Show Us, You Care! Beweisen Sie, dass SIE Pflege schützen!

Mittlerweile wäre es eine lange Liste, aufzuzeigen, welche Einschneidenden alleine die letzten Tage für den Pflegeberuf nach sich gezogen haben. Eine Liste aller Nachteile, die sich hinter dem Begriff „Systemrelevanz“ verbergen.

Änderung des Arbeitszeitgesetzes, Aussetzen der Personaluntergrenzen, zu wenig Material, um sich selbst zu schützen, erweiterte Quarantäne (= positiv getestet weiterarbeiten), Kinder in Gruppen unterbringen müssen, Kurzarbeit, Urlaubssperre, weitere Überstunden. Kein Schutz gefährdeter Personen aus dem Beruf. Um nur die Heftigsten zu nennen. Und bei dieser Liste ist das geplante Gesetz zur Rekrutierung ehemaliger Pflegender noch nicht gelistet.

Das Paket der Maßnahmen wird allein auf dem Rücken der Profession getragen und bislang lässt sich nicht erkennen, dass auch nur ansatzweise über ein Entgegenkommen des Staates nachgedacht wird. Während andere Länder Unsummen zahlen, wenn sich eine Pflegende bereiterklärt, Covid-Patienten zu behandeln, redet Deutschland noch immer vom Händchenhalten. Jetzt sei nicht der Zeitpunkt, um über Geld zu reden. Wir sind uns einig, dass Sie uns danach die Rezession unter die Nase halten und empört sagen waren: „Wie können Sie jetzt mit Forderungen kommen, wo es dem Land so schlecht geht?“. Empirik formte diese Ansicht.

Aber tatsächlich ist das nicht alles, was für Pflegende getan werden kann. Im Gegenteil. Es kann nicht sein, dass alleine Pflegende jetzt Sorge tragen – im wahrsten Sinne des Wortes – müssen. Auch die Gesellschaft, also die Politik, muss nun Zeichen setzen, dass sie bereit ist, den unfassbaren Forderungen an den Berufsstand Sorge zu tragen und – im wahrsten Sinne – für ihn zu sorgen. Show us, you care!

Nachfolgend also einige Impulse, wie das Paket zu Lasten der Profession wieder in eine etwas balancierter Position kommen kann.

Mental Health: Jetzt schon vorbeugen. Better Safe than Sorry!

Bereits vor Corona war Pflege psychischen Erkrankungen und der Gefahr, an ihnen zu erkranken, ausgesetzt. Das, was in den kommenden Wochen und Monaten erwartet wird, wird seine Folgen haben. Nicht allein die Angst um das eigene Leben beim Arbeiten unter mangelhafter Schutzausrüstung, sondern insbesondere die Sorge, die eigenen Kinder, die Familie anstecken zu können, nimmt Pflegende unfassbar mit. Dazu kommen noch die Belastung durch die prolongierten Schichten von 8 Stunden auf 12 Stunden und die verkürzten Ruhezeiten, sowie die jetzt schon (oder immer noch) stattfindenden Auseinandersetzungen mit aggressiven Angehörigen, die sich den Regeln widersetzen. All das geschieht unter höchstem ethisch-moralischen Druck. All das bedeutet Stress. Stress und Erleben, das sich nachteilig auswirkt. Es besteht ganz klar die Gefahr, dass Pflegende nicht allein auskühlen , ausbrennen, sondern auch weiter Depressionen entwickeln und schlimmstenfalls ein posttraumatisches Stresssysndrom entwickeln.

Wie in jedem Katastropheneinsatz kann Pflege nun erwarten, dass in ihren Kliniken Seelsorgeteams zum Einsatz kommen, die die mentale Gesundheit der Einzelnen im Auge behalten. Es muss Ansprechsstellen, notfalls Hotline geben, an die Pflegende sich wenden können. Das unfassbare Erleben kann nicht einfach daheim verarbeitet werden. Hier muss von vornherein Gesundheitsprävention allein der Pflegenden und für Pflegende im Vordergrund stehen, wenn diese nach und innerhalb der Krise nicht erkranken sollen. Es nutzt niemandem, wenn jetzt knapp 1 Million Pflegende durchhalten und danach zusammenklappen. Schützen Sie sie, anstatt später „tut uns leid zu sagen“.

Zu dieser Maßnahme gehört es an sich selbstredend, dass für eine gewisse Zeit danach die zumeist knappen Therapieangebote vorzugsweise an diejenigen vergeben werden, die nun in der Krise an vorderster Front stehen.

Berufsunfähigkeit

Es muss sichergestellt werden, dass diejenigen, die heute unter diesen Bedingungen die Bevölkerung versorgen, im Falle einer dadurch sich manifestierenden Berufsunfähigkeit nicht noch zusätzlich monetär bestraft werden. Garantieren Sie, dass in einem solchen Fall nicht allein die viel zu knapp bemessene BU greifen wird. Es kann und darf nicht im Raum stehen, nach Beendigung dieser Einsätze als Covid-Hungerveteran das weitere Leben zu führen. Garantieren Sie in solchen Fällen den letzten Mindestnettolohn.

Überstunden

Schon jetzt sind die Meisten der Pflege mit horrenden Überstunden überhaupt in die Krise gestartet. Überstunden, die nie ausgeglichen werden konnten, weil dafür das Personal fehlte. Und zum Bezahlen das Geld. Machen Sie sich Gedanken, wie die weiteren Plusstunden in Freizeit ausgeglichen werden können. Es steht zu befürchten, dass bei weiteren Ausfällen von Personal nach Wiederaufnahme des Regelklinikbetriebs das alte Argument „jetzt gerade nicht!“ dazu dienen wird, die Plusstunden bis ins Unendliche zu ziehen. Legen Sie einen Plan vor, die Fallzahlen soweit zu senken, dass der Abbau von jetzt erworbenen Plusstunden garantiert wird. Ob die Pflege dann jeweils „Geld oder Zeit“ wählen wird, sollte dabei dem einzelnen Mitarbeiter überlassen werden.

Isomaterial

Die weitere Ausdünnung der RKI Empfehlungen darf nicht hingenommen werden. Schon jetzt müssen Mitarbeiter ohne Material arbeiten. Nehmen Sie solche Arbeitgeber in die Pflicht. Es kann nicht Sorge des einzelnen Mitarbeiters sein, wie er an Schutzausrüstungen kommt. Die Pflegedienste sind Wirtschaftsbetriebe. Sie haben sich um das Material zu kümmern. Das Einfordern, ohne Schutzausrüstung Patienten betreuen zu müssen, darf nicht geschehen. Die Konsequenzen müssen klar auf der Hand liegen. Und zwar nicht die Konsequenzen für den Arbeitnehmer. Die Gesellschaft und die Dienste möchten etwas vom Einzelnen. Die Forderung der Krankenhausgesellschaften, dann eben ohne Material arbeiten gehen zu müssen, gefährden zwei Leben: das der Patienten und das der Mitarbeiter. Das ist gegen das Recht auf Unversehrtheit! Das ist gegen die Verfassung. Das ist vorsätzliche Körperverletzung.

Gefahrenzulagen

Die derzeitige Infektionszulage von knapp 50 Euro brutto ist ein Witz unter diesen Bedingungen, denn die Bestimmungen gingen davon aus, dass PSA bereitgestellt sei und es sich lediglich um eine erschwerte Versorgung handele. Das ist hier aber nicht der Fall. Roundabout zwischen 25-30 Euro mehr für das Gefährden des eigenen Lebens ist definitiv zu wenig.

Mitwirkungspflicht Angehörige/Patienten

Krise ist nicht nur Angelegenheit der medizinischen Berufe. Schon unter Metoo wurde klar, dass Pflegenden kaum strafrechtlich relevanter Schutz zugebilligt wurde. Die Berichte darüber, dass Gewalt an Pflegenden fast zur Regel geworden ist, Rettungsassistenten und Pflege bedroht, bespuckt und geschlagen wird, sind gemeinhin bekannt. Auch unter Corona hat das nicht zu einer vermehrten Einsicht bei allen geführt. Noch immer stürmen Besucher mit Gewalt Stationen, versammeln sich Gruppen um Assistenten und gefährden die Behandelnden. Hier muss eine eindeutige strafrechtliche Regelung her, die die Behandeln endlich schützt. Es kann nicht sein, dass Patienten sich noch mit Angehörigen in Parks getroffen haben und so das Leben Pflegender gefährden. So, wie jetzt nicht die Zeit sei, über Geld zu reden, MUSS jetzt die Zeit sein, um über solche Übergriffe zu reden. Dazu gehört auch, den Pflegenden unter den gegebenen Umständen die Zeit zur Patientenbehandlung zu lassen. Es kann nicht sein, dass nun stundenlang an Pforten und an Telefonen Sturm geklingelt wird und die Häuser belagert.

Sorgen Sie für Sprechstunden der Pflegenden und für deren zeitliche Ressourcen, mit Angehörigen zu sprechen. Aber ahnden Sie Übergriffe auf Stationen und im Rettungsdienst.

Solidarität ist keine Einbahnstraße!

5 Kommentare zu „Show Us, You Care! Beweisen Sie, dass SIE Pflege schützen!

  1. Das ist nur eine Seite der Geschichte: Denn es gibt jetzt auch Kliniken, die Kurzarbeit ankündigen.
    Das trifft geringer Qualifizierte besonders hart, denn in einem Krankenhaus, oh Wunder, arbeiten ja nicht nur „Intensivpfleger“.

    Damit umzugehen ist auch Stress und verursacht Existenzängste.
    Um dieses Personal kümmert sich gar niemand mehr, denn es will nicht so gut zum Heldentum taugen.
    Zwar war dieses Personal gut genug, es wo es nur ging auszubeuten, da dieses Personal nie teuer war und so manche Fachkraft trotzdem ersetzte – nun aber braucht es in ausgestorbenen Fachabteilungen, die von je her von geplanten OPs, die ja bekanntermaßen nicht mehr durchgeführt werden, gelebt haben, keiner mehr.

    Obwohl ausreichend Personal verhanden und zu beschäftigen wäre, soll in einer solchen Klinik nun der Betreuungsschlüssel auf Normalstation auf 14:1 (!) und auf Intensivstation auf 4:1 (!) festgesetzt werden.
    MAV wehrt sich zwar, aber bei den derzeitigen Entwicklungen muss man sagen: noch gilt die gesetzliche Grundlage, nach der man sich wehren kann und muss.

    Also liebe Kollegen, die aus dem tätigen Klinikbetrieb vielleicht ohnehin schon ausgestiegen sind und heute forschen, mitentscheiden und managen: Wo bleibt euer Aufschrei?
    Noch gibt es genügend Krankenhäuser – aber nach der Pandemie wird es eine Vielzahl davon nicht mehr geben.

    (Falls Sie wieder löschen wollen, geben Sie doch wenigstens einen Hinweis, weshalb.)

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  2. Darum geht es, das Gesundheitssystem zu zerstören. Pflegende guckt genau hin, es sind nicht eure Patienten. Die Verantwortung trägt nicht die einzelne Pflegekraft (nur für das was ich tue), sondern der Krankenhausbetreiber und letztendlich der Staat. Herr Spahn ist verantwortlich und er tut in meinen Augen nichts.
    Ich sage das was ich denke und nicht was man mir ins Hirn pflanzen will. Eine die bereits aus dem System ausgestiegen ist.

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  3. Solidarität ist keine Einbahnstraße! – richtiger gesagt: ist oft eine Sackgasse!
    Wir werkeln und schaffen in ein Care-Show-Bussiness wo Voodoo-Pflege angesagt ist.

    Ungefähr so wie TimMälzer, MarcoReus & Co. Wir genießen das Zugucken wie andere das machen und sind es als verwöhnte Zuschauer gewöhnt, dass uns sogar bei den Sitcom-Sendungen das Lachen noch abgenommen wird.

    Interpassivität – so das Fachwort für das Unwirkliche – auch für unsre pflegerische Wirklichkeit

    Nimm Tim Mälzer Sauerbrateten – und Du siehst, wie Du vor Deinem eigenen Genuss flüchtest um zu genießen. Nimm Marco Reus: nicht Du bist aktiv, nein er macht das Spiel.
    Nimm Let’s Dance – tanzen tun andere.
    Nimm DSDS und Du bleibst stumm?

    Tina Wittler zeigt Einsatz zwischen 4 Wände. Und Dein Einsatz bei Sport & Spiel: nur konsumfreudiger Zuschauer?

    Kto Kovo. Willst Du Voodoo-Pflege?
    Hokus Pokus – und alles wird Gut?

    Andere machen und tun und du darfst lachend dabei ausruhn?

    Diese Meta-Fragenkomplex kommt mir beim Lesen in den Sinn – wie so oft beim sinnieren: herausfordernd GUT getextet – ein Merkmal echter Pflegephilosophie

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    1. Das ist ein wundervoller Gedanke.
      Allerdings….
      Passierte heute Folgendes:

      Wenn der BMG den RIAS Chor „Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen“ für Pflege singen lässt, nachdem es #keinIsoMaterialFuerCorona gibt und ein Gesetz zur Zwangsrekrutierung unterwegs ist:

      Muss ich dann lachen oder schreien?

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