Pflegephilosophie

Impfgegener in der Pflege. „Mein Körper, meine Sache!“

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Um es gleich vorwegzunehmen: Impfen ist der Schlüssel. Ich bin dafür. Ich warte sehnlichst auf den Tag, wo endlich der verdammte Brief ankommt, dass ich dran bin. Aber darum geht es hier nicht.

Erstaunt blicken Medien gerade auf die Tatsache, dass ungefähr 50% der Pflegenden sich nicht impfen lassen wollen. In den Kommentaren der einschlägigen Medien fordern Laien, dass das doch die Pflicht der Pflegenden sei. Es sei ihre Aufgabe, so die Patienten zu schützen, die sie betreuen. Verbände und Profis fordern, doch mal zu zeigen, wie professionell man sei. Ich hingegen schüttele den Kopf. Und ich verstehe Impfgegner, obwohl ich selber keiner bin.

Ich betone oft, dass das mit dem Körper von Pflegenden eine merkwürdige Sache sei. Er scheint den Pflegenden selbst nicht zu gehören. Seit in der Antike Sklaven pflegten, ist das Recht auf den eigenen Körper, das eigene Leben ausgerechnet in der Pflege eingeschränkt. Körper und Seele werden mit Schichtdienst belastet. An den Körper der Pflegenden werden Anforderungen gestellt. Überbelastbar muss er sein, er muss den (sexualisierten) Anforderungen entsprechen, die Gesellschaft an ihn hat. Er darf keine Ruhepausen haben müssen. Er muss mehr heben, als in andern Berufen. Die Kinder von Pflegenden werden wenig berücksichtigt und dem System mit einverleibt. Die stehen viel zu früh auf und selbstverständlich sind sie in den Clustern der Notbetreuung, sehen schon außerhalb der Belastung Pandemie ihre Eltern nicht regelmäßig. Es ist ganz klar: irgendwas stimmt nicht mit der Sicht, die die Gesellschaft auf die Pflegekörper hat.

Die ganze Pandemie wird auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen. Zuerst wurde das Arbeitszeitgesetz ausgesetzt, dann die Personaluntergrenze. Nun ist (mit dem Körper der Pflegenden) alles möglich. Ob die Pflegenden selbst sicher waren? Nein. Das sind sie bis heute nicht. Tagelang haben Pflegende ihre Masken daheim ausgekocht und gebacken. Es gab kein Schutzmaterial, die Mäntel rissen, die Masken waren ungeeignet. Über 130 Pflegende sind bislang gestorben. Was niemand erwähnt, denn offenbar sind die Körper der Pflegenden einfach unwichtig und Arbeitsmasse. Systemrelevant, ja. Aber nicht systemrelevant genug, um darüber zu reden, wenn sie sterben. Als sei das alles ganz normal.

Die Politik, die schon begriffen hat, dass der Pflegenotstand ihnen auf die Füße fällt, setzt weiter auf Reframing statt Reformen. Das sei doch ein guter Beruf, sicher sei er und so LIEBEVOLL. Die Zugangsvoraussetzungen werden immer weiter runtergesetzt, damit auch der Letzte noch einen Platz in der Pflege findet. Deprofessionalisierung allerorten. Auf die Kompetenz wird nichts gegeben. Ist man kompetent, ist man schnell renitent. Hauptsache liebevoll, da ist das mit der Kompetenz kein Thema. Nicht innerhalb nicht außerhalb der Pandemie. Und nun sollen Pflegende ihre Professionalität durch Impfung beweisen? Das ist schon lächerlich, dass sie niemals ihren Beruf professionell so ausüben können, wie sie ihn gelernt haben und nun soll es professionell sein, sich impfen zu lassen.

Es gibt keine Impfpflicht. Das wurde immer betont. Doch offenbar meint das wieder einmal nicht alle. Es meint die anderen. Die, die nicht Pflege sind. Fordert ein Pflegender das gleiche Recht ein, wie jeder andere Bürger, dann ist das empörend. Denn: er habe ja die Anvertrauten zu schützen. Doch das ist falsch, denn wie bei jedem anderen Bürger gilt hier „Mein Körper, meine Sache“ und das unabhängig davon, ob das sinnvoll ist.

Es gibt nicht einen einzigen Betreuungsvertrag, der besagt, der Patient habe mit den Pflegenden selbstverständlich respektvoll umzugehen. Respekt wird nur einseitig gefordert. Ein unilateraler Gefühlsvertrag Als sei es ok, Pflege mies zu behandeln. Was oft genug geschieht, schaut man auf #respectnurses.

Das ist absurd. Denn die Anvertrauten, die die Heime stürmten, die sich in Kliniken trafen, die in vollbesetzten Wohnzimmern Weihnachten ohne Maske feierten, als der ambulante Dienst kam, die, die jetzt lawinenartig in den Wintersport fuhren.. all diese schützen die Pflegenden nicht. Selbst, einfach mal ein Jahr KEINEN VERDAMMTEN BÖLLER abzuschießen, um Kliniken nicht zu überlasten, war der halben Nation schon zuviel des Guten. Scheiß auf Pflegende. Weshalb dann sollte es ausgerechnet eine moralische Pflicht seitens der Pflege geben, andere zu schützen, wenn die so GAR NICHTS darauf geben, ob Pflegende überleben, oder nicht?

Pflege erlebt, wie sie das Kanonenfutter der Pandemie wurde. Sie werden geopfert und das seit Jahren, wenn nicht schon immer. Ich verstehe, dass es größtes Misstrauen gibt, wenn man zu den ersten gehört, die den vakzinen Wall für die Bevölkerung abgeben sollen. Schließlich ist die Gesundheit der Pflegenden den Leuten sonst auch egal. Wer also garantiert, dass es der gleichen Gesellschaft nicht auch völlig egal ist, wenn etwas schief geht? Im Gegensatz zu mir haben im Schichtdienst arbeitende keine Möglichkeit, sich wirklich zu informieren. Denn die sind nach 12 h und mit nur 3 freien Tagen im Monat einfach völlig platt. Was ich nicht sage ist, es ist nicht nötig. Aber ich denke, die Gesellschaft vergisst, dass sie kein Anrecht darauf hat, dass Pflegende ihren Impfwall bilden. Sie dürfen nett drum bitten. Zudem geht es auch hier nicht um die Sicherheit der Pflegenden. es geht um die Sicherheit, das System nicht kollabieren zu lassen. Dass jemand, den das System sonst durchs Leben prügelt, sich sagt „Ist mir völlig egal, Euer beschissenes System“ verstehe ich. Systemrelevant bei allen Nachteilen zu sein, ist das neue Heldentum. Aber niemand spricht von einem Coronabonus für die, die sich impfen lassen. Über den Körper der Pflege wird einfach verfügt. Kein Wunder, dass da viele An Versuchskaninchen denken. Denn genau das sind sie nämlich sonst auch. Versuchskaninchen für einen riesigen, mies angelegten Versuch, der da heißt: „Wie kann ich Pflege auspressen und trotzdem sicherstellen, selbst genug zu gewinnen?“ Niemand spricht dieser Tage darüber, keine Renditen zahlen zu können. Aber Gehälter nicht zahlen zu können, darüber redet man.

In diesem Kontext ist das sich nicht impfen lassen wollen einfach auch als eine Art des Widerstands zu sehen. Widerstand derer, die sagen: Ab hier reicht es. Denn, was das Verfügen über die Gesundheit Pflegender angeht, reicht es schon lange. Das belegen die Gesundheitsreporte. Und nun soll die Gesundheit plötzlich wichtig sein. Ist sie, aber nur und das System und die Arbeitskraft zu erhalten. Und das sind auf BEIDEN Seiten die falschen Motivationen.

Deutschland verweigert Pflegekräften in der Pandemie konsequent Traumaprävention. In anderen Ländern sind sie Bestandteil der Begleitung des NHS (Greenberg). Bildung, Stress, Ausbeutung, mental health Probleme. Niemand sagt, dass Traumareaktionen logisch sein müssen.

Und denen, die schreien „ich erwarte aber..“ muss man klarmachen: Sie haben von diesen Menschen nichts mehr zu erwarten. Sie dürfen demütig Danke sagen, für jeden Tag, den die Teams durchhalten und sich endlich für ein besseres Gesundheitswesen einsetzen.

Geht Euch impfen lassen. Für Euch. Und die Gesellschaft? Denkt mal drüber nach, was sie da tut.

Edit. 6.1.: RP Online zeigt auf, dass eine Klinik in Viersen die besten Impfquoten mit 97% hat. Ihr Geheimnis? Von Anfang an waren die Pflegenden perfekt geschützt, gut aufgeklärt und all den Belastungen eben nicht ausgesetzt. Ach guck an.

Bild (Lack Pereniy, Picture Alliance DPA)

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