Klei mi am mors mit Empathie

Wohl mit keinem anderen Satz kann man in Pflegeforen dermaßen viele likes generieren, wie mit der Behauptung, zur Pflege benötige man Empathie.

„Ich bin so empathisch, deshalb pflege ich!“. Diese Haltung spiegelt sich deutlich auch in den Stellenanzeigen wieder, in denen Häuser Personal suchen. Die Empathie darf niemals fehlen, so wie das Gütesiegel „torffrei“ auf Blumenerde. Da werden PDLs gesucht, die „durchsetzungsstark und empathisch “ sind, was nichts weiter bedeutet als : „Wasch uns den Pelz, aber mach uns nicht nass!“ Zu Pflegende beschweren sich, dass Pflegende einfach nicht empathisch seien. Aber was hat es eigentlich auf sich, mit diesem Wort, dieser Fähigkeit? Und weshalb bekommen Leute Schnappatmung, wenn wir sagen: „Klei mi am mors mit Empathie!“?

Es ist der vielleicht meistgefallene Satz in Zusammenhang mit einer Dienstleistung. „Wer mit Menschen arbeitet, der braucht Empathie“. Was ist eigentlich Empathie?

Empathie ist, laut Definition, die Fähigkeit und Bereitschaft die Motive, Gefühle, Persönlichkeitsmerkmale eines anderen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden (Lexikon der Psychologie 2017). Diese, so die landläufige Meinung, werden also benötigt, arbeitet man im Dienstleistungsbereich. Schauen wir uns das Ganze einmal genauer an .

Pflege ist die Dienstleistung (also eine Leistung gegen Geld), Defizite im Bereich der ABEDL zu kompensieren. Doch das Ganze erstreckt sich ja scheinbar nicht allein auf die Pflege, wenn angeblich ALLE Dienstleistungen gemeint sind.

  • Der Sommelier: bestelle ich eine Weinbegleitung, dann beruht der Rat des Sommeliers ganz allein auf seiner Kenntnis, welche Traube denn nun zu meinem Essen passt. Meine Motive, Gefühle und Persönlichkeitsmerkmale sind in dem Prozess keinesfalls von Bedeutung. Außer, ich teile ihm mit, dass ich Rotwein generell verabscheue. Das hat dann aber mit seiner Empathie nichts zu tun, sondern mit meiner Mitteilung. Niemand wird von einem Sommelier erwarten, meine Entscheidung, Rindfleisch ohne Rotwein zu präferieren, erwarten. Im Gegenteil. Meine Ablehnung des Gängigen und Erprobten dürfte ein dickes Augenrollen bei ihm hervorrufen. Da ist die Empathie des Gastes gefragt.
  • Hotelier: In Bettenburgen landen gerne bis zu 700 Gäste. Hoteliers, also definiert als die Menschen an der Rezeption, sind zumeist freundlich. Die Werbung verspricht zwar, dass man mir jeden Wunsch von den Augen ablesen wird, aber tatsächlich muss ich diese Wünsche artikulieren. Die Forderung, er müsse meine Motivationen, Gefühle oder Persönlichkeitsmerkmale nachempfinden, käme mir bei 700 Leuten absurd und verlogen vor. Im Gegenteil. Ich fände das creepy.

Die Liste ließe sich so lange fortführen, sie ginge über Zimmermädchen, Friseure, die Fußpflege bis hin zu Kosmetikern. Bei keiner dieser Dienstleistung ist Empathie eine Voraussetzung für das Gelingen der Dienstleistung.

Entsetzt kreischen mir Menschen dann entgegen, dass Empathie ja aber viel besser sei, als unhöfliche oder harsche Menschen. Der Absage an Empathie wird also automatisch entgegengestellt, das Gegenteil von Freundlichkeit oder Höflichkeit zu sein. Beide Begriffe haben aber null miteinander zu tun. Auch wenn mir die Motivationen und Gefühle des anderen völlig uneingänglich sind, kann ich durch die Bank weg höflich sein. Aber dieses „wer nicht empathisch ist, ist UNHÖFLICH und rüde!“ scheint des Pudels Kern zu berühren.

Googeln wir statt des schwammigen Begriffes Empathie einmal einfühlsam und bringen ihn zusammen mit dem, was Pflege ist, nämlich ein gefühlter Frauenberuf, dann wird das Ausmaß des Dilemmas etwas klarer.

Suchergebnisse auf die Googlesuche „einfühlsame Frau“.

  • warmherzige Frauen sind sexy
  • Männer bevorzugen einfühlsame Frauen
  • einfühlsame Frauen machen Männer scharf
  • wird eine Frau als intelligent wahrgenommen, ist sie abturnend. Warmherzigkeit kann da helfen, diesen scheinbaren Makel zu überwinden

Das scheint mir der Punkt zu sein, um den es bei diesem Anspruch, eine emphatische Pflege zu haben EIGENTLICH geht. Wer die Empathie eines anderen beansprucht, der hat in unserem Dienstleistungsbereich eine sexy, warme, scharfe Frau vor sich. Tata.. das hat ja nicht lange gedauert, bis die Verbindung von Pflege und Sexyness aufploppte.

Die Empathie zu fordern, marginalisiert also den Beruf als Ausdruck einer intelligenten, berufstätigen Frau und reduziert ihn auf ein Gefühl. Er sexualisiert ihn sogar. Er bedient damit uralte Stereotype aus dem 19. Jahrhundert, nachdem Pflege etwas für Frauen sein, weil die in ihrer Natur läge.

Das findet sich häufig in Konflikten wieder. Wer hat nicht schonmal bei Fehlverhalten eines Patienten gehört, dafür „müsse man jetzt Verständnis haben“ oder „das müsse man doch verstehen!“? Dahinter verbirgt sich wiederum nichts weiter, als das häufig hierarchisch höhergestellte Kollegen demjenigen, den die Situation betrifft, absprechen, ein Urteil und demzufolge eine Konsequenz fordern zu können. Denn “ wer das nicht versteht, der hat ja keine Empathie“. Das Absprechen einer Empathie ist das Totschlagargument. Empathie zu fordern kann also im Gegenzug als Freifahrtschein für jedwedes übergriffiges Verhalten herangezogen werden. „Hab Dich nicht so“

Das macht diesen Begriff gefährlich. Wer sich „nicht so haben“ soll, wer alles erdulden und erleiden soll, wer alles mitmachen und eine eigene Urteilsfähigkeit hintan stellen soll, der gilt: nichts. Und wie sehr Pflege nichts gilt, das haben wir gerade erlebt.

Wenn eine Dienstleistung also auf ein schwammiges Mitgefühl und Einfühlen reduziert wird, dann muss sich niemand mit dem Können und der Kompetenz auseinandersetzen. Man kann den Mitarbeiter marginalisieren und ihn emotional auskühlen. Das Ende vom Lied: Coolout, Burnout.

Ob sich die Leute , die Stellenanzeigen auf dieser Basis schreiben, bewusst sind, was sie da tun? Auf jeden Fall!

Es gibt tatsächlich nur ein einziges Pflegemodell, das Empathie bedingt. Das psychiatrische Modell. Allerdings kommt die Empathie da nicht allein des Wegs. Sie geht in Person Hand in Hand mit Kongruenz (also authentisch zu kommunizieren, was „Ei mein Lieber Guter, wie gehts uns denn heute?? *säusel) von vornherein ausschließt, und der Authentizität (sich so geben, wie man fühlt, weil das Gegenüber sich emotional ggf. zwar nicht mitteilen kann, aber niemand wird Menschen mit Demenz absprechen, hochgradig emotional intelligent zu sein und auf Stimmung zu reagieren).

Dieses Modell ist also das GEGENTEIL von selbstaufopfernder, sich nicht spürender Empathie, wie der AG und Laien sie fordern. Ach guck.

Wenn Laien (und auch Kollegen) etwas von Empathie erzählen, frage ich mich immer, wie das in ihrer Traumwelt in einem Hochleistungsbetrieb abgeht. Empathie in der Pflegebatterie zu suchen ist für mich genauso sinnvoll, wie zärtliche, streichelnde Tierliebe im Mastbetrieb zu suchen.

Absurd ist die Forderung nach Empathie auch aus anderer professioneller Sicht. Es wird dem Beruf niemand absprechen, gerade bei den Cooloutraten und Burnoutraten, dass die Arbeitsverdichtung durch die Decke geht. In einem solchen Betrieb ist das sich selbst Wahrnehmen nicht möglich. Sonst gäbe es ja oben genannte Krankheitsbilder nicht bei Pflegenden.

Empathie kann aber nur bringen, wessen Selbstwahrnehmung gesund und ungestört ist. Die Arbeitsbedingungen und Empathie schließen sich also gegenseitig aus. (Singer, 2013) Sie sind neurologisch und neuropsychologisch nicht möglich.

Arbeitgeber und Gesellschaft fordern also an dem Punkt entweder unter dem Deckmantel der Empathie „heiße, warmherzige mütterliche Frauen“, mit denen sie umspringen können, wie sie wollen, oder sie verarschen die Kompetenz Pflegender bewusst, wenn sie etwas fordern, was sie politisch und gesamtgesellschaftlich unmöglich gemacht haben.

Der Schuldkomplex einer mangelnden Empathie wird dabei vollends auf die Pflegenden übertragen, anstatt sich mit der absurden Forderung zu befassen. „Du bist NICHT emphatisch!“ „Ich bin SO empathisch!“

Pflegende, die heute von sich behaupten, empathsich zu sein, die haben also noch nicht ausgelastete Arbeitskapazitäten, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann. Oder sie lügen in Ermangelung eines Bewusstseins für den Begriff.

Arbeitgeber, Politik und Gesellschaft, die Empathie fordern, fordern an den Bedingungen vorbei.

Was sie dann offenbar nicht haben? Empathie.

Solange das so ist: Klei mi am mors mit Empathie und sucht euch einen neuen Kampfbegriff der Ausbeutung. Dieser ist enttarnt.

4 Kommentare zu „Klei mi am mors mit Empathie

    1. Absolut zutreffend.

      Find es bezeichnend wie sowas schon während der Ausbildung eingebläut wird… „wenn ein Patient gewalttätig ggü der PK wird (und dabei nicht kognitiv eingeschränkt ist), müssen wir uns vor Augen führen welchen traumatischen Belastungen er aktuell im KH ausgesetzt ist…“ Nee is klar. Ich gehe auch nach nem schlechten Tag die Angestellten im Supermarkt anpöbeln, anschreien und beleidigen und gehe sie körperlich an und erwarte dann rotzfrech dass die das hinnehmen weil ich ja einen schlechten Tag hatte. Zum kotzen.

      Kein anderer Beruf hat so ne „still die andere Wange hinhalten“ Mentalität, kein anderer Beruf setzt voraus, dass wir jede aber auch nur JEDE Kleinigkeit „nachvollziehen“ und „verstehen“ und „akzeptieren“. Aber wehe eine „“Schwester““ vergisst der Mama die Bettdecke frisch zu beziehen weil sie einen schlechten Tag hat. Da hat plötzlich keiner mehr die Verständnis, die er so selbstverständlich einfordert…

      Gefällt 1 Person

    2. Sorry catherine wollte nicht auf deinen Kommentar antworten sondern nur auf Monjas Post – weiß nicht was da schief gelaufen ist 😉

      Liken

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