Forderung: Ein Pilotprojekt „Red Button für Pflegekräfte“ – selbst etwas ändern können, wenn man nicht mehr kann!

Corona, das zeigen schon die ersten Wochen, demaskiert wie nichts Anderes die maroden und schlecht überdeckten Lecks im Gesundheitssystem. Pflegekräfte, das ist nun klar, sind einerseits systemrelevant, andererseits aber nicht systemrelevant genug, um sie mit Isomaterial zu schützen. Nicht systemrelevant genug, um Angriffen aus der Bevölkerung zu entgehen. Howard Cartoon, der Leiter des ICN, sprach in diesem Zusammenhang deutlich aus, dass es sich dabei um abuse (Missbrauch) an Pflegekräften handele. Er sieht Zusammenhänge einerseits mit den Ländern, die generell nicht viel für den Schutz der Pflegenden tun, andererseits offenbaren sich für ihn auch Missstände in der Gesundheitserziehung. Nicht anders sei es für ihn zu erklären, weshalb Menschen in Supermärkten Pflegende angriffen (Nursing Times).

Nicht, dass Pflegende das nicht längst schon wüssten. Es sind einerseits strukturelle Probleme, andererseits gibt es seit Jahren immer wieder Übergriffe in Form von verbaler, körperlicher oder sexueller Gewalt. Dazu kommt noch das Problem, dass ein jedes Haus paradoxerweise mit seinen Pflegenden nahezu verfahren kann, wie es will.

Für alle anderen Interessengruppen gibt es bei Problemen Meldesysteme. Patienten können sich an Patientenfürsprecher und Organisationen wenden, es gibt eine Heimaufsicht, den MDK.

Doch, und das ist die Schere der Branche, obwohl es durch die Gesundheitsreporte bekannt ist, dass Pflegende durch ihren Job erkranken, werden sie nicht gut genug präventiv geschützt. Sie werden, auch das zeigt Corona, auf Verschleiß gefahren, bis sie aus dem Beruf ausbrechen. Die Sorgen und Nöte, die sie in ihrem Alltag haben, sind keine, die ein Betriebsrat ändern könnte oder gar ein Arbeitsgericht.

Niemand ist in einer Behörde zuständig, wenn es kein Material gibt. Niemand ist zuständig, wenn sich ein Krankenhaus oder ein Pflegedienst weigert, gegen verbale und körperliche Gewalt vorzugehen. Es besteht keine Sensibilisierung gegenüber sexualisierter Gewalt und, ob der einzelne zu oft zum Einspringen emotional genötigt wird, bleibt in der Grauzone des Wortes.

Auf den Werbeblättern der Kliniken und Pflegedienste wird eine liebliche, fürsorgliche Welt versprochen, die in der Realität gar nicht existiert. Die Enttäuschung darüber paart sich dann seitens des Patienten zumeist mit seiner veralteten Vorstellung von Pflege, die sich im Schwester Stephanie Bereich ansiedelt. Da hilft auch keine konzentrierte Aktion Pflege. Es müssen sowohl Aufklärung der Bevölkerung her, als auch die Möglichkeit, die Probleme einerseits sichtbar zu machen, andererseits auch konstruktiv anzugehen.

Dabei muss definitiv der Einzelne gefordert sein, transparent zu machen, was ihn belastet. Und es muss die Möglichkeit geschaffen werden, neben Betriebsräten und Gerichten, eine Stelle adressieren zu können, die zuständig ist. Was her muss ist: ein roter Knopf für die Pflege. Ein Alarmbutton, der Missstände aufzeigt und sie konstruktiv löst.

Wie könnte ein Pilotprojekt dazu aussehen?

Durch den Fachkräftemangel hat Pflege eine nie dagewesene Möglichkeit, selbst Druck auszuüben. Pflege stimmt einfach mit den Füßen ab. Dem Arbeitgeber ist daran gelegen, dass er möglichst viele Pflegende hat. Das erste, was zu realisieren ist, besteht aus der Implementierung zweier Schritte.

a) es muss eine virtuelle Plattform geben, auf der die einzelnen Einrichtungen (Kliniken, Rehas, Ambulante Pflegedienste, Altenheime, Tagespflegen, WGs etc.) gelistet sind. Jede Einrichtung, die Pflegende beschäftigt, ist zu erfassen.

b) es ist eine Meledeform dort zu implementieren, bei der die Einrichtung und die Beschwerde erfasst werden können. Sollte diese Meldung des Einzelnen anonym erfolgen sollen, dann muss die Möglichkeit dazu gegeben werden.

c) pro Bundesland sollte es je eine Stelle geben, die das Bundesland betreut. Die Meldungen sind zu erfassen und mit dem jeweiligen Haus ist in Kommunikation zu gehen und sind Lösungen zu suchen. Hierbei muss ganz klar das gesundheitliche Wohl der Pflegenden im Vordergrund stehen. Die Meldung ist von Pflegenden klar einsehbar. Sie wird (ähnlich der Verweildauern im PC) im Ampelverfahren angezeigt. Ein rotes Verfahren bedeutet, dass eine Meldung eingegangen ist und der Pflegende sich die Meldung ansehen kann. Das schafft Transparenz über die Arbeitsbedingungen vor Ort. Gelb bedeutet, dass die Situation in Bearbeitung ist und die Einrichtung sich kooperativ verhält. Grün bedeutet, dass das Problem gelöst ist. Nach einem halben Jahr wird die Situation evaluiert. Ist sie dauerhaft behoben, wird der Eintrag gelöscht.

Zusätzlich ist eine App zu implementieren, damit der/die Pflegende im Bedarfsfall schnell eine Meldung absetzen kann. Das entlastet emotional.

Die Meldungen sind seitens der Meldestelle (nennen wir sie Schiedsstelle?) zu erfassen und transparent zu machen.

Das würde bedeuten, dass Problemerkennung, das Angehen des Problems und das Mitlösen auch beim Einzelnen liegt und er aktiv an seinen Arbeitsbedingungen mitarbeiten kann.

Zu erwarten wäre, dass sich die Einrichtungen darauf einstellen, möglichst wenig Einträge zu haben, damit es ihnen möglich bleibt, weiterhin Personal rekrutieren zu können.

Zu erwarten wäre auch, dass eine Auswertung zeitnah zeigen würde, wo der Gesetzgeber generell nacharbeiten muss, um den Schutz der Pflegenden zu gewährleisten.

Auch wäre zu erwarten, dass gerade Angehörige und übergriffige Patienten alsbald begreifen, was sie dürfen und was nicht. Der Schiedsstelle sollte das Recht eingeräumt werden, im Bedarfsfall auch eine Anzeige zu erwägen. Das ist wichtig, weil sich Einrichtungen gerne sträuben, Gewalt zu ahnden. Der Mitarbeiter traut sich das Vorgehen meist auch nicht und so kommt es quasi nie zu einer juristischen Auseinandersetzung. Es muss deutlich werden, dass eine Einrichtung mit ihren Pflegenden kein Selbstbedienungsladen für Übergriffe ist. Und dass auch der Ausbeutung mal ein Ende gesetzt werden muss.

Dies gilt insbesondere für ambulante Pflegedienste. Weil der Kunde dort oft derjenige ist, der von vornherein meint, besondere Rechte an Pflegenden zu haben, ist hier ein Riegel vorzuschieben. Eine aufgeklärte Gesellschaft muss zurück an den Punkt geführt werden, wo sie im Rahmen der Gesundheitskompetenz die Kompetenzen der Profis anerkennt.

Das träge aber auch den Bereich des Bad Leaderships, in dem schlechte Vorgesetzte Druck auf Pflegende ausüben, somit emotionale Gewalt, zeitgleich aber aus dem Bewusstsein, in einer uralten toxischen Hierarchie den Hut aufzuhaben, meinen, sich alles herausnehmen zu können.

Da Politik und Gesellschaft ja nun erkannt haben, wie wichtig Pflege ist, sollte es dem Bund doch ein solches Projekt mit 16 Stellen wert sein.

Das kostet unterm Strich weit weniger, als die Folgekosten, wenn Häuser nicht mehr arbeitsfähig sind und Pflegende aus ihrem Beruf ausbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

In Not? Hier drücken!

Ein Kommentar zu „Forderung: Ein Pilotprojekt „Red Button für Pflegekräfte“ – selbst etwas ändern können, wenn man nicht mehr kann!

  1. In hierarchische Strukturen etwas zu bewegen über ein rote Knopf: ein gutes Unterfangen. Selbst erlebte ich anhand von 5 Kündigungen in Serie zwischen 2001-2005 (alle Jahre wieder), dass Engagement sich im Ergebnis lohnt.

    Gut, wenn Pflege Purpose driven (sinnorientiert) um ihre eigentliche Stärke weiß wird sie mehr und mehr als Systemrelevant wahrgenommen und dann und wann auch den roten Knopf drückt, wenn’s hakt.

    Dann wird das Trugbild einer profitable Corporatocracy, bei der beschränkte Gesellschaften ohne für ihre Folgen zu Haften (Kurzform: GmbH’s) Gewinne einfährt, erzielt durch in Kauf genommene Verluste an Mit-Menschlichkeit nach und nach als phantastisches Fata-Morgana verdampfen.

    Wenn nur nicht die Kontrolleure der Kontrolleure wären – die Mediatoren kommen oft aus Lager, (Denk-) Schulen und Randbezirke, die Störungen bei alarmierte Zustände gerne in administrative Zuständigkeitsbezirke verschieben, wenn (leider üblich) angemahnte Problemfelder an den Absender zurück adressiert werden: das sind (kindergarten-) Lappalien, die ihr auf den kurzen Dienstweg intern regeln solltet – um den Whistelblower voll in den Sumpf depreziierende und desavouirende Rangeleien im KleinKleinGerede zu zermürben.

    Gut das es trotzdem den roten Knopf gibt – Bei Toyota / Audi und und und stehen die Bänder still, wenn irgendwer, irgendwo irgendwann ein Fehler in die Fertigungstraße erkennt. Er / Sie wird belobigt, statt bestraft: ein (behobene) Fehler vor Auslieferung (bei temporärer Produkionsstillstand) ist zig mal günstiger als jedwede Rückrufaktion wg. schadhafte und ggf. unfallträchtige Fahrzeuge.

    Warum mit steuerbare Auto’s besser verfahren wie bei autopoietisch gepolte Menschen?

    Gefällt 1 Person

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