Was ist Pflege?, oder: sollen wir jetzt Ihr Händchen halten oder doch lieber unseren Job machen?

Es ist das vielleicht größte Missverständnis dieses Landes, dass jeder, aber auch jeder, der das Wort Pflege schonmal gehört hat, meint, darüber eine Meinung haben zu dürfen. Und die projiziert er dann genüsslich auf den realen Beruf.

Warum eigentlich hat die Gesellschaft nicht gemerkt, dass sich in dem Bereich seit 30 Jahren Dinge verändert haben? Und dass wir den Anschluss an die EU gar nicht hinbekommen haben?

Über Pflege redet jeder. Und zwei Dinge kommen darin vor: Lieb sein und Händchen halten. Irgendwas mit Empathie und Herzenswärme. Wie ist es dahin gekommen, dass Fremde ÜBER den Beruf reden, aber Pflege nie daran beteiligt ist? Und warum sind es immer Männer, die darüber reden, die weit weit weg vom Beruf der Pflegenden sind?

Irgendwas mit Herzenswärme? Das ist Pflege nicht!

Werfen wir einen langen Blick zurück. Weit zurück. In ein Land vor unserer Zeit. Wohl die erste Beschreibung von Pflege finden wir in der Antike. Als König Odysseus nach langer Irrfahrt heim in sein Königreich kam und in seinem Palast die Herrschaft wiederherstellen wollte, fand er diesen belagert von Freiern seiner Frau Penelope vor. Um überhaupt Zugang zu seinem Herrschersitz zu bekommen, verkleidete er sich als Bettler und mischte sich unter die Fremden. Niemand erkannte ihn, auch seine eigene Frau Penelope nicht. Doch wies die Sklavin Eurykleia an, dem Bettler die Füße zu waschen. Eurykleia wiederum war die Amme Odysseus gewesen. Sei Vater hatte sie dereinst für 20 Ochsen gekauft und sie hatte den Königssohn großgezogen. Beim Waschen seiner Füße erkannte sie Odysseus an einer Narbe auf seinem Schenkel, die von einem Kampf mit einem Eber rührte. Odysseus aber verbot Eurykleia, irgendwem von seinem Wiedererscheinen zu berichten. Sie gehörte zu den wenigen, die ihn anschließend beim Kampf mit den Belagerern unterstütze. Odysseus Frau Penelope erfuhr erst durch Eurykleia von der Heimkehr ihres Gatten. Doch Glauben schenkte sie erst Odyyseus selbst. 

            Die kleine Anekdote aus Homers Odyssee gewährt uns einen Blick auf die antiken Sorgevorstellungen, von denen uns Pflegende einige merkwürdig vertraut vorkommen dürften. Pflege spielt sich auf Anweisung eines Nichtkundigen, hier Penelope, ab und selbstverständlich scheint es, dass sich die Sorge auf der Ebene des Waschens abspielt. Eurykleia war Sklavin, sie war nicht frei, war dem Willen eines anderen unterworfen. Doch ihr Wissen um den, den sie jahrelang pflegte, brachte ihr durch die Wundversorgung an Odysseus einen unerreichten Wissensvorsprung ein. Allein sie war es, die in der Lage war, den heimgekehrten König zu identifizieren und erinnerte sich noch dazu noch daran, woher diese Narbe rührte. Hin- und hergerissen zwischen dem Willen des Angehörigen und dem ihres Patienten, musste sie ihre Informationen transportieren. Und am Ende, obwohl sie zu den wenigen Getreuen des Königs gehörte und sogar an seiner Seite gekämpft hatte, reichte ihr kompetentes Wort nicht, um ihr selbst Glauben zu schenken. Wem aus der Pflege käme das nicht irgendwie vertraut vor? Und es ist kein Zufall, dass diese Geschichte von einem Mann, Homer, überliefert wurde. Einem Mann, der als griechischer Mann der Antike mit Pflege und Haushalt rein gar nichts zu tun hatte, sondern letztlich nur seine Idealvorstellungen im Höhepunkt seiner Odyssee überliefert – oder vielmehr überliefern konnte. Denn öffentliche Rede, dazu gehörte auch das Schreiben, war Frauen und erst Recht Sklaven schlicht untersagt. Sklaven, Frauen, Pflege und Haushalt waren die Privatangelegenheit des antiken Mannes. Sie waren unsichtbar in der Außenwelt der schicken Häuser. Und sie hatten keine eigene Stimme.

            Gerade die ambulanten Pflegedienste werden jetzt ein Dejavu bekommen.  Spielt sich auch dort die Versorgung des Kranken und Pflegebedürftigen ab. Und nicht nur das. Die Leistung, die der Kunde heute als Leistungskomplex kauft, ist eine Leistung gegen Geld. Eine Ware. Sie kostet heute keine 20 Ochsen mehr, doch hinuntergerechnet auf die Lebensjahre, die Eurykleia dafür gearbeitet hat, auch nicht sehr viel mehr. Welche Leistung Pflege erbringt, bestimmen zumeist Angehörige und der Patient.  Sinnvoll oder angepasst muss sie nicht zwingend sein. Das sieht man sehr schön daran, das Männer sich schonmal das Waschen der Genitalien ohne Handschuhe gönnen. Was daran verwerflich ist? Pflege bedeutet, dabei zu helfen oder zu übernehmen, was der darauf Angewiesene selbst nicht vollbringen kann. Wer also in der Lage ist, seine Genitalien selbst zu waschen, muss das selbst tun. Aber, wie man sieht, es ist halt käuflich, was der Pflegedienst verkauft. Nach Sinnhaftigkeit wird selten gefragt. Das steht Schwester Stephanie nicht zu. Sie hat zu lächeln und zu ertragen. Ob sie sich dann darüber anonym bei Twitter auslässt, ist ihre Sache. Wie sie damit zurechtkommt, missbraucht worden zu sein für sage und schreibe 4,95 Euro, ist ihr Geschick. Wer weiß nicht, ob Odysseus selbst nicht lieber etwas zu trinken gehabt hätte, aber eine Fußwaschung bekam? Alles spielt sich im Spannungsfeld zwischen Angehörigen und zu Versorgendem ab. Am Ende ist, ob Wundversorgung oder Informationsweitergabe, die Pflege oft nicht glaubhaft genug. Die Besitzverhältnisse sind klar geregelt, wenn wir uns die Sprache anhören. Da kommt schon mal „meine Schwester“ und „Ich will aber keine andere!“ ist das Problem, wenn die Sklavin, äh Pflege, einmal einen freien Tag hat. Wer sie ersetzt, wird gerne mal angepampt. Nach dem Motto: „Was erlaube sich der fremde Waschlappen?“, als sei mit dem Buchen des Leistungskomplexes ein Anspruch auf 24/7 der Zeit eines einzelnen Menschen gebucht. Schließlich handelt es sich auch noch um einen PflegeDienst. Servus, Dienst, das war das lateinische Wort für Sklave, das auch Dienen bedeutet. Pflege heißt Dienen. Das war einmal ein modernes Schlagwort. In 2013. Von eigenverantwortlichem Handeln a la Burger keine Spur. „Und wenn Sie schonmal da sind, dann bringen Sie gleich den Müll runter! Was, das kostet Geld? Das ist doch der gleiche Weg! Haben Sie sich mal nicht so!“ Tausende Pflegedienste haben diese Auseinandersetzung geführt. Dienen, das soll nämlich gerne gratis sein. Bei einem Kollegen rief dereinst ein Patient an, und beschwerte sich, dass er „Für diese Scheiße auch noch Geld zahlen soll!“. Diese Scheiße, das war die Pflege, die er benötigte, um daheim leben zu können. 

            Ja, könnte man jetzt sagen, nun gut, das ist nicht so glücklich gelaufen. Immerhin sind nun 2500 Jahre vergangen. Es muss sich doch etwas geändert haben. Nein, im Gegenteil. Im Jahr 2007 gab es ein Programm in Nordrhein-Westphalen, das „eine neue Chance für Prostituierte“ versprach. „Die Pflege sei der nächste logische Schritt nach dem Sexjob.“ Schwärmte die Leiterin des Projekts. Bei Pflege gehe es ja um nackte Menschen. Bei den Adressaten des Projekts handelte es sich, zynischerweise, um Prostituierte und Gewaltopfer. 1,1 Millionen Euro machten das Projekt möglich. Man hat nie wieder davon gehört. Nein, Prostitution ist nichts Verwerfliches. Es ist einer der wichtigsten Berufe überhaupt. Es ist nur weder Voraussetzung noch Befähigung. Nein, Pflege wäscht nicht den ganzen Tag nackte Menschen. Nein, Pflege hat mit Liebe gegen Geld nichts zu tun. Gerne würde ich wissen, ob die damals Umgeschulten noch in der Pflege sind und wie ihre Erfahrungen mit Gewalt sich verändert haben. #Respectnurses lässt nicht darauf schließen, das es ihnen nun besser geht. 

            Was die Phantasie derer angeht, die im täglichen Berufsleben mit Pflege umgehen, scheinen keine Grenzen gesetzt. So erklärte der Leiter der Mannheimer Akademie für Pflege, Wolfgang Hahl ausgerechnet in einem Managementmagazin, weshalb viele lieber in die Krankenpflege gingen, statt in die Altenpflege. „Der Aspekt, das Krankenschwestern dort (in der Klinik) zumindest in der Vorstellung Ärzte kennenlernen können, ist bei jungen Frauen nicht zu unterschätzen.“ Da war Schwester Stephanie wohl fester Bestandteil seiner Träume. Dass der Arbeitsbereich vielleicht einfach interessanter sein könnte oder die Ausbildung vergütet, statt vom Azubi bezahlt, war gar kein Thema. Frauen wollen Ärzte. Die geilen Luder. Pflege und Sexualität sind offenbar – und schon gar nicht in der Männerphantasie – voneinander zu trennen. Zurück zur Realität. Wer heute einen Arzt kennenlernen möchte, der muss nicht Pflege lernen. Der geht einfach auf eine Blaulichtparty oder zu Tinder. Frauen müssen auch heute keine Doktoren mehr kennenlernen, um einer zu werden. Die machen den einfach selbst. In der Pflege. Einen Dr. rer. Cur oder rer. med. Das geht? Das geht! Und viele haben ihn schon. Auch phil. Sind möglich. Pflege, das ist keinesfalls das dumme Blondchen mit dem Waschlappen. Sie sehen, Schwester Stephanie hat keinen Doktor. Burger ist mit großer Wahrscheinlichkeit graduiert. 

            Auch bei der Rekrutierung neuen Personals darf die Anspielung auf Sex keinesfalls fehlen. „Willst Du mit mir pflegen gehen?“ hauchte da ein Plakat. Oder, näher dran, „Du duschst doch auch lieber zu zweit?“. Verkauft man so Pflegeleistungen oder geht es schon um andere Sachen? Soll das in irgendeiner Weise witzig sein? Auch das ist ja sehr beliebt. Sexistische Sprüche zu kritisieren, wird ja gerne mit Humorlosigkeit erwidert. Doch quasi-sexuelle Handlungen als professionelles Pflegen zu verkaufen oder zu hoffen, es ließe sich jemand drauf ein, scheint absurd. Da werden teure Kampagnen gekauft und was verkaufen sie? Lediglich nur wieder das, was sie selber unter Pflege verstehen. Selbst da Bundesgesundheitsministerium warb in einem Imagefilm mit einer rührseligen Schnulze, in der die liebliche Pflegekraft Schneebälle in der weißen Winterlandschaft formte und dem Patienten mit ins Haus brachte. Der Wunderland-Schwarzwald ließ grüßen. Das also ist dieser spannende Beruf? Die Realität sieht anders aus. Die Fahrtzeiten sind kaum einzuhalten, hektisch sucht man sich einen Parkplatz, jede Minute zählt. Für Schneebälle ist weder Zeit, noch Schnee, noch Muße. Und was soll überhaupt das schmelzende Zeug im Bett? 

            Schön auch, wie Patienten angelockt werden. Da hing da Berliner Dominikus-Krankenhaus ein Transparent an seinen Maschendrahtzaun. Ein kirchliches Haus. Ein seriöses Haus. Wie warb es? Domini- und dann war ein Lippenstift-Kussmund zu sehen. Domini-Kuss. Was mag es in dieser Klinik geben? Die Verheißung eines Pflegepersonals zwischen Heiliger und Hure? Was, wenn das Pflegepersonal gar niemanden küssen möchte? Was wird da für ein Bild aufgebaut? Man möchte Schwester Stephanie in diesem Maschendrahtzaun einwickeln und vor die Tür stellen. Wie eine Frühlingsrolle des schlechten Pflegetraums. 

            Doch nicht nur regulär angestellte Pflege guckt da in eine Mischung zwischen Fassungslosigkeit und Entsetzen, zwischen Prostitution und Pneumonieprophylaxe, zwischen Penis und plumper Anmache. Auch und gerade die osteuropäische Pflege, die monateweise für sehr viel weniger als 20 Ochsen zu haben ist, ist fester Bestandteil, fast schon Besitz des Eigners. „Meine Polin“ kommt. Es gibt da gar keine Erklärungsnot. „Die ist billig und hat bei uns ein Zimmer und Essen kriegt sie auch.“ Kost und Logis und ein Taschengeld. Qualität? Sozialleistungen? Aber nein. Die osteuropäische Eurykleia wäscht noch immer für eine Handvoll Oliven und zu gerne würde man wissen, ob sie ihre Rechte kennt. 

            Das alles war vor Corona. Bei Corona ging es nicht mehr um Sex. Da wurde gekämpft, wie Eurykleia neben Odysseus. Statt „Wenn sie kein Brot mehr haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ (ein Satz, den Marie-Antoinette nie gesagt hat), gab es aus Baden-Württemberg eine neue Parole, und die hatte es in sich. „Wenn sie keine Schutzausrüstung mehr haben, sollen sie halt ohne arbeiten!“ meldete die Krankenhausgesellschaft. Während aus den Homeoffices „wir können das!“ aus dem Verbarrikadieren in der Quarantäne in die Presse geredet wurde, galt Pflege so viel wie die kämpfende Sklavin neben ihrem Herrn. Sie sollten das schaffen, es ging um Alles, jetzt nur Augen zu und durch. Über Geld rede man vielleicht später. Oder auch gar nicht. War es nicht das Große, Ganze, um das es jetzt ging? Ja, in der Not kämpft die Sklavin und das auch gerne ohne Schutzausrüstung. Dann wird sie zur Heldin. 

            Natürlich wird die Heldin von einem Mann zur Heldin gemacht, der seine Projektionen ungeniert auf sein Traumbild Schwester werfen darf. So sprach dann in der Corona-Krise die Bild über Pflege:

„Sie sind es, die unsere Hand halten, wenn wir Angst haben vor einer schmerzhaften Behandlung, wenn wir vor einer Operation in düstere Gedanken sinken, die uns trösten, wenn wir alleine auf der Station liegen und uns einsam fühlen“

Das hat zwar nichts mit Pflege zu tun, aber das Wunschbild des Herrn sagt uns nun mehr über das, was er erwartet, als über die Realität. Ein moderner Homer, wenn man so will. Und die neue Heldin ist natürlich eine Mischung aus Mutter, Nonne und Playboybunny. Ob der wohl immer die Hände über der Bettdecke hatte? Mit Händchenhalten hat das Ganze nichts zu tun. Es hat mit Scoring und Krankenbeobachtung zu tun. Wir halten keine Händchen, wir messen Puls. Und wenn Sie sich je auf einer überbelegten Station einsam gefühlt haben, und in den paar Minuten, die zum Abfragen der Vitalparameter im direkten Patientenkontakt übrig sind, getröstet wurden, mit Händchenhalten und die OP Schwester nicht dem Arzt assistiert hat, sondern Ihr Händchen gehalten, dann stimmt etwas ganz und gar nicht. Wie ich diese schrecklichen Ergüsse nenne? Ganz unverhohlen sexistische Kackscheiße.  Da möchte man doch Schwester Stephanies Hand in Gips tauchen, die auf die Patientenbetten zum Händchenhalten legen und nach Hause gehen. Dieses Heldengedöns hat allerdings auch eine praktische Seite. Abgesehen davon, dass zu Zeiten Coronas immer wieder Kriegskommunikation genutzt wurde, sind Helden ja bekanntlich oftmals tot und ihre Leistung umsonst, wenn nicht gar gratis. Wir kommen später noch dazu.             Schwester Stephanie muss sterben, weil wir diese Traumergüsse ohne Bezug zur Realität nicht mehr ertragen. Weil wir dieses Mansplaining und silencing nicht mehr sehen möchten. 

Pflege ist ein wissenschaftliches Arbeiten, eines, wofür man Wissen haben muss. Ob wir Ihre Hand halten, wird an Ihrem Gesundheitsstatus nichts ändern. Niemand von uns hat Herzenswärme, Händchenhalten oder gar Liebsein als Fach gehabt.

Sie müssen sich der Realität stellen. Akzeptieren Sie, dass das ein Beruf ist, in dem man knallharte Entscheidungen treffen muss, Dinge wissen muss.

Niemand ist ausgebildet, Ihrer Gattin Tee zu bringen, wenn sie Sie besucht. Wir wurden ausgebildet, Sie zu trainieren, mit Ihrer Situation zurecht zu kommen. Das können Sie von uns erwarten. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn Pflege Händchenhalten ist, dann können wir jetzt alle nach Hause gehen. Händchenhalten kann jeder.

Und ja, manchmal halten wir auch Händchen. Wenn das alles ist, was Sie von unserer Arbeit mitbekommen haben, dann haben Sie nicht ganz so gut drauf geachtet, was passiert. Das ist nicht schlimm. Aber die Deutungshoheit, die überlassen wir doch lieber denen, die es können: Pflege.

5 Kommentare zu „Was ist Pflege?, oder: sollen wir jetzt Ihr Händchen halten oder doch lieber unseren Job machen?

  1. Homers Odysseus findet hier eine Würdigung. Sie macht Agambens Homo Sacer sichtbar. Die Ausführungen zu Homers mehr oder weniger gut gepflegtes Menschenbild hatten besser nicht sein können.

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  2. Hallo Frau Schünemann,
    vielleicht interessiert Sie meine Antwort auf die Kolumne in der Bildzeitung, die in Ihrem Beitrag erwähnt wird. Natürlich wurde meine Antwort nicht in der Bildzeitung veröffentlicht, ist ja auch nicht deren Thema! Das Thema der Bild in Bezug auf Pflege ist“Sei schon lieb“!
    Mit freundlichen, kollegialen Grüßen
    Angela Hopp

    Im Folgenden möchte ich Bezug auf den in der Rubrik Politik veröffentlichten Kommentar „Die wahren Helden“ von Mathias Döpfner nehmen (https://www.bild.de/politik/kolumnen/kolumne/coronavirus-kommentar-von-mathias-doepfner-die-wahren-helden-69382680.bild.html aufgerufen am 17.03.2020).

    Wir leben in einer Welt, in der Anerkennung als symbolisches Kapital viel wert ist. Ich als Krankenschwester mit 40 Jahren Berufserfahrung habe schon viele Anerkennungshymnen gelesen, gehört, mir selbst in meinen Gedanken vorgesungen, um mich für den nächsten Dienst zu motivieren. Klar, dass Pflegekräfte ihr Leben riskieren, weil sie täglich und nächtlich den unzumutbaren Hygieneumständen und unangemessenen Personalbesetzungen in Krankenhäusern ausgesetzt sind, das weiß man ja schon. Das wird ja schon anerkannt und bejubelt, danke dafür. Ich habe ja bereits gesagt: symbolisches Kapital ist viel wert … aber irgendwann wird jeder Reichtum langweilig, egal welcher Art er ist! So viel Aufmerksamkeit, wie das Virus erlangt, vor dem Zitat Döpfner: „Schwestern und Pfleger keine Angst haben dürfen“ (, weil das System sonst zusammenbrechen würde? Meine Güte, das wäre ja fatal!), die Aufmerksamkeit würde so vielen Notständen in heutiger Zeit zugutekommen. Um die Menschheit am Leben zu halten, werden tausende Maßnahmen ergriffen.

    Sobald irgendein Umstand zum Politikum gemacht wird, und dies geschieht ganz einfach und bewusst, indem Kommentare wie dieser von Mathias Döpfner in der Politikrubrik veröffentlicht werden, übersteigt die gesellschaftliche Aufmerksamkeit die tatsächliche Wichtigkeit und Dringlichkeit, die dieser Umstand hervorruft und die eigentliche Notwendigkeit von realen, unmittelbaren Systemveränderungen wird mit symbolischer Aussagekraft und metaphorischem Tatendrang gleichgesetzt. Deswegen rufe ich ein weiteres Mal explizit dazu auf, den symbolischen Wert meiner Arbeit und die Arbeit meiner Kolleg*innen nicht nur, um das eigene Gewissen zu beruhigen, mit Manifesten der Strukturen reproduzierenden Anerkennung zu schmücken, sondern ebenso gewissenhaft wie in Bezug auf das Virus zu handeln und Strukturen verändernde Maßnahmen zu ergreifen! Was glauben Sie denn, worüber wir auf unseren nächtlichen Rundgängen, die wir sehr wohl machen müssen, die keineswegs aus Langeweile oder gar aus dem wohlwollenden Willen zur Gesundheit, nachdenken, während die ganze Welt schläft?

    Richtig! Darüber, wann diese nichtmenschenwürdigen Umstände für alle Beteiligten in den Krankenhäusern endlich gesetzlich geregelt werden. Immer wieder wird dargelegt, wie wenig eine Pflegekraft verdient. Und immer wieder gibt irgendwer seine öffentliche Meinung dazu Preis, und das ist meist nicht umsonst jemand wie der gutverdienende Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, und trotzdem bleibt alles unverändert. Außer das Abverlangen vom Zitat Döpfner: „Einfach machen, ohne viele Worte“. Meinen Sie, das ist Selbstlosigkeit? Ich verliere gerne viele Worte zu den miserablen Umständen. Denn wer sich wortlos ausbeuten lässt, ist in meinen Augen noch lange kein Held.

    Angela Hopp

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    1. Da hat sich jemand ordentlich ins Zeug gelegt um wacker und mit voller Wucht zu sagen, was Sache ist.

      Jede Zeile ein Oskar wert – echt filmreif – natürlich für Drehbuch und Regie.

      Mit bescheidene Mittel sich auf der Pflegemarkt einbringen: das ist mein Ding. Binn seit 1977 dabei – und seit 2007 freiberuflich. Vermisse – ehrlich gesagt – seit Jahren Stimmen wie Angela Hopp. Denn dann wäre Pflege sicher hoppi galoppi schneller in der Überholspur in Gang gekommen für eine sinnvollere und zweckmäßigere Pflegepräsenz – zum Nutzen der Gesellschaft der Gesellschaft.

      https://docs.google.com/presentation/d/e/2PACX-1vTUIIm5lVgzJjAVtikDE7QeTlB0raaIjSS_XpEiOmhQCvBf9e6kQ9W6An74LGhZT69J7fTYErkc1jkc/pub?start=false&loop=false&delayms=3000

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  3. Liebe Angela,
    du hast die miserablen Bedingungen der Pflege in Krankenhäuser und Pflegeheimen / Residenzen… voll auf dem Punkt gebracht.
    Dem ist nichts hinzuzufügen.

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