gewalt abzustellen, institutionell und strukturell. Sie hat sich den Arsch aufgerissen, aber es interessierte niemanden. Dass sie mehr Leben gerettet hat, als in Deinem Ort Leute leben, das war völlig normal. Für einen Hungerlohn. Der Kampf gegen Windmühlen zermürbt. Irgendwann ist da Gleichgültigkeit und man denkt nicht mehr nach und wann auch? Bei den 9,5 Stunden Pause zwischen den Schichten? Kein Geld.

Mit 2015 kam die Wut. Eigentlich berechtigte Wut. Der Staat, der ihr dreißig Jahre lang erklärt hat, dass kein Geld da sei, um ihr ein vernünftiges Leben zu ermöglichen, ihren Kindern funktionierende Toiletten in der Schule, Kinderbetreuung und ein kleines bisschen Wertschätzung, der ballerte nach ihren Maßstäben nun Geld raus. Diese Menschen, für die es ausgegeben wurde, hatten nicht, wie sie, Zigtausenden das Leben unter Einsatz ihres Eigenen gerettet. Sie kamen einfach und bekamen, und auch das muss man bereden, für sich ungefähr das an Hilfe, wofür sie 70 Stunden in der Woche unter kranken Bedingungen knüppelt. „Wutbürger“ witzelten diejenigen, denen es auch sonst egal war, wie sie ihr Leben bestreitet und was sie einbringt, um die dekadenten Ärsche der Verwandten dieser hochbezahlten Ökolaberer zu retten. Die, die in ihrer Freizeit Klamotten austeilten und nun in der Presse bejubelt wurden für das, was sie seit 30 Jahren tut. Ihre Wut, ihr ganzes Leben, wurde zum Witz. Demütigung.

Seitdem guckt sie besser hin. Teilt wütend populistische Memes von Vergleichen zwischen Renten einer Friseuse und der Hilfe eines Asyslsuchenden. Und während ihr alle erklären, das sei Populismus, weil auch diese Partei, die sie jetzt wählt, ja nicht vorhabe, diese Dinge besser zu machen und der Friseuse mehr Rente oder Gehalt zu geben, und darüber labern, wie dumm sie sei, geht völlig unter, dass diese populistisch instrumentalisierte Friseuse und sie das selbe Schicksal teilen. Sie können mit allem, was sie gesellschaftlich einbringen, mit all ihrer Arbeit, ihr Leben nicht machen. Egal, was sie tun.

„Aber Du kannst doch nicht..!“ und dann wird sie als Nazi beschimpft. Und an einem Punkt hat sie sich gedacht, ok… wenn es das ist, dass ich Nazi bin, weil ich doch nur im Job nicht auf die Fresse kriegen will und meinen Kindern bis zum Monatsende was zu Essen kaufen möchte, dann scheiss doch drauf, dann bin ich Nazi. Und dann and sie es unfair, weil die Politik über Ampelmännchen und Ampelweibchen redet, während sie selbst nicht ein noch aus weiß. Wut Wut, diese riesige Wut. Die Hoffnung, dass irgendwer etwas tut, egal um welchen Preis.

Das machen nur Abgehängte, haben sie gesagt und ja, abgehängt hat sie sich gefühlt. Als ihre Ehe wegen der Schichtbelastung zerbrach, hat sie als Alleinerziehende mehr Steuern gezahlt, als das Pärchen nebenan, das keine Leben rettet, sondern nur im Supermarkt arbeitet.

Meine Kollegin hat mehr Leben gerettet, als in Deinem Ort Menschen wohnen. Das hat sie geschafft mit dem, was wir spöttelnd sekundäre Deutsche Tugenden nennen. Mit Fleiß, Engagement, Disziplin, Pünktlichkeit und Sauberkeit. Und Du hast darüber gelacht. Nun sagst Du, man rede nicht mit Nazis. Man müsse anderen Menschen helfen. Und sie, die ihr Leben lang anderen Menschen geholfen hat, sie kann das nicht verstehen. Was sie verstanden hat:

Man darf, denn das ist ihr passiert, Wehrlose schlagen, bespucken, verprügeln und demütigen und dann bekommt man Hilfe. Nun ist sie bereit, genau DAS zu tun. Und DU, der Du nie ein Leben gerettet hast, hast die Frechheit, und lachst sie aus.

Wir sind unterschiedlich abgebogen. Ich habe einfach die Tür zugemacht. Das hat meinen Humanismus gerettet. Ich habe 35.000 Leben pro Jahr gerettet. Seit 7 Jahren habe ich also 245.000 <-!!! Patienten nicht gerettet. Und Du sagst, meine Moral sei höher, als ihre. Meine Kollegin ist rechts.

Der strategische Gegner ist der Faschismus […] in uns allen, in unseren Köpfen u. in unserem Alltagsverhalten, […] der uns dazu bringt, die Macht zu lieben, genau das zu begehren, was uns beherrscht und ausbeutet. – Foucault

Es wäre so einfach gewesen….

Wenn Deine Station eine Autowerkstatt wäre.. ein Whataboutismusthriller FSK 18

„Ausgepowert!“ titelte heute „Die Welt“.. die Automobilbranche sei am Ende, der Staat müsse sofort eingreifen. Weil? Ja, weil die jetzt Elektroautos bauen und die althergebrachten Mechaniker sich damit gar nicht auskennen. Ja, so hab ich auch geguckt. Wie wäre das, wenn Deine Station eine Autowerkstatt wäre und die Situation so, wie in der Pflege? (Ich setze hier mal vorsichtshalber ein FSK 18!) Es läse sich so:

„Bernd, Egbert und Cemal müssen jeden Tag 35 Autos reparieren, sonst gibt es großen Ärger (klingt schon jetzt absurd, oder?). Die Kunden dürfen dabei zugucken. Die 3 fangen jeden Morgen um 6:00 an und wenn ein Kunde mal nicht zufrieden ist, kann Cemal schonmal eine geknallt kriegen. Cemal muss sich dann beim Kunden entschuldigen, weil ein ordentlicher KFZ-Mechaniker das nunmal so macht. Bernd haben sie den Urlaub für dieses Jahr gestrichen, weil die 3 zu langsam waren. Ja, es waren schwierige Reparaturen dabei und deshalb haben sie es nicht geschafft, Egbert wurde leider krank. Keine Zeit für Urlaub. Die drei arbeiten jetzt schon 12 Monate durch, freie Tage werden auch gestrichen. Ungefähr alle 3 Tage kommt der Chef zu ihnen und sagt ihnen, dass sie nach der Arbeit nicht nach Hause gehen dürfen. Egbert hat einmal gesagt, dass er aber nicht mehr könne und das Arbeitszeitgesetz das doch verbiete. Da hat der Chef gesagt, dass er heute keine Pause nehmen kann und ist einfach weggegangen. Die Kunden sind oft sehr gemein zu ihnen. Sie beschweren sich, wenn ein Wasserfleck auf der Felge ist, obwohl die 3 gerade den ganzen Motorblock rausgehoben und wieder eingesetzt haben. Der Zeitdruck ist enorm. Eigentlich könnten sie für solche Tätigkeiten einen Kran nutzen, aber das dauert zu lange, sagt der Chef, deshalb müssen sie ihn zu dritt rausheben. Das ist nicht gesund, aber es geht etwas schneller. Die Kunden sagen, die sitzen da nur in ihrer Werkstatt und saufen Bier. Manchmal sitzen sie da auch nach Arbeitsschluss, ganz apathisch. Bernd hat letztens vor Überarbeitung gezittert und geweint, aber das hat keinen interessiert. Er soll sich mal nicht so haben. Egbert hat eine Überlastungsanzeige geschrieben, aber der Chef hat sie in den Mülleimer geschmissen und gesagt, die 35 Autos seien ja repariert worden, er soll ihm nicht auf den Sack gehen. Oft kommen einfach Kunden mit Kinkerlitzchen, wie Kühlwasser auffüllen. Die pöbeln dann, was da so lange dauere und beschimpfen die drei dann als faule Schweine. Für die schwere Arbeit kriegen die 3 2500 Euro brutto. Das reicht nicht für eine Wohnung in der Stadt, in der sie leben, deshalb haben die 3 einen Nebenjob in einer Autowaschstraße. Sie wissen, dass die Arbeit viele von ihnen krank macht. Alle wissen das. Aber es geht doch um Autos, die sind doch wichtig.“

Wenn Dir das jetzt gewalttätig, irre, krank und völlig weird vorkommt, hast Du das verstanden, was wir in der Pflege „Arbeitsbedingungen“ nennen. Arbeitsbedingungen nennen sie das, was eigentlich Gewalt ist und sie sagen, sie können es nicht ändern. DAs ist nicht ganz richtig, denn Bedingungen sind ja etwas, was beide Vertragsseiten aushandeln. Aber Pflege kann da nichts aushandeln. Pflege kann diese Gewalt nicht einmal irgendwo melden. Es gibt keine Daten dazu. Deshalb haben Martina und ich jetzt dem BGM geschrieben, dass wir eine App wollen, mit der Ihr diese Gewaltformen melden könnt – anonym. Auch, damit Ihr lernt, einzuschätzen, was eigentlich Gewalt in der Institution ist. Bislang hat sich niemand dazu gemeldet.

Zu dem Thema habe ich mich in einem Video mit Ugur unterhalten… und mich interessiert sehr, was Ihr dazu sagt… eine App….

Einfach draufklicken, es wird schon gehen…

Willkommen im rückständigsten Beruf aller Zeiten, oder was?

Nächstes Jahr ist „Jahr der Pflege“ und um hau bestehen, was ich meine, stellen wir uns vor, es sei Jahr des Autos..und wir feiern „Ochsenkarrenchallenge!“. Was? Ja, Ochsenkarrenchallenge! Wieso denn das? Na, das war doch die Wurzel des Autos. Ja, aber das gibt es jetzt schon aus Blech und mit Hybridantrieb. Ja, aber Ochsenkarren, das war einfach auch eine Innovation. Das hat doch das Auto erst möglich gemacht! Jeder würde sich an den Kopf fassen. Bullshit. Und recht hätte er.

Oder es wäre Jahr der Frau. Und Angela Merkel würde eine Suffragettenchallenge machen. Was? Ja, eine Suffragettenchallenge. Wieso das denn? Na, das waren Frauen, die für das Wahlrecht eintraten im 19. Jahrhundert. Und nun kann man als Frau schon Kanzlerin werden. Ja, aber das ist doch total überholte Scheisse. Ja, aber haben Suffragetten nicht erst aktive Frauenpolitik ermöglicht? Jeder würde sich an den Kopf fassen. Bullshit! Und recht hätte er.

Nun ist aber Jahr der Pflege. Und was feiern wir? NightingaleChallenge. Um junge Menschen zu begeistern. Und die sollen sich vom 19. Jahrhundert begeistert fühlen? Ja, die Nightingale hat das erst möglich gemacht durch Aufopferung und Einsatz. Sie soll ja sogar mal ein glühendes Ofenrohr mit den Armen gefangen haben und dann hatte sie ja auch immer eine Eule dabei… Alter! Die Leute haben heute keine Eulen mehr, die haben jetzt Handys. Viele studieren Pflege jetzt schon. Ja, aber die hat das doch erst möglich… halt die Fresse!

Fragen die sich manchmal, was die da kommunizieren? Die Frau ist noch mit der Öllampe durch die Kriegszelte gehuscht! Ich habe nichts gegen historische Figuren, aber als Vorbildfunktion gibt es genug junge Wissenschaftlerinnen, coole Frauen, die ne Menge seit Florence gerissen haben. Was ist das denn für eine Botschaft, dass wir es seit dem Krimkrieg nicht zu einer modernen Leitfigur gebracht haben? Noch dazu, weil wir nicht im anglikanischen Sprachraum sind, wo sie als Begründerin der Wissenschaft Pflege gilt. Da könnte ich mich genauso auf ne HildegardvonBingenCHallenge berufen. Wäre genauso … rückständig. Überhaupt kann man schlecht für einen Beruf werben, den man in die Zukunft tragen möchte, wenn man mit den Hintern am Gestern klebt. Ich weiß das, ich bin Historikerin. Ich finde die Betrachtung der Geschichte schick, ich lerne ne Menge daraus, aber keiner benötigt sie zurück. Bundespräsident Steinmeyer beruft sich auch nicht auf Karl den Großen..aus guten Gründen. Da hat sich nämlich was bewegt. Nur in der Pflege, wo alles immer schön aufopferungsvoll, weiblich, lieb und rückschnittig sein soll, da bewegt sich nichts. Ach doch, wir haben jetzt Lampen mit Strom, aber im Gegensatz zu Florence damals haben wir keine Akzeptanz .

Na willkommen im rückständigsten Beruf der Welt