Das Problem der Pflegekammer aus philosophischer Sicht

Gut, gehen wir zurück zu Platon und schauen uns die Gegebenheiten einmal an. Im alten Griechenland gab es eine Demokratie. An der durften freilich nicht alle teilnehmen. Es waren Bürger, die an der Polis, der Politik beteiligt waren. Männer. Bestimmte Männer. Nicht alle. Man benötigte die Bürgerrechte und die galten nur unter bestimmten Bedingungen.

Alles, was Körperlichkeit anging, das Versorgen des Hauses, das pflegen der Angehörigen, Essen und der Haushalt , das besorgte die Hausfrau und die Sklaven. Sie waren unsichtbar in ihren Häusern und sie hatten keine Stimme auf der Polis. Dass der Bürger an den Debatten teilnehmen durfte, galt als Freiheit. Frei, weil er eben ganz sicher nicht an Haushalt und dessen Problemen beteiligt war. Es gab eine strikte Trennung zwischen Privatheit und Politik. Und die, die den Haushalt schmissen und das Körperliche versorgten, die hatten keinen Anteil daran.

Übertragen wir das mal auf die heutigen Gegebenheiten.

Pflege war immer unsichtbar. Der Kranke verschwindet hinter den Klinikmauern, hinter den Mauern des Altenheims oder ist isoliert in seinen Privaträumen. Krankheit findet in der Gesellschaft nicht statt. Nicht umsonst assoziiert die Gesellschaft Pflege immer mit Altsein. Und das, so glaubt sie, beträfe sie nicht und sei ganz weit weg. Weil eben Krankheit und Pflege unsichtbar ist.

Auch an der Politik nimmt Pflege nicht teil. Man redet ÜBER Pflege, so wie die Bürger der Polis über ihre Hausfrauen und Sklaven geredet haben, ohne sie mit einzubeziehen. Aber es ist nicht mehr 500 vor Christus, es ist 2019. Und ganz sicher kann dieser Zustand so nicht bleiben.

Die Interessenlagen sind hier sehr verschieden. Gehen wir zurück ins alte Griechenland, dann lag es sicher im Interesse der Hausfrau, genug Geld zum Einkaufen zu haben und Sklaven konnten sehr sehr reich werden. Man merkt, es ging schon immer um Geld, denn das hatte und hat Auswirkungen auf die eigenen Lebensbedingungen. Und so ist es nur natürlich, dass auch heute die, die hinter den Mauern, unsichtbar für die Gesellschaft, die Leute versorgen, ein großes Interesse haben, genügend Geld für ihr eigenes Leben zu haben. Aber: das ist nicht Polis, nicht Politik.

Geld wird mit dem gemacht, der dem Haushalt vorsteht, also hier dem Arbeitgeber. Es ist legitim, diese Interessen zu haben. Dafür sind Gewerkschaften da.

Mischen wir Politik und die Angelegenheiten der Arbeitgeber, dann merken wir recht schnell, dass es eigentlich zwei unterschiedliche Interessen sind und das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

Wir merken aber auch, dass es falsch ist, weiter in der politischen Unsichtbarkeit zu verharren. Offenbar braucht Pflege beides.

Wenn nun aber die Gewerkschaft verspricht, Pflegende vom Zwang der politischen Sichtbarkeit quasi zu erlösen, dann scheint das völlig widersinnig zu sein. Denn das macht Pflege weiterhin unsichtbar und politisch nicht ansprechbar. Es wäre von daher clever, jeder kümmerte sich um das, was ihn angeht.

Die Gewerkschaften um die Möglichkeit des Geldverdienens und der Haushaltsbedingungen.

Die Kammer um die politische Sichtbarkeit.

Das ist doch philosophisch völlig klar. Keine Zanke notwendig.

2 Kommentare zu „Das Problem der Pflegekammer aus philosophischer Sicht

  1. Das würde sich wunderbar ergänzen. Nur hat die Gewerkschaft auch handfeste finanzielle Interessen, weil sie sich mangels anderer Einnahmemöglichkeiten (kaum Mitglieder aus der Pflege) auf dem lukrativen Gebiet der Fort-und Weiterbildung breit gemacht hat und nun um diese sicheren Einnahmen fürchtet, da die Kammer ja genau dieses Gebiet zu recht als ureigenste Aufgabe betrachtet. Also – wo Konkurrenz um Einnahmen – da Futterneid und Ablehnung.

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    1. Die Interessen (Inter dazwischen esse sein) aus dieser Sicht zwischen Gewerkschaft und Kammer sind aber von den Interessen der Arbeitnehmer und den beiden Gremien nochmal deutlich verschieden. Deshalb habe ich das hier nicht thematisiert. Ich könnte sicher ein ganzes Buch über Ethik und Werte, Macht und Ohnmacht und Pflege schreiben. Aber für heute reichen erstmal die heute angeschnittenen Themen. Das Jahr ist ja noch jung. Danke für Ihren Kommentar!

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