Raus aus der Pflege? Zumindest im Kopf!

In der letzten Zeit hatte ich viele Gespräche mit Kollegen aus der Pflege und vielleicht kennt Ihr das auch: gerade wenn wir daheim Besuch bekommen, rollt mein Mann mit den Augen, wenn es sich andeutet, dass bestimmte Leute bei uns aufschlagen werden. Das Problem? Menschlich keins, sie sind wirklich lieb und nett, ABER: alles ist Pflege. Es gibt neben dem Beruf nicht ein einziges Thema, dass bedient werden könnte und für Außenstehende wird das dann schnell langweilig. Nicht nur das: Irgendwie kommt mir das Ganze auch mental nicht gesund vor.

Wie läuft das? Endlose Tagesblöcke arbeitet man im Schichtdienst, dann kommt noch der Haushalt, mental Load Familie, man ist platt. In den Sozialen Medien geht es dann mit Pflege weiter. Kongresse? Ja, klar, Pflege. Und wie sieht die Geschichte räumlich aus? Kliniken sind nicht von dieser Welt, sind eben nicht wie zum Bäcker Brötchen verkaufen gehen, wo man nebenan noch den Friseur zum Austauschen hat. Die Leute, die das mit dem Schichtdienst Mitttragen und sich zu den unmöglichsten Zeiten noch mit einander treffen sind – ha – aus der Pflege und die Themen, die man bespricht, sind – man ahnt es schon: Pflege. Sorgen. Nöte. Probleme. Manche der Kollegen sind an ihren freien Tagen noch im ehrenamtlichen Rettungsdienst (ich selber war jahrelang bei der Feuerwehr, ach, fragt nicht)

Irgendwann zieht sich die Schlinge zu. Ich habe Leitungskräfte, die berichten, ihre Mitarbeiter würden bei Vorträgen nichtmal einfache Statistiken verstehen, alles Neue scheint ja sowieso irgendwie bedrohlich zu sein, da ist irgendwas passiert, was sich von Außen fast so beurteilen lässt, wie eine berufsimmanente soziale Deprivation. Am Abend reicht es mit dem leeren Akku gerade zu seichtem Programm im TV. Und dann geschieht es, dass das ganze Leben nur noch Beruf ist. Die Statistik der GKV spricht von hohen Burnout-Raten. Wie dem vorbeugen? Wie erhält man sich eine gewisse Form der mentalen Gesundheit?

Fachzeitschriften raten dazu, sich eine bessere work-life-balance zu schaffen. Ja, das scheint mir erstmal aussichtslos, wenn ich mir die Realität betrachte. Mich machen solche Aufforderungen auch sauer, weil die ganze Last des Gesundbleibens und Ausgleichens beim AN liegt. Hm. Schwierig.

Gegen den Trott:

Ich kenne wirklich lange Stresstage in Phasen. Dann geht es bei mir 17 Stunden am Tag rund. DAs liegt (bei mir) daran, dass ich keine echten Arbeitszeiten habe und einfach durchmache, solange der Akku es hergibt. Damit ich durch diese Phasen komme, und nicht im Nebel versinke, stelle ich mir jeden Tag kleine Aufgaben, die nichts damit zu tun haben, was ich gerade arbeite. Ich gehe also vor die Tür (wie Ihr zur Arbeit) und suche mir ganz bewusst eine wirklich schöne Situation. Das muss jetzt nichts toll Spektakuläres sein. Blätter und Sonne können toll sein. Sonnenaufgänge sind toll. Käfer, Blumen.. sowas. Das fotografiere ich. Tagsüber ist das Bild mein Anker. Es zeigt mir, dass der Tag, völlig Wurst, wie er abläuft, nicht zu 100% nervig war. Und: ich erhöhe meine Achtsamkeit für einen Moment raus aus allem. Am Ende habe ich dann eine Collage der Phase.

Natürlich macht das nichts mit meiner Denke per se. Es gibt mir keine neuen Impulse. Und ich glaube eben, die sind wichtig. Hier wird es etwas Komplizierter.

Lesen! Tatsächlich lese ich gerne auch mal etwas außerhalb meiner Thematik, von dem ich absolut keine Ahnung habe. Also, schnappt Euch doch mal ein Buch, von dem Ihr annehmt, dass es eigentlich nicht für Euch ist. Ich habe gute Erfahrungen mit Philosophen (nicht mit den Großen anfangen, eher Neuere), mit Psychiatriebüchern und .. yeah: Reiseführern. Warum? Die sind äußerst kompakt und bieten viel Info auf kleinem Raum.- Blinkist lieber nicht. Mir geht es da immer auch um Sprache. Die App hat nur die Infos, aber das ist wenig.

Wenn Ihr keine Lust auf lesen habt, knallt Euch doch mindestens einmal im Monat ne Doku rein.

Noch besser ist es natürlich, wenn Ihr mal wieder im Museum oder in der Galerie verschwindet.

Kurse: Wenn Ihr den Luxus habt, ein bisschen auf Euren Dienstplan Einfluss nehmen zu können, dann macht doch mal einen Kurs. Die Volkshochschulen bieten da eine Menge an (steuerlich absetzbar) und ansonsten geht ja mal ein Tanzkurs, ein Kochkurs. Oder, da sitzen wir gerade dran: macht was Sinnloses. Einen Funkschein. Oder einen Bootsführerschein, es gibt sehr sehr günstige Golfkurse. Ja, einfach was, wozu Ihr gar keinen Zugang habt. Weil: nur so kommen neue Impulse in die Birne. Und die tun gut.

Und das muss überhaupt nicht zielgerichtet sein. Wir achten viel zu oft auf Effizienz. Aber doch nicht in der Freizeit. Ich züchte zum Beispiel seit Jahren sinnlos Andentomaten. Die sind einfach nichts für unsere Breitengrade aber hey… muss alles Sinn machen? (Einmal habe ich EINE essen können, naja… *schulterzuck*).

Ich glaube ernsthaft, dass es sich nicht nur für den Job und die Gesundheit lohnt, sich mal anderen Dingen zuzuwenden, nicht NICHTS zu tun. Man lernt da auch tolle Leute kennen. Die.. einfach keine Ahnung haben von dem, was Ihr arbeitet. Und mit denen Ihr auch mal über ganz ganz andere Dinge machen könnt.

Am 25.1. ist zum Beispiel der nächste Careslam in Berlin. Sechs Kollegen spielen Theater. Macht doch mal mit 😉

Liebe Grüße und ein superschönes Wochenende für Euch

3 Kommentare zu „Raus aus der Pflege? Zumindest im Kopf!

  1. Liebe Monja

    einer Deiner besten Beiträge – um so runder, weil Du rundherum ins Schwarze getroffen – und Dein Tabasco-Züngelchen zu zügeln wusstest.

    Meine Familie: Bauern. Von Großväter über 9 Onkel: Bauern. Thema: Kühe, Kälbchen. Konjunktur mit Kühe, Kälbchen und Kinder bei Kühe und Kälbchen, dazu Alltagserfahrungen bei Kühe und Kälbchen – bis zum Abwinken.

    So eigentlich so schlimm nicht – nur dass ich statt Kühe und Kälbchen Massen von Menschen hege und pflege. Ist ganz anders und doch das gleiche – ich verstehe Landwirtschaft. Sehe den Menschen hinter den Menschen. Und vor allem: aus Lebenskreise ausbrechen, aufbrechen von (auch lieb gewonnene) Lebensgewohnheiten. Horizonterweiterung – Lesen – Museen – Kunst – wer auf den Geschmack kommt wird irgendwann auch noch Andentomaten köstlich finden.

    Noch genügen mit (selbstgekaufte) Erdnüsse – lese The One Thing von Keller und höre Klassik (warum im Krkhs. so vermaledeit verstehe ich bis Heute noch nicht) – Hauptsache (temporär) raus aus der Pflege.

    Gefällt 1 Person

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