Covid und Psyche. Wie Polonaisen in Innenstädten Pflegenden den Rest geben. ICN nennt es „Massentrauma“

Die Folgen von Corona bezüglich mentaler Gesundheit der Pflegenden werden regierungsseitig noch immer stark vernachlässigt. Während andere Länder sich fieberhaft wenigstens der Untersuchung des Phänomens widmen, fragt man sich hierzulande, wie man die Massenflucht aus dem Beruf aufhalten könne. Vor dem Hintergrund der bereits laufenden Studien erscheint die Ignoranz dem Problem gegenüber absurd.

Shaukat et al. beschrieben bereits im Juli 2020 eine erhöhte Exposition von Mitarbeitenden der Gesundheitsberufe, in der Pandemie an Angstzuständen, Depressionen und Schlaflosigkeit zu erkranken. Laut dem ICN stehen Pflegende vor einem Massentrauma. „

„Angesichts der anhaltend hohen Infektionsrate in der Pflegekraft leiden überlastete Mitarbeiter angesichts der ständig steigenden Arbeitsbelastung, des anhaltenden Missbrauchs und der Proteste gegen Impfstoffe unter zunehmender psychischer Belastung“, heißt es in einer Erklärung des ICN.

„Wir erleben ein einzigartiges und komplexes Berufstrauma, das die Pflegenden weltweit betrifft“, sagte Howard Catton, CEO von ICN.“

Das bedeutet, dass nicht allein die Überlastung die mentale Gesundheit der Kollegen schädigt, sondern vor allem auch die Coronaleugner und ihre irrwitzigen Proteste. So liefen gerade am Wochenende hunderte Menschen tanzend und johlend durch die Straßen, während nur wenige Meter weiter Kollegen völlig erschöpft schon wieder eine Welle (die Dritte) abfangen müssen. Wieder und wieder wird dabei von Pflege am Limit gesprochen, doch das Limit des Erträglichen ist längst überschritten.

Überhaupt hatte und hat Pflege mental viel zu schultern. Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wie Sie nach Tagen Nachtdienst erschöpft und müde aus dem Dienst kommen. Nicht wissend, ob Sie das tödliche Virus mit heim zu Ihren Kindern nehmen. PSA gibt es kaum oder sie ist mangelhaft. Zeit zum Händedesinfizieren gibt es nicht, das wären 30 Sekunden zu viel (es gibt Studien, die beweisen, dass Pflege 2h am Tag mit der Desinfektion ihrer Hände beschäftigt sein müsste. Diese Zeit gibt es schon lange nicht mehr, es wird stillschweigend hingenommen). Und am Ende sehen Sie Videos, in denen ein gut ausgeschlafener Boris Becker in den Sonnenauf- oder – Untergang klatscht, Sie kämpfen sich zum Wochenenddienst durch einen Autocorso, der Ihnen weismachen will, dass das, was Sie tagtäglich auf Ihrer Station erleben, nicht existiert. Sie erleben, wie Sie beim Einkaufen entweder aus dem Supermarkt geworfen werden (weil es nämlich doch existiert und Sie sind der Überbringer), wie Sie diskriminiert werden oder wie Ihnen Nasenpimmel dreist ins Gesicht hauchen, wenn Sie an der Kasse stehen.

Ich möchte, dass Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn Sie keinen Mundschutz bekommen, und später hören, dass an Ihrer Not, während 230 Kollegen verstarben, Abgeordnete Millionenbeträge mit Ihrer Angst gemacht haben. Die dann auch im Bundestag aufstanden und klatschten und die Ihnen dreist erklären, wie „erfüllend“ Ihr Beruf sei und wie systemrelevant, aber leider zu teuer. Und dann lassen sie sich für ein Lobbyisten pro Teilnehmer 9999Euro bezahlen. Die Welt verliert ihren moralischen Kompass und erwartet von Ihnen, den Ihren strikt aufrechtzuerhalten. Die Welt ist aus den Fugen.

Während also auf der Welt Studien laufen und man überlegt, wie man Pflegenden helfen kann, läuft in Deutschland nichts. Doch ganz nichts trifft es nicht. Denn eine überaus männliche Idee tritt auf den Plan. Der Pflegerat folgt nun der Idee, dass ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro gut wäre. Sie lesen richtig. Nicht von Hilfe ist die Rede, nicht von. Behandlung, nicht von Entlastung. Nichtmal von Berufsunfähigkeitsrente in Höhe des Gehalts für die unfassbare Leistung in der Pandemie. Die KOMMENDEN sollen ein besseres Gehalt bekommen. Nach Ihnen selber und Ihrem Leben, das Sie in der Pandemie geopfert haben, kräht kein Hahn. Motivationsstudien beweisen, dass Geld kein langfristiges Instrument ist, um die Motivation zu erhalten, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Doch man hofft, sich freikaufen zu können, spricht von der Attraktivitätssteigerung für Neueinsteiger, während man demonstriert, wie egal einem das Leid derer ist, die gerade am Ende sind. Die sind ausgerechnet, Heldenschnee von gestern. Die Verantwortung, die man gegenüber gerade denen hätte, die man zynisch als Coronahelden bezeichnete, sie will niemand tragen.

Niemand möchte die Polonaisen aufhalten, niemand die Schulen schließen, niemand die Welle aufhalten. Man möchte vergessen und kauft sich frei, als sei nichts gewesen. Man lamentiert, weshalb ein Massenexodus aus der Pflege stattfindet. Doch um das Trauma kümmert sich niemand.

Auch bei uns sind Pflegende deshalb hospitalisiert. Die psychiatrischen Einrichtungen sind dabei keinen Deut besser dran, als die Somatik. Seit 50 Jahren ist die Psychiatrieenquête nicht umgesetzt, die stationsäquivalenten Behandlungsmöglichkeiten sind sogar noch in der Finanzierung unklar. Gleichzeitig ist aber klar, dass Kinder und Erwachsene Plätze brauchen. Und für Pflegende hört die Belastung einfach nicht auf.

Wer noch kann, erlebt nicht selten, wie daheim die Partner nicht mehr können, denn niemand ist mit seinem Problem eine Insel. Dann wird man 24/7 Pflegende*r, der noch Familienmitglieder mit psychischen Folgen begleitet.

Die WHO alarmiert: Die psychiatrischen Dienste sind unterfinanziert, nicht besetzt und vernachlässigt. Jahrelang dachte man, Psychiatrie sei das „Aschenputtel“ unter den Behandlungsformen, so Catton vom ICN. Und ausgerechnet jetzt, wo der Bedarf steigt, rächt sich das systemische Problem. „Die WHO-Umfrage zeigt , dass psychosoziale Dienste in 93% der 130 untersuchten Länder zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage steigt, unterbrochen oder eingestellt wurden.“

Nein, auch das regeln keine 4000 Euro. Geld hat nicht die Eigenschaft, zu heilen, die Kraft wieder herzustellen, damit die, die wir verschlissen haben, weiter für die Daseinsfürsorge der Bevölkerung da sein können. Doch von all dem möchte niemand etwas hören. Wieder ist Deutschland im Umgang mit Pflege weit hinter den anderen Ländern zurück.

Impfdebakel, Pflegemassenexodus, Rehabilitationen, Pflexit, Unterversorgung.

Dabei wäre es so einfach gewesen, Prävention zu betreiben, Greenberg zu implementieren und Schutz anzubieten. Doch all das stand weit hinter dem „Durchhalten, Ihr Helden“ zurück, denn professionelle Versorgung ist keine Option im „besten Gesundheitssystem der Welt“, das gewinnmaximiert arbeitet. Vielleicht liegt es daran, dass bislang noch niemand wem eine Million angeboten hat, um die Pflegenden zu retten und etwas zu unternehmen.

Pic: Mark Plötz

5 Kommentare zu „Covid und Psyche. Wie Polonaisen in Innenstädten Pflegenden den Rest geben. ICN nennt es „Massentrauma“

  1. Angesichts einer 3. Welle die Pflege weiterhin derart im Stich zu lassen und einen weiteren, noch verstärkten Pflexit zu provozieren, zeugt von einer geradezu grenzenlosen Ignoranz der Politik

    Für die nicht direkt involvierten Leser wie mich wäre es gut, Abkürzungen wie ICN bei der ersten Verwendung zu erklären. Ich hab’s inzwischen herausgefunden.

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  2. Geld ist das Problem.
    – Ohne einem mehr an Geld zieht es weiter die Menschen in den Beruf denen Geld nicht so wichtig ist (da beginnt die Ausbeutung).
    – ohne mehr Geld mangelt es Pflege an Status.
    – Ich konkuriere nun mal mit Geld um bessere Wohngegenden. Ohne mehr Geld gibt es keinen ruhigen Schlaf am Tag nach der Nachtschicht.
    – Geld verspricht ebenfalls bessere Erholung durch Urlaube und weniger Stress durch soziale Absicherung.
    – Mehr Geld erlaubt natürlich auch mehr Teilzeit und einen früheren Ruhestand.

    Ja natürlich ändert es nicht direkt etwas an den Zuständen in der Pflege, aber es würde sich über die Zeit verbessern. Mehr Geld heißt auch potentiell Geld für Berufsverband oder Gewerkschaft, oder Anwalt um sich zu wehren gegen Zustände.
    – Mehr Geld heißt potentiell auch sich dort zu Bewegen wo die Entscheidungen getroffen werden. Zugang zu sozialen Schichten, zum informellen Austausch auf Veranstaltungen etc.. Geld macht einen Unterschied wo ich mich bewege. Wo ich wohne, wen ich treffe, wo ich Urlaub mache, ob ich mich politisch aktiv beteilige.

    Ich denke auch viele Probleme aus Patientensicht und sehe es als unsere eigegentliche Aufgabe an die Versorgung zu verbessern und nicht noch Geld aus dem Gesundheitssystem zu ziehen. Aber das System ist von Grund auf kaputt durch die ökonomische Zielsetzung, bzw. Drgs. Ich bin daher dazu übergegangen zu arbeiten um zu leben und siehe da: Geld ist wichtig.

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  3. Geld allein reicht definitiv NICHT aus, da haste völlig recht! Noch wichtiger als Geld ist ein besserer Personalschlüssel! Aber um diesen Schlüssel zu erfüllen, braucht man auch Personal! Das wiederum wird vom höheren Gehalt gelockt! Wir brauchen beides, einen höheren Personalschlüssel und ein höheres Gehalt! Und echte Anerkennung, aber ey, weiß noch wie ich mit nem psychisch kranken Klienten beim Arzt war, ja gut, der hat ziemlich kindlich dahergequatscht, aber hat nicht mehr Bullshit gelabert als Spahn oder einer bei DSDS! Trotzdem wurden wir beide von allen im Wartezimmer angeschaut als ob wir Aliens wären. Die Masse der Menschen ekelt sich vor Behinderten, Alten und psychisch Kranken, hat kein Interesse an ihnen und auch kein Interesse an den Leute die sich um diese Personen kümmern…….
    Ist ja schön dass du mehr Anerkennung forderst, aber die wird es niemals geben!
    Und was da gefordert wird von diesen careslam Leuten, 4000€ Einstiegsgehalt, das zahlt mit Glück Daimler einem Masterabsolventen, aber doch nicht die Caritas/Diakonie einem Altenpfleger! Völlig utopisch!!

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