„Lieb Schwesterlein“: lieb, beliebt, beliebig. Von der Unmöglichkeit, gleichzeitig lieb und progressiv zu sein.

Hast Du ein schlechtes Gewissen, wenn Du Dich krankmeldest, bist Du schon versetzt worden, weil Du Veränderungen angestoßen hast, gab es Teams, in denen Du Dich unwohl gefühlt hast und wo Diskurse unmöglich waren? Warum das so ist, das liest Du hier..

Eins meiner Erweckungserlebnisse hatte ich in einem Spätdienst. Die (beliebte) Schichtleitung kritisierte das Vorgehen einer sehr jungen Kollegin. Die blieb ganz ruhig und sagte: „Danke, aber ich kann die Kritik nicht annehmen, weil….“ und führte ihre Argumente, die übrigens auf den Punkt und schlüssig waren, aus. Was dann folgte, war höchst interessant. Es entstand Gemurmel, Genörgel, die Schichtleitung war entsetzt, meckerte die ganze Zeit vor sich hin und die Stimmung war für WOCHEN im Eimer. Oh lala.

Pflege hat ihre Wurzeln, man kann das nicht oft genug betonen, im Kloster und im Militär. Darauf gründen sich die steilen Hierarchien, die Ihr im Alltag oft antrefft. Gruppen durchlaufen dabei Formungsphasen. Sie Bilden sich, sie normieren sich, und sie stormen (streiten sich). Das ist in Teams, die nicht Teil der Medizin sind, ein völlig normaler Prozess. In Kliniken ist das aber anders. Wer aus dem Kanon der Norm ausbricht, der wird schnell außerhalb der Gruppe angesiedelt. Harmonie ist das höchste Gebot. Wer diese vermeintliche Harmonie stört, der kann durchaus durch, sagen wir mal, schwierige Zeiten gehen, bis er wieder „artig ist und hört“. Konformität, Angepassten, gilt als das höchste Ziel.Nicht umsonst rufen oft noch ältere Patienten nach „lieb Schwesterlein“. Die meinen das ernst!

Insbesondere trifft es Menschen, die nonkonforme, querdenkende Neuerungen einführen wollen. Wenn es Dich also tröstet, und das sollte es, möchte ich Dir Menschen vorstellen, denen es genauso ging. Die auf das Übelste angegangen worden sind und.. am Ende dann Veränderungen geschaffen haben. Höre und staune.

  • Liliane Juchli, das hat sie mir bei meinem Interview erzählt, bekam massenweise Hassbriefe von Schwestern und Kliniken. Sie sei „der Teufel der Pflege“, sie „zerstöre die Krankenpflege“. Sie sagte mir, die Briefe hätten Leitzordner gefüllt!
  • Antje Grauhan, die einen Diplommediziner Pflege, also eine akademische Ausbildung forderte, stieß nicht nur auf taube Ohren, sondern gegen Wände. Bis heute unterliegt sie einer gewissen damnatio memoriae.
  • Sabine Bartholomeyczik berichtete in einem Artikel, ihr sei förmlich der Mund verboten worden.
  • eine Auszubildende verlor in den 70ern beinahe ihren Job, weil sie Überstunden abgegolten haben wollte. Das sei UNVERSCHÄMT!

Du siehst also, von ganz oben bis ganz unten hat das alles eine gewisse Tradition und Kultur. Woher mag die kommen? Dazu kann man (ich) nur Vermutungen anstellen. 85% aller Pflegenden sind weiblich. Frauen aber genossen noch bis vor kurzem die Erziehung, dass ein Mädchen „Lieb, artig, angepasst, nicht streitend“ sein soll. Frauen, die laut sagen, w as sie denken, werden noch heute als „hysterisch, krank, emanzipierte Fregatten (Körperlichkeit spielt hier IMEMR eine Rolle), zänkisch, widerborstig et al. “ gelabelt. Gar nicht selten werden sie auch pathologisiert.

Yvonne Falkner, die Initiatorin des Empowerments Careslam, gilt, das sagen sie ganz offen, als „narzisstisch, Borderlinekrank, verrückt“. Sie bekam von Pflegenden ein Label aufgedrückt – das übrigens völlig falsch ist. Was ihr Verbrechen ist? Sie leitet junge Kollegen auf der Bühne theaterwissenschaftlich an, über das, was sie im Beruf erleben, zu sprechen. Denn auch das ist ganz und gar nicht normal. Schon das Ansprechen gilt als zutiefst böse. Immer wieder lese ich im Netz: „Wenn man schlecht über den Beruf redet, dann trägt man nicht zu einem besseren Ansehen des Berufs bei“ Man diskreditiert ihn und andere also. Aha. Das ist schon ein bisschen weird. Nicht über Kritik reden zu dürfen. aber, das ist natürlich sowohl der Erziehung als auch der Kultur geschuldet. Artige Mädchen tun so etwas nicht. Nicht umsonst forderte Erwin Rüddel, gut über den Beruf zu sprechen, dann würde die Politik auch helfen. Dahinter steckt genau die Vorstellung. Im 19. Jahrhundert galt der Beruf als das, was Frauen (artige FRAUEN) eben naturgemäß könnten. Noch heute wird Artigen und Angepassten gefordert. Merkwürdigerweise auch von Pflege selbst s, nicht umsonst fordert diese Artigkeit ja auch die Riege alter weißer Männer (und Frauen) aus der Pflegekammer RLP in ihrem „feierlichen Versprechen“ ein.

Das hat Auswirkungen. Wer artig ist, gilt als „gut“, der kommt hoch. Dass hinter artig sein nicht automatisch Fachwissen steckt, davon können viele ein Lied singen. So berichtet Kollegin Veronica M. auf Twitter ganz oft (eine Frau mit unendlich Fachwissen), dass sie als „schlecht“ gilt, weil sie eben diese Konformität nicht mitmacht, und Fachwissen vor Gruppendynamik stellt. Oft fragt sie, ob das schon Asperger sei. Sie fühlt sich anders, krank, glaubt, dass Teamarbeit nichts für sie sei, dass irgendwas mit ihr nicht stimme. Doch, mit ihr stimmt alles. Nur, das Gefühl dafür hat sie verloren, weil die Normierung und Kultur so unfassbar greift. Daraus resultiert ein merkwürdiges Ding. Wenn nicht der hochkommt, der gut ist, sondern der, der lieb ist, dann ist Beliebtheit der Schlüssel für alles.

Macht einmal den Selbstversuch. Schaut Euch die Botschaften der „beliebten“ Blogs an. Alle konform. Alles süßlich. Je platter die Aussage, desto Love. Desto hoch. Herz und Mut haben das sehr clever genutzt.

Imagekampagne setzen nicht umsonst auf Humor (=nimm doch nicht alles so ernst) und Herz (liebsein, beliebtsein), aber wenn morgens 300 Individuen in eine Klinik gehen, sich uniformieren und alle lieb sind, resultiert daraus ein Brei, der nichts mehr hat. Ganz oft, bei Jubiläen, bei Kündigungen, wundern sich Leute, dass man ihnen nicht sagt, dass sie fehlen würden, dass die Anerkennung individuell sei (der Blog von Notaufnahmeschwester zum 30. Jubiläum). Nun, wer beliebt in Massen daherkommt, der ist schnell beliebig. Und wer beliebig ist, ist ersetzbar. Nicht anders ist es zu erklären, dass PDLs noch heute auf Austauschbarkeit setzen.

Wir schauen nochmal nach oben: wer etwas verändern möchte. DARF nicht konform sein. Das ist besonders tragischen weil Diskutieren bereits als Ausbruch aus der Konformität gilt. Wer etwas anspricht, ist böse. Der spaltet die heile Welt Pflege. Das Argument, dass dann oft kommt, ist „Meine Meinung“. Argumente gibt es nie. Im besten Fall wird gar nicht auf die Argumente eingegangen. Die Kultur ist so eingefahren, dass Tonepolicing gefahren wird. Tonepolicing ist, dass man sagt, der TON sei nicht richtig. Das kennen wir aus der Erziehung: „Nicht in dem TON!“ Was Tonepolicer vergessen: hier reden Erwachsene. Es ist nicht an ihnen, den Ton zu kritisieren. Der Ton wird meist kritisiert, um Frauen ihre Stimme zu nehmen. Die Botschaft ist: wenn Dein Ton, also DU, nicht NETT ist, dann höre ich Dir nicht zu und Du bist böse. Und böse Mädchen….. (ihr denkt es Euch schon). Was ich darauf sage: Mein Ton geht alle nichts an. Die Botschaft. Wer mich Tonpoliced, enttarnt sich. Gehe ich nicht drauf ein. Harmoniesucht ist in der Pflege en vogue. Diskurs ist Streiten, Streiten ist Böse. Das geht nun schon 150 Jahre so.

Deshalb geht es Dir schlecht, wenn Du dich krankmeldest, auf deine Bedürfnisse hörst, etwas ansprichst. Und es kommt noch wilder: in den Leitungskursen wird das gelehrt! Genau DARAUF zu setzen. Du hast Angst, unartig zu sein, emotionale Konsequenzen aushalten zu müssen. Das erziehen sie schon den Azubis an, indem sie ihnen hierarchische Plätze außerhalb der Pflegegruppe zuweisen und sie mit pflegefremden Tätigkeiten ausstatten. Wer freut sich nicht, endlich dazuzugehören, und nicht mehr Handtücher zu falten ..dazugehören und richtige Arbeit zu machen? Das setzt man nicht aufs Spiel, gell? Beliebtsein ist ein Problem.

Wie man sich dem Problem entledigt? Halte es aus, nicht beliebt zu sein. Wer liebt Dich? Deine Familie, Deine Freunde. Alles andere ist nur Arbeit. Je geborgener Deine eigentliche Situation, desto leichter ist das. Und bei jedem Trouble denke dran: Den Namen der Beliebigen beliebten kennt heute keiner mehr.

Sei wild und frech und wunderbar!

LIEBE Grüße

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