Eine Auszubildende erzählt…

Ginny, eine Auszubildende im dritten Jahr, möchte über ihre Erfahrungen reden…

Da unter dem Hashtag #respectnurses auf Twitter nicht nur der Umgang von Angehörigen und Patient*innen mit dem Pflegepersonal, sondern auch der Umgang zwischen Kolleg*innen, oft geschildert wurde, musste ich sofort an mich und meine Mit-Azubis denken. Ich bin derzeit im dritten Ausbildungsjahr und mir sind wieder viele Situationen in der Pflege eingefallen, in welchen der Umgang mit dem Auszubildenden – auch mit mir – wirklich absolut nicht in Ordnung war. Aufgrund der Umstände in der Pflege könnte man vermuten, dass untereinander ein Zusammenhalt der Pflegenden wenigstens bestehe oder man sich über Nachwuchs in der Pflege freue. Doch leider ist dies nicht immer der Fall. Ich denke, absolut jede Pflegefachkraft kann sich noch an einige negative Beispiele aus der Pflegeausbildung diesbezüglich erinnern. Ich persönlich und einige Bekannte haben es leider schon oft erlebt, dass Auszubildende auf Station beispielsweise dazu ausgenutzt wurden, Putzarbeiten zu erledigen mit dem Argument, dies sei ja ‚Schülerarbeit‘. Versteht mich nicht falsch. Mir ist klar, wie man beispielsweise seinen Arbeitsplatz hinterlassen muss und darum geht es auf keinen Fall. Interessant ist auch, dass ungefähr jede Person in meiner Berufsschulklasse schon erwähnt hat, dass manche Pflegende der Meinung sind, auf die Klingel zu gehen sei nur die Aufgabe von uns Schüler*innen. Dies ist mir schon passiert und war dann aber auch für eine Kollegin „falsch“. Ich musste Essen für die Patient*innen der Station austeilen, befand mich außerdem im 1. Einsatz meiner gesamten Ausbildung und kannte die ganzen Untersuchungen noch nicht auswendig und musste erst nachlesen und nachdenken, welche Patient*innen nüchtern bleiben mussten und welche nicht. Es klingelte zudem wirklich ständig und während die besagte Kollegin im Stationszimmer sitzen blieb, bin ich gefühlt von Zimmer zu Zimmer gelaufen und hab daher länger gebraucht mit dem Austeilen vom Essen. Schließlich stürmte die Kollegin aus dem Stationszimmer und schrie mich an, wieso ich denn so lange brauche, dass es schneller gehen muss und ich außerdem die Klingel einfach ausschalten und sofort wieder rausgehen solle. Da ich wirklich sehr laut angeschrien wurde, schämte ich mich sehr und dachte mir nur: „Wie denken jetzt wohl meine Patienten, die das gehört haben, von mir?“ Auch Kommentare wie: „Da du nicht ein mal die Vene getroffen hast, kann ich mir vorstellen, dass du bei dieser schlechten Koordination zu blöd zum Fahrrad fahren bist“ waren in manchen Bereichen an der Tagesordnung. So macht es natürlich Spaß, das Legen von Zugängen zu „lernen“. /ironyoff Prinzipiell stellt sich mir die Frage, warum es einigen Menschen nicht möglich scheint, konstruktive Kritik auszuüben, wenn man etwas nicht gut oder einen Fehler macht. Es ist klar, dass wir noch in der Ausbildung sind und daher alles andere als perfekt und superschnell. Aber sind nicht gerade wir die Zukunft der Pflege? Wir sind potenzielle zukünftige Arbeitskräfte auf den Stationen. Die meisten von uns möchten wirklich lernen und auch konstruktive Kritik hören, anstatt angeschrien zu werden. Hier ist ein häufiges Problem, dass einige Auszubildende sich eher nicht trauen, solche Dinge anzusprechen und sich zu verteidigen.

Ein Faktor, der hier nämlich mit hineinspielt, ist die Notengebung der Stationen. Wenn man nach einem Praxiseinsatz bewertet wird, dann überlegt man es sich lieber zweimal, ob man es anspricht, dass man sich nicht gerecht behandelt fühlt. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Das ist ein Satz, den viele von uns schon hören mussten – auch von Lehrkräften, wenn man Missstände ansprach. Dieser Satz mag zwar an sich irgendwo wahr sein, dennoch kann ich ihn trotzdem nicht mehr hören, da er immer genutzt wird, um solche Vorfälle zu bagatellisieren. Es gehört eben NICHT zu irgendeinem Beruf, sich anschreien oder beleidigen oder ausnutzen zu lassen! Verdammt noch mal. Weitere Sätze, die uns allen inzwischen echt zum Hals raushängen: – „Schülern kann man keine sehr gute Note in der Bewertung geben. Ihr seid ja schließlich nicht examiniert.“ -> Man bewertet doch nach dem Ausbildungsstand! Natürlich wissen wir nicht mal annähernd so viel, wie fertig ausgebildete Pflegefachkräfte. Selbstverständlich heißt das nicht, man soll dauernd grundlos die Note 1 vergeben. Ist es aber nicht irgendwie komisch, sie rein aus Prinzip NIE zu geben? – „Warum entscheidest du dich noch für den Beruf? Finde ich nicht gut. Warum macht das überhaupt noch jemand?“ -> der Hintergrund bei dieser Aussage ist klar, dennoch… das führt eher zu Demotivation. Ein weiteres großes Problem in der Ausbildung sind die fehlenden Anleitungen. Hier wird der Fachkräftemangel schon sehr früh ersichtlich.

Ich habe es erlebt, dass es auf manchen Stationen leider gar keine Praxisanleiter*innen teilweise gibt. Generell geschehen Anleitungen oftmals eher nur „nebenher“. Pro Einsatz müssen 10% der Arbeitszeit als Praxisanleitung gefüllt werden. Dies kann so gut wie nie gewährleistet werden. Am Ende vom Einsatz schreibt man dann doch teilweise irgendwas rein, um wenigstens ein bisschen was dastehen zu haben. In fast jedem Einsatz wird auch ein Grund für die Unterschreitung der Anleitungszeit angebeben: Personalmangel. Bei all diesen Gegebenheiten ist es nicht sehr verwunderlich, dass viele Menschen die Ausbildung schon abbrechen oder vorhaben, nach Beendung dieser einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Natürlich habe ich mich in diesem Post eigentlich nur auf negative Gegebenheiten bezogen. Ich kann hier nur von meinen Erfahrungen und denen meiner Klassenkamerad*innen sprechen und möchte auf keinen Fall aussagen, dass es überall zu 100% schlecht läuft und alle examinierten Pflegefachpersonen nicht gut mit Auszubildenden umgehen. Gerade deshalb möchte ich aber allen Kolleg*innen, insbesondere engagierten Praxisanleitungen, danken, dass sie sich für uns Auszubildende einsetzen und auch wollen, dass wir einen Lernzuwachs haben. Solche Menschen schätzen ich und viele andere wirklich sehr. Wir sehen das definitiv, wie einige von euch sich so viel Mühe geben.

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