4. Welle, selbe Leier. Von Pflegenden, die wieder Helden sind und erschöpften Journalisten

Die vierte Welle rollt. Haushoch rollt sie und wälzt alles nieder, was sich ungeimpft an den Strand des sorglosen Lebens gelegt hat. Wieder müssen Pflegende 12h- Schichten schieben, aber was die Leute eigentlich empört ist, dass auch die Krematorien jetzt am Sonntag feuern dürfen. Am Sonntag! Das muss man sich mal vorstellen. Das andere, das mit der Pflege, die jetzt anderthalb Tage arbeitet, das kennen sie ja schon. Applaus, Applaus. Jaja, aber die KREMATORIEN!

Wir sind eine Menge gewesen in den letzten zwei Jahren. Ich habe es in der Reihenfolge in Erinnerung: Systemrelevant, Helden, Gebenedeite unter den Applaus Erhaltenden, Lavendelbeschenkte, Bekekste, zu Weihnachten kamen auch Stollen und es wurden ganz viele Bilder mit Ärzten geschossen von Politikern, um – ähm- der Pflege zu danken. Dann waren wir die Deppen der Nation, dreiste Streiker, undankbar , weil unser Job so sicher ist (270 tote Kollegen finden das nicht, ab er was weiß ich schon?), Vergessene, die, die Steuern auf den Coronabonus zahlen sollten, den sie nicht bekommen haben, Mörder, von der Regierung bezahlte Schauspieler, und die Angeschissenen der Nation in many ways.

Heute habe ich den Spiegel aufgeschlagen. Kollege Jorde grüßt von der Titelseite. Da war auch mal fällig, den hatte man in den ersten drei Wellen ja gar nicht auf Titelblättern gesehen. Aber Gottlob hatte ihn Franzi zum Filmpreis mitgenommen. Zu dem, bei dem die Schauspieler nicht klatschen wollten.

Nun geht die Leier wieder von vorne los. Wir sind wieder wer, wir sind Helden. „Auch Ricardo Lange steht mitten in der viertel Welle“ titelte ein Blättchen. Und sogar wir vom Europäischen Pflegerat haben uns die Hacken abgedreht (wird aber immer wieder verschoben), in Kameras gelächelt, erklärt, gemahnt.

Man munkelt auch wieder von einem Bonus, den es geben soll. Alles wieder von vorne.

Die Journalisten, die bei mir anrufen, sind müde und verzweifelt. Einer sagt es ganz offen: „Meinem Chef wäre es so am liebsten: „Suchen Sie einen Pfleger, der zu lange im OP stehen musste, dem sie deshalb ein Bein abgenommen haben und der nun im Regen Pakete ausfahren muss – einbeinig!“ . Die Lust am Leid der Pflege volksseitig muss befriedigt werden. Wer nichtmal einen kleinen Schatten unter den Augen als Augenring vorweisen kann, gilt als kamerauntauglich. Man muss es spüren, dieses Leid. Nur dann laufen die Klicks.

Ich bin so etwas wie die Paketannahmestelle der Verzweifelten geworden. Kennen Sie einen Coronaleugner in der Pflege? Können Sie mir einen Pflexiter vermitteln? Was mit „Ausländern“? Ich komme mir vor wie bei Pflege-Amazon oder bei Presse-Pflege-Tinder.

Denn man muss Stories schreiben, aber sie dürfen sich nicht wiederholen, die Stories in dieser Endlosschleife des Pandemieirrsinns, bei dem sich alles wiederholt wie am Murmeltiertag.

Letztens hat es mir gereicht. Nein, Sie bekommen keinen verdammten Pflege-Querdenker von mir. Ich habe die Nase voll, dass man weder zwischen Pflege und Hilfspflege differenziert und dann unbedingt „so einem“ Bühne geben will, anhand dem dann 1,3 Millionen Pflegende zu Narren diffamiert werden.

Wer schreiben will, sollte mal ein Augenmerk darauf lenken, wie das ist, im Impfzentrum von Verweigerern angegriffen, als Mörder betitelt und bespuckt zu werden. Überhaupt ist bespucken ja in dieser Tage. Es wird gespuckt auf der Psychiatrie, auf Notaufnahmen, auf Normalstationen. Selig die Kollegen auf der ICU, die selbst entscheiden, wann ihnen der abgesaugte Rotz voller Viren um die Ohren saust.

In einem Land voller Narren, die nun unter den Ungeimpften in der Pflege ihren Sündenbock gefunden haben, dafür, dass ungeimpfte Besucher das Virus einschleppen durften, aber die Pflege die Böse ist, sind alle durchgeknallt und auf der Suche nach etwas, das medial knallt. Das Schlimme muss immer schlimmer werden, es benötigt weitere Steigerungen.

Logik gibt es schon lange keine mehr. Niemand fragt nach Hygienemaßnahmen, oder danach, ob es genügend Schutzkittel oder Masken gibt oder gab – in diesen Heimen, in denen das angeblich Böse wohnt.

Die ersten Kollegen berichten wieder davon, positiv arbeiten zu müssen und wieder fragt einer, ob er arbeiten muss, wenn man ihm keine Schutzkittel zur Verfügung stellen kann. -> Nein, muss er nicht.

Nebenbei pöbeln Angehörige, dass der Ausbildungsbeitrag um 60 Cent erhöht wurde. Unzumutbar. jetzt wollen die auch noch Geld. Dabei war doch gerade alles so schön billig.

Alles soll sich ändern aber bleiben, wie es ist.

Was diese Menschen noch nicht geschnallt haben: es wird nie mehr so, wie es war. Keine 5000 Euro können das bezahlen, was Ihr angerichtet habt. Sie heilen nicht die LongCovid-Erkrankungen der Kollegen, die in der ersten Welle erwischt wurden – ohne Isomaterial. Sie bringen die Toten nicht wieder, beheben keinen Burnout.

Eines aber hat sich geändert. Und das ist as einzig Positive! Nie starben so viele wie gerade, nie waren die Zahlen so hoch. Es gibt aber Nudeln und Scheißhauspapier. Halleluja!

4 Kommentare zu „4. Welle, selbe Leier. Von Pflegenden, die wieder Helden sind und erschöpften Journalisten

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