Katastrophentourismus vom Homeoffice aus. Oder: Die sterben? Kann man da mal zusehen?

Liebe Nachwelt,

wenn Ihr den Verkommenheitsgrad einer Gesellschaft messen wollt, empfehle ich Euch, eine Pandemie durchzustehen. Vorzugsweise, nachdem Ihr jahrelang Eure Sozialeinrichtungen ausgebeutet habt. Und nachdem Ihr einen solch unfassbaren Sicherheitsstanddard im Leben eingebaut habt, das sich niemand auch nur annähernd mit Unsicherheit auskennt. Und: verbannt den Tod aus Eurem Leben. Sonst schockt es Leute nicht so, wenn er eintreten könnte, als stünde er nicht seit Geburt an fest.

Sartre sagte einmal, die Hölle, das seien immer die anderen. Und er hatte recht. Und Sartre kannte dabei noch nicht einmal das Internet. Gestern habe ich eine WhatsApp einer Kollegin geteilt, die auf einer Covid-Station unter schrecklichen Bedingungen ihren Dienst tun muss. Seitdem explodieren meine Followerzahlen (für meine Verhältnisse) und es vergisst auch niemand, darunterzuschreiben, für WIE furchtbar er das hält. Nicht etwa, was die Kollegin durchstehen muss, oder die, die da im Sterben liegen. Nein, empfunden wird das eigene Entsetzen. Aber das eigene Entsetzen hat einen Nachteil. Es flasht nicht.

Ob das echt sei, wurde ich gefragt. Nein, antwortete ich zynisch. Wir seien alle nicht vernetzten perverse Pflegekräfte, die sich einen Spaß daraus machen, ihren Kollegen im Ausland mal so richtig bullshit zu erzählen.

Nun, so sei das nicht gemeint. Das sei ja alles schlimm. Wie das da wohl aussähe? Wie man sich das VORSTELLEN müsse? Ob man da nicht HINFAHREN könne? Das wäre doch auch eine Warnung?

Mir blieb die Spucke weg.

Die sitzen die Leute warm und wohlig in ihren Drecks-Homeoffices und lechzen nach Katastrophentourismus vom Sofa aus. Schön sicher soll er sein, während sich woanders und auch in diesem Land die Pflege mit zu wenig Isomaterial nicht nur den Arsch abarbeitet, sondern sich selbst gefährdet. Die Kollegen haben Angst! Angst, ihre Kinder zu infizieren. Angst, eine falsche Bewegung zu machen und sich selbst zu infizieren. Und irgendwelche Wohlstandsärsche erklären mir nun, das sei leider nicht geil genug.

„Warten Sie! Ich fahre sofort hin und überprüfe das für Sie live beim Sterben. Möchten Sie Screenshots der Abschiedsgrüße der Sterbenden (in Italien darf man nicht auf die Stationen, die Leute sterben allein. Man möchte so wenigstens einen letzten Gruß ermöglichen) ? Möchten Sie zuhören, wie sich Ersticken anhört? Irgendwas, was Sie so richtig flasht, wie im Splatterfilm? LERNEN SIE INTENSIVPFLEGE! DA GIBT ES DAS 24/7!“

War auch wieder nicht recht. Ich solle doch mal ein bisschen HÖFLICH sein.

Nein, ich bin nicht höflich zu abartigen, lechzenden Arschkrampen, die sich mal so richtig am Leid anderer ergötzen wollen. Ob es das nur im Internet gibt? Nein, diese Scheiße hab ich sogar schon live erlebt, als wir ein Baby zum Sterben von der Beatmung abmachten. Sterben? DAs will keiner. Aber zugucken? Och jo…. Scheiß auf Ethik, Gefühl und Pietät. Scheiß einfach auf alles, solange es nicht einen selbst betrifft.

Überhaupt selbst betrifft. Die Sorgen dieser Tage der Menschheit sind groß. Und das Nebeneinander der surrealen Wohlstandsgrütze neben den Tweets aus meiner Pflegebubble sind ein Mix aus der Hölle!

Da schreiben manche, sie hätten kein Material mehr. Eine Kollegin ist in Quarantäne. Neben ihrem Mann, der frisch transplantiert ist. Eine andere: „Hach, was für ein geiler Tag! Ich habe den ganzen Tag mit den Jungs gespielt und Kuchen gebacken. Daran könnte ich mich gewöhnen!“ „Homeoffice ist auch Arbeit!“ „Was macht Ihr denn jetzt den ganzen Tag mit Euren Kindern?“ „Ich habe mir jetzt mal Bastelsachen bestellt!“ Und ich sitze da und halte es, neben den ganzen „Ihr seid solche Helden“ nicht aus.

Kinder der Pflege sind dabei nur so Thema. Pflege soll zwar arbeiten, aber sich sorgen nicht.

„Ganz ehrlich? Wir haben NOTSTAND! BEKOMMT EINFACH KEINE KINDER, WENN DIE FÜR EUCH SO NE LAST SIND“

Nein, Du selten verblödetes Stück Scheiße! Nicht die Kinder sind unsere Last, sondern dass Du dämliche Arschkrampe erwartest, dass wir Dir jetzt mit Zusatzarbeit den Arsch und das Leben retten. Ohne, dass unsere Kinder betreut würden. Und weil Du erkranken könnest, sollen wir keine Kinder kriegen? Ist Adolf schon wieder da? Zwangssterilisation und -arbeit? Hakt es in Euren Köpfen aus?

Einer will jetzt mal richtig mit seiner Familie in den Urlaub. Das sei doch alles übertrieben. Da kann man mal sehen. Die einen sollen keine Kinder kriegen, um Fremde zu retten. Die anderen möchten ihre lieber mit Sozialkontakten umbringen. So kann gehen.

Wir sollen „leise heulen“ wurde uns gesagt. Das ist wohl diese Wertschätzung Pflege. Ich bin unsicher, wer in den nächsten Wochen leise und wer laut heult. Aber ich habe eine Ahnung. Macht so weiter, ignoriert flattenthecurve. Es wird Euer lautes Heulen sein. Das größte Trauergeschrei, dass Ihr in Euren Homeoffices je gehört habt. Italienische Ärzte prophezeien, dass die Gesellschaft in ein paar Wochen nicht mehr die Gleiche sein wird. Da hat er recht.

Wenn wir jetzt bitten, das dann aufzunehmen, wie Ihr uns gebeten habt, das Sterben mal sehen zu können… wäre das dann uethisch? Ach, sieh an.

Und spart Euch Euer Heldengelaber in ein paar Wochen. Wie schrieb oben besagte Kollegin?

„I know what you are talking about, nurses are so much underpaid and pushed aside and treatened as unimportant in Italy too. And now everyone is like „oh, you’re heroes“ and we’re like, yeah… GO FUCK YOURSELVES!“

Nachtrag: ich setzte zu sehr auf Pietät.

Natürlich ist ein Team hingefahren und hat gefilmt

https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/im-zentrum-der-corona-krise-100.html

3 Kommentare zu „Katastrophentourismus vom Homeoffice aus. Oder: Die sterben? Kann man da mal zusehen?

  1. Ich bekomme auch schon richtig Anfälle bei den ganzen „Wir danken den Ärzten, Polizisten, Rettungskräften und Pflegekräften für ihren Einsatz“.
    Mich macht das so ärgerlich. Als ob ein Bildchen reicht um das alles „gut zu machen“. Wieder einmal soll ein schales Danke reichen und zwar nur an letzter Stelle 😡

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  2. geht mir auch so. leider kann man fuer applaus und schoene worte nichts kaufen. wenns um geld geht. meistens solidaritaet weg

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