Pflege: Der Hampelmann der Ampel, man. Oder: was ist eigentlich ein „sozialer hoher Preis“, Herr Lindner?

Anne Wills Talkshow gestern, bei der Vertreter aller Parteien anwesend waren, war wie ein Unfall. Man konnte nicht hinsehen, man konnte nicht wegsehen. Die Luftwaffe fliegt Beatmete durch das Land, in München wird, wen es erwischt, ins nächste Krankenhaus gefahren – nach Italien! Und da sitzen also die, die unser Land führen und sind sich nur in einem einig: niemand ist schuld an dem, was da passiert.

Impfen reicht nicht mehr. Das Schlimmste kann nicht mehr verhindert werden. Jeden Tag, den wir länger warten, einen Lockdown zu verhängen, werden wir mit zwei Tagen mehr Lockdown bezahlen müssen. In der Nachbarsendung verrät derweil Drosten, er sei sehr besorgt. Einen Lockdown aber, den hält Lindner für einen „zu hohen sozialen Preis“, Baerbock lobt nochmal die Pflege. An die müsse man ja denken. Sonst habe man ja kein Gesundheitssystem mehr.

Ich weiß nicht, in welcher Realität man lebt, in welchem Paralleluniversum, in dem Blumen blühen, wenn man sich 10 Tage Zeit lassen will, mal zu entscheiden, sich beraten zu lassen. Ich weiß aber, wie es hier aussieht, in dieser Realität, in der meine Kolleg*innen leben. Und ich möchte Ihnen mal verraten, was ein „hoher sozialer Preis“ ist.

Fast meine gesamte Timeline hat von der ersten bis zur dritten Welle durchgehalten, an Patienten gearbeitet, die Corona negiert haben. Fast meine gesamte Timeline wurde geschlagen, bespuckt, bedroht. Fast meine gesamte Timeline ist derzeit wegen Depressionen krankgeschrieben. Reaktive Depressionen auf die Überlastung der letzten anderthalb Jahre. Bei vielen ging die Familie deshalb in die Brüche, es drohen Scheidungen. Kinder sind betroffen.
Das ist ein hoher sozialer Preis für eine verfehlte Politik!

Die meisten kennen nur noch zwei Welten. Dienst oder ausruhen für den nächsten Dienst. Ein Leben dazwischen, zum Durchschnaufen, gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch funktionieren. Die meisten haben Kinder. Ungeimpfte Kinder in nicht gesicherten Einrichtungen. Die meisten leben deshalb in Angst. Angst um ihre Kinder. Weil die Betreuungslage so desaströs ist, wie alles im Gesundheitswesen, werden viele von ihren Großeltern versorgt. Das bedeutet 24/7 Angst. Angst um die eigene Familie, während man Menschen, die nicht glauben, dass sie sich an der Bekämpfung der Pandemie beteiligen müssen, pflegt. Während einem freie Tage gestrichen werden. Während man die eigenen Kinder kaum noch sieht. Seit zwei Jahren.

Das nenne ich mal einen hohen sozialen Preis!

Während die meisten Ungeimpften unbehelligt durch die Welt jetten können und „enjoy my life, YOLO“ spielen, drohen meinen Kolleginnen Abmahnungen, wenn sie sich weigern, einzuspringen. Urlaub zur Erholung wird gestrichen. Auch unter Androhung von Abmahnung. Das ist gesetzlich nicht legal, aber wen interessiert das schon? es hat ja nie jemanden interessiert, dass das Rechtssystem hinter Klinikmauern nicht funktioniert. Dass da Arbeitszeit- und -schutzgesetze ausgehebelt werden, jeden Tag, dass das Recht auf Unversehrtheit Pflegender da keinen Pfifferling wert ist, dass jede zweite dort Gewalterfahrungen macht. Also was solls? Untergrenzen werden ausgesetzt, die Leute verbrannt und verheizt, Sterben im Akkord. Und Schwurbler salbadern was von Freiheit.

Das nenne ich einen hohen sozialen Preis.

Wir haben eine unterschiedliche Vorstellung davon, was ein sozialer hoher Preis ist. Die Wirtschaft soll brummen, koste es, was es wolle, sogar Leben. Panem et circenses. Deshalb müssen Fußballspiele sein, während meine krankgeschriebenen Kollegen ihr Leben lang unter Depressionen leiden werden. Auch Depressionsbehandlungen sind teuer. Aber das ist egal. Nach allem wird man versprechen, für Pflege nun wirklich was zu tun – bald. Und währenddessen füllen die ja brav die PPR 2.0 aus, in der Hoffnung, dass sie dann mehr Personal bekommen. Personal, das es schon vor 30 Jahren bei PPR 1.0 nicht gab. Personal, das jetzt scharenweise aus dem Beruf flüchtet.

Den sozial hohen Preis bezahlt ihr nicht. Den zahlen Pflegende mit den massivsten Einschränkungen in ihrer Gesundheit und ihrem Leben.

Der angebliche Berufsethos wird ausgenutzt, ausgewrungen, drauf rumgetrampelt und weiter liebe Worte benutzt. „Wir müssen was tun“ ist der Ampel-Sprech für „wir haben verstanden“.

Es hat sich nichts geändert.

5 Kommentare zu „Pflege: Der Hampelmann der Ampel, man. Oder: was ist eigentlich ein „sozialer hoher Preis“, Herr Lindner?

  1. Hi
    In einem Punkt muss ich dir widersprechen.
    Alles auf die ungeimpften zu schieben ist absolut schwachsinnig
    Wir (,ich bin tatsächlich ungeimpft, nicht weil ich ein schwurbler bin)
    Müssen uns jeden Tag vor dienstantritt und nach dem Dienst testen. Während die geimpften Kollegen nur einmal die Woche dran sind. Fröhlich durch die Gegend hüpfen,in Länder reisen (ungeimpfte dürfen das nämlich schon seit Monaten nicht), alles anstecken, was nicht bei drei auf einem Baum ist.frei nach dem Motto, mir kann ja nichts passieren, geimpft.
    Sorry
    Aber umgekehrt wird ein Schuh draus

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    1. Leider falsch. Ich muss mich als dreifach Geimpfter dreimal die Woche testen. Ich muss auch weiter eine Maske tragen und wahrscheinlich auch bald gänzlich einschränken weil Ungeimpfte rechnerisch für die meisten Belegungen im Krankenhaus und für die steigenden Inzidenzzahlen verantwortlich sind.

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  2. ich kann diese sendungen schon nicht mehr aushalten, jedenfalls müsste doch inzwischen klar sein, dass das virus schneller ist als bürokratie und alle berater. wieso bekommen eigentlich die alten minister noch geld, spahn z.b. müsste doch endlich still sein, mehr chaos geht nicht.

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