Heil Spahn, DBfK, Pflegenetzwerk und Kammer! Die Todgeweihten grüßen Euch! – Verheldet, verhöhnt, verlassen.

Sueton übeliefert in seinen Kaiserviten die Geschichte von 19.000 Sträflingen. Im Jahr 52 n Chr. soll Kaiser Claudius einen Kanal haben bauen lassen. Um diesen einzuweihen, mussten die Sträflinge eine gestellte Seeschlacht schlagen. Als sie antraten, sollen sie den Kaiser gegrüßt haben: „Ave, Imperator! Morituri te salutant!“ ( Heil, Kaiser, die Todgeweihten grüßen Dich), worauf der Kaiser selbst geantwortet haben soll: „Aut non“ (Oder auch nicht), denn einige würden die Seeschlacht ja überleben. Wer von ihnen, war allerdings ziemlich offen.

Offen ist auch, wie es ohne Isomaterial für die Pflege weitergeht. Was aber feststeht ist, dass dem Problem durch Ignorieren der Pflegenden selbst begegnet wird. Pflege, das lässt ich derzeit am Wording sehr schön beobachten, wird nicht als Teil der Gesellschaft begriffen. Pflege, das sind andere. Andere, die nicht dazugehören, die abgegrenzt werden. Die, die kämpfen sollen, während man selber zuschaut. Schon auf den Balkonen, die jeden Abend um 21:00 klatschen, stehen nicht die, die unten auf den Straßen jetzt in die Kliniken und Heime einziehen. Und ohne Isomaterial wird diese Schlacht, die von Anfang an militärischer Sprache ausgesetzt war, immer mehr zu einem irren Gladiatorenkampf, bei dem andere nur zusehen. (Wenngleich die 19.000 auch keine Gladiatoren waren).

So spricht das Pflegenetzwerk-Deutschland auf seiner Homepage dann auch zur Begrüßung folgenden Satz: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Pflegekräfte“

Was darf Satire?

Nun muss man wissen, dass das nicht von ungefähr kommt, denn die Anredeformel in Briefen und Ansprachen folgt seit Jahrhunderten bestimmten Regeln, die aus der Briefstillehre der päpstlichen Kurie hervorgingen. Es hat seinen durchweg hierarchischen Grund, wie Anreden aufgebaut sind. Gerade, wer in der öffentlichen Kommunikation arbeitet, dem ist das vollends bewusst. Dafür gibt es Kommunikationswissenschaftler. Nichts ist Zufall oder Unfall. Alles ist Absicht. Während es also im Pflegenetzwerk die sehr geehrten Damen und Herren der klassischen Anrede gibt, also Menschen, die sehr geehrt sind, gibt es eine Ebene, die hierarchisch weiter unter diesen sehr geehrten Menschen steht: die lieben Pflegekräfte. Nicht nur, dass die als „lieb“ geframed werden, nein, dieses plumpe, vertrauliche lieb soll eine Nähe verdeutlichen und zeitgleich ausgrenzen. Historisch Interessierte kennen die Legende der Rede des Bundespräsidenten Heinrich Lübkes, der bei einem Staatsbesuch in Afrika eröffnet haben soll mit : „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe N*“. Schon zu seiner Amtszeit galt das als vollends am Ziel vorbeigeschossene Kommunikatiossstrategie. Wenngleich das Zitat bis heute nicht belegt ist, zog es seinen Witz daraus, dass die Hauptakteure (hier die Bewohner Afrikas) eben nicht zu den sehr geehrten Damen und Herren gehörten und sich als rassistisch diskriminiert ansehen mussten. „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Pflegekräfte“ ist in diesem Kontext nicht weit davon entfernt. Wenngleich sich hier Rassismus ausschliesst (und auch über Rassismus an Pflegekräften, die seit ewigen Zeiten bunt sind, müsste man eigentlich endlich reden), so gehören sie als Hauptakteure der Kampagne eindeutig nicht dazu.

Nicht anders verfährt der DBfK.

Im Berufsverband ist die/der einzelne Pflegekraft Mitglied. Sie zahlt dafür persönliche Mitgliedsbeiträge und möchte sich persönlich, zusammen mit ihrem Beruf, vertreten sehen. Doch diesen Auftrag hat der Berufsverband längst vergessen, so scheint es. Da spricht der Verband von Heimen, die jetzt Isomaterial bräuchten. Nein, die HEIME brauchen die nicht. Die HEIME sind Institutionen, meinetwegen auch Häuser. Die brauchen keinen Schutz. Die Mitarbeiter brauchen den. Statt nun auf die Situation der Pflegenden zu verweisen, betonte Carola Stenzel-Maubach „wie wichtig jetzt die Schutzausrüstung dort ist. Es geht um die Hochrisikogruppe – diese Patientinnen und Bewohnerinnen könnten bei nicht ausreichendem Schutz die Krankenhäuser fluten.“ NEIN! Die Schutzausrüstung ist wichtig, weil die MITAREITER geschützt werden müssen, um nicht im Endeffekt Bewohner anzustecken oder – genauso schlimm – Sich selbst anzustecken. Dann nämlich bräche die Pflege im Land komplett zusammen. Als zahlendes Mitglied erwartete ich mir schon, dass es um MEINE Interessen ginge. Den Häusern und Patienten selbst mangelt es nämlich nicht an Stimme und Lobby. Da gibt es Arbeitgeberverbände und Patientensprecher. Vom Schutz der Pflegenden im Berufsverband der Pflegenden kein Wort? Sorry, das ist weird.

Es zeigt aber auch, dass die Basis schon lange nicht mehr Teil des Gedankengeschehens der Verbände ist. Oder, und das wäre schlimmer, dass an dieser Position Menschen sitzen, die Kommunikation nicht beherrschen und selbst noch so von den Institutionen eingenommen sind, dass sie weder Fairmedia noch Außenkommunikation beherrschen. Dann allerdings, sind sie selbst ansatzweise nicht für diese Position geeignet. Denn dann, das muss man ja auch mal sagen, gelingt ihnen das Sichtbarmachen der eigenen Basis nicht, sondern alles wird abgestellt auf die Bedürfnisse der Patienten. Dass Pflegepersonal derzeit nur bekommt, wer Personalpflege betreibt, das hat sich dann in die Einrichtungen nicht durchdekliniert, weil es nicht erkannt wurde. Das wäre allerdings die peinlichste Botschaft ever, ever. Wie streng derzeit gerade das Wording wahrgenommen wird, zeigt der Fall des Geschäftsführers, der fand, wer in der Pflege Geld verdienen wolle, solle einen Chefarzt heiraten. Keine Konsequenzen hingegen sind hier zu befürchten. Die Mitglieder haben in weiten Teilen einfach resigniert. Wie auch anders, wenn sich der DBfK beteiligt an Aktionen, die „Schluss mit der Polemik!“ fordern, wenn Pflegende für sich Isomaterial und Gefahrenzulagen fordern, was Menschen wie Arne Evers nicht gern sehen. Wer DAS unterstützt, der hat das alles längst vergessen.

Dann wird selbst der Berufsverband nur zum interpassiven Zuschauer am Spektakel der kämpfenden Pflegenden, zum Kommentator des Spiels auf Leben und Tod von der Zuschauertribüne aus. „Sehen Sie hier in der ersten Reihe Schwester Erna, sehen Sie, wie Ihre Maske tropft. Vielleicht wird sie sterben. Aut non. Oder nicht!“

Kammer: Die neue Marie-Antoinette

Wer nun hofft, wenigstens die Kammern würden sich anders verhalten, der irrt. Gerade beim Thema Isomaterial ist das Wording unerträglich. Da kein Isomaterial vorhanden ist, solle man einfach die Empfehlungen des RKI nochmals gründlich lesen. Ah ja. Kein Wort davon, dass man sich vor die Mitglieder stelle, keine Rüge an die verfehlte Politik. Stattdessen Tipps, wie man Einmalmaterial nochmals verwenden könne. Wer damit die Last des nicht vorhandenen Materials aufgebrummt bekommt? Die Basis. Frei nach dem Motto: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ (ein Satz, den Marie-Antoinette nie sagte), wird hier gesagt: „Wenn Sie kein Isomaterial haben, sollen sie doch die RKI Richtlinien lesen!“ Was darf Satire? Und das geschieht zu Zeiten, wo die Arbeitgeber längst nicht mehr anhand der Empfehlungen arbeiten, wo selbstgenähte Tücher zum Einsatz kommen. Was sollen die Leute mit den Richtlinien ohne Material machen?? Sich vors Gesicht halten beim Lesen und beten???

Ein Lied

Es geht aber noch ferner ab von Allem. So twitterte gestern Abend Jens Spahn, er bedanke sich mit einem Lied des Rias Kammerchors bei allen in medizinischen Berufen.

Verschon uns, Gott, mit Strafen

„Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern Nachbarn auch“ Da sind Pflegende draußen, die verzweifelt nicht mehr wissen, wie sie sich, ihre Kinder und ihre Patienten schützen sollen. Die bereits gestraft wurden mit Aussetzung der PPUG, der Arbeitszeitgesetze, der Abschaffung der Arbeitsschutzrichtlinien, die sich kasernieren lassen müssen. Zwangsrekrutierungen drohen. Und Jens Spahn lässt singen. „Verschon uns Gott mit Strafen!“???? Wer hat da heimlich die Leitung des BMG übernommen? Ist Jan Böhmermann ins Ministerium gegangen und hat getwittert? Ein übler Scherz Claus von Wagners? Nein, das ist das BMG selbst, das kaltschnäuzig, ohne jede Rücksicht auf die, die den Kampf kämpfen schon das Requiem abspielen lassen, Aut non. Oder eben nicht. Das ist der persönliche Abgesang einer verfehlten Materialvorhaltung. Was bleibt? Ein Lied zum Trost. Es muss sehr ernst sein. Diesmal gab es nichtmal die obligatorische Schachtel Merci. Jemand schrieb wütend darunter: „Nie habe ich mir mehr gewünscht, dass es einen Gott gibt, der sich gut merkt, dass Sie Menschen, die ohne angemessene Schutzausrüstung an die Coronafront schicken, mit einem LIED bedenken!“ Eine Entschuldigung? Gab es nicht. Es gab ja schon ein Lied.

Im zwölfköpfigen Gremium zur „größten Bewährungsprobe der Geschichte in Deutschland“ sitzt Pflege nicht. Aber Armin Laschet. Und wie sicher der Isomaterial einsetzt, durften sich alle bei „Die Welt“ anschauen. Die Angelegenheit war so peinlich, dass der MP sich Zeit nahm, um nochmal ein Video mit der richtigen Handhabung zu drehen. Dafür ist Zeit? Und für ein Lied?

Kann es auch nicht

Die Todgeweihten grüßen Euch also. Danke. für nichts.

7 Kommentare zu „Heil Spahn, DBfK, Pflegenetzwerk und Kammer! Die Todgeweihten grüßen Euch! – Verheldet, verhöhnt, verlassen.

  1. Liebe 😉 Frau Schünemann,
    Brutal – wie geil!
    So vieles liegt im Argen, seit Jahren, Jahrzehnten in denen die professionellen Pflegekräfte zu devoten Galeerensklaven gemacht werden, weil um jeden Preis Gewinne abgemolken werden müssen…
    Vielen Dank für Ihren Blog! Dass Sie die hässlichen und unangenehmen Themen ansprechen und damit wirklich was für Pflegekräfte tun! Nicht wie die ganzen Balkon – Klatscher – Lemminge, die dabei doch nur feiern, dass sie nicht diejenigen sind, die nackt ins Feuer geschickt werden.
    „…dann sollen sie doch Kuchen essen!“ Genau meine Baustelle!!! Die Ignoranz zieht sich durch die gesamte Gesellschaft! Zumindest denjenigen, denen es in ihrer perfekten, heilen Disneywelt- Bubble das Hirn so weich gespült hat, dass sie keinen Bezug mehr zur Realität haben und auf ihr „Happily ever after“ warten, am Drive-in Fenster…
    Naja, jedenfalls bin ich begeistert von Ihrem Blog, weil Sie die unbequeme Wahrheit auf den Schirm bringen. Dinge, über die ich mich schon seit meiner Ausbildung aufregen kann… (Ich wurde da oft echt scheiße beurteilt, weil ich kein ruhiger und devoter Arschkriecher bin 😜 und aus Höflichkeit nicht immer gesagt habe, was ich dachte…)
    Als Ausgleich, hervorragend für die Psychohygiene, empfehle ich aus fliegenden Flugzeugen zu springen.
    Ganz ernsthaft! Die mentale Herausforderung beim Fallschirmspringen hat mir die Nerven gerettet und das Selbstvertrauen wieder zurück gegeben, das der Beruf schon fast zerstört hatten.

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    1. Ich äh habe dann doch lieber Geschichte studiert und Latein gelernt für die mentale Herausforderung.
      Vertrauen ist nämlich eine Oase des Herzens, die Du mit der Karawane des Denkens nicht erreichen kannst.
      Und bei Flugzeugtüren hört das auf 😁

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  2. Grossartig wie Sie die innere Mechanik der Gesellschaft beschreiben. Ich selbst bin weit von der Welt der Pflege entfernt, aber Ihre Analyse trifft, ganz allgemein und nicht nur für den Spezialfall Pflege, ins Schwarze des Aufbaues unserer doch so guten, menschlich überragenden, demokratischen Gesellschaft im aufgeklärten Europa.

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  3. Liebe Frau Schünemann, ich bin begeistert! (Wenn es nicht so traurig wäre…..)

    (Wobei – so ganz richtig ist das nicht, siehe z.B. https://www.pflegekammer-nds.de/pressemitteilungen/corona-infektionsschutz-fuer-pflegende-jetzt-massiv-erhoehen – hier gibt es schon deutliche Stimmen aus der Pflegewelt.)

    Und dann wäre das noch einen Blogbeitrag wert…
    https://www.zeit.de/arbeit/2020-04/corona-krise-aerzte-pflegekraefte-arbeit-verpflichtung-armin-laschet

    Ich bin fassungslos, wütend und würde ja am liebsten sofort meinen Job an den Nagel hängen und was Gescheites lernen…. Man weiß gar nicht mehr, wo man heute eigentlich anfangen soll, die Selbstwirksamkeitskompentenz in der Pflege zu stärken, wenn auf jeden Sch… noch was draufgeschippt wird.

    Dass alle immer nur vom Geld reden (ja, das ist wichtig, aber für viele nicht der Hauptgrund zum Ausstieg) und keiner von den besch…. Arbeitsbedingungen (Personalschlüssel, weltweit einer der schlechtesten!) wäre auch noch mal ein Thema.

    Grüße!

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