„Lieber nach Afghanistan als noch einen Tag hier.“ Wie eine ganze Berufsgruppe erdrutschartig in ein Trauma getrieben wird.

Der Körper einer/eines beruflich Pflegenden ist nichts wert. Die Gesundheit beruflich Pflegender ist kein schützenswertes Gut. Das stand eigentlich schon vor Corona fest, als die Gesundheitsreporte die Alarmglocken anschlugen, weil Pflegende überproportional durch ihren Beruf erkranken, als die Metoo-Debatte die hässliche Seite des Patienten aufschlug, in der Pflege sich unfassbaren Übergriffen ausgesetzt sah. Der Tenor der Gesellschaft lautet seit Jahren, dass nun gerade keine Zeit sei, die Gesundheit Pflegender zu schützen, weil einfach der Bedarf zu hoch sei und die Lücken der Ausfälle nicht zu stopfen.

Pflege hat das Phänomen konditioniert wie ein Pawlowscher Hund, schleppt sich krank zur Arbeit und spendet Beifall, wenn Sandro P. im Internet kranke Kollegen als zu faul zum Arbeiten framed. Doch nun wirkt die Pandemie wie ein Brennglas. Ein Brennglas, das nicht alleine negative Auswirkungen auf die Gesundheit Pflegender hat, nein: diesmal geht es um nichts weniger als das Leben von Pflegenden.

Die Erfahrung, dass eine Gesellschaft bereit ist, für ihren Eigennutz diejenigen durch Ansteckung zu töten, von denen sie abhängt, ist eine paradoxe. In meiner Timeline berichten Kollegen, die auf Covid-Stationen arbeiten, wie rücksichtslos sich voll orientierte Patienten benehmen. Es hat nun jeder mitbekommen, dass in den Isolationszimmern zu arbeiten Vollschutz und Umziehen bei gleichzeitigem Personalmangel bedeutet. Rücksicht? Keine Spur. Da wird geklingelt, was das Zeug hält, nur, um zu fragen, wie spät es sei, oder wann der Kaffee käme. Man kann das rücksichtslos finden oder begreifen: es geht hier einfach nur um Macht. Der isolierte Patient nutzt den Notruf, um die Puppen tanzen zu lassen, agiert sich aus auf Kosten desjenigen, der neben ihm noch andere zu versorgen hat. Nach ihm die Sintflut, aber eben erst nach ihm. Und die anderen? Denken ähnlich. Da werden Pflegende angeschrien, sie sollen endlich die Masken abnehmen und wer das verweigert, dem wird sie beim Versorgen auch schonmal entrissen. Vollorientierte Patienten, die durchaus wissen, was sie haben und was das bedeutet, sind also bereit, Pflege anzustecken und notfalls zu töten. Für einen Moment der Genugtuung gegenüber demjenigen, von dem er abhängt. Was macht das mit Pflegenden?

Als ich (unbeabsichtigt) über eine Covidstation lief, standen da Patienten an offenen Türen. Sie wollten irgendetwas von der Fachpflegekraft und waren nicht bereit, ihre Isolation hinzunehmen. Ich, die ich nicht geschützt war, weil ich dort nur durchlaufen musste (das war vom Krankenhaus so vorgesehen), sah mich gefährdet. Es war sowohl Klinik als auch dem Patienten vollends egal. Die erschöpfte Kollegin konnte gerade noch blaffen: „Raus hier“ und meinte mich. Sie hatte vollends aufgegeben und resigniert, ihre Gruppe unter Kontrolle zu bekommen.

Aber auch in den Teams selbst sind Pflegende nicht sicher. Als ich eine Umfrage zum Impfen auf der Facebookseite erstellte, waren die meisten nicht bereit, sich impfen zu lassen, Viele der Kollegen sind sogar der Ansicht, es gäbe gar kein Corona. Selbst, als Liliane Juchli nachweislich an Covid starb, waren sich Kollegen nicht zu schade, darauf hinzuweisen, dass sie ja MIT Corona und nicht AN gestorben sei. Und überhaupt sei sie schon alt gewesen. Was macht das mit einem Team, wenn Du Dir nicht sicher sein kannst, ob sich Dein Kollege seine Professionalität bewahrt oder am Vortag fröhliche Urstände auf einer Party oder einer Coronademo gefeiert hat?

Jahrelang hat man die professionellen Gedanken der Pflege in ein Korsett aus Standards gezwängt. Und nun, ganz ohne Vorwarnung, müssen alle ihr Handeln anpassen und Transferleistungen erbringen, die man ihnen jahrelang wohlmeinend abgenommen hat. „Nach Standard“, obwohl die Meisten schon nicht mehr wussten, wie diese Standards überhaupt aussahen, denn zum Durchblättern der Ordner war nie Zeit. Auch einigen Häusern ist der Infektionsschutz ihrer eigenen Mitarbeiter völlig egal. „So berichtet @Aanjaa4 auf Twitter: „Ganz toll. Aufenthaltsraum für 8 Personen zugelassen, natürlich mit FFP2. Übergabe am Morgen: 32 Personen, weil alle Säle laufen müssen. Sind die alle doof? Ich komme jetzt nicht mehr zur Übergabe, gebt mir eine Abmahnung.“ Ein Arbeitgeber, dem für den Profit der Elektiven seine Mitarbeiter völlig egal sind. Was macht das mit Pflege, wenn Du Deines Lebens nicht mehr sicher bist, an einem Ort, an dem Du Fremde absichern sollst? Oder wenn Dich Dein Arbeitgeber zynisch bittet, Dein Kind in Quarantäne doch an Leute zu geben, die nicht in der Pflege arbeiten, wie jüngst in Wiesbaden. Was macht das mit Pflege, wenn der Arbeitgeber Dir sagt, die Versorgung der Bevölkerung habe Vorrang [und Dein eventuell lebensbedrohlich erkranktes Kind interessiert ihn einen feuchten Kehricht]?

Positiv getestete Mitarbeiter werden von Kollegen derzeit schon wieder als „faule Säue“ beschimpft. Das Gift des Utilitarismus wirkt. Auch bei Pflege. Schließlich waren die immer krank arbeiten und wenn man Covid nur für eine Grippe hält, ist es bis zum Desaster nur ein winziger Schritt. Pflege muss schon wieder vor Pflegenden geschützt werden.

Nicht anders agiert der eine oder andere Politiker. Dass Pflege auch infiziert noch arbeiten soll, sich nicht schützen darf, ist unverständlich. Niemand hat bislang konsequent dargelegt, welche Auswirkungen der permanente Stress auf das Infektionsgeschehen hat. Gesehen werden nur die baren Zahlen. Und auch da gilt das Leben der Pflege nichts. So twitterte jüngst der Ministerpräsident Thüringens Bodo Ramelow:

Bodo beweist hier deutlich, dass ihm sterbende Pflege egal ist.

Es ist nicht nur übergriffig, Pflege zu unterstellen, sie kenne den Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung nicht (Mansplaining pur), sondern auf so vielen Ebenen Irrsinn. Denn erstens kümmern nicht “ wir“ uns um die 20% Erkrankten, denn Bodo kümmert sich selbst ja um überhaupt niemanden, sondern auch, dass der Ausfall von 20% infizierten Pflegekräften bereits eingerechnet ist, von denen völlig klar ist, dass nicht wenige versterben werden, zeigt, dass ihm das Leben Pflegender vollends egal ist. Utilitarismus pur bei der Linken. Sei nützlich bis zum Tod, der ja im Homeoffice des Ministerpräsidenten wohl eher nicht der eigene ist. Wer mir erklären möchte, dass das das neue Links ist, dem möchte ich erklären, dass das dem alten Rechts sehr ähnelt, das Kanonenfutter zum Sterben schickte.

Bodo hat dafür auch gleich noch einen Namen. Aachener Modell.

Was Bodo nicht weiß (gut, dass er Pflege noch unterstellt hat, Basiswissen nicht zu haben), ist, dass das Aachener Modell Positive isolierte und in Quarantäne schickte und die Kontaktperson weiterarbeitete. Was macht das mit Pflege, wenn Politiker ihr Leben und das ihrer Familien sehenden Auges verheizen, die eigenen Kinder nicht mehr sicher sind und für das Wohl weniger Menschen geopfert werden? Überleben bei Covid heißt nicht, zu gesunden. Long-Covid droht denen, über deren Leben man hier verfügt. Was bedeutet das für das Leben der Geschädigten und ihre Familien? Der Linken ist das Latte. Es sind nicht ihre Leben, ihre Familien. Es sind nur Pflegende. Wenn mir auf Kritik hin dann andere Politiker der Linken erklären, sie stünden ja sonst an unserer Seite und wir könnten uns nicht beschweren, steigt mein Adrenalin. Denn die Realität sieht so aus.

Doch, Pflege stirbt. Pflege selbst kann das gar nicht glauben. In der 2. Welle starben bislang innerhalb weniger Tage 10 Pflegende. Bislang 87 Pflegende. Vor der zweiten Welle waren es 72.

Aber Menschen wie Bodo ist das egal. Und in Berlin wird Pflege, die nicht in den überfüllten U-Bahnen fahren will, in denen niemand eine Maske trägt geraten, doch durch die ganze Stadt mit dem Fahrrad zum Dienst zu fahren, rät Frau Günther von den Grünen. Wer kennt es nicht? Da musst Du um 6 im Dienst sein und setzt Dich mit deinem Kind um 3:30 aufs Rad. Weil Du Dir nämlich schon ewig die Miete in der Stadt nicht leisten kannst und ins Umland gezogen bist. Von Arbeiterpartei ist da nicht viel übrig, wenn DAS nicht verstanden wird. Am Besten positiv noch das Rad nutzen.

Auch Angehörigen ist das egal. Sie holen ihre Angehörigen wieder heim, sie besuchen Oma, sie treffen sich angeblich zu Zweit und um die Ecke wartet dann die ganze Familie, um sich mal wieder richtig zu knuddeln. Die Dienstabenden wissen nichts davon. Erst, wenn die Infektionswege nachgezeichnet werden können, wird klar: Sehenden Auges stecken Familien nicht nur ihre eigenen Angehörigen an, nein, sie geben nichts auf das Leben derjenigen, die ihre Angehörigen versorgen, denn das die eine ganze Zeit auch Pflege anstecken werden, ist völlig klar. Ein befreundeter GF berichtete mir, woher die Infektionen kamen. Eine aus der Kita, übertragen vom einjährigen süßen Enkel und eine aus der Schule. Wenn Angehörige bereit sind, den dummen Pflegenden mal richtig eine auszuwischen und bereit ist, sie und deren Familien notfalls zu infizieren und einige von ihnen dadurch zu töten, was macht das mit Pflegenden?

In den Covid-Abstrichzentren ist derweil die Hölle los. Menschen schreien Pflegende an, sie sollen froh sein, dass sie zum Testen kämen. Nein, nicht die Bevölkerung, sondern die Pflege soll froh sein. Dass Pflege ihr Leben riskiert, um die Sicherheit derjenigen zu gewährleisten, die sich abstreichen lassen , ist selbst Lehrern teilweise völlig unklar. Andere lügen, um an einen. Abstrich zu kommen und brüsten sich dann damit, die dumme Pflege so lustig ausgetrickst zu haben. Dass Pflege selbst bislang kaum an Abstriche kommt, möchten viele der Leute nicht hören.

Meine Freundin, die in einem solchen Zentrum arbeitet, rief mich gestern an. Freudig. Sie hat sich für einen brisanten Einsatz in Afghanistan gemeldet. Sie geht als Pflege in den Krieg. Auf meine Frage, ob sie völlig durchgeknallt sei, sagte sie sehr ernst, dass sie das Verhalten hier nicht mehr erträgt und lieber in ein echtes Krisengebiet geht. „Lieber nach Afghanistan als noch einen Tag hier mit denen.“

Pflege, das scheint klar, rutscht in ein massenhaftes Trauma, erlebt, wie ihr Leben aufs Spiel gesetzt wird. Zuerst macht das etwas mit Pflege. Aber dann macht es etwas mit der Gesellschaft. Mit der Gesellschaft, die nun endgültig das Leben der Leute verheizt hat.

Heute berichtet die SZ, wenn Pflege mehr Geld will, soll sie ihre Produktivität steigern. Was macht das mit Pflege, wenn sogar noch die, die man zum Sterben abgestellt haben, noch ihre Produktivität steigern sollen?

Seid Ihr alle irre geworden?

Immerhin fängt auch der BMG an, eine Korrelation zu sehen.

Ich befürchte, es ist zu spät

18 Kommentare zu „„Lieber nach Afghanistan als noch einen Tag hier.“ Wie eine ganze Berufsgruppe erdrutschartig in ein Trauma getrieben wird.

  1. Weil Dante gerade nicht abkömmlich,
    Honoré de Balzac nicht die Fantasie besaß um in seiner menschliche Commedia
    Pflege ein Gesicht zu verleihen, unternahm es jetzt
    mit Bravour, die Pflegephilosophin
    die ersten Höllenkreisen zu bescheiben
    als Grundstock für die Pflegerische Commedia.

    Afghanistan ist wirklich “umme Ecke” –
    bei der Pflege um die Ecke
    ihren Job bringen und gebracht werden.

    Tochter (KS) erlebte gestern auf ihre Card. 8 Corvid Pat. 4 Pers. Pat, davon 2 mit schwere Symptome. Bisher hatte das (relativ gesehen sogar gut geführte Haus) lax und lässig getestet und testen lassen.
    Deren Typik von die Pflegephilosophin treffend pointiert:
    die “dummen PK” von Pat. hinterlistig ausgetrickst …

    Jetzt explodiertes Infektionsgeschehen.
    Iso-Zimmer auf Card. eingerichtet;
    immerhin ist noch genug PSA (Schutzkittel etc.) da –
    vorläufig noch.

    Die Klinik GF setzte das Ganze noch ein Krönchen auf.
    Das Unternehmen stellte Bonizahlungen bereit i.H.v. rund € 110,000
    Reichte leider nicht für alle; Ausschüttung nach dem Test the Best-Prinzip.
    Deshalb nur € 1.500 für INT, ZNA, ISO – Mitarbeiter.
    Alle andere: nichts, rein GAR NICHTS.

    Entgeisterung² statt Begeisterung.²
    Wie wenn Corona ein Haustürgeschäft wäre,
    bei der Handlungsreisenden des Erregers
    es nicht auf der Station geschafft hätten
    oder jemals schaffen würde.
    Man habe doch alles im Griff …

    Faktum est: Siehe Oben.

    Ein Purgatio zu Absurdistan
    mit Afghanistan als Paradiso

    Willkommen in Dantes [Pflege-] Welt

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  2. Es hätte nicht besser formuliert werden können, Danke
    Ja was macht es mit der Pflege, ich befürchte, immer noch nichts, außer, Pflexit. Leise, wie immer, gehen viele aus dem Beruf, der eigentlich ein schöner ist oder war. Ich kenne viele, die schon gegangen sind, vor allem in diesem Jahr. Schüler, die, völlig überfordert, auf Intensivstationen gelandet sind, jeglicher Illusion beraubt. Senioren, so wie ich, aufhören, von jetzt auf gleich, sich keinen anderen Rat mehr wissen, nicht mehr in der Lage sind, ihr Wissen weiter zu geben.
    Pöbelleien, dummes Geschwätz( von Mitmenschen und Politikern) nicht mehr ertragen können, einfach gehen. Ich wäre dabei, Afghanistan, ich wäre dabei, leider zu alt

    Gefällt 2 Personen

  3. Es war nicht Senatorin Kalaiyci, es war Senatorin Günther von den Grünen. Die SPD hat mir, der ich das Ding angestoßen habe als Personalrat, sehr geholfen. bitte um Korrektur!

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  4. Danke für den Beitrag! Leider wohl wahr…. Ich hatte die Pflegephilosopie-Fortsetzung schon vermisst….
    Übrigens: Ich glaube nicht, dass NoraMaraRoro echt ist. Das klingt sehr nach „Fake News“.

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    1. Wieso ist „keinen Coronafall haben“ = „es leugnen“ ? Wir hatten auch keinen, aber eine aktive, lebenslustige Dame, die kurz davor war, sich umzubringen, weil sie nach jedem Arztbesuch 14 Tage in ihrem Zimmer in Quarantäne musste. Erst fand sie es lächerlich, dann wurde sie wütend, aggressiv, dann depressiv, …..

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  5. Mir sind so einige Verhaltensweisen meiner Mitmenschen fremd geworden, aber dass aktive Pflegekräfte Corona verleugnen, setzt dem ganzen Wahnsinn irgendwie die Krone auf. Wer macht sich schuldiger als derjenige, der sich sehenden Auges im Unglück seiner Zeit bewegt, ohne es zu benennen.

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  6. Es ist alles so.. ermüdend.. Danke für den – trotz aller oktroyierten katastrophalen Dramatik – erhellenden Text. Die ^^Traumata und Long-Covid werden uns alle nicht nur noch lange beschäftigen, imho wird diese Katastrophe unser gesellschaftliches Zusammenleben nachhaltig – und wohl realistischerweise eher zumeist nicht zum Guten – verändern.. Bin in der (immer noch) starken Hoffnung darauf, dass „die Gesellschaft“ den Wert des einzelnen Lebens (wieder) (an)erkennen, und den derzeit v.a. bei Coronaleugner:innen zu spürenden neurotischen Egozentrismus überwinden möge.. btw: Dieser geradezu manische (und nahezu „urdeutsche“) „Arbeitsfetisch“ von Arbeitnehmer:innen, die krank zur Arbeit gehen, verstand ich nie.. und werde dafür – erst Recht angesichts der exponentiellen Infektionszahlen – auch wohl keinerlei Verständnis mehr entwickeln..

    Ich hoffe wahrlich, dass es eben noch nicht „zu spät“ ist. Teile jedoch die Befürchtung, dass dem wohl doch schon so sein könnte..

    [^^Seite ist in den Bookmarks, schaue hier jetzt häufiger mal rein.]

    Solidarische Grüße

    Gefällt 1 Person

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