Wenn Schreibtischtäter „Wir kriegen das hin“ sagen… ein Rant über Herrn Busse und andere, die über „Betten“ sprechen

@sin_azucar rantet!

Ich müsste arbeiten! Ich sitze am Schreibtisch. Zu meinem Unglück habe ich Twitter offen und sehe dieAussage eines Ökonomen im Ärzteblatt: „Selbst „extrem hohe Erkrankungszahlen könnte unsere System abfedern““

https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Selbst-extrem-hohe-Corona-Zahlen-koennen-wir-abfedern-407554.html,

und kriege Blutdruck. Und jede*r, der empfindlich auf böse Wörter reagiert, jedes Schimpfwort auf sich selbst bezieht und sich beleidigt wähnt, klickt jetzt bitte weg, denn genau das alles wird hier fallen, und ich sag schon mal vorab, dass ich niemanden persönlich meine.

Da sitzt also ein Gesundheitsökonom und Mediziner an der TU Berlin, der weiß, wie viele Intensivbetten wir bundesweit haben. 28 000 nämlich. Das ist eine beeindruckende Zahl, und ich bin sicher, der Gesundheitsökonom weiß das. Seine Äußerung klingt nach „keine Panik, wir haben viel mehr Ausrüstung, und außerdem haben wir auch viel mehr Intensivbetten als Italien. Kriegen wir locker hin.“

Ich respektiere den Wunsch, keine Panik zu verbreiten, und vieles, was man so im öffentlichen Raum mitbekommt, ist einfach auch ziemlicher Unfug, bis hin zum Horten von Toilettenpapier. Aber anderes Thema. Was mich wirklich, WIRKLICH wütend macht ist, dass diese Aussage, „Wir haben in Deutschland 28 000 Intensivbetten“ eins völlig übersieht, nämlich: wir bräuchten auch genug Leute, die die Patienten IN diesen Intensivbetten fachgerecht versorgen können. Die wissen, wie man die diversen Katecholaminraten ausrechnet, die absaugen können, die Beatmung bedienen können, die Perfusoren kennen – ich bin seit 24 Jahren im Beruf. Aber ich kann das alles nicht. Ich könnte mir das sicher aneignen, aber ich habe es nicht gelernt.

(Natürlich kann ich Perfusoren bedienen – aber es gibt drölfzigverschiedene Modelle, und jedes hat einen anderen Tick). Ich habe keine Ahnung von Katecholaminen. Absaugen hab ich schon immer gehasst, weil ich dabei immer fast kotzen muss, deshalb habe ich es seit 24 Jahren nicht mehr geübt. Ich habe immer auf Peripherie gearbeitet, ich kann keine Beatmung. Wir werden aber, wenn sich ein Szenario wie in Italien abbildet, und danach sieht es für mich aus, Pflegende brauchen, die das können. Es wird genügend Kolleginnen geben, die sich das aneignen, und ich schließe nicht aus, dass ich mir das auch aneignen muss. Der viel größere Haken ist aber: Es gibt halt keine mehr. Die, die noch da sind, sind jetzt schon zu wenige. Warum das so ist, ist ja hinlänglich bekannt. Und es ist auch bekannt, DASS es so ist. Es ist auch eine Binsenweisheit, dass Pflegende und anderes medizinisches Personal bei jeder Epidemieeinen großen Teil der Infizierten stellt.

Da gibt es dann zwei Möglichkeiten: die Kollegin geht in Quarantäne = versorgt keine Patienten mehr. Oder die Kollegin arbeitet weiter = versorgt Patienten, steckt sie aber unter Umständen an. „Ja GUUUUT, aber wenn sie sich schützt, kann sie ja die Patienten nicht anstecken!“, hör ich schon ahnungslose Beruhiger sagen. „Ja GUUUT, aber es gibt ja bereits jetzt schon #KeinIsoMaterialFuerCorona, also schleppt die Kolleginohne PSA ( = persönliche Schutzausrüstung) munter die Keime von ihrer Nase (man fasst sich ca 15mal PRO STUNDE ins Gesicht) in ihre Haare, an die Türklinke, zum Patienten, zur nächsten Türklinke, zum nächsten Patienten, und zack!, hat man aus EINEM Coronapatienten zwei, oder drei, oder fünf gemacht, je nachdem, wie viele Patienten in einem Zimmer liegen, und wie knapp das Desinfektionsmittel ist“, sag ich dann.

Und dann frag ich mich, was nun besser ist: Patienten gar nicht zu versorgen, oder Patienten zu Tode zuversorgen. Und dann frag ich mich, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass ein hoch gebildeter Mann, der eigentlich einen Ansatz von Ahnung über Patientenversorgung haben sollte, einen solch hanebüchenen Unfug verbreiten kann wie die Schlagzeile des Ärzteblattes. Gibt‘s vielleicht irgendwelche experimentellen, komplett vollautomatischen Intensivbetten, die die darin liegenden Patienten versorgen? Die aus sich heraus abschätzen, welche Parameter grade kritisch sind, angepasst werden müssen, wie der Patient jetzt gelagert werden muss, ob er vielleicht im umnachteten Zustand versucht, aus dem Bett zu klettern, oder seine Lippen blau sind? Hat er diese vollautomatischen Intensivbetten irgendwo gesehen, und sind es 28 000 an der Zahl? Oder hat er, wie allgemein üblich, einfach angenommen, dass Bettenzahl gleich Personalzahl ist? Wie kann das überhaupt sein, dass diese Wirtschaftsfuzzis, die sich jetzt überall zu Worte melden, immer davon ausgehen, dass die Versorgung sowieso geleistet wird, egal wie die Realität aussieht? Womit planen solche Menschen ihre Vorhersagen? Mit Legomännchen?Und nur um es dem letzten Deppen mal klar zu machen: Dass Betten vorhanden sind, heißt ü-ber-hauptnicht, dass es auch Menschen gibt, die die Patienten in diesen Betten versorgen können.

Wir können gar nichts abfedern, Herr Busse. „Wir“ schon mal gar nicht! Denn ich wäre überaus überrascht, wenn wir, so wir wie Italien bei der Kriegszeiten-Triage angekommen sind, Sie in der Versorgung sehen würden. Solche Leute sind nämlich immer die Schreibtischtäter, die Menschen mit Zahlen verwechseln und nur drauf gucken, welche Zahl am Ende auf dem eigenen Scheck steht. Ich könnte kotzen, wenn ich lese, dass selbst jetzt noch, wo wir Notfallversorgung von großen Patientenzahlen planen sollten, bei der es niemals um Geld gehen darf, weil jedes Leben einen Wert hatund wert ist, gerettet zu werden, die Wirtschaftsorgel gespielt wird, dass J.S.Bach neidisch wird. Und dass dabei wieder übersehen wird, wer den Löwenanteil an Arbeit leisten wird. Wir sind dann am Ende wieder „Helden“, aber glaub keiner, dass sich unser Standing ändern wird – denn das würde dann ja kosten, und NACH der Epidemie muss ja die Wirtschaft erstmal wieder in Schwung kommen, da können wir unmöglich NOCH MEHR GELD in ein generalüberholtes Gesundheitssystem und möglicherweise auch noch in eine fairere Entlohnung unsere r neoliberal massakrierten Berufsgruppe stecken, wo soll‘s denn herkommen?! Nein, ich habe keine besseren Vorschläge. Nein, ich habe keine Idee, wie man das Ruder in diesem Schlamassel noch rumreißen könnte. Nein, ich kann mir keine Kolleginnen aus den Rippen schneiden (und würde das auch gar nicht wollen,denn die haben alle legitime Gründe, nicht mehr in der Pflege zu arbeiten). Und nein, wenn ich keine ausreichende Schutzausrüstung mehr an meinen Einsatzorten vorfinde, dann werde ich nicht weiter versorgen.Die vollständige Durchkapitalisierung des Gesundheitssystems hat uns dahin gebracht, wo wir jetzt stehen. Und die vollständige Durchkapitalisierung des Gesundheitssystems wird uns jetzt tausende Totebescheren. Der Markt sollte das ja alles regeln. Nun regelt es ein Virus. Nun ja. Kann schon mal passieren. War halt ne falsche Arbeitshypothese.

3 Kommentare zu „Wenn Schreibtischtäter „Wir kriegen das hin“ sagen… ein Rant über Herrn Busse und andere, die über „Betten“ sprechen

  1. In Deutschland werden doch alle versorgt. Bisher hat doch immer alles geklappt. Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt. Das waren die Antworten von Kollegen meines Mannes der in einem technischen Beruf arbeitet, als er ihnen mal so nebenbei berichtet hat, was ich aus der Wirklichkeit einer Uni Klinik berichte.
    Auch deshalb wird sich nichts ändern. Wir reißen uns den Arsch auf und die anderen halten das für völlig normal.

    Gefällt 1 Person

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