Lieber Arne Evers, Schluß mit der Polemik? Echt jetzt?

Lieber Herr Evers,

da haben Sie einen schönen Artikel bei Bibliomed.

Man solle, das sei prinzipiell richtig „mit angemessenen Mitteln“ auf die Situation in der Pflege aufmerksam machen.

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus der Geschichte. Weil ich das kann. Ich bin Historikerin. Seit Telemachos seiner Mutter befahl, in ihr Zimmer zu gehen, ist es Brauch, dass Frauen in der Öffentlichkeit zu schweigen haben. Halten sie sich nicht dran, dann wird es als unweiblich, unangemessen, unangepasst bezeichnet. Von Männern.

Nun also erklären Sie, es sollen angemessene Mittel sein. Und lassen Sie mich raten, wer die Angemessenheit der Mittel bestimmt? Sie? Nein!

Äußern sich Frauen zu öffentlichen Themen, wird es auch gerne als Jammern, als Muhen, als Bellen bezeichnet. Und da sind wir am Punkt: die angemessene Kritik hat niemand ernstgenommen. Sie wurde als Jammern bezeichnet. Das war bequem, nicht wahr, weil auch die Verbände dazu schwiegen, dann und wann ein Positionspapierchen zweifelhafter Wirkung durch die virtuelle Welt schoben und dann war gut.

„Von Gesundheitseinrichtungen wird verlangt zu funktionieren, trotz aller Probleme. Das ist auch korrekt ..“ sagen Sie. Unter welchen Umständen, das sagen Sie nicht. Es sind nicht die Einrichtungen, Herr Evers, die funktionieren sollen. Es sind Menschen, die Pflege, die unter allen Umständen jetzt funktionieren soll. Es sind 86% Frauen.

Sie sollen funktionieren, ohne Schutz, mit abgesägtem Arbeitszeitgesetz, manche wurden freiwillig in Heime interniert. Das KANN nicht korrekt sein.

Sie unterstreichen, dass man stolz sein könne, „Schwester“ zu sein. Die Bevölkerung applaudiere doch auch. Sagen Sie, leben Sie von Applaus? Ist Stolz tatsächlich das Einzige, was Pflege am Leben lässt? Sie sagen mit keinem Wort was zu PTBS, zu dieser enormen Gefahr. Sie erwarten zu funktionieren. Stolz zu funktionieren. Und ich würde gerne wissen, wo Sie jetzt sitzen? Im Homeoffice?

Was erdreisten Sie sich eigentlich? Keine der Kolleginnen, keiner der Kollegen muss noch irgendwie über die Maßen etwas leisten, um stolz sein zu können. Stolz sollten Männer wie sie sein. Auf Menschen wie diese. Ich kenne das vom Pflegetag, wo man den Menschen zuruft „Feiert Euch selbst“.

Die müssen sich nicht selbst feiern, die müssen gefeiert werden. Die müssen nicht stolz auf sich selber sein, auf DIE KANN MAN STOLZ SEIN. Aber das erwähnen Sie mit keinem Wort.

Überzogene Forderungen nennen Sie virtuelle Aktionen und ich nehme an, Sie beziehen sich auf die Petition.

Danach könne man reden. Jetzt käme es auf Zusammenhalt an. Sagen Sie? Die Zustände, die da jetzt herrschen, unter denen muss niemand zusammenstehen. Ich sehe in keinem einzigen Wort von Ihnen, das Sie zufrieden sind, dass die Leute Ihnen nicht in Scharen davonlaufen. Und dazu hätten Sie in ihrer Angst das Recht.

„Zeigen wir gemeinsam, was wir leisten können“ rufen Sie. Was genau leisten SIE denn persönlich gerade am Krankenbett? Die Pflege zeigt seit 30 Jahren, was sie leisten kann. Was sie leistet. Es wären gar keine zusätzlichen Krisen nötig gewesen. Aber statt sie zu schützen, feuern Sie sie noch an.

Meinungsfreiheit, ja. Aber später. Angemessenheit? Wo bitte waren Sie als Träger angemessen, wie viele Überstunden haben Ihre Proudnurses auf der Uhr? Sie silencen Frauen.

Nach alter antiker Tradition sollen die jetzt leise sein und arbeiten. Angemessen, leise nach außen kommunizieren. Für was? Dafür, dass die ersten Konzerne ihnen Geld gestrichen haben?

Wagen Sie sich nicht, Menschen wie Jana, Yvonne, Franzi, Marcus oder mir noch einmal in Ihrem Leben den Mund zu verbieten! Auch, wenn ich an dieser Petition nicht beteiligt bin. Jetzt ist nicht IHRE Zeit. Jetzt ist Zeit, die, die unter diesen unfassbar schändlichen Bedingungen das Land retten sollen, zu stützen, ihnen zu zeigen, dass man sie sieht.

Und das tun wir.

Nur sie, sie bejammern den Verfall der alten Traditionen., möchten liebe, leise Kräfte. Und warum? Weil auch Sie davon profitieren. Der Einzige, der gerade blökt, das sind Sie mein Guter. Fast ist es schon Jammern. Es wird Zeit, dass die über den Beruf reden, die ihn nicht in die alten Schubladen zurückdrängen. Frauen wie Agnes Karll und Florence, in ihrer Progressivität, hätten Menschen mit solchen Aussagen wie der Ihren nur eins: Den Waschlappen vor die Füße geworfen!

Danken Sie Gott, oder wem auch immer, dass das nicht alle anderen gerade tun und hören Sie auf mit diesem herablassenden Gebabbel über eine Situation in der Sie nicht stecken !

Der Stolz, den Sie beschwören, rettet NIEMANDEN. Ausrüstung und Pflege zusammen retten. Den Stolz können Sie sich an den Hut stecken, dafür ist später noch Zeit.

Wenn irgendwer jetzt Schluss mit Polemik machen sollen sollte, dann ganz zuerst Menschen wie Sie!

7 Kommentare zu „Lieber Arne Evers, Schluß mit der Polemik? Echt jetzt?

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich absolvierte 2009 mein Examen zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Nach dieser ganzen Zeit bis heute bin ich körperlich und psychisch am Ende. Dank Pflegedienstleitungen wie Herrn Evers hab ich mich dazu entschieden, schweren Herzens die Pflege an den Nagel zu hängen. Überstunden, schlechte Behandlung durch Vorgesetzte, schlechte Bezahlung und zu guter letzt beleidigende Patienten und ihre Angehörige in der ambulanten Intensivpflege haben mir den Rest gegeben. Was die Menschen nicht verstehen ist, dass wir auch Menschen mit Gefühle und Bedürfnisse sind. Wir sind keine Pflegeroboter die angeschalten werden und dann auch bei Stromausfall mit Akku weiterlaufen. Ich bin nur einer von vielen überarbeiteten Pflegefachkräften/Pflegekräften. Die Coronakrise wird der Auslöser für eine Vielzahl von Kündigungen in der Pflege nach sich ziehen. Und nein Niemand wird zurückkommen weil Herr Evers an unser Ehrgefühl appelliert. Wir alle haben Familie und müssen für diese gesund bleiben. Da hilf auch kein Applaus!

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  2. Polemik – wer polarisiert – wer bringt wem in Pole-Position und macht das Rennen? Der Pflegekraft at bedside, der Hand ans Werk legt, der Craftsman und Handwerker oder der Rennleitung, der zwischen Start- und Ziellinie nur die Zeit der Allerbesten unter den Besten stoppt und sich als Top-Performer verkauft bei den Kommentare on race?

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  3. Mit jedem Wort spricht sie mir aus der Seele.Das fehlt uns noch,das so ein Lauch sich hinstellt und glaubt,er wäre berechtigt uns auf Linie zu bringen.

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  4. Hallo da draußen, ich bin hier erstmalig und direkt sehr begeistert von der Autorin!! Mein Sohn Niclas, seit Januar 2020 Gesundheits – und Krankenpfleger, hatte mir einen Link geschickt, habe ihn wohl erfolgreich zu einem politisch denkenden Menschen (allein) erzogen, hurra!! Ich selbst arbeite seit bald 31 Jahren in der Altenhilfe, jaja, ich feier mich gleich selbst… 😅 Auch ich spüre regelmässig so ein rebellisches untergründiges Grollen und ich sage regelmässig meine Meinung – oft nicht wirklich erwünscht, befreit aber ungemein liebe Frauen 😏 Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen sondern sagt eure Meinung, rebellisch, aber mit Anstand. Manch eine traut sich vielleicht nicht, dies zu tun. Zu Anfang ging es mir ähnlich, bis ich mir angewöhnt habe, mir folgende Frage zu stellen: „Was ist das Schlimmste was mir passieren kann, wenn ich DAS jetzt sage?“ Werde ich erwürgt, verprügelt, gelyncht? Oder noch schlimmer, GEKÜNDIGT? 🙄🙁🤔… ☝️…. NEIN, natürlich nicht!!! 💁‍♀️ Und dann sag ich es, basta!! Vielleicht bin ich nur deshalb schon 31 Jahre im Job 😁 Und das Allerwichtigste nicht vergessen, den Humor!!!!!!
    Ok, mehr wollte ich gar nicht. Thema verfehlt? Kann sein, aber auch das musste mal gesagt werden 💁‍♀️
    LG Vera Schlüppmann, Münster

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