Philosophie als Chance

Vielleicht, so denke ich mir, wird es Zeit für etwas ganz Neues. Für einen Weg, ethisch-moralisches Handeln in der Pflege nicht mehr abhängig zu machen vom eigenen Gefühl, sondern dieses Handeln auf einer anderen Basis aus anzugehen und zu beleuchten.

Früher entwarf Krankenpflege diese Basis ihres eigenen ethisch-moralischen Handels auf der Basis von Philosophie. Und das funktionierte gar nicht schlecht. Leider ist dieses Wissen irgendwann hinter all den Abhaklisten verloren gegangen und es wurde vergessen, uns beizubringen, wie das funktioniert. Obwohl Pflege Ethik benötigt, da es um Menschen geht, hat sich eine Pflegephilosophie bislang nicht etabliert. Und, mal ganz ehrlich: wer kennt schon noch Kant, Nietzsche, Augustinus oder hat je den Versuch unternommen, Prechts Texte nach der Möglichkeit abzusuchen, seinen Patienten zu versorgen oder das System Pflege kritisch zu hinterfragen? Ob ich das kann? Ich weiß es nicht. Wir unterhalten uns zwar alle oft über die verlorengegangene Ethik, aber wir suchen nicht gezielt nach Argumenten.

Gleichzeitig steht die Pflege vor und inmitten gewaltiger Probleme. Immer weniger Personal ist einer gewaltigen Arbeitsverdichtung ausgesetzt, die die Grenzen der eigenen Belastbarkeit schon lange gesprengt hat. Der Patient wiederum, der eine Klinik oder eine Wohneinrichtung betritt, muss sich gefallen lassen, in das Raster und Schema der Standards, DRGs, Normativa und Handlungsabläufe gepresst zu werden. Gerade die Dokumentation wird dabei als Abhaken von Tätigkeiten vor dem Hintergrund der Rechtssicherheit empfunden, als Zeitdieb, als Belastung. Der Mensch wird den Standards unterworfen, in die er zu passen hat. Digitalisierung verspricht, die Dokumentation schneller zu machen, man redet von Entlastung. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis spüren vor allem die Auszubildenden in ihren Prüfungen. Nie wieder, das wissen sie genau, werden sie zwei Stunden Zeit haben, um eine Planung zu schreiben und mit dem Patienten zu besprechen, wenn sie erstmal, nach dem Examen, ihre Arbeit den institutionellen Gegebenheiten zu unterwerfen haben. Das kann alles nur falsch sein und war so nicht gedacht.

            Die Entwicklung der Pflegeplanung, das zielgerichtete theoriegeleitete Pflegehandeln, wurde parallel zur Psychosomatik entwickelt und aus ihr geboren. Sie wollte ganzheitlich den ganzen Menschen sehen.[1]Das Instrument der Planung war gedacht als Instrument der Beziehungsarbeit Pflege. Es gibt aus dieser Zeit ein für heutige Verhältnisse zutiefst verstörendes Filmdokument, das diese Form der Arbeit zeigt. Aufgenommen in einer psychosomatischen Klinik, sehen wir die Kollegin in den 70er Jahren am Bett ihrer Patientin sitzen und reden. Einfach reden. Die Zeit, die sie dort verbringt, lässt einem den Atem stocken. Unwillkürlich fragt man: „Wer macht denn ‚die ganze Arbeit‘“? Nein, sagt die Kollegin in dem Film, das ginge nicht, einfach fremde Menschen anzufassen, ihnen den Blutdruck zu messen, ohne dass man sich kenne. Das sei doch übergriffig, das sei ja Gewalt.[2]Wir reden heute viel von Übergriffigkeit, aber von der Sichtweise der Kollegin sind wir Lichtjahre entfernt. Wieder gleichzeitig vereinsamt unsere Gesellschaft, in England gibt es sogar ein Ministerium, das sich dem Problem der Vereinsamung annimmt.  Eins der Scharniere dieses Problem scheint die Pflege selbst zu sein. Sie ist Ware geworden, Menschen machen auf der einen Seite Rendite mit ihr, sie ist Kostenfaktor, sie kann und soll konsumiert werden. Aber die Werbung verschweigt das. Sie zielt ab auf Beziehung, auf Gefühl. Auch das BMG bedankte sich auf Twitter am Tag der Pflegenden bei den „Alltagshelden, die täglich für unsere Lieben da sind, sie pflegen und unterstützen“, als sei das System nicht zu einer einzigartigen, pervertierten Maschine verkommen, wie es auch der Film „Der marktgerechte Patient“ jüngst in einigen Off-Kinos zeigte. Ein Dilemma, ein Debakel ist diese Diskrepanz. An ihm kranken sowohl die Pflegenden als auch die, wenngleich nur noch zeitgetakteten, Gepflegten.

            Hier begegnen sich zwei Pole, die Arbeit und der Konsum, die bereits in den 50er Jahren philosophisch diskutiert wurden. „Bei der Arbeit und beim Konsum ist der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Es sind Tätigkeiten des pseudosozialen Handelns.“ bekräftigte Hannah Arendt in einem Interview mit Gauss einmal ihre Haltung zur Vita activa, ihrem Buch zum tätigen Leben.[3]Daraus resultiere, so Arendt, dass die Gesellschaft am Ende vereinsamen würde. Und tatsächlich, so könnten wir argumentieren, ist das eins der grundlegenden Probleme auch der Pflege. Konsumgüter, so Arendt, beziehen sich auf Güter, die verbraucht werden. Produkte hingegen sind nach Arendt Güter, die gebraucht werden, die dem Menschen das Gefühl geben, „zu Hause zu sein“. Wenn wir nun die   eigentlichen Beziehungsarbeit Pflege zu einem Konsumgut machen, das verbraucht werden, und konsumiert werden kann und muss, dann ist es unabdingbar, dass auch der Pflegende und der Gepflegte darunter vereinsamen. Der Pflegende in seiner Arbeit, die ihm den eigentlichen beständigen Wert der Beziehungsarbeit vorenthält, der Gepflegte, weil er vermeint, Beziehung erwerben zu können, aber am Ende nur Funktionen in Minuten erwirbt. Wir haben zugelassen, dass aus einem Produkt ein Konsumgut gemacht wurde. Aus etwas, was dringend gebraucht wird, wurde das Gegenteil von „zu Hause“ sein. Pflege wird zur pseudosozialen Handlung, obwohl beide Seiten, Pflege und Gepflegter, zum beiderseitigen Gesundsein etwas anderes bräuchten. Das einzige Interesse (inter: dazwischen, esse: sein, das, was verbindet), ist die Einsamkeit, die dieser Prozess erzeugt. Über dieses Dazwischensein schmieren wir den Begriff der Berufung, um das pseudosoziale Handeln, wenngleich in bester Absicht zu verbergen, da wir das Dilemma auch mit Berufung ja nicht aufheben können, da wir nicht aus der Institutionalisierung ausbrechen können. Zur Selbstmotivation und als Belohnungsstrategie für die zumeist übermenschliche Leistung, kaufen wir uns etwas Schönes, oft Vergängliches – und belohnen pseudosoziale Handlung wiederum mit einer pseudosozialen Handlung. 

            Es ist umso dramatischer, als dass uns allen ja bewusst ist, dass die Industrialisierung von Pflege gerade das Gegenteil von Beziehungsarbeit ist.[4]Obgleich Wissenschaftler sich nach Kräften bemühen, neue Instrumente zu schaffen, frustrieren sich beide Seiten an dieser Stelle stark. Wieder neue Assessments, neue Tabellen, neue Scores, die wieder den Patienten in einen Standard pressen, für den wiederum niemand Zeit hat, der die eigentliche Beziehung dabei eher zu belasten, als zu entlasten scheint. An dieser Stelle wird auch die wissenschaftliche Arbeit der Pflegenden zum Konsumgut, statt zum Produkt. Die Dokumentation, die Planung nur noch als lästigen administrativen Part zu sehen, entpersonalisiert zeitgleich das Individuum, entpersonalisiert aber auch den Pflegenden, der nicht mehr Teil einer Beziehung ist, sondern nur mehr Abhakender. Hinter dieser bürokratischen Anonymität der Pflege verbirgt sich Bindungslosigkeit beider Seiten. Pflege wieder zu taylorisieren, in Arbeitsteilung zu gehen, statt in Ganzheitlichkeit, impliziert im Einzelnen das Gefühl, nur Teil, ein kleines Rädchen zu sein, dass den Überblick nicht behalten kann, das nichts ändern kann, das unter der eigenen Machtlosigkeit leidet. An dieser Stelle müssen wir uns zutiefst erschrecken.

Es sind Begriffe, die Hannah Arendt in ihrem Buch über den Eichmann-Prozess verwendet. Sie kennzeichnen für sie das, was sie „die Banalität des Bösen“ genannt hat.[5]Die Pflicht zu erfüllen, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen und den Aspekt der Entpersonalisierung[6]hinzunehmen, ist zu nah dran an der Abgabe der eigenen Verantwortung an die Oberen. Es gibt immer eine Wahlmöglichkeit, sagte Arendt. Diese besteht überwiegend in Mitmachen oder Weggehen. Wegzugehen, das scheint derzeit die überwiegende Wahlmöglichkeit zu sein: der Pflexit. Wir müssen eine andere Wahl finden, treffen und ermöglichen! Schnell! Wir müssen zurück zum Produkt Pflege, das zuträglich und ein zu Hause ist, das die Zeit überdauert und Leben ermöglicht. 


[1]Vgl. Monja Schünemann: „Monika Krohwinkel – oder wie die Psychosomatik in die Pflege kam“, in: Alexa Geisthövel/Bettina Hitzer (Hrsg.): Auf der Suche nach einer anderen Medizin. Psychosomatik im 20 Jahrhundert, Berlin 2019, S. 405-414, 

[2]Vgl. Alexa Geisthövel: „Die psychosomatische Klinik oder die Utopie heilender Kommunikation“, in: ibid., S. 390404, der Film „Wer will schon krank sein in der Welt“ ist einsehbar unter ( https://www.karl-koehle.de/publikationen/filme.html, zuletzt aufgerufen am 13.05.2019, 11:55)

[3]Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München/Zürich 2002. 

[4]Vgl. Sabine Bartholomeyczik/Dirk Hunstein: „“Die Messung von Pflegezeiten – methodische und inhaltliche Probleme“, in: Palm, Richter (Hrsg.): Pflegewissenschaft, S. 136-147. 

[5]Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Wiederauflage München/Zürich 2011. 

[6]Ich grenze das bewusst nochmal vom Begriff der Entmenschlichung ab, den Arendt nutzt.

8 Kommentare zu „Philosophie als Chance

  1. Hallo,

    eine Pflegeethik hätte in meiner Sicht zu fragen: Wie muß Pflege sattfinden, damit der Gepflegte sagen kann: Hier lebe ich, als lebte ich zuhause. Ich formuliere im Konjunktiv, weil diese Frage eine anthropologische voraussetzt: Wann fühlt sich ein Mensch zuhause? Antwort: Wenn er sich in selbstgestalteter Umgebung befindet; wenn sein Tag individuell nach seinem Willen und seinen Wünschen abläuft; wenn die Menschen, die ihn pflegen, dies nicht um des Geldes willen, sondern um seinetwillen tun, kurzum, wenn zwischen ihm und dem anderen eine vertrauliche Beziehung besteht. Kann das institutionalisierte Pflege leisten. Nein. Deshalb wäre mein Vorschlag, die Pflege wieder dorthin zurückzuführen, wo sie hingehört: nach Hause. Erst dort kann der Gepflegte vom Konjunktiv in den Indikativ wechseln: Hier bin ich zuhause.

    Mit freundlichem Gruß

    Phileos

    und danke für die Anregung

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    1. Jajajaja da kommen wir noch hin. Trotzdem muss ich erst Fundamente bauen vor dem Haus. Einfach 2 Blogs pro Woche geht auf dieser Basis einfach nicht mehr. Zudem geht es nicht nur um den Patienten. Das Wichtigste derzeit sind die Pflegenden

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    2. Pflege zu Hause hat historisch nie funktioniert. Vielfach hängen wir einer romantischen Bestätigung nach. Professionelle #Pflege so umfassend wie im Kommentar gedacht funktiert erst recht nicht. Darüber hinaus: Wenn Pflege zu Hause so selbstbestimmt von der pflegebedürftigen Person ausgelebt werden soll, geht es auf Selbstestimmung und Autonomie der pflegenden Angehörgen, der Pflegeperson. Die muss dafür ihre Selbstbestimmung aufgeben. Damit stehen sich Selbstbestimmung der pflegebedürftigen Personen der Selbstbestimmung der pflegenden Angehörigen gegenüber, die oftmals nicht mehr selbstbestimmt am gesellschaftlichen o. Arbeitsleben teilhaben kann. Somit haben wir ein weiteres ethisches Problem.

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      1. Wenn das alles so definitiv wäre, warum dann diskutieren? Ich wußte bisher auch nicht, dass abhängige Lohnarbeit selbstbestimmt stattfindet. Im sogenannten Arbeitsleben – was für ein Unbegriff – wird nicht gelebt, da dort allererst die Bedingungen zum Leben geschaffen werden, insofern wir noch zwischen Am-Leben-Sein und Lebendig-Sein unterscheiden. Pflege, sowohl professionell als auch zuhause, ist keine romantische Sache; ja, sie ist eine anstrengende Angelegenheit, sie drückt den Lastcharakter des Daseins aus. Es steht jedem frei, sich diesem Lastcharakter, soweit er will und kann, zu stellen oder auch nicht. Darin, und nur darin, liegt die Selbstbestimmung. Die Selbstbestimmung, von der sie reden, ist ein Tarnname für die Realisierung von Egoismen, sprich Amuesements unter dem Deckmantel sogenannter Selbstverwirklichung. Die Pflege, wie ich sie dargestellt habe, ist selbstverständlich eine regulative Idee, realisierbar in Graden und Abstufungen. Ich glaube, dass Pflege sehr viel besser zu leisten wäre und auch williger geleistet würde, wenn jeder, wie Oscar Wilde sagte, eine Tätigkeit ( jegliche Tätigkeit, auch Pflege) nach seinen Bedürfnissen ausüben kann. DIe ökonomische Basis dafür wäre ein bedingungsloses Einkommen, das nicht nur die Pflegesituation entspannte, weil es den Pflegenden neben ihrer Fürsorge auch Zeit für sich selbst ließe (da hätten sie ihre Selbstbestimmung); sondern auch den potentiell Pflebedürftigen – also jedem – die Möglichkeit eröffneten, nicht primär ums Überleben zu kämpfen, sondern, entlastet von entfremdeter Lohanarbeit, allererst für sich selbst zu sorgen. Das ist im übrigen der erste Imperativ für die Gesundheit als Selbstvorsorge. Die Frage,ob diese Argumente unterhalb ihrer „Basics“angesiedelt sind oder nicht doch bedenkenswerte Distinktionen enthalten, sollten sie sich von ihrer intelektuellen Redlichkeit beantworten lassen. Schade, dass kein Sorates mehr auf den Treppen sitzt, um die überhebliche Anmaßung des Wissens (Ich weiß immer schon und besser.) durch die Ironie des Nicht-Wissens (Ich weiß, dass ich nichts weiß.) zu erden.

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      2. Das sehe ich anders. Arbeitsleben gehört nach Maslow zur Selbstbestimmung. Und nicht nach unten auf die Pyramide, sondern nach oben. Ansonsten sehen Sie Pflege nur von der Sicht der Patienten. Im Sinne des Tripersonellen Modells ist das falsch. Ich selber ziehe Patienten nur selten in meine Gedanken ein. Aus verständlichen Gründen. Zuletzt folgendes: ein Minimum an Respekt erwarte ich. Auch Sarkasmus ist nämlich Gewalt. Und dass ambulante Versorgung insbesondere unter Laien care und nicht nursing ist, das müssen wir nun wahrlich nicht besprechen, denn Pflege ist definiert.

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      3. Mag sein. Ich denke, dass ich durch meinen ersten ausführlichen und, wie ich finde, nicht undurchdachten Kommentar, Ihren Beitrag freundlich gewürdigt habe. Ich finde, mein Beitrag, sofern in Ihren Augen überhaupt kritikwürdig, hätte eine weniger ungeduldige wie abschätzige Antwort verdient gehabt. Aber sei es drum. Totzdem, viel Erfolg mit Ihren Texten.

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      4. Eine der Haltungen, die mir absolut gefällt, ist die Vorstellung, dass diese ehrenamtliche Tätigkeit 24/7 auf ihr eigenes Leben zu verzichten hat, um einen Service zu erbringen. Das muss ich nicht. Ich bin selbstbestimmt.

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