Fetisch erschöpfte Pflege. Schluss mit dem Almosenjournalismus.Steckt Euch Euer Mitleid sonstwohin

Seit Beginn der Pandemie, bei der anscheinend ein Großteil der Gesellschaft ihren moralischen Kompass in den Müll geworfen hat, gibt es Artikel, die schon in den Headern, genau wie hier, erschöpfte Pflegende zeigen und appellieren, wie furchtbar das für die Pflege sei. Ich bin es leid.

Ein wenig beachteter Titel zum Beginn der Pandemie dealte mit einer gewissen Schwester Teresa, die so erschöpft sei und jetzt keine Kraft für politische Kämpfe habe. Der Beginn eines zutiefst unmoralischen Journalismus. Seitdem poppen diese Artikel aus der timeline wie Pilze aus dem feuchten Boden. Pflege ist erschöpft. Das Symbolbild ist immer das Gleiche. Nurses, die auf dem Boden kauern, verzweifeln. Heute kam ein Artikel, den die Journalistin mit „Ich habe noch nie mit weinenden Menschen ein Interview geführt“ bewarb. Mir kommt der Kaffee hoch.

Ja, Pflege ist erschöpft. Das ist sie seit Jahrzehnten. Dazu braucht es keine Artikel mit weinenden Kollegen, denn alleine die Statistiken sprechen Bände. Pflege ist seit Jahren erschöpft und es interessiert Euch einen feuchten Dreck. Jetzt aber werden Kollegen in die Artikel und Sendungen gezerrt, um diese Erschöpfung vorzuführen. Als müssen man sich vergewissern, dass diese Erschöpfung wirklich wahr ist. Man führt sie vor wie exotische Tiere. Sie weinen, können nicht mehr. Doch Lösungsansätze bieten sie nicht und deshalb sind sie zutiefst unethisch, diese Artikel. Jahrelang, eigentlich die ganze Geschichte der Pflege, ist Mitleid einer der Komponenten, die man Pflege zuschreibt. Während die Pflege verzweifelt versucht, sich aus diesen Zwängen zu befreien, sexualisieren sie andere, machen sie zu Frauen, die Erfüllung finden, Befriedigung. Dass die Realität ganz anders aussieht, interessiert genau niemanden. Ausgerechnet jetzt also, zeigt man nicht den Schaden, man führt diese Kollegen vor, wie Brot für die Welt die Bilder von hungernden Kindern mit Fliegen in den Augen. Wem hilft man damit eigentlich? Niemandem, außer sich selbst.

Fakt ist: je mehr Patienten eine Pflegeperson betreuen muss, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man stirbt. Das ist statistische Realität. Entlastung der Pflege, endlich vernünftige Schlüssel zu schaffen, ist also keineswegs ein Almosen, das die Pflege sich mit der Zurschaustellung ihrer eigenen Verzweiflung durch die Gnade des geneigten Lesers verdienen muss. Es ist eine Logik, wenn man nicht selbst an einer Lappalie in Kliniken sterben möchte.

Es ist eine Art eines perversen Voyeurismus, den fertigen Menschen zuzusehen, wie sie unter der Last der Pandemie bei ihrer Arbeit dahinwelken und zusammenbrechen. Man kann sich dabei moralisch überlegen vorkommen, wenn man eine Spur Mitleid empfindet, während draußen Demos stattfinden, weil es, das, was die Pflegenden fertig macht, angeblich gar nicht gibt, während sich Abgeordnete an deren Leid und Not, nicht selbst zu sterben, bis zum Gehtnichtmehr bereichern. Aber hey, ich habe schlechte Neuigkeiten für Euch. Dieser voyeuristische Move spricht Euch nicht frei. Jeder und ich meine wirklich jeder, hat seit Jahrzehnten weggeguckt, als die Statistiken sagten, dass nach 7 Jahren Pflege zusammenbricht, wenn sie den Beruf begonnen hat. Jeder von Euch. Und das, obwohl wir in einer Demokratie leben. Ihr habt eure Krankenversicherungskarten gezückt, Ihr seid die, die unter Respectnurses die waren, die Pflege angreifen, anspucken, aus Supermärkten warfen, begrabschten, demütigten. Seit Jahren schon. Also kommt mir jetzt nicht mit dem „Oh, ich wusste nicht, dass alles so schlimm ist. Die ARMEN!“

Denen könnte es schon lange besser gehen, würdet Ihr begreifen, dass IHR durch deren verbesserte Lage profitiert. Aber dann müsstet Ihr Euch mit Eurem eigenen Fehlverhalten auseinandersetzen und Euch ernsthaft die Frage stellen, was IHR SELBST dazu getan habt, dass die Situation in Kliniken nicht so weit hätte kommen können. Und ab da wird es schwierig, denn bei allen Demos gingt Ihr vorbei. Ihr dachtet, es beträfe Euch nicht.

Ihr habt kein Recht, Euch jetzt die zerstörten Kollegen anzuschauen und Euch an deren verzweifelten Geschichten zu berauschen, um mal ein bisschen Emotionalität in Euer Leben zu lassen und Euch gut zu fühlen, denn Ihr fühlt Euch bei diesen Artikeln auf deren Kosten gut.

Ihr seid die selben, die bei jedem Streik geschrieben haben, dass der auf dem Rücken von Patienten stattfände. Ihr missbraucht also mit Eurem Almosenjournalismus schon wieder Pflege, beutet sie nun noch emotional für Eure Arbeit aus. Das macht Euch nicht zu besseren Menschen, das zeigt auch nichts auf, denn alles ist bekannt. Es macht Euch zu den gleichen Ausbeutern, die Pflege schon immer ausgebeutet haben. Die verrückt vor Wut werden, wenn die Realität nicht dem Sr. Stefanie-Image entspricht. Die Google Bewertungen über jeden Dreck schreiben.

IHR BEKOMMT UNSEREN ABLASS NICHT!

5 Kommentare zu „Fetisch erschöpfte Pflege. Schluss mit dem Almosenjournalismus.Steckt Euch Euer Mitleid sonstwohin

  1. Zu allererst beutet man sich selbst aus.
    Ja es gibt die Strukturen die Pflegende ausbeuten. Die Kirchen sollten dabei ganz vorran genannt werden. Sie haben es überhaupt erst geschafft in Deutschland diese selbstzerstörerische Arbeitsmoral zu implementieren. Der Kapitalismus reitet darauf nun natürlich munter weiter.
    Es gehören zwei zu diesem bösen Spiel. Der der es macht und die, die es mit sich machen lassen.
    Aktuelles Beispiel in meiner Familie: Schwangere Kinderintensivschwester die während der Covid19 Pandemie weiter Nachtschichten auf Intensivstation buckeln will und dafür ihren Arbeitgeber verklagt. Der will sie nämlich nachts wg. MuSchG nicht arbeiten lassen…
    Es ist wie mit den Alkoholikern. Die müssen auch erst ganz tief fallen um da raus zu kommen.

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    1. Nicht der will sie nicht arbeiten lassen, sondern der darf sie nicht arbeiten lassen, und das ist auch gut so. § 5 Mutterschutzgesetz. Hat durchaus sinnvolle Gründe und ist eine Errungenschaft, um genau diese „selbstzerstörerische Arbeitsmoral“ zu unterbinden.

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  2. Bei aller verständlichen Wut über heuchlerische Statements zu Pflege, aber sowa pauschales wie:

    „Jeder und ich meine wirklich jeder, hat seit Jahrzehnten weggeguckt, als die Statistiken sagten, dass nach 7 Jahren Pflege zusammenbricht, wenn sie den Beruf begonnen hat.“

    stimmt einfach nicht.

    Ich bin Mitglied der linken, war 5 Jahre lang Fraktionsvorsitzende im niedersächsischen Landtag und kann für die Arbeit dort und auch sonst für die Linke (z.B. im Bundestag) sagen, dass wir uns seit viele Jahren immer wieder der im Artikel genannten Themen annehmen.

    Hier nur mal ein Antrag aus dem Jahr 2018:

    Klicke, um auf 1807568.pdf zuzugreifen

    Also, wie gesagt, ich verstehe die Wut und die Kritik an sich, aber es gibt eben auch Leute, die sich seit Jahren für bessere Bedingungen in der Pflege einsetzen und die sollte man dann auch nicht so pauschal mitbeschimpfen.

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    1. Und was hat ihr Einsatz denn gebracht? Genau gar nichts! Die Situation in den Krankenhäusern wird immer schlechter.. Spreche aus Erfahrung. Ich musste den Job im Krankenhaus, an den Nagel hängen da ich mich dort kaputt gearbeitet habe! Körperlich wie psychisch! Habe u.a. zwei Bandscheibenvorfälle da ich größtenteils die schwere Arbeit, meiner zierlichen Kolleginnen, mit übernehmen musste, da wie immer, zu wenig Personal auf Station war..

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