Magnetkrankenhaus- echte Magie oder fauler Zauber?

Gerade ist viel die Rede von einem europäischen Projekt, an dem ausnahmsweise auch Deutschland teilnimmt und das in den höchsten Tönen gelobt wird. Es heisst magnet4Europe und Ihr solltet darüber Bescheid wissen.

Alles Gute kommt aus Amerika. Coca-Cola, Mickey Mouse, Jeans und Kaugummi, Langstreckenraketen (aber das ist ein anderes Thema).

Auch die Pflege ist in den angloamerikanischen Ländern völlig anders aufgestellt. Die meisten haben studiert, die Tätigkeitsfelder sind andere, die Modelle sind anders und auch da kommt das Gute her.

Nun trug es sich zu, dass in den 1980ern Kliniken um Pflegende rangen. Soo beliebt war der Beruf dann doch nicht und das medizinische System in Amerika, das vollends kapitalisiert ist, bringt es mit sich, dass die Klinik da schon was bieten muss, wenn sie dem durchschnittlichen Privatzahler etwas bieten will. Die wenigsten Menschen dort haben eine KV (Insurance), die klaglos alles zahlt. Da nämlich geht Markt los (oder endet, je nach ethischem Verständnis).

Also sann man hin und her, denn manchen Kliniken ging es gut und manchen schlecht. Es wurde überlegt, was die Kliniken, denen es gut ging, anders machten als die, bei denen keiner arbeiten wollte. Es ist fast ein bisschen lustig, aber es kamen 14 Punkte heraus, die in 5 Gruppen mündeten. Wer das erfüllte, der hatte zufriedene Kunden und zufriedene Mitarbeiter. Beides wurde magnetisch angezogen. Magnetkrankenhäuser. Ja, das ist ein bisschen langweilig und deshalb kürze ich das stark ab.

  1. Die Führung darf kein Arschloch sein (wer hätte das gedacht?)
  2. Die Pflegenden haben ein Mitspracherecht an der Art und Weise, wie sie arbeiten, Ärzte sind nicht die Kings of Kotelett, alle sind hierarchisch gleich (ich spüre Montys Schmerzen 😉 )
  3. Alle arbeiten evidenzbasiert. Das ist logisch, es haben ja auch alle studiert.
  4. Schnell wird Neues in die Praxis mitgenommen.
  5. Es gibt Patientenbefragungsbögen (äh, klar)

Prima, dachte man sich, damit könnte man den Notstand in Europa ja auch beheben! Und los ging es. Es gibt weltweit 500 Magnetkrankenhäuser. Jetzt kommt de Wermutstropfen: es gibt nur EINES in Europa. Und das ist ganz gewiss nicht in Deutschland.

20 Kliniken in Deutschland ringen nun darum, den Titel zu bekommen. Es hört sich auch ZU fein an. Man muss nur diese Punkte irgendwie erfüllen und schon kann es losgehen mit der Mitarbeiter Zufriedenheit, dann kommen sicher alle zu einem arbeiten. Die Freude, vor allem die Vorfreude, ist groß.

In vielen Fortbildungen wird nun das europäische Projekt gepriesen wie der Heiland. Haltet durch und geht in Magnetkrankenhäuser, könnte man denken. Aber so einfach ist die Chose nicht und ich rate zu kritischem Mitdenken.

Rollt man die Sache nämlich nicht von Europa sondern von Amerika aus auf, wird aus dem tollen Projekt in Deutschland nämlich gar keine Coca-Cola, sondern eher ne abstandene Club_Cola, die gar nicht spritzig ist sondern muffig schmeckt.

Die Forderungen nämlich, die die amerikanischen Kollegen hatten, sind nicht nur völlig logisch, weil sie ja Akademikerinnen sind und selbstredend den Anspruch haben, auf ihren Stationen eigene Studien und evidenzbasierten Pflege zu machen, sondern sie sind auch noch ZUSÄTZLICH zu einer viel geringeren Belastung, als deutsche Pflege sie hat. Und die gilt auch in ganz Europa – außer in Deutschland natürlich.

In Deutschland versorgen Pflegende nämlich das DREIFACHE an Patienten. In ganz Europa versorgen Pflegende weniger Patienten, nur Deutschland ist eine Massenabfertigung.

Wenn also man in Amerika nur 1/3 der Patienten versorgt, ist das Arbeitsaufkommen einfach so gelagert, dass ZEIT vorhanden ist. Wenn aber 15 Patienten versorgt werden müssen, und der ganze Krempel (in Anführungszeichen) kommt da drauf, es GIBT GAR KEINE AKADEMIKERINNEN und auch keine Möglichkeit, die eigene Sachlichkeit umzusetzen, weil man eh durch den Tag hetzt, dann ist „Magnetkrankenhaus“ einfach ein Label, wie „Bio“ auf einem gespritzten Apfel. Sich mit DEM Schlüssel an dem Projekt zu beteiligen, ist einfach nicht lauter.

Deshalb rate ich Euch, nicht allzu euphorisch zu sein und das Ganze mal kritisch zu hinterfragen.

Noch mehr Arbeitsaufwand kann nicht zu Zufriedenheit beitragen.

Aber das ist natürlich nur eine Einzelmeinung.

5 Kommentare zu „Magnetkrankenhaus- echte Magie oder fauler Zauber?

  1. Gute Gedanken und sicherlich eine begründete Reflexion zum Thema „Magnet Hospital“, aber …
    Ich sehe ebenso, dass ein entscheidender Punkt der Pflege in Deutschland das Verhältnis Pflegefachperson : Anzahl der zu versorgenden Patient*innen ist. Diesbezüglich wäre es zur Zeit für Kliniken finanziell ja durchaus möglich, beliebig viele Kolleg*innen einzustellen. Davon unabhängig sind jedoch viele Magnet-Ideen richtig. Ein einfaches Kopieren des amerikanischen Modells ist, wie im Beitrag beschrieben, wegen der so unterschiedlichen systematischen Umstände gar nicht möglich. Aber was spricht dagegen, sich anzusehen, welche Aspekte anziehend wirken? Dies hatte die ANA (American Nurses Association) seinerzeit untersucht, woraus sich der Akkreditierungsprozess entwickelte.
    Es geht aus meiner Sicht jedoch weniger um ein Label als um die Magnet-Ideen und -Inhalte, und die sind zweifellos sinnvoll.

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