Potsdam: Wenn Helden morden.

Es ist etwas Furchtbares geschehen, das steht außer Frage. Eine Pflegehelferin hat in einer Potsdamer Einrichtung 4 Schutzbefohlene erschlagen, eine 5. Person schwer verletzt. Die Medien sind vergleichsweise leise, die Community betroffen. Für Pflegende ging der Alltag schon längst weiter, keine Zeit. Ob man Betroffenen nicht mehr Raum einräumen müsste? Doch wer ist eigentlich betroffen? Die Antwort ist schwierig, und Zeit zum Betroffensein gibt es eigentlich nicht, denn solange das System nicht geändert ist, ist die Gefahr vielleicht größer, als wir ahnen.

2005: Irene Becker ermordet auf der Intensivstation der Charité fünf Menschen. In einem Interview sagt sie: „Ich bereue nichts!“

Zwischen 1999-2005 ist Niels Högel in deutschen Kliniken tätig. 335 Verdachtsfälle, 85 bestätigte Morde. Der Fall war noch nicht abgeschlossen, da wurde gegen Mitarbeiter eines Pflegedienstes ermittelt, die nicht nur eine Seniorin mit Insulin umbrachten, sondern Gewalt gegen Schutzbefohlene auch noch filmten.

2019: Eine Wachkomapatientin, bei der angeblich niemand vom Team etwas gemerkt hat, wird von einem Sohn entbunden. Nach Vergewaltigung durch einen Krankenpfleger.

Gewalt ist, das wissen wir, nicht selten in Einrichtungen, wer von den Mitarbeitern sie meldet, wird dagegen oft abgestraft, berichtete Die Zeit.

Und weil diese Form von Gewalt offenbar eine Unterhaltungsdoku wert war, kann sich jeder, aus welcher Motivation auch immer, auf Netflix die Serie „Nurses who kill“ angucken.

Wer ist Opfer?

Kein Zweifel, die Opfer dieser Gewaltformen sind in erster Linie die direkt Betroffenen! Nichts relativiert das, nichts, gar nichts.

Doch in der zweiten Reihe der Betroffenen stehen mittelbar Betroffene und die befragt niemand, weil sie gar nicht wahrgenommen werden. Die, die weitermachen müssen.

Ich war Leasingkraft auf Irenes Station zu der Zeit und habe danach mit dem Team weiterarbeiten müssen. Es ist zersplittert und nichts blieb ohne Folgen für jeden Einzelnen. Der Oberarzt vertraute niemandem mehr, es war kaum möglich, einen ZVK zu spülen, ohne dass er Mordabsichten vermutete. Er brüllte uns an, was wir da spritzen und er hätte eigentlich in eine Therapie gehört. Die Situation war unerträglich, wenn unter den hehrsten pflegerischen Absichten das Furchtbarste vermutet wird. Und das bedeutet, bei jedem Spülen moralisch verletzt zu werden, wenn Dein OA das Team und jeden der Mordabsicht verdächtigt! Zigmal am Tag! Am Ende vertraute niemand niemandem und auch das neue Team zersprang in seine Einzelteile, verließ das Haus und hinterließ personelle Lücken. An Aufarbeitung der Situation war niemandem gelegen, es war ja nicht in DIESEM Haus geschehen und man wollte sich nicht besudeln. Medizin ist ein Markt, mit diesem Thema möchte sich niemand konfrontieren. Ich habe über das Thema tatsächlich auch nichts gefunden.

Vertrauen untereinander ist der Klebstoff, der in der Personalnot das Unmögliche möglich macht. Doch Burnout und Coolout schließen jeden Einzelnen in sich ein. Nicht nur, dass man kaum fühlt, was in einem selbst abgeht, es wird auch unmöglich, das Gegenüber, den Kollegen zu spüren. Irene Becker wird als freundlich und nett und hilfsbereit beschrieben, tüchtig. Ich kann das bestätigen. Ich hätte ihr mein Leben anvertraut. Mit jedem Tag, den Pflege unter der emotionalen Wucht weiterarbeitet, wird es unmöglicher, auf sich selbst und schon gar nicht auf den anderen zu achten.

Und es ist halt auch außerhalb der Wahrnehmung, zu vermuten, der Kollege könnte töten. Ist es innerhalb der Wahrnehmung, dann wird der Wahrnehmende abgestraft. Es bleibt: Angst.

Angst ist sowieso der ständige Begleiter. Angst, etwas zu vergessen, etwas zu übersehen, etwas nicht zu schaffen. Daneben wird Pflege unfassbar emotionalisiert. Pflege mit Herz. Das sind die Lieben. Pflege, so haben wir es in der Pandemie gelernt, werden Helden genannt.

Aus den Fällen ersehen wir aber: jeder, den sie heute noch Held nennen, kann ein Mörder sein. Nicht, dass es jeder wird. Keinesfalls. Aber schon Lauterbach äußerte eine Form des Generalverdachts. Wie, frage ich, soll ich betroffen sein, wenn niemand ein System erschafft, in dem ich mir selbst sicher sein kann, sicher zu sein? Weshalb sagt niemand, was zu tun ist, wie man das Team absichern könnte?

Mental health IST ein Thema in den Pflegeberufen. Coolout und Burnout sind Themen. Wie kann ich sicher sein, dass niemand von jetzt auf sofort….. und ab da hören Worte auf.

In den Führungsschulen hat dieses Thema niemand berührt. Ob ein Team gefährdet ist, wie ich Mitarbeiter schützen kann, wie ich das Elementare, die Sicherheit für den Patienten, mit ausgebrannten Teams sicherstellen kann: Ich weiß es nicht.

30% der Pflegenden wollen ihren Job verlassen. Ist das der einzige Weg zur Sicherheit? Was geschieht mit der Belastung der anderen, die dann steigt? Wie wird das Gesundheitssystem sicherstellen, dass das nicht zu einer unfassbaren Kaskade wird? Ich finde dazu nichts.

Wie sind die Verhältnisse von Moral Injury und Gewaltbereitschaft?

Ich finde dazu nichts.

Was ich fand, sind Antworten von Menschen, die glauben, Pflege habe kein Recht auf ein Trauma, sei Erfüller. Das erschreckt mich. Der Tenor? Wenn Dir etwas nicht passt, dann geh doch. Andere würden auch verletzt und Ihr könnt ja gehen. Das ist mir zu einfach. Es liest sich immer, als habe ein Pflegender kein Recht auf Würde, weil er ja das Privileg der Gesundheit habe.

Tatsächlich sind nur wenige der Pflegenden gesund, wie der Gesundheitsreport beweist. Doch es scheint einen Unterschied zu geben, zwischen Krankheit von außerhalb der Medizinberufe stehenden Menschen und kranken Pflegenden, die als gesund gelesen werden. Ich finde das verachtend.

Ich finde es auch verachtend, dass niemand die Frage stellt, wie all diese Kollegen von Tätern weitermachen, weiterleben sollen? Wie sie ihr Vertrauen wiederfinden können, in einer Welt, in der Supervision zu teuer und Personalausfall abfangen mit Überstunden das höchste Gut ist.

Ich bin nicht einverstanden mit der Studienlage. Ich will wissen, ganz konkret, ob Überforderung, moralische Verletzung durch Patienten/Gesellschaft und diese Morde und Taten in Verbindung stehen. Nicht als Vermutung. Ich will wissen, ob alle gefährdet sein können. Aber es gibt keine Antwort, denn auch heute geht es immer weiter und weiter, sind die Dienstpläne zu erfüllen und „die Arbeit geht vor“. Nach Überforderung hat Irene Becker niemand gefragt und nicht, was ihren Wertekanon so durcheinandergebracht hat, dass das Furchtbare geschehen konnte.,

Sehen wir weg, weil es jeder von uns sein könnte? Vom Helden zum Täter in nur einer Sekunde?

4 Kommentare zu „Potsdam: Wenn Helden morden.

  1. Die Tat in Potsdam kann und darf man nicht mit den Pflegenotstand, dem Burn-out oder mit COVID-19 erklären.

    In Gegensatz zu den im Blog angeführten Beispielen gibt es keinen Zusammenhang zur Pflege.

    Es handelt sich um eine Manifestation einer schweren psychischen Erkrankung.

    Wer wie Schwester Ines Sterbehilfe auf der Intensivstation leisten will, macht das nicht mit einem Kehlschnitt.

    Und wer wie Pfleger Niels Menschen umbringt, um sie zu reanimieren, öffnete nicht ihre Halsschlagadern.

    Daß der Tatort hier ein Pflegeheim war, ist meiner Meinung nach eine Koinzidenz und auf keinen Fall eine Kausalität.

    Es hätte genauso gut in einer Schule, einer Kirche oder im Supermarkt passieren können.

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  2. Wichtiger Beitrag, danke.
    Wolfgang Schmidbauer hat dazu ziemlich viel geschrieben, das erklärt vieles. Högel passt dazu, und Irene wahrscheinlich auch. Danach sucht sich das System die Leute, und bestimmte Menschen finden sich in bestimmten Strukturen eher wieder. Auch Karl-Heinz Beine hat das untersucht, aber da wird die Wirkung der Strukturen mMn zu stark vernachlässigt.
    Zum aktuellen Fall kennt wahrscheinlich noch niemand die wahren Hintergründe, aber ich denke, das auf eine psychische Erkrankung zu schieben (kann sein, muss aber nicht), könnte der Sache nicht gerecht werden. Vielleicht könnte es aber tatsächlich genausogut im Supermarkt passieren.

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