Frau sein und pflegebedürftig – geht das? Nein!Denn das pflegebedürftige Frau-sein wird von Männern definiert.

Seitdem ich mein biologisches Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht habe, achte ich ein bisschen besser auf mich. Das manifestiert sich vor allem in dieser Sache, die man Pflegeroutine nennt.

Pflegeroutine, das ist außerhalb der professionellen Pflege ein Begriff, der dafür genutzt wird, anzuzeigen, was man täglich mit sich, aber vor allem mit seinem Gesicht anstellt, damit es als gepflegt gilt. Youtube ist voll von solchen Videos, die Pflegeroutinen zeigen. Keines dauert unter einer halben Stunde. Das dauert eben. Meine Pflegeroutine, die ich hier nicht im Video zeige, weil das Leute verstören könnte ( 😉 ), sieht etwa so aus.

Mit einem Waschschaum wird das Gesicht vorgereinigt, dann benötigt es einen Toner, also ein Gesichtswasser, am besten Mizellen, damit die Haut Feuchtigkeit bekommt. Darüber kommt ein Serum, eigentlich zwei, denn die Augenpartie und der Rest des Gesichts benötigen verschiedene Produkte. Danach gibt es eine Tagescreme, die gerne auch einen Lichtschutzfaktor hat. Danach braucht die Haut erstmal ein Minütchen Pause. Ist das vollbracht, dann wird es Zeit für den Primer, die Foundation, und die dekorative Kosmetik.

Und das ist nur der Morgen.

Am Abend muss das alles wieder runter, es benötigt einen weiteren Toner, eine Abendcreme und dazu noch Säurepeelings, Masken und auch mal Pads für unter den Augen.

Nein, das ist kein Stück überzogen. Im Alter hat die Haut andere Bedürfnisse. Die hat sie nicht nur, damit man nicht aussieht, wie ein neugeborener SharPai Faltenhund, sondern auch, weil sie spannt, nervt, sonst mal juckt und sich nicht ok anfühlt.
Frauen, das ist eben so, schminken sich ab der frühesten Jugend, nutzen Kosmetika und Pflegeprodukte. Das Ganze dauert ungefähr zwanzig Minuten.

Die Aktivitäten des täglichen Lebens geben vor, dass es die Aufgabe der Pflege ist, dafür zu sorgen, dass die Patientin sich als Frau fühlen und verhalten kann. Dazu würde selbstverständlich gehören, dass sie ihre Routinen beibehalten, sich weiterhin schminken und abschminken kann, wenn sie das will.

Aber so läuft das nicht. Kann es nicht laufen, weil für eine komplette Pflege mit Waschen, Anziehen etc. zusammen ca. 40 Minuten veranschlagt sind. Und da ist die Doku schon drin. Die Sache ist also klar. Die Zeit reicht gerade dazu, mit einem Lappen durchs Gesicht zu fahren. Besonders Schnelle schaffen es gerade noch, eine Niveacreme aufzutragen. Das muss reichen.

Kosmetik ist im SGB nicht vorgesehen. Es gibt also eine große Differenz zwischen dem, was man in der Schule lernt und dem, was der Gesetzgeber aus den beruflichen Möglichkeiten macht.

Gut, könnte man sagen, es ist jetzt nicht lebensnotwendig. Aber so einfach ist es nicht.

Der Gesetzgeber (und der ist meistens tatsächlich ein „er“) schert sich also nicht nur um die Selbstdefinition des Berufs nicht, er nimmt pflegebedürftigen Frauen die Möglichkeit, das zu tun, was nicht pflegebedürftige Frauen jeden Tag tun: Sich pflegen und schminken.

Die Lücke ist eklatant. Warum sollte es für eine ältere Frau nicht üblich sein, dem nachzugehen? Warum sollte es für eine junge Frau nicht nötig sein, dem nachzugehen? Das ist nicht zu verstehen.

Die Lücke zeigt doch auf, dass der Gesetzgeber und die Entscheidet von vornherein in das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen ausgreifen. Es sieht so aus, als sei das, was Millionen Frauen tun, nicht für sie gedacht und nicht nötig, dass „sie daran teilhaben“.

Der gruselige Verdacht liegt nahe, dass diese Lücke entstanden ist, weil es aus Sicht der Entscheidet nur fertilen und für die männliche Gesellschaft habhaftbaren Frauen zustünde, sich wie eine solche nach eigenem Belieben zu verhalten. Das leise im Hintergrund des Problems aufmuckende „die brauchen das nicht, da reicht ein Waschlappen“, ist im Grunde misogyner Ableismus.

Das SGB ist voll von solchen Diskrepanzen. Lediglich Menschen mit Behinderung haben durch ihre persönliche Assistenz die Möglichkeit, das Problem zu umgehen und ihre Assistenz so einzusetzen, wie sie es wirklich benötigen. Doch Frauen, die „nur“ pflegebedürftig sind, haben das nicht. Vor allem alte Frauen haben das nicht.

Nein, das ist kein Luxusproblem, das ist ein eklatantes Problem. Denn offenbar bestimmen Männer darüber, wer sich verhalten kann und soll wie eine Frau und nicht die Frau selbst. Indem sie das SGB nicht mit den Tätigkeiten anfüllten, die dafür notwendig sind.

Von diesen Lücken gibt es viele. Aber niemand spricht sie an. Warum? Pflegende sind in ihrer Routine gefangen und haben keine Einflussmöglichkeiten. Die Politik interessiert sich nicht für die Lücken zwischen ABEDL und ihrem SGB.

Rasieren übrigens als Teil der täglichen Routine für Männer (und Frauen) ist im Gesetz enthalten. Männer, die bis ins hohe Alter gepflegt sind (und Kinder zeugen), sind nämlich tolle Hechte, Frauen, die ihre Weiblichkeit pflegen wollen, „brauchen das nicht“.

Ich bin nicht einverstanden.

Ein Kommentar zu „Frau sein und pflegebedürftig – geht das? Nein!Denn das pflegebedürftige Frau-sein wird von Männern definiert.

  1. Sie haben natürlich vollkommen Recht. Aber es geht ja nicht nur bei der Kosmetik los, sondern (dass sage ich als Mann, weshalb man mir nachsehen möge, wenn ich da die Gewichtung genau verkehrt herum lege) schon deutlich früher: Bei der Wahl der Kleidung. Sie haben hier in ihrem Blog ein sehr schönes Foto, wo sie, vermutlich, im Hosenanzug abgelichtet worden sind. Angenommen Sie sind jetzt pflegebedürftig. Dann stellt dieser Hosenanzug, oder ein Herrenanzug oder schon ein Hemd, eine große Herausforderung für die Pflegenden dar. Ich sehe immer wieder Patienten, die früher oder später nur in Jogginghosen und weiten Shirts und Tops gekleidet werden, weil man sonst nicht in der Lage ist, diese Sachen in einer vermeintlich adäquaten Zeit anzuziehen. Das höchste der Gefühle in diesem Zusammenhang sind dann die Polohemden bei Männern… Sie haben den Grund für dieses Verhalten im Alltag bereits genannt: Die Zeit!

    Selbst wenn ich mir mehr Zeit geben wollen würde, um Ihnen den Hosenanzug anzuziehen und sie ‚herzurichten‘ mit ihrer Kosmetik, so bleibt mir gar keine Zeit dafür, weil ich noch gefühlt 200 Leute aus dem Bett holen muss und vor 20 Minuten schon die ersten ‚Bestellungen‘ für Untersuchungen, OPs etc. geläutet haben. Ich persönlich fände es wunderbar, wenn ich mir die Zeit nehmen könnte dafür. Einmal davon ab, dass man mir erklären müsste, was ich wann, wo, wie bei einer Frau einsetze als Mann ^^. Aber leider gibt es das absolut nicht. Im Gegenteil, selbst bei Männern gibt es ja da so wenig Zeit, dass diese noch nicht einmal rasiert werden. Sie schreiben zwar richtig, dass das abgerechnet werden kann, aber auch da gibt es ja qualitativ himmelweite Unterschiede. Wo sie 20 Minuten für ihre Morgentoilette am Schminktisch brauchen, kann ich 20 Minuten für das Rasieren brauchen, wenn ich den Schaum selbst herstelle, eine Pre Shave Creme auftrage usw. Das habe ich vielleicht 40 Jahre so durch praktiziert, aber womit wird im Krankenhaus / Altenheim rasiert? Dem Elektrorasierer, den die Verwandten so anschaffen müssen, weil die Pflegenden keine Zeit für dieses Prozedere sonst haben. Ich finde das zutiefst verwerflich und muss gestehen, so manches Mal habe ich mich da schon geschämt, weil auch ich, in der Hektik des Alltags, dann auf diese Gedanken kam, dass mir das alles jetzt zu aufwändig war…

    Fazit: Wir brauchen etwas, was wir so in der normalen Pflege nie wieder bekommen werden: Z e i t !

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