„Mein Team ist phantastisch!“ – Führen in Zeiten der Krise.

Sowohl die Teams der einzelnen Stationen, als auch die gesamten Organisationen befinden sich derzeit im Ausnahmezustand und wohl selten kam es auf das Führungsgeschick in den einzelnen Organisationseinheiten so sehr an, wie jetzt.

Nicht nur, dass andauernd neue Informationen über Hygiene, Besucher, das Virus selbst, politische Entscheidungen in den Stationsalltag fluten, wie kaum je zuvor. Gerade jetzt kommt es darauf an, dass sich diese Informationen schnellstmöglich durchdeklinieren. Und ganz ehrlich, wer kennt es nach Stationssitzungen nicht, dass Wochen später noch immer der Letzte keine Ahnung davon hat, was jetzt neu im Handling ist und es ein furchtbares Durcheinander gibt? Nur: Dafür ist jetzt keine Zeit.

Unfassbarerweise hat aber gerade die Wurzel des Berufs, das Klosterwesen, eine ganz erstaunliche Vielfalt an Krisenmanagement zu bieten, auf das Pflege flugs zurückgreifen kann. Nicht gleich die Nase rümpfen. Die Benediktsregel (dem hl. Benedikt von Nursia 5. Jh. nach Christus zugeschrieben) ist das Fundament zum Führen eines Klosters. Dort gründen unsere Wurzeln und diese Regel ist tatsächlich so aktuell, dass auch gestandene Manager von großen Konzernen immer noch „Benedikt für Manager“ kaufen können. Gucken wir uns das also einmal an.

Unterscheiden

Das alleroberste Gebot ist tatsächlich die Fähigkeit des Unterscheidens. Und gerade im ethisch-moralischen Kontext ist diese Fähigkeit jetzt wichtig. Denn nicht wenige Pflegende stürzt der neue Umgang mit Besuchsregeln in ein Dilemma, dem sie sich schwer entziehen können. Wir sind gewohnt, den Beruf aus humanistischen Gründen, möglichst individuell und am Patienten orientiert zu planen und auszuführen. Humanismus (eine seiner Wurzeln ist Kant) sagt, dass kein Leben ein anderes beschneiden darf. Auf dieser Basis handeln nicht wenige, die von sich selbst sagen, sie seien berufen. Alle Menschen haben dabei die gleichen Rechte.

Doch nun sind die Grundrechte eingeschränkt zum Wohle aller. Tatsächlich befinden wir uns nicht in Zeiten des Humanismus. Wir befinden uns quasi im pflegerischen Utilitarismus. Das Wort kommt von utility, Nützlichkeit, und bedeutet im philosophischen Ansatz, dass das Wohl des Einzelnen dem Gesamtwohl unterworfen ist. Deshalb sollen alle daheim bleiben, auf ihre Grundrechte teilweise verzichten. Zum Wohl der Gemeinschaft wird dabei die Pflege (und andere systemrelevanten Berufe) doppelt belastet. Zum Wohle der Gemeinschaft ist die Quarantäne für Pflege eingeschränkt, gelten Gesetze nicht mehr.

Das Dilemma besteht darin, dass nun professionelles Handeln sich nicht mehr grundsätzlich am Einzelnen ausrichtet. Und nicht ausrichten darf. Auch, wenn es das Wohl des Einzelnen wäre, jetzt inmitten seiner Familie zu sein, muss auch das Wohl der Schutzbefohlenen sich dem Wohl der Gemeinschaft unterwerfen. Das bedeutet, dass den Mitarbeitern klar sein muss, dass die Besuchsbeschränkungen keine fiese Sache sind, sondern das Wohl der gesamten Gesellschaft nur bestehen kann, wenn Pflegende safe sind. Es ist einfacher für Ihre Mitarbeiter, das durchzuhalten, wenn Sie das mit ihnen bereden. Es bedeutet, dass das Absetzen der Masken keine coole Höflichkeit sind, sondern ebenfalls gefährdet. Es bedeutet aber auch, dass Ihre Patienten und Bewohner die Pflegenden mitschützen müssen. Nicht nur zum Wohl aller, sondern auch zu ihrem eigenen Wohl.

Das Dilemma besteht darin, dass dies die humanen Maxime schützt!

(Benedikt sagt, es gibt einen guten und einen schlechten Eifer, der vom Abt zu beobachten sei. (72,1;2) und es ist ein schlechter Eifer, jetzt außerhalb der Regeln zu agieren)

Schwächen mit Geduld ertragen

Nicht alle Mitarbeiter verarbeiten die Krise auf die gleiche Art und Weise. Es wird Zeit, dass wir eine Basis finden, über Gefühl zu reden. Das Gefühl, dass derzeit viele eint, ist Angst und Unsicherheit. Auch die, die bereits in Bergamo im Zentrum arbeiteten, berichteten von unfassbarer Angst, ihre eigenen Familien infizieren zu können. Teilweise war die Angst so groß, dass sich Kollegen selbst töteten. Es wird also Zeit, auch Ängste für voll zu nehmen, die unter normalen Umständen eher nicht kommuniziert würden. Ein einfaches „wie geht es Euch heute?“ wirkt da wunder. Auch, einfach mal über Angst zu reden (Wie steht es um Eure Ängste? Wie kann ich sie Euch nehmen?) kann so ein Gespräch eröffnen. Die Plattform dafür kann Skype sein.

Achtung! Bereits jetzt finden Interaktionen statt. Es gibt Teams, die die Befürworter der logischen Maßnahmen dissen, weil „die Tatsache, dass wir unsere Pause nicht zusammen machen können, unser Team zerstört“. Wer da zur Logik aufruft, wird schnell zu dem, der das ganze Team hasst und quasi zerstören will. Seien Sie sensibel für solche Gruppendynamik. Es kann nicht sein, dass nun die, die die Schutzmaßnahmen konsequent betreiben, hintertrieben werden. Mobbing ist schon vor der Krise kultureller Bestandteil von Pflegeteams gewesen. War er vorher schon unerträglich für Menschen in einem sozialen Beruf, kann er jetzt zur tödlichen Gefahr werden, wenn die Maßnahmen gelockert oder hintertrieben werden. Es geht nichts (auch das wusste schon Benedikt) ohne den Beistand des anderen.

Es ist jetzt Zeit, sofort positive Rückmeldungen zu geben. Die soziale Distanz meint keinesfalls, dass man jetzt nicht mit guten persönlichen Worten auch mal zeigen könnte, dass Wertschätzung im Strudel des Chaos nicht unterginge. Was schließlich bleibt gerade sonst noch?

Für all das ist jetzt Zeit. Papier schreit Sie nicht an und kann warten. Aber an Ihrer Seite arbeiten Menschen, die in Presse und Vokabular oft genug unter „Häuser, Heime, Kliniken, Betten“ subsummiert wurden. Sie führen kein Haus! Sie führen Menschen.

P.S. den Managementmagazinen war dieser Beitrag zu progressiv. Das sagt viel über die Kultur des bad Leadership

Hier noch n Link zum philosophischen Dilemma.

https://www.nzz.ch/feuilleton/coronavirus-warum-der-humanismus-dem-utilitarismus-ueberlegen-ist-ld.1549687?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub

8 Kommentare zu „„Mein Team ist phantastisch!“ – Führen in Zeiten der Krise.

  1. Es gibt Teams, die die Befürworter der logischen Maßnahmen dissen … Wer da zur Logik aufruft, wird schnell zu dem, der das ganze Team hasst und quasi zerstören will. Seien Sie sensibel für solche Gruppendynamik. Es kann nicht sein, dass nun die, die die Schutzmaßnahmen konsequent betreiben, hintertrieben werden.

    Mobbing ist schon vor der Krise kultureller Bestandteil von Pflegeteams gewesen.

    Mobbing – soziologisch betrachtet ein Form eines Ostrazismus/Acht/Ausgrenzung weist irgendwie immer ein Form der Quarantäne auf. Absonderung. Ein Fall fürs Abseits.

    Gut das sich sonderbare Menschen in der Pflege als Auftrittsmenschen positionieren. Es mit Gottes Hilfe und reformatorischem Habitualität aufnehme mit allen möglichen Päpsten. Gerade mit jene Geschäftsleiter, die lieber mit Weihwasser und Applaus schwingen und sprengen statt pathologische Infektionen kongruent und konsequent zu bekämpfen.

    Nach dem Historiker Burkhard hat Luther die Röm. Kath. Kirche gerettet. Ohne 95 Thesen in Wittenberg hätte es kein Konzil in Trient gegeben u.s.w.

    Das Spiel der Spiele (Spiele für Erwachesene [Berne] in unsre Posrmoderne hat sich strukturell nicht so ganz viel von historische Muster eines antiken Themistokles oder ein moderaten Luther entfernt.

    Nur dass heutige Thesen im Team flotter gepostet werden und schneller wirken

    – die Pflegephilosophin ist dafür ein schlagender Beweis.

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      1. Minutenlektüre – mit prägende Typologien: Jehidis – im Klartext: „Jetzt hab‘ ich dich endlich, du Schweinehund.“

        Um sein Werk lesbarer zu machen. bediente sich der Wissenschaftler Berne seltsamer Chiffren. Trotzdem zögerte der New Yorker Verlag Grove Press,2 Jahre bevor sich 1964 das Buch mit solchen Kürzeln durchsetzte. „Zu wissenschaftlich “ meinten die Lektoren. Wurde ein Bestseller ever. (Spiegel 15.05.67)

        Typologisch für unser Beruf: wir reden uns den Mund fusselig – schärfen unsre Begriffsbestimmungen und packen unsre Aussagen dann noch in Wolkenwatte – und trotzdem (wenn zur Kenntnis genommen) erst einmal als „zu wissenschaftlich“ vermaledeit und in der closed circle des Besen- (Pflege-) Kammer abgestellt.

        Gut dass Sie Klartext können.

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  2. Sehr geehrte Frau Schünemann,
    ich bedaure, Ihre Arbeit nicht schon länger zu kennen und schätze mich umso glücklicher, dass es nun endlich der Fall ist.
    Mit Ihrem Blog und diversen Artikeln, Beiträgen etc. pp. haben Sie es geschafft, mir meine eigenen Dilemmata, meine Wut, meinen Frust, mein Unverständnis und meine Hilflosigkeit erklärbar zu machen und zu kanalisieren.
    Sie sind toll!
    Danke. Alles Gute für Sie!
    Herzliche Grüße aus Lichtenberg

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