Als Pflege wirklich cool war: Ein Liebesbrief an den ehrenamtlichen Rettungsdienst

Es sind Ferien. Und wenn im Sommer ganz früh am Morgen die Sonne über der Havel aufgeht, dann liegt noch ein kleiner Nebelschleier über der Havel, in dem sich die ersten Sonnenstrahlen brechen. Kein Lüftchen weht und im Schilf raschelt es, wenn der Wind durchweht und eine Stockente sich ihren Weg durch das Dickicht bahnt. Tiefe Ruhe liegt über dem See und es gibt einen Ort, an dem schon jetzt die Defis gecheckt werden, die Boote klargemacht und die Notfallkoffer geprüft werden. Die Wasserrettungsstationen. Sie alle sind ehrenamtlich besetzt.

Das Ehrenamt spielt eine tragende Rolle in der Notfallversorgung. Das ist nicht nur auf den Wasserrettungsstationen in Berlin so, sondern auch an der Küste, vor allem bei der Feuerwehr, im Landrettungsdienst und im Sanitätsdienst. Es sind Ehrenamtliche, die die Versorgung auf Massenveranstaltungen gewährleisten, den Freizeitspaß absichern und die dafür ihre Freizeit opfern.

Noch vor einigen Jahren waren das Orte voller Trubel, an denen sich feste Mannschaften formierten und wo man die Zeit gemeinsam sinnvoll verbrachte. Immer schon waren Menschen dabei, die das noch neben ihrem Beruf in der Feuerwehr oder im Krankenhaus ausübten. Sie organisierten in den Jugendgruppen auch den Nachwuchs, es gab Rescuecamps für Kinder aus benachteiligten Familien, die oft die einzige Sommerfrische für die Kinder boten. Die Großen hatten eine Vorbildfunktion, der die Jugendlichen oft nacheiferten und es kaum erwarten konnten, dann ihre Berufe zu ergreifen, die sie in Kliniken oder in der Feuerwehr, im Rettungsdienst oder in den Bereichen fanden, für die sie sich seit ihrer Jugend in der Hilfsorganisation interessiert hatten.

Aufbauend auf einer Stufenausbildung, die Ehrenamtlichen das Erreichen einer Kompetenzstufe ermöglichte, war so Freizeit nicht nur mit Kompetenzerwerb verbunden (Erste Hilfe, Funken, Bootsführerschein, Rettungsausbildung, Bergungsausbildung, Pädagogische Ausbildung zum Ausbilder, Großküche, Schwimmen, Löschen), sondern auch für viele der Ausgangspunkt, auf dem sie ihre Berufsziele gründeten. Die Berufsausbildung wurde so als Aufstieg verstanden und generierte nicht wenige, die so ihr Hobby zum Beruf machten. Damals war es noch cool, Pflege zu sein und dann endlich in den großen Rettungsstellen der Stadt (oder ganz woanders) zu arbeiten, um dann an den freien Tagen wiederum Ehrenamtler zu sein.

Die WRS Saatwinkel (Pic WRS Saatwinkel)

Dahinter stand bereits ein lernzentrierter Gedanke. Es gab Bundesjugendwettbewerbe (tatsächlich holte ich in den 1980ern die „Deutsche Meisterschaft“ nach Berlin), man konnte sich in Strategie der Katastrophenschutzorganisation üben und jeder fand seine Nische. Die Belohnung war die Gemeinschaft, das Erleben der Events (ich habe die Rolling Stones und mehr DFB Endspiele gesehen als die meisten eingefleischten Fans) und das große Essen im Schloß Bellevue.

Es ist merkwürdig, dass ich bei allen strategischen Planungen wie Werben für den Pflegeberuf und in allen Kampagnen nie davon höre, welch große Rolle das Ehrenamt für die Rekrutierung begeisterter Menschen gespielt hat und dass diese Karte niemand nutzt. Noch vergessener nämlich als professionelle Coronahelden sind die, die ihren Jahresurlaub dafür opfern, anderen beizustehen.

Ja, es gibt Nachwuchsprobleme. Aber ich sehe sie symptomatisch für unsere Gesellschaft. Es ist nicht mehr cool, anderen beizustehen und als Gemeinschaft füreinander ein. Wie mürbe das Konstrukt des gesellschaftlichen Miteinanders und der Wertschätzung gegenüber Heil- und Helfendenberufen geworden ist, ist ein Mentalitätsproblem.

Wenn wir junge Menschen wollen, die sich für ihr eigenes Können begeistern, dann sind es DIE Bereiche, die wir als Gesellschaft wieder stärken müssen, weil aus ihr die Berufe heranwachsen, die diese Gesellschaft dringend benötigt. Und die, die sich dafür noch einsetzen, erleben nun schon als Jugendliche am eigenen Leib, wie wenig Wertschätzung die Gesellschaft ihnen entgegenbringt. Da würde ich es mir heute auch nochmal anders überlegen mit dem Beruf, wenn ich am Wochenende auf dem Rettungswagen angepöbelt und angespuckt werde. All diese Probleme werden nicht thematisiert oder gar angegangen. Das ist schade, denn was gibt es Schöneres, als Kinder und Jugendliche, die in ihrer Freizeit etwas Sinnvolles mit ihrem eigenen Können gestalten, Sozialkompetenz erwerben und sich ausprobieren können?

Meine Kinder und die Kinder meiner ehrenamtlichen Leute sind so groß geworden. Mit uns in dieser Gemeinschaft. Sie sind heute beruflich in diesen Bereichen unterwegs und wir sind stolz auf sie. Ob sie aber, mit all dem negativen Erleben, ihre Kinder noch motivieren werden, diese Weg zu gehen, bleibt so unsicher, wie das Ehrenamt ins Gesellschaftliche Abseits abgedriftet ist.

Meine „Ms. Marple“ besucht die WRS und macht neben dem Schnellboot fest.

3 Kommentare zu „Als Pflege wirklich cool war: Ein Liebesbrief an den ehrenamtlichen Rettungsdienst

  1. Liebe Monja,
    Kleine Ergänzung zu einem guten Beitrag:
    Auch der Zivildienst – obwohl nicht ehrenamtlich – war für einige der Weg in die Pflege.
    Für mich zum Beispiel.

    PS: schönes Boot!

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