Young carers -Kinderarbeit mitten in Deutschland – und die Politik findet es ganz, ganz toll

Text @Donnarabiata

Vor einigen Wochen wurde ich auf Twitter mit folgender Tatsache konfrontiert: Zum „größten Pflegedienst Deutschlands“ gehören Kinder und Jugendliche, die ihre Angehörigen pflegen und nebenbei Haushalt und Schule schmeißen. Ich glaub, mein Schwein pfeift! 

Diese Kinder, die so viel Verantwortung übernehmen (müssen), nennen sich nach britischem Vorbild „Young Carer“. Alleine in Deutschland sind das ca. 480 000 (JA, fast eine halbe MILLION, Herrgottscheiße) Minderjährige, die in einem Umfang von mindestens 20 Wochenstunden ihre Angehörigen Pflegen und Versorgen. 

Und wir reden hier nicht von der 7-jährigen Enkelin, die samstags für ihre Oma ein bisschen Milch und Brot einkauft, weil sie schon groß genug ist und zeigen möchte, dass sie Verantwortung übernehmen kann. Nein, wir sprechen hier von Kindern und Jugendlichen, die knallharte Pflegetätigkeiten übernehmen, wie sie in SGB V und SGB XI für professionelle Pflege bzw. berufliche Pflegehelfer definiert sind.

Um an dieser Stelle mal bei den Lesern einzuspringen, die gerade mit geschwollenen Klötzen einen Kommentar bezüglich normaler Familientätigkeiten in die Kommentare rotzen möchten: 

 Von Haushaltsarbeiten, wie sie jedes Kind und jeder Jugendliche übernehmen sollte, um sich zu einem reifen und verantwortungsvollen Erwachsenen entwickeln zu können, kann man schon alleine bei diesem Stundenumfang nicht mehr sprechen. 20 Wochenstunden als Minimum bedeutet konkret, das etwa 5% aller Kinder und Teenis, die sich eigentlich damit beschäftigen sollten, welche Spielzeuge sie sich zum nächsten Geburtstag wünschen, oder ob der süße Mitschüler aus der Nachbarklasse einen evtl. auch gut findet, neben der Schule noch einen Halbtagsjob wuppen (müssen), der weder physisch noch psychisch auch nur annähernd altersgerecht genannt werden kann. 

Sie ARBEITEN und das, obwohl es ihnen qua Jugendschutzgesetz verboten ist!!! Der familiäre Kontext und die damit verbundene emotionale Abhängigkeit und Loyalität gegenüber der Familie machen es möglich.  Es ist halt „Familienangelegenheit“. Dass die zu Pflegenden einen Anspruch darauf haben, professionell gepflegt zu werden, ändert nichts daran, dass dieser Anspruch in manchen Gegenden, auch vor dem Hintergrund des sich verstärkenden Pflegenotstandes, nicht geltend gemacht werden kann oder nicht geltend gemacht wird. Toxische Familienkonstellationen und/oder Suchterkrankungen bei denen im Vordergrund steht, diese möglichst zu verheimlichen, machen Hilfe praktisch unmöglich, obwohl es sich bei einem Anteil von ca. 5% um einen erheblichen Anteil der Kinder und Jugendlichen handelt, auch wenn einige sagen, dass sie diese Arbeit gerne machen.

 5% hört sich erst einmal nicht viel an, ist aber – politisch gesehen, die magische Grenze, ab der man mitregieren kann, wenn man diesen Anteil an Wählerstimmen erreicht. Ja ja, der Vergleich hinkt ein bisschen, weil Kinder und Jugendliche praktischerweise nun mal nicht wählen dürfen und auch keine Partei sind, weshalb sie wenig bis keinen Druck aufbauen können. Es geht jetzt aber darum, dass diese Zahl – 480 000 bzw. 5% eine gesellschaftliche Relevanz hat. Auch mit Blick auf den Pflegenotstand- schließlich bedeutet 480 000 x 20 Std./Woche Minimum, dass hier von Minderjährigen 240 000 Vollzeitstellen Pflege MINIMUM abgedeckt werden. Praktischerweise auch noch Gratis und obendrein unsichtbar, denn es wird von ca. 180 000 fehlenden Pflegekräften gesprochen.  

Diese 480 000 Kinder und Jugendlichen, die unentgeltlich und praktisch unsichtbar für die Öffentlichkeit um eine unbeschwerte Kindheit gebracht werden, sind der Politik indes wohlbekannt. Auf der Seite Young-carers.de kann man sich selbst davon überzeugen. Politiker über Politiker überschlagen sich förmlich dabei, den Kindern zu bescheinigen, dass „man“ etwas tun müsste und sie das alles ganz ganz toll machen. Immer abwechselnd mit Erfahrungsberichten von Kindern, die einem beim Lesen schon das Herz brechen. Lesen Sie es selbst nach: young-carers.de Persönlich dafür zuständig fühlt sich von der Regierung indes niemand. Einige lassen sich zwar dazu herab, wenigstens nicht im Konjunktiv zuschreiben, sprechen aber immer nur von Unterstützung.

Keine einzige der Altparteien hat die Young Carer in ihrem Parteiprogramm stehen. Obwohl aus allen Parteien von MdL bis MdB das who is who ihre pseudoempathischen Textbausteine in die Kommentare w….

Diese, aus meiner Sicht, wischiwaschi geseierte Kackscheisse seitens der Politiker gipfelt in der Gründung der Seite „Pausentaste“ auf der die Politik ihre Untätigkeit mit viel Herziherzi tarnt, indem sie eine Plattform geschaffen hat, auf der betroffene Hilfe finden sollen. Bei genauerem Hinschauen erkennt man jedoch schnell, dass diese Seite als eine Art Sammelbecken für Hilfsangebote dient, die in aller Regel aus Spenden finanziert werden und sich – im Moment noch zwangsläufig, eher um Gesprächsangebote drehen, obwohl Young Carer FREI brauchen, schon alleine, damit sie unbelastet zur Schule gehen können. MP über MP salbadert davon, dass wir die Schulen ganz dringend öffnen müssen, weil sonst eine ganze Generation vor die Hunde geht und keine Chance hat, ihr volles Potential zum Wohle der deutschen Zukunft zu entfalten, aber bei einer halben Million young Carer ist das plötzlich egal. Egal, ob sie selbst krank werden, egal, ob sie ihr Potential entfalten, egal, ob sie vor die Hunde gehen. Das Foto mit Jana (Gründerin der Young Carer) ist gemacht, das Lob im Internet verhallt, vielen Dank, der nächste Bitte.  

Einer Regierung würdig wäre ja imho, würde sie sich ehrlich machen und das Problem auch öffentlich benennen, indem sie die Young Carer in allen Zahlen und Statistiken explizit als solche nennt, Maßnahmen zu ihrem Schutz erarbeitet und ausnahmsweise mal selbst als Lobbyist tätig wird, indem sie den Anbietern für Pflege davon erzählt, dass da weitere so ca. 480 000 Pflegebedürftige zu versorgen sind, weil Kinder NICHT ARBEITEN DÜRFEN! Unpraktischerweise würde das aber eine Menge Geld kosten und Kinderarbeit in der Familie ist nicht so wichtig wie die Lufthansa, denn die Kinder mucken ja nicht und dürfen nicht wählen. Außerdem ist Wahljahr und Pflegenotstand und Kinderarbeit finden die meisten Menschen genauso widerlich, wie sie ist. Also demonstriert man empathische Machtlosigkeit, die sich erstaunlicherweise umgekehrt proportional zum Aufstieg in der Regierungshierarchie zu verhalten scheint. Verrückt. 

Übrigens hat sich das ZQP ebenfalls mit dieser Problematik beschäftigt und in einem 116 Seiten Report zusammengefasst und damit klargestellt, dass Young Carer Pflegearbeit im Rahmen der Laienpflege leisten. Aufgeführt sind unter anderem pflegerische Leistungen von 12 – 17-Jährigen, die harte Arbeit umfassen wie Körperpflege, Lagerungen, Haushaltsführung etc. Der Report ist auf der Seite des ZQP als PDF für Interessierte frei zugänglich und sehr zu empfehlen

Das einzige Hilfsangebot, das ich auf die Schnelle finden konnte, das öffentliche Förderung (über den Berliner Senat) erhält, ist das Projekt „echt unersetzlich“, bei dem ich alleine schon den Titel bezeichnend finde. Immer schön im Kontext des „Du musst“ bleiben. Nicht das noch jemand sein Recht auf Kindheit entdeckt. Nein, man presst die Kinder in einen Helden/Engel/Unersetzlichkeit Kontext, der Imho nur eines bedeuten kann: Man wird den Kindern vielleicht mal eine Kur oder „wohlverdiente Pause“ bezahlen, wenn die Öffentlichkeit Alarm schlägt, aber man denkt im Traum nicht daran, die Kinder daraus zu befreien. Warum sonst sollte man sie als unersetzlich bezeichnen und sich weigern, die Situation als das zu bezeichnen, was sie ist: Kinderarbeit. Egal, ob es sich um Familie handelt, es beeinträchtigt ihre Kindheit und sehr oft auch ihre Entwicklung. Viele sacken in der Schule ab und können dann mit ihren Abschlüssen nicht das werden, was sie werden möchten. Oder sie werden selbst krank. Weil sie in einem Job arbeiten, in dem es selbst erwachsene Menschen durchschnittlich weniger als 10 Jahre aushalten. Ohne Ausbildung. Alleine. Als Kinder.

Pflege-Influenzer: Die Seuche des Für-Dumm-Verkaufs

Pflege hat zwei Probleme, auf denen sie wie auf zwei Schienen, die parallel miteinander zu tun haben, in den Abgrund rast. Auf der einen Seite haben die alten Vorbilder, Florence Nightingale und Agnes Karl ausgedient. Niemand kann heute seinen Alltag noch nach Frauen aus dem 19. Jahrhundert ausrichten, mit der Laterne kann man heute auch nicht mehr rumlaufen und für Eulen, wie sie Florence hatte, braucht man einen Greifvogelschein. Die Profession hat versäumt, Vorbilder nachrücken zu lassen, die alltagstauglich sind und die Werbebotschaften, die irgendwas zwischen durchgeknallter Elfe und Superheld im Cape versinnbildlichen, taugen auch nicht für das moderne Leben.

Auf der anderen Seite möchte Pflege gerne ernstgenommen werden. Wie so ein richtiger Beruf, bei dem Fachwissen vonnöten ist. Und es gibt innerhalb dieses Fachwissens eben den Personalmangel. Warum nicht beides miteinander verbinden? So wurde der Pflege-Influencer geboren. Die Geburt der Karikatur eines Pflegenden fand hinter unserem Rücken statt und wurde den Pflegenden dann als quasi-Messias präsentiert. Die Zeitarbeitsfirma, die sich hinter dem „Pfleger des Jahres“ Herz und Mut verbarg, gebar mit Sandro Pé den Archetyp des Boris (über den wir bei Giffey dann alle wütend waren) und alle alle folgten der nichtssagenden Lichtgestalt, deren einzige Botschaft es war, dass Pflege etwas ganz Besonderes ist, irgendwas mit ganz viel Liebe, aber ganz wenig Wissen und auf jeden Fall viel viel Gefühl. Hosianna! Als ein Jahr später eine neue Lichtgestalt dazukommen sollte, war das Bonding bereits so stark, dass der Plan nicht mehr aufging. An die Nachfolger erinnert sich niemand. War ja auch egal, Hauptsache, man trat, ganz dem Messias folgend, in diese grandiose Zeitarbeitsfirma ein. Hosianna! Follower sind fast schon Geld, wenn man sie nur dazu bringen kann, nicht ihre Seele, wohl aber ihre Arbeitskraft an den Nächstbietenden zu verkaufen. Und welch wunderbares Schicksal winkte auf dem Pflegetag nicht den Gesegneten, wenn sie sich mit Sandro, den man in einen schlecht sitzenden Anzug gesteckt hatte, ablichten lassen konnten.

Die Wechselwirkung war enorm. Denn seine zig Follower suggerierten den Medien, dass der Mann fachlich etwas auf der Pfanne hätte. Zeitweise war Jens Spahn sogar Schirmherr der Firma. Naja, wie das halt so ist. Später konnte Sandro dann mit zu kreierendem Content gar nicht hinterherkommen, es folgte Meme auf Meme und je flacher die geistige Wurzel, desto weiter ihre Ausläufer. Puh.

Eine unfassbare Sogwirkung hatte Franzi. Die macht Qualitätscontent, interviewt zu aktuellen Themen, schmiss ein Buch auf den Markt und ja, auch Hanftropfen und wahrscheinlich auch Gewürze. Ich verfolge das nicht, denn ich mag sie. Und ab da muss sich ein Großteil der Pflegenden gedacht haben, Ja, das kann ich auch. Sorry, nein, könnt ihr nicht.

Pflege indes, auf der Suche nach dem Messias, der alle erlöst, folgt und folgt und kreiert und kreiert. Und selten habe ich in meinem Leben Dinge gesehen, die ich peinlicher fand, als das.

Während sich Franzi auf physische Artikel spezialisiert hat, kopieren nun Zeitarbeitsfirmen das Model Herz und Mut und senden Influenzer aus. Ja, so beginnt das neue Leben. So bewundern 30.000 Follower Schwester Lena, die die Zeitarbeitsfirma Pacuramed vertritt und sich mit dem Content noch schwertut. Denn, das ist das große Problem am Content: Wenn Du nichts hast, als dich und keine Botschaft, wird die Sache schwerer als gedacht. So sah man Lena dann auch in einem mittlerweile gelöschten Beitrag, denn Content muss man üben.

Wenn Du beim Weinen noch ein Selfie schaffst. Quelle: Schwester Lena.

In scheinbar völliger Verzweiflung, was nun werden solle, postete sie ein Bild von sich, wie sie sich ein Taschentuch an die rotgerubbelten Augen hält. 5.938 Leuten „gefiel das“ ( was ist falsch mit Euch?). es fragte sich nicht ein einziger Mensch, wie inszeniert das Bild ist, wenn sie es schafft, dass beim Weinen noch ein Selfie zu schießen ist. Großes Mitgefühl aus der Bubble. Hier sind Emotionen am Werk, hier verkauft man noch das ganz große Gefühl und nicht nur Zeitarbeitsverträge. Oder… wait? Weitere interessante Botschaften, ohne die unser aller Leben weniger reich wären, sind, dass es eine „Work-Life-Balance“ braucht. Die demonstriert sie, indem sie hintereinander von sich ein Bild am Gerätewagen und ein Video schick aufgebrodelt beim Walk am Fluss (Highheels) postet. Das Video machte offenbar ein völlig unerfahrener Mensch, dessen Schatten man sehen kann, ich nehme an, es war ihr Freund. Ja, das hätten wir alle nie geahnt, dass zu einer ordentlichen WLB ein nerviger Videodreh auf Hackenschuhen gehört. Wer weiß, wie viel Work-Life-Balance ich schon verpasst habe, weil ich nach stressigen Schichten einfach auf der Couch gelümmelt habe, statt mich nochmal aufzuhübschen und mich mit pseudo Botschaften hab filmen lassen.

Ich frage mich, ob Ihr das mal von außen betrachtet und ob Ihr wirklich glaubt, irgendwer außerhalb der eigenen Bubble mit sehr viel Langeweile nähme das ernst? das also sind die cleveren Pflegenden im Hochkomplexberuf, dem die Gesellschaft dringend Respekt zollen soll? Ich bin nicht sicher.

Weiter geht es dann mit der next Generation. Die besteht zu 100% aus Schwesterndasein. es unterscheidet sich nichts von nichts.

Schwester Leni
Schwester Anna

Und bei Anna, die nach eigenen Angaben Bloggerin ist, gibt es auch gleich cute Armbänder.

Denn die Welt der Influenzier ist nichts, wenn man nicht über einen Rabattcode irgendeinen Murks an den Mann oder die Frau bringen kann.

Der Markt ist heiß umkämpft. Denn noch immer sind von außen Menschen auf der Suche nach denen, die eine Botschaft haben, und da geht es denn heiß zu.

Schon bei 7000 Follower wähnt sich Schwester Gabi (hinter dem sich Ralf irgendwas verbirgt, der seinen Auftritt bei Joko und Claas genoss) als King of Kotelett und fuhrwerkt seit Tagen wütend im Internet rum. Der nämlich hatte nicht damit gerechnet, dass es im Universum der Lebenden noch andere Menschen außer ihm gibt und meine Leser aufgerüttelt, als er einen Satz fallenließ, den sie aus meinem Blog entnommen wähnten oder identifizierten.

Nun geht das Stalking ab, denn weder wollte ich einen Livetalk, einen Livechat oder irgendeinen anderen Driss, den man sich im Netz so anbietet, wenn man Langeweile hat. Ralle schließt daraus, dass ich ein Problem mit Männern hätte.

Für ihn peinlich ist, dass er von Mansplaining und Genderquoten noch nie gehört hat, sich aber anmaßt, da gehörig mitzureden. Mansplaining, da ist er sicher, das ist, wenn Frauen Männer hassen, das muss dieser Sexismus gegen die Männer sein. Ich hoffe inständig, dass sie ihn letztlich Hanftropfen verkaufen lassen, damit er sich beruhigen kann, dass die Soziologie mittlerweile hier weiter ist, als er.

Denn klar, jetzt geht das Leben für ihn los, und nichts bringt schneller Follower als ein guter selbstinszenierter Shitstorm. Der bringt überdies noch Mitleid und wiegelt die gelangweilten Massen richtig auf. Dagegen ist ein Glaubenskrieg ein feuchter Kehricht. Content, content, koste es, was es wolle. Nur keine Follower.

Der ganze Kram spiegelt nicht nur geistige Flachwurzelei, sondern infantilen Narzissmus der Wohlstandsverwahrlosung.

Ich bin übrigens das Opfer dieses Irrsinns. Ich habe jetzt auf Instagram 150 Follower mehr. einem Medium, das ich traditionell nicht bespiele.

Denn ich bin keine Influencerin. Ich bin leider weder hohl, noch zeige ich Menschen mein Wohnzimmer, meine Kinder oder wie ich morgens Kaffee trinke. Auch Nina Böhmer weigert sich strikt, zu influencen. Wir wollen echten Einfluss. Und wir verkaufen unsere Gedanken nicht, wir operieren mit ihnen. Und um ein Zitat von Nina mal abzuwandeln: Eure Likes und Rabattcodes könnt Ihr Euch sonstwohin stecken. Wir wollen keinen Klamottenvertrag, wir wollen ein Mandat.

Fetisch erschöpfte Pflege. Schluss mit dem Almosenjournalismus.Steckt Euch Euer Mitleid sonstwohin

Seit Beginn der Pandemie, bei der anscheinend ein Großteil der Gesellschaft ihren moralischen Kompass in den Müll geworfen hat, gibt es Artikel, die schon in den Headern, genau wie hier, erschöpfte Pflegende zeigen und appellieren, wie furchtbar das für die Pflege sei. Ich bin es leid.

Ein wenig beachteter Titel zum Beginn der Pandemie dealte mit einer gewissen Schwester Teresa, die so erschöpft sei und jetzt keine Kraft für politische Kämpfe habe. Der Beginn eines zutiefst unmoralischen Journalismus. Seitdem poppen diese Artikel aus der timeline wie Pilze aus dem feuchten Boden. Pflege ist erschöpft. Das Symbolbild ist immer das Gleiche. Nurses, die auf dem Boden kauern, verzweifeln. Heute kam ein Artikel, den die Journalistin mit „Ich habe noch nie mit weinenden Menschen ein Interview geführt“ bewarb. Mir kommt der Kaffee hoch.

Ja, Pflege ist erschöpft. Das ist sie seit Jahrzehnten. Dazu braucht es keine Artikel mit weinenden Kollegen, denn alleine die Statistiken sprechen Bände. Pflege ist seit Jahren erschöpft und es interessiert Euch einen feuchten Dreck. Jetzt aber werden Kollegen in die Artikel und Sendungen gezerrt, um diese Erschöpfung vorzuführen. Als müssen man sich vergewissern, dass diese Erschöpfung wirklich wahr ist. Man führt sie vor wie exotische Tiere. Sie weinen, können nicht mehr. Doch Lösungsansätze bieten sie nicht und deshalb sind sie zutiefst unethisch, diese Artikel. Jahrelang, eigentlich die ganze Geschichte der Pflege, ist Mitleid einer der Komponenten, die man Pflege zuschreibt. Während die Pflege verzweifelt versucht, sich aus diesen Zwängen zu befreien, sexualisieren sie andere, machen sie zu Frauen, die Erfüllung finden, Befriedigung. Dass die Realität ganz anders aussieht, interessiert genau niemanden. Ausgerechnet jetzt also, zeigt man nicht den Schaden, man führt diese Kollegen vor, wie Brot für die Welt die Bilder von hungernden Kindern mit Fliegen in den Augen. Wem hilft man damit eigentlich? Niemandem, außer sich selbst.

Fakt ist: je mehr Patienten eine Pflegeperson betreuen muss, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man stirbt. Das ist statistische Realität. Entlastung der Pflege, endlich vernünftige Schlüssel zu schaffen, ist also keineswegs ein Almosen, das die Pflege sich mit der Zurschaustellung ihrer eigenen Verzweiflung durch die Gnade des geneigten Lesers verdienen muss. Es ist eine Logik, wenn man nicht selbst an einer Lappalie in Kliniken sterben möchte.

Es ist eine Art eines perversen Voyeurismus, den fertigen Menschen zuzusehen, wie sie unter der Last der Pandemie bei ihrer Arbeit dahinwelken und zusammenbrechen. Man kann sich dabei moralisch überlegen vorkommen, wenn man eine Spur Mitleid empfindet, während draußen Demos stattfinden, weil es, das, was die Pflegenden fertig macht, angeblich gar nicht gibt, während sich Abgeordnete an deren Leid und Not, nicht selbst zu sterben, bis zum Gehtnichtmehr bereichern. Aber hey, ich habe schlechte Neuigkeiten für Euch. Dieser voyeuristische Move spricht Euch nicht frei. Jeder und ich meine wirklich jeder, hat seit Jahrzehnten weggeguckt, als die Statistiken sagten, dass nach 7 Jahren Pflege zusammenbricht, wenn sie den Beruf begonnen hat. Jeder von Euch. Und das, obwohl wir in einer Demokratie leben. Ihr habt eure Krankenversicherungskarten gezückt, Ihr seid die, die unter Respectnurses die waren, die Pflege angreifen, anspucken, aus Supermärkten warfen, begrabschten, demütigten. Seit Jahren schon. Also kommt mir jetzt nicht mit dem „Oh, ich wusste nicht, dass alles so schlimm ist. Die ARMEN!“

Denen könnte es schon lange besser gehen, würdet Ihr begreifen, dass IHR durch deren verbesserte Lage profitiert. Aber dann müsstet Ihr Euch mit Eurem eigenen Fehlverhalten auseinandersetzen und Euch ernsthaft die Frage stellen, was IHR SELBST dazu getan habt, dass die Situation in Kliniken nicht so weit hätte kommen können. Und ab da wird es schwierig, denn bei allen Demos gingt Ihr vorbei. Ihr dachtet, es beträfe Euch nicht.

Ihr habt kein Recht, Euch jetzt die zerstörten Kollegen anzuschauen und Euch an deren verzweifelten Geschichten zu berauschen, um mal ein bisschen Emotionalität in Euer Leben zu lassen und Euch gut zu fühlen, denn Ihr fühlt Euch bei diesen Artikeln auf deren Kosten gut.

Ihr seid die selben, die bei jedem Streik geschrieben haben, dass der auf dem Rücken von Patienten stattfände. Ihr missbraucht also mit Eurem Almosenjournalismus schon wieder Pflege, beutet sie nun noch emotional für Eure Arbeit aus. Das macht Euch nicht zu besseren Menschen, das zeigt auch nichts auf, denn alles ist bekannt. Es macht Euch zu den gleichen Ausbeutern, die Pflege schon immer ausgebeutet haben. Die verrückt vor Wut werden, wenn die Realität nicht dem Sr. Stefanie-Image entspricht. Die Google Bewertungen über jeden Dreck schreiben.

IHR BEKOMMT UNSEREN ABLASS NICHT!

Covid und Psyche. Wie Polonaisen in Innenstädten Pflegenden den Rest geben. ICN nennt es „Massentrauma“

Die Folgen von Corona bezüglich mentaler Gesundheit der Pflegenden werden regierungsseitig noch immer stark vernachlässigt. Während andere Länder sich fieberhaft wenigstens der Untersuchung des Phänomens widmen, fragt man sich hierzulande, wie man die Massenflucht aus dem Beruf aufhalten könne. Vor dem Hintergrund der bereits laufenden Studien erscheint die Ignoranz dem Problem gegenüber absurd.

Shaukat et al. beschrieben bereits im Juli 2020 eine erhöhte Exposition von Mitarbeitenden der Gesundheitsberufe, in der Pandemie an Angstzuständen, Depressionen und Schlaflosigkeit zu erkranken. Laut dem ICN stehen Pflegende vor einem Massentrauma. „

„Angesichts der anhaltend hohen Infektionsrate in der Pflegekraft leiden überlastete Mitarbeiter angesichts der ständig steigenden Arbeitsbelastung, des anhaltenden Missbrauchs und der Proteste gegen Impfstoffe unter zunehmender psychischer Belastung“, heißt es in einer Erklärung des ICN.

„Wir erleben ein einzigartiges und komplexes Berufstrauma, das die Pflegenden weltweit betrifft“, sagte Howard Catton, CEO von ICN.“

Das bedeutet, dass nicht allein die Überlastung die mentale Gesundheit der Kollegen schädigt, sondern vor allem auch die Coronaleugner und ihre irrwitzigen Proteste. So liefen gerade am Wochenende hunderte Menschen tanzend und johlend durch die Straßen, während nur wenige Meter weiter Kollegen völlig erschöpft schon wieder eine Welle (die Dritte) abfangen müssen. Wieder und wieder wird dabei von Pflege am Limit gesprochen, doch das Limit des Erträglichen ist längst überschritten.

Überhaupt hatte und hat Pflege mental viel zu schultern. Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wie Sie nach Tagen Nachtdienst erschöpft und müde aus dem Dienst kommen. Nicht wissend, ob Sie das tödliche Virus mit heim zu Ihren Kindern nehmen. PSA gibt es kaum oder sie ist mangelhaft. Zeit zum Händedesinfizieren gibt es nicht, das wären 30 Sekunden zu viel (es gibt Studien, die beweisen, dass Pflege 2h am Tag mit der Desinfektion ihrer Hände beschäftigt sein müsste. Diese Zeit gibt es schon lange nicht mehr, es wird stillschweigend hingenommen). Und am Ende sehen Sie Videos, in denen ein gut ausgeschlafener Boris Becker in den Sonnenauf- oder – Untergang klatscht, Sie kämpfen sich zum Wochenenddienst durch einen Autocorso, der Ihnen weismachen will, dass das, was Sie tagtäglich auf Ihrer Station erleben, nicht existiert. Sie erleben, wie Sie beim Einkaufen entweder aus dem Supermarkt geworfen werden (weil es nämlich doch existiert und Sie sind der Überbringer), wie Sie diskriminiert werden oder wie Ihnen Nasenpimmel dreist ins Gesicht hauchen, wenn Sie an der Kasse stehen.

Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn Sie keinen Mundschutz bekommen, und später hören, dass an Ihrer Not, während 230 Kollegen verstarben, Abgeordnete Millionenbeträge mit Ihrer Angst gemacht haben. Die dann auch im Bundestag aufstanden und klatschten und die Ihnen dreist erklären, wie „erfüllend“ Ihr Beruf sei und wie systemrelevant, aber leider zu teuer. Und dann lassen sie sich für ein Lobbyisten pro Teilnehmer 9999Euro bezahlen. Die Welt verliert ihren moralischen Kompass und erwartet von Ihnen, den Ihren strikt aufrechtzuerhalten. Die Welt ist aus den Fugen.

Während also auf der Welt Studien laufen und man überlegt, wie man Pflegenden helfen kann, läuft in Deutschland nichts. Doch ganz nichts trifft es nicht. Denn eine überaus männliche Idee tritt auf den Plan. Der Pflegerat folgt nun der Idee, dass ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro gut wäre. Sie lesen richtig. Nicht von Hilfe ist die Rede, nicht von. Behandlung, nicht von Entlastung. Nichtmal von Berufsunfähigkeitsrente in Höhe des Gehalts für die unfassbare Leistung in der Pandemie. Die KOMMENDEN sollen ein besseres Gehalt bekommen. Nach Ihnen selber und Ihrem Leben, das Sie in der Pandemie geopfert haben, kräht kein Hahn. Motivationsstudien beweisen, dass Geld kein langfristiges Instrument ist, um die Motivation zu erhalten, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Doch man hofft, sich freikaufen zu können, spricht von der Attraktivitätssteigerung für Neueinsteiger, während man demonstriert, wie egal einem das Leid derer ist, die gerade am Ende sind. Die sind ausgerechnet, Heldenschnee von gestern. Die Verantwortung, die man gegenüber gerade denen hätte, die man zynisch als Coronahelden bezeichnete, sie will niemand tragen.

Niemand möchte die Polonaisen aufhalten, niemand die Schulen schließen, niemand die Welle aufhalten. Man möchte vergessen und kauft sich frei, als sei nichts gewesen. Man lamentiert, weshalb ein Massenexodus aus der Pflege stattfindet. Doch um das Trauma kümmert sich niemand.

Auch bei uns sind Pflegende deshalb hospitalisiert. Die psychiatrischen Einrichtungen sind dabei keinen Deut besser dran, als die Somatik. Seit 50 Jahren ist die Psychiatrieenquête nicht umgesetzt, die stationsäquivalenten Behandlungsmöglichkeiten sind sogar noch in der Finanzierung unklar. Gleichzeitig ist aber klar, dass Kinder und Erwachsene Plätze brauchen. Und für Pflegende hört die Belastung einfach nicht auf.

Wer noch kann, erlebt nicht selten, wie daheim die Partner nicht mehr können, denn niemand ist mit seinem Problem eine Insel. Dann wird man 24/7 Pflegende*r, der noch Familienmitglieder mit psychischen Folgen begleitet.

Die WHO alarmiert: Die psychiatrischen Dienste sind unterfinanziert, nicht besetzt und vernachlässigt. Jahrelang dachte man, Psychiatrie sei das „Aschenputtel“ unter den Behandlungsformen, so Catton vom ICN. Und ausgerechnet jetzt, wo der Bedarf steigt, rächt sich das systemische Problem. „Die WHO-Umfrage zeigt , dass psychosoziale Dienste in 93% der 130 untersuchten Länder zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage steigt, unterbrochen oder eingestellt wurden.“

Nein, auch das regeln keine 4000 Euro. Geld hat nicht die Eigenschaft, zu heilen, die Kraft wieder herzustellen, damit die, die wir verschlissen haben, weiter für die Daseinsfürsorge der Bevölkerung da sein können. Doch von all dem möchte niemand etwas hören. Wieder ist Deutschland im Umgang mit Pflege weit hinter den anderen Ländern zurück.

Impfdebakel, Pflegemassenexodus, Rehabilitationen, Pflexit, Unterversorgung.

Dabei wäre es so einfach gewesen, Prävention zu betreiben, Greenberg zu implementieren und Schutz anzubieten. Doch all das stand weit hinter dem „Durchhalten, Ihr Helden“ zurück, denn professionelle Versorgung ist keine Option im „besten Gesundheitssystem der Welt“, das gewinnmaximiert arbeitet. Vielleicht liegt es daran, dass bislang noch niemand wem eine Million angeboten hat, um die Pflegenden zu retten und etwas zu unternehmen.

Pic: Mark Plötz

Nicht nur ‚Maskendeals‘, Herr Löbel

910.000 Euro. Auf Twitter hat es jemand zusammengerechnet. 910.000 Euro haben Praxen, Heime und Kliniken also zusätzlich zu den sowieso schon steil in die Höhe geschossenen Kosten für Masken zahlen müssen, damit sie ihre Mitarbeiter schützen können. An eine Handvoll Bundestagsabgeordnete. Für die freundliche Vermittlung. „Maskendeals“ wird das in der Presse genannt. Aber es waren nicht nur Maskendeals. Es war weit mehr als das.

Ich erinnere mich an das Frühjahr 2020. Ich erinnere mich an den # #KeinIsomaterialfürCorona, mit dem die Pflege darauf aufmerksam machen wollte, dass sie gefährdet ist. Es hat niemanden interessiert. Ich erinnere mich an zugesperrte Schränke, damit man sich nicht einfach eine lebensrettende Maske aus dem Schrank nehmen kann. Ich erinnere mich an Bilder, wie Kollegen das infizierte Zeug mit nachhause nehmen und dort ausbacken mussten. Ich erinnere mich an Kollegen, die nach 12 Stunden Schichten Stoffmasken für andere Kollegen nähten und an wieder andere Kollegen, die diese Masken dann bügelten, damit sie eine Chance hatten, das verflixte Virus zu töten.

Ich erinnere mich an völlig fertige Pflegedienstleitungen, die den ganzen Tag damit zubrachten, Masken besorgen zu wollen, telefonierten, an Lieferketten scheiterten oder schlicht daran, dass in den IT Systemen nur dort bestellt werden kann, wo die Firma als Lieferant hinterlegt ist. Ich erinnere mich an Bilder, wo nur ein paar Masken auf der Station hingen und die mussten sich dann alle teilen. Alle. Die selben! Tagelang! Ich erinnere mich an Rationalisierung, eine Maske musste 1 Woche reichen. Bei 12 Stunden-Diensten. Bei Kontakt mit Corona. Ich erinnere mich, wie die Statistiken des RKI anfingen, täglich mehr tote Kollegen aufzulisten.

Ich erinnere mich, wie sie dann anfingen, die Pflege „Helden“ zu nennen und im Bundestag aufstanden und klatschten und von Wertschätzung erzählten. Und ich habe Fragen, Herr Löbel.

Ich möchte wissen, ob Sie selber, als niemand etwas hatte, beim Einkaufen Maske trugen und ihre Familie und vielleicht Ihre Kinder. Ich möchte wissen, ob Sie auf die Uhr schauten, alle 12 Stunden, wenn Pflegepersonal die Schichten wechselte, weil dann die Hoffnung bestand, dass die neue Masken zugeteilt bekommen würden. Katsching in die eigene Tasche immer um 6.00. Ich möchte wissen, was Sie dachten, als Sie da im Bundestag standen und klatschten? Was war es? “ Applaus Ihr Deppen, Ihr verdient gerade für mich Geld! Höhöhö!“ ? Ich möchte wissen, was Sie dachten, wenn wieder einmal eine Bild-Schlagzeile aufpoppte, wenn in einem Pflegeheim Corona ausgebrochen war. Als man der Pflege die Schuld gab, als Angehörige wütend vor den Heimen tobten, Pflegende anspuckten, sie aus den Supermärkten schmiss, ihre Autos zerkratzte? Was war es? Vorfreude, weil das Heim sicher so verzweifelt sein würde und bei Ihnen die Kasse bald klingelte?

Ich möchte wissen, ob Ihr Euch da im Bundestag beim Lachen auf die Schenkel klopft, weil Pflege gutmütig in der Pandemie alles mit sich machen lassen muss, während Ihr, jeder für sich, innerhalb eines halben Jahres den Wert eines Einfamilienhauses verdient habt, mit der Arbeit der Pflege? Während Pflege oftmals nicht in der Lage ist, ein Einfamilienhaus in ihrem ganzen Leben abzubezahlen. Ich möchte wissen, wer dann beschließt, in Pressekonferenzen etwas von Wertschätzung zu erzählen, und wie „WERTVOLL“ (lacht Ihr, wenn Ihr das aussprecht?) die Arbeit der Pflege ist. Wertvoll ist sie, die Arbeit. Schließlich verdient Ihr dran.

Ich möchte wissen, wie sich das anfühlt. 1,3 Millionen Pflegende. Die Euch mit in dieses Haus, den Bundestag, gewählt haben. Auf deren Leben Ihr jetzt also ungebührlich Kohle verdient. „Marktgerecht“ habt Ihr das genannt. „Der marktgerechte Patient“ heißt auch der Film, der beschreibt, wie menschenunwürdig Medizin unter Gewinnmaximierung geworden ist. Ich bin sicher, Ihr kennt den Film und auch den Wortzusammenhang. Ihr verarscht uns doch.

Ich möchte wissen, was Ihr über die Opfer der Pflege denkt. „Pech gehabt, keine Lösesumme für Masken bezahlt, höhö.“ ?

Sie ziehen sich aus der Politik zurück, sagen Sie. Doch das ist schon wieder gelogen. Sie bleiben nämlich auf dem gut bezahlten Sitz sitzen bis August. Ein halbes Jahr also muss ich Sie noch durchfüttern. In einem Monat bekommen Sie soviel Geld wie 5 meiner Kollegen. Wenn die Glück haben.

Währenddessen erzählt Ihr uns weiter, dass Ihr nichts ändern könnt. Und verlasst Euch drauf, dass die Leute ihren Job machen. Gefährdet. Überstunden. Die Kinder der Pflege, die ihre Eltern kaum sehen. Mitarbeiter, die müde sind.

Was werdet Ihr machen mit der ganzen Kohle? Erstmal schön in den Urlaub, wenn es vorbei ist? Eine Beraterfirma gründen? Euch auf die Schultern klopfen, dass Ihr „wenigstens das noch mitgenommen habt“? Euch bedauern, weil alles so gemein ist?

All das weiß ich nicht. Leider. Aber ich weiß, was das Gemeinste an der Sache ist. Ihr könnte jederzeit Eure Krankenversicherungskarte zücken und in ein Krankenhaus gehen. Und dann müssen die, die Ihr so derbe verarscht habt, Euch behandeln, als wenn nichts gewesen sei.

Warum sie das müssen? Sie haben einen Ethikkodex. Das werden Sie nicht kennen, Herr Löbel. Hätten Sie mal besser Pflege gelernt. Hätte Pflege mal besser auf Ihrem Platz gesessen.

„Aber ich bin doch jetzt krank!“ – Vom Genuss einer Gesellschaft, Patient*in zu sein

Twitter. Ewige Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021 und jeder darf das, was ihn stört, ins Internet schnauben. Und es stört viel. Vor allem, wenn man krank ist. Wartezimmerteweets lassen schon die quasi-pathologische Spannung aufkommen, wie es jetzt weitergeht. Und manchmal ist es dann soweit. Man landet im Krankenhaus. Und was gibt es da nicht alles zu twittern, zu fotografieren und zu berichten!

Der vielleicht meistfotografierte Schockmoment für Patienten ist das Mittagstablett. Das fotografierte Essen schmeckt nicht, ist lieblos angerichtet, zu wenig, falsch, und überhaupt stimmt da was nicht. Ungesund das Ganze. Und dann geht es immer los. Man KÖNNTE doch erwarten, dass es etwas Besseres zu essen gäbe. Wer soll denn DAMIT gesund werden? Mitleid macht sich unter den Follower breit und überhaupt ist das ja eine Unverschämtheit. Man würde sich beschweren, das Ganze grenze ja an einen Skandal. Essen ist die Hauptattraktion seit IMMER im Krankenhaus. Das hat man eigentlich gewusst, aber nun erwischt es einen wirklich selbst. Klar, seit Jahren berichten die Medien über Sparmaßnahmen, jeder weiß, dass der Tagessatz für Essen pro Patient bei ca. 4 Euro liegt und man muss nicht kochen können wie Sarah Wiener, um zu begreifen, dass das, was da auf dem Teller gelandet ist, mit Nahrung, Nachhaltigkeit, Vitaminen und Ernährung nichts zu tun hat. Man weiß es auch, aber es wurde halt erst schlimm, als man die Pampe selber essen sollte. Ganz schlimm wird es, wenn man passiertes Essen fotografiert. Das wird als Unverschämtheit enttarnt, das könne man doch lecker anrichten. Dass der Brei einem das Leben rettet, weil man sich nicht verschluckt und Ernährung überhaupt erst möglich macht, wird völlig untergeordnet. Wie man passiertes Hackfleisch lecker anrichten soll, können zwar 32 Milliarden Nutzer auch nicht sagen, aber um Lösung geht es dabei auch nicht. Es geht um den Genuss, nun selbst betroffen zu sein.

Auch beliebt ist der stete Hinweis darauf, dass hier wirklich Personalnot herrscht und dass wirklich niemand Zeit für einen hat. Sicher, das hat man gewusst, aber es sollte einen nicht selber treffen. So schrieb gestern ein Nutzer, er sei das erste mal respektvoll gewaschen worden. Was das genau hieße, kann er nicht so genau sagen, aber die Pflege habe gesungen und ansonsten irgendwas mit Musik gemacht. Was sich darauf entspann, war unfassbar interessant. Denn Pfleg selbst mutmaßte, es müsse sich um öffentlich gelegte Blasenkatheter gehandelt haben oder um Trennwände, die nicht eilig herbeigeschafft wurden. Nichts von alledem war der Fall, es ging einfach um eine vergleichsweise entspannte Situation und Gesang, vielleicht auch um das Stimmen der Chemie zwischen den beiden, man weiß es nicht genau. Entspannte Situationen benötigen Zeit. Zeit jedoch ist etwas, was nicht vorhanden ist. Wir werden nie wissen, ob es sich um einen Schülereinsatz handelte oder was das besondere Geheimnis an der Situation war. Viel spannender jedoch ist, dass das Hervorheben dieser scheinbar so besonderen Situation schlicht bedeutet, dass der Patient wahrnimmt, dass er die sonst nicht haben kann.

Auf meinen Einwand, dass die Bedingungen nun oft gar nicht möglich machen, was der einzelne fordert, wurde es noch spannender. Denn jetzt wäre natürlich die tricky Frage dran, weshalb das Ganze sonst nicht so relaxed läuft. Aber, oh Wunder, ALLE arbeiten nach eigener Aussage völlig relaxed, pflegen so, wie sie selbst gepflegt werden wollen, sind mit sich im Reinen und in Kliniken und Heimen ist alles easy. Wer diese Leistung nicht erbringt, der ist einfach unfähig.

Besonders spannend wurde es, als man sich einig wurde, dass, wer nicht sänge, ein Gewalttäter gegenüber dem Patienten sei.

Ich persönlich versichere jedem, dass ich so schlecht singe, dass es eher gewalttätig wäre, würde ich bei der Versorgung ein Lied trällern.

Ja, sagte der Patient, die Bedingungen seien schlecht, aber das wolle er, der Patient dann doch nicht ausbaden. Er sei ja krank.

Patient und Pflege sind im ewigen Dramadreieck. Der Patient zieht sich darauf zurück, das Opfer eines Systems zu sein, Opfer der (gewalttätigen) Pflege zu sein. Das wolle er nicht. Und das kann ich verstehen. Wer will das schon? Aber der Patient ist leider nicht nur Patient. Er ist auch Bürger, somit Souverän dieses Landes, der politisch durchaus Einfluss nehmen kann und könnte, es aber meist nicht tut. Zuständig für die Veränderungen sei die Pflege, die dafür sorgen müsse. Er sei der Kleinste in der Hierarchie. Entschuldigung, ich finde das unrealistisch.

Wechseln wir die Rollen im Drama und zeigen auf, dass der Patient BÜRGER ist, dann regt sich sofort Empörung. Nein, Bürger sei man nicht, sondern Patient. Das ist schön einfach, denn so finden wir trotz rasant wachsender Fallzahlen niemanden in diesem Land, der neben seinem Patiententum auch mündiger Bürger ist. Das leuchtet ein, denn dann wäre man ja für das, was einem in Kliniken an Behandlung widerfährt ja selbst verantwortlich.

Dann wäre es unethisch, dem armen Kranken daheim „seine Polin“ zum Pflegen zu holen oder in Kliniken Angestellte auszubeuten. Dann und nur dann funktioniert einfach die Story nicht mehr und der Patient ist kein Opfer. Opfer werden dann die, die es täglich ausbaden, weil sie die Lücke zwischen Erwartung und Möglichkeit mit ihrem persönlichen Einsatz so auffüllen sollen, dass die Lücke unsichtbar wird. Und wehe nicht.

Das kann bedeuten, dass Pflege privat Brot herbeischafft, weil das Brot in der Klinik nicht schmeckt. Das habe ich tatsächlich erlebt. Das kann bedeuten, dass man zu singen hat, dass man Verrichtungen übernimmt, die der Patient selber kann. Der Spielraum der Vorstellung und der Erwartung sind groß.

Ist es nicht verwunderlich, dass niemand von uns je einen mündigen Bürger im Krankenhaus getroffen hat, der sagt: „Himmel, ich wusste es, ich habe mich aber politisch einfach nicht dafür interessiert. Da muss ich jetzt durch, aber ich werde etwas ändern, wenn ich hier wieder draußen bin?“ Warum? Der Patient ist Patient. Seine Bürgerrechte, die er Jahre vorher hat oft schleifen lassen, sein Desinteressment an der Situation, mit all dem möchte er sich nicht konfrontiert sehen. Zuständig sollen andere sein. Das ist zwar so bigott wie Kreuzfahrttouristen, die sich fragen, wann mal endlich wer etwas gegen den Klimawandel und die Meeresverschmutzung tut, aber im Gegensatz zum Touristen soll man das dem Patienten nicht sagen, er ist schließlich Patient.

Nach abgeschlossener Behandlung zieht sich der Patient dann wieder in seine Bürgerrolle zurück und die Sache geht ihn nichts an. Bis zum nächsten Mal. Vielleicht noch eine Google-Bewertung des schlechten Hotels Klinik ins Netz rotzen, fertig ist der Aktivismus. Das geht soweit, dass sich Bewohner eines Altenheims beschwerten, als sie sich durch ein Plakat mit der Gesundheitspolitik konfrontiert sahen, unter der sie selber leiden. Ja, aber doch bitte nicht vor ihrer Haustür.

Der Papst sagte mal, wenn es keiner gewesen ist, dann waren es alle. Was da passiert, das ward Ihr Alle. Es gibt keinen Weg, sich rauszuwinden. Und die Empörung, die sich auftut, wenn man Euch daran erinnert, dass es in einem demokratischen Staat auch Eure Aufgabe gewesen wäre, mitzumachen, die zeigt mir, dass der Blickwinkel richtig ist.

Nach Feierabend soll die Pflege noch für Euch demonstrieren, für eine Gesundheitsversorgung, die IHR wollt. Das ist wirklich paradox, denn das macht Euch zu Tätern des Dramadreiecks. Ihr seid nicht die Opfer. Die eklige Suppe der DRG habt Ihr Euch eingebrockt. Ihr müsst sie auslöffeln. Guten Appetit!

Pflege stirbt. Warum eigentlich?

Wenn in den nächsten Tagen im Wahlkampf Politiker wieder die Heldenhaftigkeit der Pflege betonen und Besserung versprechen, die sie eh nicht einhalten, werden diese hohlen Worthülsen 209 Kollegen nicht mehr erreichen. Sie sind tot, gestorben an Covidinfektionen, die sie sich sehr wahrscheinlich auf der Arbeit zugezogen haben, weshalb die Zahlen beim RKI täglich erscheinen.

Nebenbei gibt es auch täglich mediale Aufmerksamkeit dafür, dass Corona nach wie vor in den Heimen und Kliniken ausbricht, sich verbreitet. Wie eigentlich kann das geschehen, im angeblich besten Gesundheitssystem der Welt?

Das Robert-Koch-Institut gibt Empfehlungen aus. Wie das mit Empfehlungen so ist, sind sie nicht bindend. Gesetzt wird dabei auf Händedesinfektion und Persönliche Schutzausrüstung. Doch da gibt es ein Problem.

Händedesinfektion benötigt Zeit. Die ist in Kliniken schon lange nicht mehr vorhanden. Zwei Stunden am tag müssten Pflegende sich die Hände desinfizieren, um schon ohne Pandemie Übertragungen von wesentlich weniger infektiösen Krankheiten zu verhindern. Allen ist bekannt (Zeit berichtete darüber), dass diese Zeit nicht vorhanden ist. Es ist egal. Nun also wurden auf den pflegesensiblen Bereichen fast ein Jahr die Personaluntergrenzen ausgesetzt. Noch mehr Patienten mussten betreut werden. Noch weniger Zeit. Noch weniger Zeit für Hygiene bei höherer Belastung. Von vornherein war also klar, dass diese Strategie nicht funktioniert. Wer eigentlich trägt dafür die Verantwortung?

Die Beschaffung von Schutzausrüstung, also Handschuhen, Kitteln und Masken ist in den TRBA geregelt. Die besagen, dass die Auswahl der PSA auf der Grundlage der Gefährdungsbeurteilung zu regeln sei. Ja, Sie haben richtig gehört. Der Arbeitgeber, dessen höchstes Ziel es ist, Gewinnmaximierung vorzunehmen, darf selbst entscheiden, was er wählt. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die mit den TRBA nichts zu tun hat, empfiehlt schon im Normalfall den Einsatz von Schutzkitteln nach DIN EN 14126, doch für den Einsatz bei schweren Infektionen seien andere Maßnahmen zu treffen. Spezielle Overalls zum Beispiel.

Die jedoch scheinen die meisten Arbeitgeber beim Einsatz von Pflege nicht für notwendig zu halten. Deshalb arbeiten viele Kollegen in Kitteln, die schon für den Einsatz bei weit weniger gefährlichen Infektionen nicht haltbar wären, und eben nicht in den teuren Overalls, die sie schützen würden. Es erscheint merkwürdig, dass der Gesetzgeber drauf verzichtet hat, für den Pandemiefall konkrete Normen in seinen Gesetzen zu verankern. Die Mitwirkungspflicht des Arbeitnehmers hingegen besteht lediglich darin, das anzuziehen, was ihm der Arbeitgeber hinhängt.

Das ist doch bitte absurd.

Konkret bedeutet das, dass es zwar  DIN-Normen für Schutzkittel gibt, die für den Einsatz mit schweren Infektionskrankheiten nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene nicht ausreichen, doch niemand verpflichtet den Arbeitgeber, diese für seine Mitarbeiter aus der Pflege anzuschaffen. Ja nicht einmal der Einkauf der Kittel nach DIN EN 14126 ist garantiert. Die Mitwirkungspflicht der Pflegenden besteht lediglich darin, das anzunehmen, was der Arbeitgeber ihm gibt. Das Leben der Pflegenden liegt somit während der Pandemie in der Hand des Wohlwollens von privaten Konzernen, denen eine Gewinnmaximierung bekanntermaßen immanent, weil der Staat schlicht und ergreifend das Leben der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, die überwiegend weiblich sind, durch entsprechende gesetzliche Maßnahmen nicht geschützt hat.  

Nun könnte man davon ausgehen, dass ja der gesunde Menschenverstand geböte, den Mitarbeitenden freiwillig den maximalen Schutz zu gewähren. Doch dem ist keineswegs so und deshalb möchte ich hier einige Stimmen aus der Pflege zu Wort kommen lassen. „Wir haben nur so blaue, dünne Kittel.“, „Wir haben nur Stoffkittel.“, „Ich kenne die Overalls nur vom privaten Renovieren. Im Dienst habe ich nur gelbe [Besucher]Kittel.“, „Bei uns gibt es nur die dünnsten Einmalkittel. Ich ziehe zwei an, weil die ständig reißen.“, „Wir haben dünne Plastikkittel [gezeigt wird etwas, das aussieht, wie eine dünne Plastiktüte], „Unsere waren zuerst aus so einem speziellen Kit mit allem drum und dran. Ich zog sie gerne an für das Sicherheitsgefühl. Das hielt aber nicht lange an, denn wir wurden aus Kostengründen angehalten, die normalen Kitelchen zu tragen.“, „Wir haben nur einen Kittel für den ganzen Dienst auf der Covid-Station.“. 

Falls sich also mal wieder wer fragt, warum Pflege stirbt, weshalb nosokomiale Infektionen stattfinden, oder was ein Pflegendenleben wert ist im „besten Gesundheitssystem der Welt“, könnte es dran liegen, dass der Arbeitgeber völlig legal an der PSA für seine Mitarbeiter sparen darf. Ich darf das widerlich finden, ja?

Zumal die Empfehlungen der Gesellschaft für Krankenhausgygiene bei schweren Infektionskrankheiten Kittel nicht für ausreichend hält. Doch das scheint trotz der Mutanten auf Corona nicht zuzutreffen.

War das Durcheinander bis hierhin nicht schon genug, erlebt Pflege bei der Durchsetzung im Fall einer erworbenen Infektion juristische Überraschungen: Corona ist kein Arbeitsunfall!

Das dürfte in den meisten Fällen unmöglich sein. Die Arbeitgeber sind fein raus. Soviel also zum Umgang mit „Coronahelden“. Die nichts weniger wollen, als Helden sein, sondern nur geschützt arbeiten.

Die BG springt ggf ein, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als 6 Wochen dauert. Eine Entschädigung für das durchgemachte Leid ist vom Arbeitnehmer zuvilrechtlich anzugehen. Die Beweislast liegt dabei beim Arbeitnehmer. Der muss nachweisen, dass er sich während der Arbeit infizierte, sogar der Nachweis, dass die PSA unzureichend war, obliegt ihm! Betroffen sind 118.000 Menschen!

Den Nachweis zu erbringen, ist oft auf mehreren Ebenen unmöglich, denn

Am Nasenring zum Pflegeschafott. Warum Ihr uns mit Bodyshaming und Tonepolicing mal gepflegt am gepiercten (Köchelverzeichnis 382c)

Deutschland im Jahr 2021. Eine Pandemie erschreckenden Ausmaßes hat das Land fest im Würgegriff. Menschen sterben. Die Wirtschaft liegt am Boden. Pflegekräfte sterben ungeschützt wie die Fliegen, unbeachtet von den Medien, arbeiten unter unwürdigsten Bedingungen. Pflegende fühlen sich von den Organisationen nicht vertreten, die Politik adressiert die Arbeitsbedingungen genannten Missstände nichtmal im Wahlkampf. Doch all das ist nichts gegen das, was die Kollegen, die Gesellschaft und die Menschheit wirklich bewegt. Das wahre Problem sitzt tiefer: Franzi von B. trägt einen Nasenring.

Dinge, die die Welt bewegen

Im Entwicklungsland Pflege kannst Du jahrelang in der AIS gearbeitet, studiert oder Dich ehrenamtlich engagiert haben. Du kannst mental load als Mutter neben dem Job geschultert haben, wie ein andalusischer Packesel. Alles nichts gegen den Fakt, dass Du in Deiner Freizeit Schmuck, Nagellack und (heaven!) einen Nasenring trägst. Und da möchte ich gerne mal fragen, ob Euch der Hut brennt. Seit 1920 wird Pflege gebetsmühlenartig erklärt, dass sie sich nicht kleiden darf, wie sie will, dass sie die Haare nicht tragen soll, wie sie will. Und da kommt Ihr tatsächlich im Jahr 2021, einhundert Jahre nach dem Mutterhausprinzip, und fordert, wer seriös sein will, der habe sich in irgendeiner Weise zu kleiden, die Euch gefällt? Ihr habt die dreiste Unverschämtheit, erwachsenen Frauen Eure Vorstellungen aufzudrücken, wie sie aussehen, sich kleiden, sich schmücken sollen? Ist schon wieder Antike, wo der Hausherr bestimmt, was der Arbeitssklave zu tragen hat? Ist es möglich, dass Ihr nicht alle Latten am Zaun habt?

Wo nehmt Ihr die Frechheit her, Fremden zu erklären, was sie in ihrer Freizeit dürfen, und was nicht? Als seien die ein Allgemeingut, über das Ihr bestimmen dürft, nur weil sie Content posten? Wir waren da vor Kurzem, als man einer Kollegin auf Twitter erklärte, Krankenschwestern dürften keine gezeichneten Aktbilder von sich veröffentlichen, das gezieme sich nicht für eine Schwester. Das große Geheimnis: was Pflege in ihrer Freizeit macht, wie sie sich kleidet, sich zeigt, was sie trägt und tut .. geht Euch im Grunde einen feuchten Scheißdreck an. Es ist unklar, weshalb ausgerechnet am Körper der Pflegenden jeder Hans und Franz, der schonmal die Schwarzwaldklinik gesehen hat, meint, er dürfe da aus irgendeinem Grund mitbestimmen oder habe gar irgendwas zu melden. Dieses Bodyshaming, und das noch in der Freizeit, geht allen auf den Nerv. Es ist übergriffig, dreist und wer daran teilnimmt, sollte vielleicht eher mal bei Pochers „Halt die Fresse“ Challenge mitmachen. Seriös und kompetent wirkt man, wenn man seine Botschaft auf der Basis seines Wissens rüberbringt. Wie das geschieht, derjenige aussieht und was er in seiner Freizeit tut, ist absolut nicht kommentierbar. Bei dieser Form des Bodyshamings kommt mir wirklich der Kaffee hoch.

Schwestern sollen möglichst blond, weiß, rein, untätowiert, dezent geschminkt, stilvoll und von der Stange angezogen sein. Wer bei Google mal auf „Krankenschwester, Bilder“ drückt, erlebt die Klischeehölle. Aber ich habe eine betrübliche Botschaft für Euch. Nicht nur das Frei gehört uns, auch der eigene Körper, mit dem wir machen können, was wir wollen. Und nein, der Hygienezirkus als Argument gilt nicht. Und nein, 24/7 ist kein Mensch Pflege, außer er ist sozial schon so depriviert, dass er behandelt gehört. Es tut mir wahnsinnig leid, aber die Zeiten von Pflege als Nonne, wo man keinerlei Individualität an Äußerlichkeiten erkannte, sind vorbei. Adios. Und das Gleiche gilt auch für die Art und Weise, wie sie sprechen. Bodyshaming und Tonepolicing, MY ASS!

Es gibt da draußen Pflegenotstand, die nächste Generation Frauen wird nicht mehr frei entscheiden können, ob sie berufstätig ist, weil die Pflegeheimplätze nicht reichen, der Pflexit post Pandemie wird kommen. Ihr habt echte Probleme. Und Ihr erdreistet Euch echt, diesen sagenhaften Schwachsinn, dieses neidvolle MIMIMIMI wegen eines fucking Nasenrings zu fahren?

Frauen sehen aus, wie sie wollen. Wenn Dir das in irgendeiner Form nicht passt, dann husch, ab mit Dir zurück ins Kloster. Und am Peinlichsten ist es, wenn mittelalte Kolleginnen so einen Kommentar hinterlassen. Oder geifernde Männer, die sich das Objekt ihrer virtuellen Begierde mit dämlichen Kommentaren zurechtformen wollen. Die Borisgeneration der Pflege kommt erst. Der könnt Ihr sowas gerne erzählen. Die feuchte Traum, Krankenpflege wäre körperneutral wie die Schweiz ist ausgeträumt. Die private Normierung funktioniert nicht mehr. Wer auch immer von Euch diesen Blödsinn postet, überprüf mal, ob Du noch Einfachbilder siehst. Es ist nicht mehr das Ziel junger Frauen, sich in den Merkmalen in die weiße Pflegearmee einzureihen und nicht aufzufallen, als hätte man beim Fernsehballett angeheuert. Niemand arbeitet darauf hin, am Ende wahlweise wie Franz Wagner oder Prof. Bienstein auszusehen, weil sie die gewünschten Prototypen bilden.

Und schon dieses Zwinkersmilie. Als sei diese traurige Selbstoffenbarung der eigenen Übergriffigkeit irgendwie witzig, statt hoffnungslos zurückgeblieben. Da lesen Leute Content gratis. Und haben da noch Ansprüche? Echt jetzt? Seid froh und macht drei Kreuze, dass Menschen sich in ihrer Freizeit dafür engagieren, am Beruf etwas zu verändern, während Ihr dröge vor dem Bildschirm sitzt und Euch fragt, ob Euch ein Nasenring nicht passt. Anstelle irgendeines übergriffigen Kommentars könnte der Kommentator*in natürlich selbst aktiv werden oder sich mal fragen, ob dem Contentcreator das, was ER darstellt, ins Bild passt. Ich fasse es nicht, denn soweit ich weiß, war das sogar die eigene Berufsgruppe. Was fällt Euch eigentlich ein? Was denkt Ihr eigentlich, wer Ihr seid? 1900 ist vorbei.

Die Alternative?

Wem daran irgendwas nicht passt: Köchelverzeichnis 382c: Mozart: Leck mich am Arsch. Und Achtung, der ist heutzutage sogar in dem Bereich gepierced. Und falls es Fragen gibt: ich bin tätowiert. Und es geht Euch nix an

Führen in der Pflege: eine Kultur der Angst

Vor ein paar Tagen begleiteten wir einen Azubi auf Twitter, der folgendes Problem hatte: er bekam keinen Dienstplan und musste täglich fragen, wie er am nächsten Tag arbeiten solle. Das ist natürlich ungesetzlich, aber er traute sich nicht so recht dagegen an, denn ganz unverblümt hatte die Station ihm gesagt, wenn er aufmucken würde, würde er das bei der Note auf seiner Beurteilung sehen und das wäre für das Examen sicher nicht so schön. Er hatte einfach Angst.

Auf einer Psychiatrie sind die Fixierungsleitlinien ausgesetzt. Patienten werden fixiert. Kein Personal da. Die Gewalt ist beidseits. Pflege wurde zusammengeschlagen. Der GF droht mit Klage und Kündigung jedem, der das nach außen kommunizieren wird.

Daneben gibt es den Fall der Kollegin aus Hamburg, die gekündigt wurde, weil sie über die Mißstände in ihrem Konzern aufmerksam gemacht hatte. Was ist da los und woran liegt das?

Deshalb möchte ich Euch die Geschichte meiner Abteilung erzählen, auf der ich jahrelang tätig war. Eine riesige ZNA in einer großen, großen Stadt. Die Geschichte mit Klinik und Namen zu erzählen, ist mir bis heute vertraglich verboten und die Klinik hat uns damals „viel“ Geld gezahlt, um dieses Versprechen zu bekommen. (Völlig unabhängig davon möchte ich Euch sagen, wenn Ihr mal einen Unfall habt, könnt ihr in ein Krankenhaus in Berlin gehen.)

Unser Stationsleiter war der liebste und beste Mensch auf der Welt. Hätte er das alles überlebt, würde er heute an unserer Seite kämpfen, Phantastillionen Follower auf allen Kanälen haben. Aber das hat er nicht. Er war der klügste und versierteste Retter, Gipser, Verbinder, Anleiter, fair, integer und sozial kompetent. Aber manchmal, wie aus heiterem Himmel, brüllte er uns an. Das war unangenehm und passte nicht zu ihm. Irgendwann kam er zu mir in den septischen OP und schrie, weshalb die Sterikisten noch nicht eingeräumt seien? Es war kurz nach 10:00 und er war gerade aus der morgendlichen Leitungsrunde gekommen. Ich sagte: „Na? Hat er da oben Euch wieder angewiesen, jeden Tag einen zusammenzuscheißen? Mach ruhig, ich kann das ab. Gehen wir nachher was essen?“ Er schaute betroffen und er brüllte nie wieder. Stattdessen geschah etwas anderes. Es wurde nun richtig unangenehm.

Wir waren durch unseren Pflegedirektor, den es heute nicht mehr gibt, ein gerütteltes Maß an Gewalt gewohnt. So sehr gewohnt, dass wir nicht wagten, uns zu wehren, wenn er uns zur Fingernagelkontrolle in Reih und Glied antreten ließ wie beim Militär, unsere Unterwäsche kontrollierte und – irre – uns Arbeitszeit abzog, weil wir mit unseren Chipkarten ein Polytrauma in den OP per Fahrstuhl gefahren hatten. Den Weg runter rannten wir dann durchs Treppenhaus, weil das schneller ging. Aber er machte daraus, wir hätten im OP Kaffee getrunken und Pause gehabt und zog uns die Zeit, bis zur nächsten HOCHfahrt, die er als Abwärtsfahrt interpretierte, von der Zeit ab.

Essen und trinken war auf dem Gang verboten und nur in der Pause erlaubt. Wir hatten knapp 200 Patienten am Tag und waren heillos unterbesetzt. Pausen gab es für uns schon lange nicht mehr. Und so kamen wir 8,5 h am Tag nicht zum Essen oder Trinken. Nicht alle hielten das aus. Täglich schlenderte er über den Flur und versprühte Angst wie andere Charme. Man hörte ihn am Schritt. Eines Tages hielt meine Kollegin Petra es nicht mehr aus, rannte in den Pausenraum und holte sich einen Apfel. Sie sah schon übel aus, hatte Durst und konnte nicht mehr. Gerade, als sie in den verdammten Apfel biss, hörte man die Schritte. Was dann passierte, war alles eins. Der Apfel flog durch den ganzen Flur, klatschte an die Wand, splashte durch den Flur, Petra wurde noch weißer, der Pflegedirektor bog um die Ecke, sah das Malheur und brüllte wie von Sinnen. Er hatte nicht ausmachen können, wer da was warf und stauchte uns zusammen wie Kinder. Aber wir antworteten nicht, denn das hätte Petra die Stelle gekostet. Nichts gesehen, viel los hier. Petra schickten wir danach weinend nach Hause.

Ein anders Mal trennte sich eine Kollegin. Vielmehr hatte sich ihr Freund von ihr getrennt und ihr Leben war ein Scherbenhaufen. Sie weinte viel, kam aber arbeiten, um „das Team nicht alleine zu lassen“. Ihr kennt das. Sie wurde dünner und bekam leichte Augenringe. Aber sie machte ihren Job wie immer. Sie sagte, das sei ok, es lenke sie ab. Bei einem seiner Kontrollgänge sah er sie an und befahl ihr, sofort in sein Büro zu kommen. Sie kam weinend und schluchzend und völlig aufgelöst eine Stunde später wieder runter. Augenringe, sagte er ihr, seien definitiv ein Zeichen, dass sie drogenabhängig sei. Leugnen sei zwecklos. Alle Drogenabhängigen wie sie würden es leugnen. Sicher hätte sie auch gestohlen. Er erwarte einen Therapiebericht, sonst würde er sie kündigen. Das war unfassbar absurd, weil sie nie auch nur irgendwelche Anzeichen hatte. Es ging ihr mental einfach scheisse, sich neben der Stelle eine Wohnung suchen zu müssen und dazu noch den Trennungsschmerz auszuhalten. Es bliebt ihr nichts. An ihren freien Tagen musste sie zusätzlich nun einen Drogenberatungstermin wahrnehmen. Nach Wochen der Gespräche und der Anamnese ( sowas dauert ja schon, bis man einen Termin bekommt), hatte sie den Zettel, dass sie eindeutig keine Abhängigkeitsproblematiken habe. Sie hat die ganzen Wochen vor Angst funktioniert wie ein Uhrwerk, war reaktiv depressiv und völlig am Boden.

Dann begannen die Versetzungen. Jeden Tag wurde ein anderer abgezogen und auf eine fremde Station geschickt. Die anderen, die unten verblieben, mussten seine Arbeit mitmachen. Das erfolgte völlig willkürlich. Man wusste nie, wen es warum an welchem Tag erwischte.

Dann kam der Tag, an dem der Direktor unseren Chef zu sich holte und ihn von „der Leitung entband“. Unser Chef kam runter, zerrte uns zur Seite und sagte uns schnell, wen es noch erwischen würde. Es waren sicher 6 Mann, einschließlich mir. Ohne Grund und ohne Vorwarnung wurden wir versetzt. Wir hatten nichts verbrochen, wir hatten keine Fehler gemacht. Unser Chef hatte lediglich diese Angstkultur unterbrochen und sich geweigert, sie durchzuziehen. Dafür wurde nun jeder bestraft, den der Direktor in seinem Umkreis wähnte. Wir mussten nach den Nachtdiensten bleiben, „für ein Gespräch“, das oft erst am Nachmittag stattfand. Wir waren müde und erledigt, schliefen dadurch beim Fahren fast ein, konnten unsere Kinder nicht mehr aus der Kita holen oder bringen. Es war eine Zeit der puren Willkür und Gewalt. Wir alle gingen. Was damals nicht so einfach war, denn es wurden kaum Stellen besetzt. Die Station machte natürlich nie wieder „Ärger“, alle waren vor Angst wie gelähmt.

Der Direktor bekam einen Preis für seine Innovative Führung vom/ durch den DBfK und ich rede seitdem nicht mehr mit dem Verband auch nur ein Wort.

Es sind noch tausend andere Dinge passiert und irgendwann konnte ein Betriebsrat, den es damals noch nicht gab, das alles aufrollen. Der Typ leitet heute kein Krankenhaus mehr, soweit ich weiß.

Ja, das war ein spezieller Fall, aber Strafversetzen, Kündigen, Angst verbreiten, emotional erpressen („Dann bist DU schuld, wenn unsere Patienten nicht versorgt sind“), Macht über Dienstpläne ausüben, Drohen… all das sind bis heute gängige Praxen in Kliniken. Wer dabei ertappt wird, dass er den Mund aufmacht, dem kann es übel ergehen. Ihr müsst verstehen, dass nichts davon Eure Schuld ist. Aber Ihr müsst auch verstehen, dass Ihr das nicht hinnehmen dürft. Viele sagen mir offen, dass sie im Blog nicht genannt werden wollen, weil sie Angst vor Repressionen haben.

Bad Leadership wird in der Pflege gefeiert. Es kann auch offen kommuniziert werden, es wird von en einschlägigen Medien sogar unterstützt, indem sie die Profile der Leader so transportieren. Mir sagen tatsächlich Leute, sobald sie in bestimmten Medien ein „Führungsprofil“ sehen, ist die dazugehörige Klinik für sie gestorben. Ihr müsst verstehen, dass das System hat. System, weil der Druck auf dem Kessel der Personalnot so groß ist, dass er beim geringsten Blubbern hochgehen und dem Konzern um die Ohren fliegen kann. Deshalb werden Exempel wie in Hamburg statuiert, werden schon Azubis daran gewöhnt, faktisch nichtmal ihre Rechte durchsetzen zu können. Das ist mehr als Nurses eat Their Young. Das gewöhnt an Gewalt.

gewöhnt Euch nicht dran, resigniert nicht und wehrt Euch trotzdem.

Und passt auf Euch gemeinsam auf. Tragt Maske.

Das Positionspapier Pflege der Grünen. „Yes, we care!“ ?- NO! You don’t!

Vor ein paar Tagen überreichte mir Katharina Schulze auf Twitter stolz das Positionspapier der Grünen zur Pflege. Ich brauchte 3 Minuten, um es durchzulesen und fand: nichts. Nichts Sinnvolles. Aber gehen wir es doch gemeinsam durch.

„Yes we care!“ schöne Grüße an das „yes we can“ von Obama. Passt schon zum Atomwaffenshopping, das Grün jetzt treibt, aber was weiß ich schon?

Das Cover ist alleine schon geeignet, jeder Pflegefachkraft die Zornesröte ins Gesicht steigen zu lassen. Man muss nicht Kunstgeschichte studiert haben (hab ich aber), um zur verstehen, worum es geht.

Zitiert wird Superman, der sich das Oberhemd aufreißt, bevor es zum Retten der Welt geht. Das war ja auch logisch. Alle Welt redet vom Coronahelden und auch, wenn unklar bleibt, wer denn nun schon wieder zum Helden gemacht werden soll oder wer sich zum Helden macht, stechen die Farben Pink und Grün hervor. „Yes we care“ steht auf pinkfarbenem Grund und wie schon immer bleibt offen, wer dieses „wir“ eigentlich ist. Auch Ramelow (Linke) bemühte ja das „wir“, als er davon sprach, dass „wir“ uns um die 20% schwerkranken Pflegenden kümmern könnten. Wenn mit „wir“ = wir sorgen uns um Pflege gemeint ist, ist das schwer in die Hose gegangen. Auch das Cape des Helden/der Heldin ist rosa. Und auch die Fingernägel sind lackiert. Hier wird (weibliche) Pflege mit Grüner Politik im Heldenmythos gemischt. Diese Adaption ist eine Hybris, denn geopfert (unfreiwillig) haben sich bislang nur Pflegende. Der Held stirbt gerne mal, er arbeitet umsonst und deshalb braucht er auch zwei Jobs (Superman arbeitete bei der Zeitung, weil man vom Heldentum nicht leben kann). Niemand aus der Pflege will Held sein. Dafür hätte man aber vielleicht statt seiner eigenen Projektionen mal die Tagespresse lesen müssen. Also unterm Strich: Die Grünen wollen so tolle Helden sein wie Pflege und Pflege ist Held und alles ist eins. Pink wird für Frauen bemüht. Eigentlich ein Fall für die Rosa-Hellblau-Falle. Aber nicht nur die Symbolik ist von gestern

Die große „Reform“ kommt auf 17 Seiten daher. So schnell geht Reform also. Von der sind Einleitung und alles abseits Profipflege abzuziehen, dann bleibt nicht viel.

„Richtungswechsel in der Pflege“

Es wird beschrieben, dass es nun eine generalistische Ausbildung gäbe und das Schulgeld wegfalle. Man könne studieren. Ja, das wissen wir bereits. Neu wird es bei der Altenpflege.

„Die alten Abschlüsse in der Gesundheits- und (Kinder-) krankenpflege und Altenpflege bestehen weiter fort, allerdings wurden in der Altenpflege die Anforderungen gegenüber den anderen Ausbildungsab- schlüssen heruntergesetzt. Wir wollen das Ziel der Pflegeberufereform, die Ausbildung zur Alten-, Kinder- und Krankenpflege gleichwertig zu gestalten, umsetzen. Wir treten deswegen dafür ein, dass das abge- senkte Qualifikationsniveau bei einer eigenständigen Ausbildung in der Altenpflege geändert wird. Denn die Ausbildung zur Altenpflege wurde aus dem Konzept der Generalistik herausgerissen. Sie kann weiter- hin eigenständig, mit einem deutlich niedrigeren Kompetenzniveau separat weitergeführt werden. Aus un- serer Sicht hat das nichts mit Attraktivitätssteigerung in dem Berufsfeld zu tun. Zudem ist dieser Abschluss nicht europaweit anerkannt, wie der Abschluss der Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann. Wir wollen, dass die erstmals gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsaufgaben ebenso in der Altenpflege gelten und auch die wissenschaftliche Untermauerung in der Altenpflege muss vertieft werden.“

Das Problem ist nicht so einfach, wie es dort steht. Denn schon lange hinkt Deutschland der von der EU geforderten 12 Jahre Schulbildung für Pflege hinterher. Nur Deutschland unterscheidet überhaupt zwischen den 3 Feldern. Das liegt daran, dass es einfach nicht so viele Menschen gibt, die den Beruf ausüben wollen. Der Altenpflege wird unterstellt, sie arbeite lieber mit Herz statt Wissen. Der Punkt ist problematisch, aber bekannt. Es muss also die Möglichkeit zum Qualifizierungsaufstieg auch für niedrigere Schulabschlüsse geben oder für Quereinsteiger. Historisch ist das ein Problem. Denn das ist kein Fortschritt, sondern beamt uns zurück in die 1960er, wo der Deutsche Verein Altenpflege definiert hat als Beruf, den ausüben soll, wer nicht so gebildet ist und schulisch für Krankenpflege nicht geeignet ist. Das ist so retro wie eine Schlaghose.

Erfreulich ist, dass endlich akademisiert werden soll. Allerdings kann man die Nachtigall steppen hören. Denn bislang zahlen Pflegestudierende horrende Summen für ihr Studium, weshalb der Satz „Mit uns wird es deshalb eine universitäre Fakultät für Pflegewissenschaft in Bayern geben.“ erstmal wundert. Wer wird die betreiben? Wer verdient daran? Weshalb wird nur eine Akademisierungsquote von 10-20% anvisiert? Es gibt über 50 Pflegestudiengänge. Worum genau geht es hier? Niemand weiß es.

Pflegeexpertise nutzen

Eingesetzt werden Community Health Nurses (=Gemeindeschwestern/Kiezpflege) und Advanced Nursing Practise. Doch konkrete Bedarfszahlen bleiben offen. Es wird von Projekten gesprochen. Ein konkreter Plan steht nicht dahinter. Auch, wo die Leute herkommen sollen, bleibt ein ewiges Rätsel.

Pflegexpertise nutzen hätte so viel beinhalten können. Dahinter verbirgt sich jedoch nur der Ausbau der ländlichen Versorgungsstruktur ohne konkrete Zahlen oder Bedingungen.

Mitspracherecht für Pflegende

Es wird darauf verwiesen, dass in anderen Ländern Pflegende selbst Heil-und Hilfsmittel verordnen (es geht hier um APN), in der Fußnote wird das Dilemma ersichtlich, denn andere Länder akademisieren und so ist das die Aufgabe einer akademisierten Pflegeperson. Jetzt wird es wieder schwammig: „Wir Grüne setzen uns für Rechtssicherheit und Klarheit in der Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten ein. Um auch in Zukunft mehr Eigenverantwortung für die Berufsgruppe zu ermöglichen, ist diese Ausübung dauerhaft zu verankern.“ Wo das zu verankern ist, ob Rechtssicherheit Gebot oder Verbot bedeutet, nichts ist transparent.

Dann geht es um Kammer. Unter dem Mitspracherecht verbirgt sich: nichts. Was Pflege von Kammer zu erwarten hat, hat sie in der Pandemie gelernt.

Personalbemesssung

Nach viel Text, der zeigt, dass die Pflegeberufereform in der Praxis nicht umsetzbar ist, scheint die Lösung, mehr Personal zu wollen, konkludent. Die große Enttäuschung nach vielen Verweisen auf Pflegepersonalbemessungsforschung: es gibt keine Lösung.

Implementiert werden soll PPR 2.0, ein Bemessungsinstrument. Doch das hat eine Geschichte.

Lange, lange Zeit maßen Pflegende (es ist eine Zusatzarbeit, die auf die Pflege noch draufkommt, die eh nicht mehr kann) die PPR 1.0. Jeder Patient wird dabei in Gruppen eingeteilt und es wird geklickt was die Maus hergibt. Hinter den Tätigkeiten, Bedarfen und Ausführungen sind Minutenwerte hinterlegt. Die bilden dann den eigentlichen Bedarf ab. Als es Auswirkungen zeigte, wurde es ganz schnelll eingestampft. Was daran noch schlecht ist? Zuerst ist es ein Instrument, das zusätzlich geleistet werden muss. Dann passiert es, dass die Zeit, die am zu Pflegenden geleistet wurde, oftmals den Stundenrahmen der Pflegeperson überschreitet. Auf meiner ITS (da hieß es TISS), habe ich so in einem Dienst an einem Patienten eine Arbeitsleistung von 12 Stunden gehabt. Was die Verwaltung sagte? Toll. Da kann man mal sehen, was die noch bringen können. Alles Gute. Zudem verspricht PPR2.0 keine akute Entlastung, denn erstmal muss wieder jahrelang der Bedarf gemessen werden, bevor man diskutieren kann, wie der Bedarf dann mit Personal gedeckt wird (und woher eigentlich soll der kommen?). Völlig unbeeindruckt zeigen sich also die Grünen davon, dass Pflege nicht mehr kann, laut internationalen Studien (zu denen Deutschland wohlweislich KEINE DATEN eingereicht hat) mental zusammenbricht und unter PTBS leidet (es wurden Pflegende stationäre aufgenommen, aber wo keine Daten, da sind keine Probleme, das ist ja schön einfach). Es ist davon auszugehen, dass Long-Covid bei Pflege, PTBS, Depressionen, Burnout durch Covid zu einem beispiellosen Pflexit führen wird. Und was machen die Grünen? Hängen die Aussicht auf bessere Zeiten nach einer jahrelangen Messung den erschöpften Pflegenden wie einem müden Esel die Möhre am Stock vor die Nase, damit er weitertrabt. Das ist also „Pflege stärken“? PPR 2.0 sind lediglich neue Minutenwerte. Bislang ohne Erfassung und damit: keine Hilfe. Nur mehr Arbeit.

Dazu kommt, dass Pflege wieder nach Verrichtung gemessen wird. Wieder Taylorisierung. Dass es einen Pflegeprozess und Beziehungsarbeit gibt, fällt bei verrichtungsbezogener Messung völlig weg. Genau diese beiden Elemente aber sind DIE Pflege, die Pflege ausmachen, wenn wir von Qualität sprächen. Pflege bleibt also Fließbandarbeit. Da ist das Abo auf mental Health Krankheiten schon drin.

Meisterbonus
2000 Euro soll Weiterbildung einmalig dem Absolventen bringen. Dass der aber vorab viel mehr Geld in seine Weiterbildung gesteckt hat? Uuuups! Vergessen

Digitalisierung

Ja, jede Lobby muss bedient werden. Ich habe mich schon dazu ausgelassen, dass Digitalisierung im Pflegebereich nach Neurologen ein Gefahrenpotential für Pflegende darstellt, da sie ihrer Resonanz beraubt werden (Mabuse 2020) und weitere Burnouts/Pflexits/Berufsunfähigkeiten drohen. Ja, aufgrund Digitalisierung! Doch statt das ins Arbeitsschutzgesetz aufzunehmen und Richtlinien dafür zu präsentieren, wird die Digitalisierung fröhlich vorangetrieben. Die Gefahr wird dabei völlig ignoriert.

Gesundheit

Ganz im Sinne Westerfellhaus Beratungsprojekt, der Beraterfirmen dafür anheuern möchte, Pflege einmal beizubringen, wie sie richtig führt, damit die MA gesund bleiben, sprechen sich die Grünen aus (ein Schelm, wer die kommende Grün-Schwarze Freundschaft hier schon sieht). Pflege ist also nur zu doof zum Führen und braucht Beraterkompetenz (die viel, viel Geld kostet). Dass Pflege durchaus durch Studium und Weiterbildung bereits diese Kompetenzen erworben hat und nur nicht umsetzen kann, weil sie systemisch daran gehindert wird? Egal! Weitere Millionen werden also in Beraterfirmen versenkt, und die Pflegeführung zum Sündenbock gemacht. Dass aber gleichzeitig bad Leadership (ich schrieb drüber) durchaus die Regel ist, dass systemische Probleme nicht im mittleren Management angegangen werden können? Spielt keine Rolle. Die Schuld an allem haben ab nun die PDLs dieser (schönen neuen schwarz-grünen Pflege-)Welt, die einfach zu doof zum Führen waren. Alles klar.

Gewalt

Ja, Schutz von Gruppen? Unbedingt dafür. Wer vergessen wurde? Gewalt gegen Pflegende. Sie findet bei den Grünen einfach nicht statt.

Magnetkrankenhäuser sollen gefördert werden

Problem? Es gibt in Europa bislang nur eins. Das ist in Belgien.

Das alles ist unbefriedigende Politik und keine „Pflege nach Corona-Politik“ Es offenbart sich, dass über Pflege jeder 17 Seiten reden kann. Verstehen aber wohl niemand.

Danke für nichts.