Postapokalpytische Visionen

Ich weiß nicht, ob Ihr es wisst, aber wir haben auf Twitter eine „Twundesregierung“, in der wir spielerisch dann und wann die Rollen des Twabinetts durchgehen. (Ich bin Twanzlerin). Heute spricht aber nicht der Twarfrichter (oh, ich LIEBE Twarfi), sondern der @twundesminister zu Euch.

Und er hat Euch etwas Ernstes zu sagen. Über Eure Zeit danach, über die Verletzungen, die auf Euch zukommen können – und deren Folgen. Vergesst bitte nicht: Ihr habt nicht nur Verantwortung für die, die sie jetzt fordern, Ihr habt in erster Linie Verantwortung für Euch selbst, Eure Seelen und wir wollen nicht, dass die zerbrechen. Es ist klar, dass wir Euch nicht wirklich schützen können. Bitte passt gegenseitig auf Euch auf.

Postapokalyptische Visionen

Das Virus hat die Welt in den Griff genommen. Epidemien sind nicht wirklich etwas Neues, wohl aber das Tempo, mit dem diese nun die ganze Welt als Pandemie überrollt. Während ich noch damit beschäftigt bin zu akzeptieren, dass meine nächsten zwei bis drei geplanten Urlaubsreisen nicht stattfinden, bin ich doch froh, dass wenigstens Netflix noch läuft. Okay, Klopapier könnte knapp werden, aber das bereitet mir seltsamerweise gerade gar keine Sorge.

Sorge mache ich mir um die Kolleginnen und Kollegen, die durch die Arbeitsbedingungen seit etlichen Jahren ausgelaugt sind. Die psychischen Erkrankungen in der Pflege haben enorm zugenommen. Ein ganzer Berufsstand wurde systematisch dequalifiziert, an einer Selbstorganisation gehindert und ebenso systematisch ausgebeutet. Unabhängig eines Virus ist die Gruppe der Pflegenden wenig handlungsfähig, da sie lethargisch bis passiv-depressiv mehr schlecht als recht ihrer Pflicht nachkommt und den Laden am Laufen hält. Und da sie nichts anderes dürfen und viele sich auch nicht mehr zutrauen, sorgen sie wenigstens dafür, dass der Opa und Oma gut eingecremt sind und die GKW auch täglich sauber in der Akte abgezeichnet ist. Da schaut das Medizincontrolling auch genau drauf. Macht drei Aufwandspunkte für PKMS. Es rollt was auf uns zu. Jetzt rollt etwas auf uns zu, was hierzulande noch niemand von uns erlebt hat.

Es geht um das Überleben. Hinter vielen Standards und Routinen kann sich Pflege nicht mehr verstecken. Es geht um Fachkompetenz und personale Kompetenz! Passend dazu sollen wir jetzt vergessen werden, auf welches Niveau das “Pflegen kann jeder” den Berufsstand die letzten Jahre reduziert hat. Plötzlich ist Krisenmanagement gefragt, blitzschnell entscheidende Maßnahmen über Leben und Tod einzuleiten. Dafür werden auf die Schnelle Pflegende für den Intensivbereich eingearbeitet. Acht Stunden – statt zwei Jahre. Das ist angesichts der Lage richtig, weil man über verschüttete Milch jetzt nicht klagen braucht. Und “irgendjemand” muss ja erkennen, wenn sich ein Patient verschlechtert. Trotzdem wird dies die Letalität bei uns beeinflussen. Pflegende, die ihre Arbeitsbelastung seit Jahrzehnten damit messen, wie viele Patienten sie heute “zu waschen” hätten, sind unter Umständen nicht viel besser auf die Situation vorbereitet, wie ein Führerscheinneuling nach dem Erste-Hilfe-Kurs. Es rollt also auf uns zu und holt zum letzten Schlag aus: auf Pflegepersonen, die bereits angeschlagen im Ring taumeln und die nicht die leiseste Ahnung haben, was sie dem Angriff entgegensetzen sollen.

Mit etwas Glück gelingt ihnen kurzfristig die Deckung. Lieber ohne Kompetenzen als gar keine Hände Per Dekret werden sie aus dieser von der Regierung wieder herausgeholt. Lieber ohne Kompetenzen als gar keine Hände. Und das bedeutet, dass sie konfrontiert werden: mit Atemnot, Triage und Todeskampf. Mit einer Priorisierung der Tätigkeiten, die über ein Leben entscheiden kann. Und das nicht “mal”, sondern ständig. In einem nie dagewesenen Ausmaß. Und da viele der Pflegenden dies qualitativ gar nicht leisten können, werden Menschen sterben. Sie werden auch sterben, weil irgendjemand nicht für Material gesorgt hat. Oder für die Geräte.

Pflegende werden ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen und die ihrer Familien. Sie werden Überstunden machen oder sich selbst ins Krank verabschieden. Wer letzteres tut, wird von seinen Kolleginnen und Kollegen und der Gesellschaft gehasst werden. Im Stress stirbt das Teamgefühl zuerst. Aber was unterscheidet in dieser Situation ärztliches Personal und Pflegende? Pflegende werden in einen Krieg geführt, den sie nicht gewinnen können; auf den sie einfach fachlich noch viel weniger vorbereitet sind. Nach der Corona-Krise Und so schweife ich in Gedanken zu einer Zeit nach der Corona-Krise. Und ich prophezeie ein postapokalyptisches Szenario. Pflegende, die die Toten in ihrer Schicht nicht mehr zählen konnten. Pflegende die täglich Überstunden machen mussten. Pflegende, die selbst erkrankten und nach 2 Wochen wieder in dem Wahnsinn weiterarbeiten durften. Pflegende, die quasi rechtlos wurden, durch Zwang zur Arbeit auf der einen Seite, aber Ausgangsbeschränkungen auf der anderen. Ein Leben für den Dienst am Menschen. Ich sehe in dem Szenario Pflegende, die kein Burnout mehr haben, sondern posttraumatische Belastungsstörungen. Allen voran die Auszubildenden, die anstatt die Schulbank zu drücken jetzt bereits an die Front auf Isolierstationen geschickt werden. Im großen Umfang werden Pflegepersonen ausfallen oder ganz den Dienst quittieren. Die Belastung wird weiter steigen. Eines Tages werden die elektive Eingriffe wieder aufgenommen. Die Personaluntergrenzen werden ausgesetzt bleiben, damit man die Regelversorgung abarbeiten kann.

Die geleisteten Überstunden können nicht frei genommen werden. Spätestens dann werden die letzten Verdrängungsmechanismen über das Erlebte versagen.

Alle normalen Jugendlichen werden einen Bogen um so einen Beruf machen, wenn er dies erlebt hat. In der postapokalyptischen Welt nach Corona wird man nach einem digitalen Arbeitsplatz streben. Einer Arbeit, die pandemiesicher ist; bei der man sich in den eigenen vier Wänden verschanzen kann und sich nicht in Gefahr begibt. Es wird natürlich auch weiter Menschen geben, die trotz der Arbeitsbedingungen und der Risiken diesen Beruf ergreifen werden. Weil er so toll ist und man so viel zurückbekommt, z.B. Schokolade oder weil es der einzige Beruf ist, den man mit mittelmäßigen Schulleistungen noch machen kann. Weil es kommt aufs Herz an – und Mut – und Hände: Herz, um billig zu bleiben, Mut, um ungeschützt Viren und Übergriffen entgegenzutreten, Hände, um Hintern abzuputzen.

In diesem postapokalyptischen Szenario nach Corona kollabiert das Gesundheitssystem letztendlich, weil eine systemrelevante Berufsgruppe wegbricht – und der Therapie-Stau aus der Krisenzeit aufgearbeitet werden müsste. Wenn wir jetzt die Infiziertenkurve glätten, dürfen wir die Kurve durch anderweitige Schäden aufgrund fehlender Therapie nicht ausblenden. Der Markt an Pflegenden wird nach der Krise noch viel leerer sein als davor. Vielleicht kommt es aber ganz anders. Es könnte natürlich ganz anders kommen. Wenn eine Gesellschaft nicht nur die Systemrelevanz bescheinigt, sondern sich auch der Wirksamkeit von professioneller Pflege in der Gesundheitsversorgung sowie die Notwendigkeit von Fachexpertise bewusst wird.

Ja, es muss ins Bewusstsein. Ein Blick in Nachbarländer hilft manchmal, wenn man denkt, dass es nur so wie bei uns in Deutschland geht. Auch dort ist nicht alles Gold. Meist ist aber schon mal die Bezahlung besser. Meist ist Pflege primär akademisch. Aber vor allem hat Pflege eines: eine Anerkennung als anspruchsvolle Profession, deren Ausübung umfangreiche fachliche, methodische, soziale und personale Kompetenzen benötigt. Kompetenzen, die eben nicht jeder hat. Zugangsvoraussetzungen, die man sich erarbeiten muss und kein Förderunterricht, damit man irgendwie durch die 3 Jahre Ausbildung und das Examen kommt. Vielleicht gelingt es, dass professionelle Pflegende zu den Eliten im Gesundheitssystem zählen, die es in der Krise beherrschen und nicht von der Krise beherrscht werden. Profis statt Held*innen Dann kann man Pflegende gerne als Profis bezeichnen und das Gelaber vom Heldentum stecken lassen. Und dann besteht vielleicht die Chance, dass sich junge Menschen von diesem Image anziehen lassen. Ich bin mir sicher, dass man das Gesundheitssystem nach dem Pflege-Fukushima in die eine oder die andere Richtung steuern kann. Aber vielleicht gibt es auch noch ein drittes Szenario: Es bleibt alles so gut, wie es jetzt ist.

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