Silencing nurses. Vom Verstummenlassen der Pflege

In Homers Epos, der Odyssee, wartet Penelope jahrelang auf Odysseus Rückkehr von seiner Irrfahrt. Als eines Tages in dem Palast, in dem sie als Herrscherin von Ithaka lebt, ein Barde auftritt und traurige Weisen singt, geht sie hinab in den Hof und bittet den Sänger, etwas fröhlichere Lieder zu singen. Doch dieser Auftritt ist zuviel. Ihr Sohn Telemachos herrscht sie an, ihre Stimme solle nicht in der Öffentlichkeit gehört werden und er sagt ihr: „Öffentliches Reden wird immer Angelegenheit der Männer sein!“, und verweist sie in ihre Gemächer. Sie folgt und geht. Nach Althistorikerin Prof. Dame Mary Beard ist dies die erste Überlieferung eines silencing für Frauen.

Frauen versorgten zwar den Haushalt und in ihm auch die Kranken, aber ihre Stimme wurde auf der Polis, dem politischen Zentrum der antiken Städte, nicht gehört. In der Öffentlichkeit zu reden galt als Tabu. Schlimmer noch, Frauen konnten auch ihrer anklagenden Stimme beraubt werden. So vergewaltigt in Ovids Metamorphosen Tereus Philomena und schneidet ihr die Zunge heraus, damit sie ihn nicht anklagen kann.

Frauen in der Öffentlichkeit keine Stimme zuzubilligen hat somit eine mehr als 3000 Jahre alte Tradition und auch, wenn wir meinen, durch das Internet hätten insbesondere Frauen nun eine öffentliche Stimme, sind die Trolle – ebenfalls eine Untersuchung Mary Beards – mit den gleichen stilistischen Mitteln unterwegs, wie vor 3000 Jahren. Insbesondere, wenn der zumeist männliche Diskussionspartner mit dem, was Frau sagt, nicht einverstanden ist, wird mit Vergewaltigung gedroht, die Zunge sollte rausgerissen werden, es ist von Köpfen die Rede. Silencing im Internet ist somit nicht weit vom antiken Ideal entfernt.

Auch Pflege ist von diesem Phänomen betroffen. Wir müssen zwar nicht bis in die Antike zurück, aber schon Hildegard von Bingen wird als Trompete Gottes bezeichnet. Es ist also nicht ihre Stimme, die sie erhebt, sondern lediglich ein Instrument einer weitaus größeren (männlichen) Macht, die durch sie spricht (und nachfolgende großartige Redner des Mittelalters können auf das Symbol der Trompete dann nicht mehr zurückgreifen, es muss eine Nummer größer werden, nämlich eine Posaune).

Als im Internet der Hashatg #twitternwierüddel lief, griff auch Erwin Rüddel, Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, zu ähnlichen Maßnahmen. Nach seiner Aufforderung, dass Pflege doch nett über ihren Beruf reden solle, fingen Pflegende an, zu reden. Nur leider gab es nichts Nettes über den Beruf zu berichten. In einer beispiellosen Aktion, die bis heute nicht revidiert ist, ließ er Tausende Pflegende (zumeist weiblich), auf Twitter blockieren und entzog ihnen damit ihre öffentliche Stimme. Keine Frage also, der Politiker, die antike Polis also, wollte mit dem, was Frauen erzählten, nichts zu schaffen haben. Wie bedenklich das Vorgehen ist, überdenken wir, dass wir in einer Demokratie leben und dass bis Dato niemand der Twitterer etwas anderes als Fakten über den Beruf ausgesprochen hatte, muss man über die Wichtigkeit der Stimme von Pflegenden nicht mehr viel lernen.

Nicht anders gehen verwandte, männlich konnotierte Berufe mit der öffentlichen Rede von Pflegenden um. Dass es Pflegende, in Sprache geschult durch Careslam, geschafft hatten, gar im Fernsehen bei „Die Anstalt“ allein und ganz allein über ihre Berufsprobleme zu reden, nötigt dem Ärzteblatt die Schlagzeile: „ZDF-Kabarettsendung lässt Pflegerin zu Wort kommen“ ab, als liefe da im Fernsehen etwas ab, was sich für eine „Pflegerin“ nicht gehört, als sei etwas Unglaubliches im Gange. Nicht nur, dass sich das Ärzteblatt nicht genötigt sah, mit der offiziellen Berufsbezeichnung der Sprecherin Sabrina Maar aufzuwarten, die eben keine „Pflegerin“ ist, alleine DASS eine Pflegerin zu Wort kam, war das Thema der Headline. Betont wurde dann, dass es sich um eine KUNSTFORM handele, als sei damit die Tatsache entschuldigt, dass Frauen im TV eine Bühne bekämen. Wenn es denn Kunst ist, ach so, na dann.. es ist ja nur ein Gedicht vorlesen. Puh, Glück gehabt.

Doch auch, wenn Pflegende ihre Stimme noch so berechtigt erheben, wird diese öffentliche Rede reduziert. Das sei „jammern“. Man solle das nicht. Als würde berechtigte Kritik an Berufsumständen etwas Anrüchiges sein, dass sich, oh my Gosh, einfach nicht geziemt. Unnötig zu sagen, dass seit der Antike das Beweinen der Angehörigen im häuslichen Umfeld zu den weiblichen Tätigkeiten gehörte, die sich nicht in der Öffentlichkeit abspielen durften. Geweint, das wurde daheim. So wird die moderne, berechtigte Anklage von unwürdigen Umständen domestiziert und aus der Öffentlichkeit zurückgewiesen dahin, wo sie nach Meinung derer, die Jammern beklagen, hingehört. raus aus der Öffentlichkeit. Jammern, das ist ja auch keine Stimme, lediglich ein Geräusch. Ein anscheinend inhaltsloses, sinnloses Geräusch. Frühere Frauen wurden dabei mit Tiergeräuschen bedacht, wenn sie es denn einmal in der Öffentlichkeit versucht hatten. Diesen Frauen wurde ihre Stimme abgesprochen. Sie bellten oder muhten. Aber vernunftbegabte Rede? Nein, denn es war nur eine Frau.

Auch Politik per se setzt sich deshalb gerne hin und behauptet, sie rede ÜBER Pflege. Natürlich. Nicht MIT Pflege. Wird über Pflege in der Öffentlichkeit geredet, dann muss das schon ein Mann machen. Mag es auch ein Azubi sein. Hauptsache Mann. Nicht, dass er das schlecht gemacht hätte. Es ist halt nur auffällig, dass mehrer Millionen weibliche Pflegende das Gehör der Gesellschaft nicht bekamen und die Gesellschaft dann einem Mann zuhörte: Mochte er auch noch so unerfahren sein. Ungezählt derer, die als Männer institutionell Pflege vertreten. Von Franz Wagner bis Dr. Mai. Es muss schon ein Mann sein.

Könnten wir dahinter den Grund vermuten, dass der DBfK bei politischen Statements immer Positionspapiere rausgibt, als schöben die dort beschäftigten (promovierten!!) Frauen leise, still und heimlich einen Brief durch den Briefschlitz der Tür nach außen zur Öffentlichkeit? Weshalb hören wir und sehen wir die eigentlich nie?

Die Tradition, es ungehörig zu finden, wenn Frauen in der Öffentlichkeit reden war es auch, die Sandra Mehmecke unfassbare Kritik einbrachte. „In der Öffentlichkeit Reden schwingen!“ war die ätzende Kritik. Nicht selten von männlichen Kollegen. Da ging es dann nicht mehr um Inhalt. In sofern kann man auch den fast erzwungenen Rücktritt Mehmeckes als Köpfen und Entzug der öffentlichen Stimme verstehen. Nadya Klarmanns erstes Statement (öffentlich) dealte in sofern auch paradox. Sprach sie doch öffentlich, dass sie sich mit den Gegnern unterhalten wolle. Damit wandte sie sich eben nicht an die Öffentlichkeit, sondern hielt ihre Rede, bewusst oder unbewusst, im inneren Kreis der Pflege. Und verkündete lediglich das öffentlich. Muss man sich so retten, wenn man Frau ist?

80.000 Menschen haben in den letzten 24h alleine den letzten Blog gelesen. Das Merkwürdige: von den 80.000 haben nur ganz, ganz wenige kommentiert. Als seien wir entweder nicht berechtigt oder nicht mehr in der Lage, für uns selber mitzuargumentieren, als sei mit den paar Worten von mir alles gesagt. Jemand schrieb: „Da hat aber einer einen Rundumschlag gemacht!“, oder „Da hat er Recht!“ .. ich kommentierte darunter mit der schockierenden Neuigkeit: ich habe noch gar nicht Luft geholt und der vermeintliche ER ist eine Frau.

Eine Silberfüchsin.

redet, Leute, redet! Lasst nicht mehr andere über Euch reden.

Nachtrag: Anne Wills Sendung zu Corona fand statt ohne…….?

Pflege.

9 Kommentare zu „Silencing nurses. Vom Verstummenlassen der Pflege

  1. Liebe Frau Schünemann, ich bin gestern auf Ihren Blog aufmerksam geworden, und habe seitdem sehr interessiert darin gelesen. Kompliment: Der Blog ist fachlich außerordentlich kompetent, herzlichen Dank für Ihre treffenden Formulierungen! Viele Kolleginnen/Kollegen teilen Ihre Worte, nur leider haben die wenigsten den Mut, für diesen Standpunkt öffentlich einzustehen. Bitte beobachten und dokumentieren Sie weiterhin so scharfsinnig und wach den uns verbindenden Pflegealltag, ganz lieben Dank dafür!

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  2. Pflegefrühling. Die Beiträge aus der Werkstatt der Pflegephilosophie werden besser und besser.

    Schnittig schmissig geschrieben – vor Allem: sie gibt Pflege eine Stimme.

    Von ein Silberrücken geschrieben.
    Von Einer, der gerne auf selber Fährte das seine als Senf dazu gibt.
    Um dazu beizutrage, unsre Anliegen in unsre Branche verdeutlichend zu verbessern.

    Auf https://www.tumblr.com/blog/martendoc – wo auch dieser packende Situationsschilderung verlinkt wird.

    Liken

  3. Ich kann dir, einmal mehr, nur zustimmen. Ich bin jedes mal erstaunt wenn ich sehe wer da in den Medien zu Worte kommt. Und als der Azubi weiter von Sendung zu Artikel gereicht wurde, konnte ich nur mit dem Kopf schütteln.

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  4. Hallo Zusammen, ich arbeite seit 27Hahren im Pflegeberuf. Das was im Moment abläuft ist ein Hohn an jeden der im Gesundheitssystem arbeitet. Wir werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt und sollen dann dazu noch lächeln und winken.
    Meine Söhne fragen:“Mami, was ist, wenn Du Dich an-steckst, warum darfst Du nicht zu Hause bleiben?“ Diese Ängste der Kinder der Pflege den interessiert keinen. Das wir inzwischen am „Stock“ gehen, weil Doppeldienstean der Tagesordnung sind.
    Sie haben mir und vielen meiner Mitarbeiter aus der Seele gesprochen.
    Und die abschließende Frag: Was macht Ihr, wenn Wir alle krank werden???

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  5. Wie lässt sich dieses verdammte Phänomen denn erklären? Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren mal die Berufsberatung aufsuchte, weil ich aus der Pflege raus wollte. Oder mich aber weiter entwickeln. Damals liebäugelte ich mit irgend etwas in Richtung Journalismus. Der dortige Berufsberater sagte mir „Das ist nichts für Sie. Vergessen Sie’s. Dort werden Sie mit lauter männlichen Kollegen konfrontiert sein, die Ihnen Längen voraus sind. Da müssen Sie sich behaupten, also die Ellenbogentechnik richtig gut beherrschen können, sonst gehn Sie unter. Das kann ich Ihnen gleich sagen, dass Sie dem nicht gewachsen sein werden. In Ihrem Beruf haben Sie sowas nicht gelernt. Und wieso wollen Sie denn raus? Sie haben einen krisensicheren Job. Es besteht überhaupt kein Grund zu wechseln oder zu gehen.“

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