Gummihuhn statt Lavendel

Wenn Du in den 1970ern den Rentnesaal zum Rocken bringen wolltest, dann wurde eine Kassette (ich kann mich mit technischen Details jetzt nicht befassen) mit dem Ententanz angemacht. Die 70er. Das ist lange her. Orange, grün, Braun, psychedelische Muster auf Tapeten, Erdbeerclogs und Gummitwist.

Die 70er. Das war auch die Zeit, als die Enquete herausgegeben wurde, das ist die Befreiung der psychisch und chronisch kranken Menschen aus einem System der Gewalt, aus Stätten der Verwahrlosung. Die Enquete, und so schließt sich der Kreis, wurde nie umgesetzt. Aber sie ist der Geburtsort der Altenpflege. Die 70er. Es war alles so schön bunt da.

2022 in irgendeiner beschaulichen Kleinstadt. Man hat den Ententanz wieder angeschaltet. Claudia Moll macht jetzt harte Politik. Fast zwanzig Parties hatte sie in den letzten Tagen auf dem Wahlkampfzettel und die Parties mussten abgefeiert werden. Hier wurde ein Feuerwehrauto getauft, da wurde einem Gummihuhn der Schädel abgeschlagen. Hart ist so ein Politikerleben. Aber alles mit Liebe.

Quelle Instastory

Es wäre alles nicht so schockierend, wenn nicht auch in den 1970ern Gottlieb Wendehals den Gummiadler geschwungen hätte und der Saal zur Polonaise Blankenese getobt hätte.

Woanders ist aber gar nicht 1970. Woanders ist 2022. Hitzewellen fegen über das Land, die Altenheime sind nicht klimatisiert. Die Kollegen, die seit 2,5 Jahren durch die Pandemie toben, können nicht mehr. Urlaube werden gestrichen oder mit Müh und Not erreicht. Kollegen fallen aus wegen Corona. Woanders ist die Welt nicht heile. Woanders rennt man sich die Hacken ab.

Weil noch immer keine Missstände da sind, wenn man nur nicht hinguckt, schlachtet man eben ein Gummihuhn. Launigerweise könnte man sagen, dass man mit dem Nichthandeln dem Deutschen Bundesadler symbolisch die Rübe einschlägt. Während die Kollegen ich fragen, wie sie die Gasrechnung wuppen sollen, wippt Claudi den ganzen Saal. Rückwärtsgewandt bis in die 1970er Wella-Haarspitzen, so sieht sie also aus, die Sozialdemokratische Pflegepolitik. Fühl Dich einfach gut mit Jade. Basta.

Nein, es ist nicht nur diese Symbolpolitik und das Köpfen von Plastiktieren, das mich nervt. Es sind auch die Videos, jedes zweite Wort ein ÄH und noch immer keinen Plan in Sicht. Verkörperte Westerfellhaus doch immerhin eine Art Statesman der Gesundheitspolitik, hatte wenigstens irgendeinen Plan (für mich oft der Falsche) und irgendeine dahinter verborgene Ernsthaftigkeit.

Sind das die Politiker, die wir wollen? Die im Sommer durch die Wahlkreise tingeln? Ist Sommerpause in diesem Jahr tatsächlich zu nehmen, während völlig klar ist, dass manche keine 30 Minuten Tagespause nehmen können?

Man möchte ja eigentlich zur Abendkasse gehen und sein Geld zurückfordern, wenn man das Theater sieht. Es gibt keine Scham mehr im politischen Betrieb. Ganz offen wird nicht gehandelt, sei es Corona oder Besetzungsstrategien. Irgendeine Entschuldigung wird schon ziehen. Das ist der Tanz in den pflegerischen Abgrund. Den Preis dafür zahlen mit Altersarmut und der Unmöglichkeit, sich Pflege kaufen zu können, die, die jetzt gerade an den Betten stehen und schindern. Sie werden zu wenig Rente haben, um sich selbst Pflege einzukaufen. Aber die Sozialdemokratin stört das nicht. Schnell noch ein Promovideo gedreht, indem man die Truppe auf überübermorgen vertröstet. Ja, man muss handeln, ja, das muss, äh, man, äh, machen.

ICH HALTE DAS ALLES NICHT MEHR AUS. Wir sind nicht nur was Partymusik angeht, wieder in den 70ern angekommen, sondern auch im Gesundheitssystem . Man möchte was werfen – keinen Gummiadler. Da draußen dehydrieren Alte, Alte, die im nächsten Winter frieren werden. Unterversorgte Menschen, kranke Kinder. Wie verbohrt kann man im Politikbetrieb sein?

3 Kommentare zu „Gummihuhn statt Lavendel

  1. Liebe Monja,

    ich zitiere Dich kurz : „Den Preis dafür zahlen mit Altersarmut und der Unmöglichkeit, sich Pflege kaufen zu können, die, die jetzt gerade an den Betten stehen und schindern. Sie werden zu wenig Rente haben, um sich selbst Pflege einzukaufen.“

    Dem ist leider nicht so. Also – doch schon, aber nicht nur.

    Im letzten Jahr wurde der Eigenanteil in der Altenpflege neu verhandelt, da kamen die erste Erhöhung für Bewohner. Wie jedes Jahr, regulär.

    Anfang des Jahres wurden einige Refinanzierungen der Coronamaßnahmen gestrichen ( die angekündigte tägliche Testpflicht und dass Altenheime diese Tests anbieten müssen gibt´s nicht erst ab Oktober 2022, sondern bereits seit 2019 … ), das führte zur zweiten Erhöhungen des Eigenanteils innerhalb weniger Monate.

    Ab September müssen alle Arbeitgeber der Altenpflege ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlen …. also ich kenne Kollegen, die haben ab dem Zeitpunkt 1200€ brutto mehr auf dem Lohnzettel. Monatlich! Es sei allen von ganzem Herzen gegönnt.

    Nur: diese dritte und bisher letzte Erhöhung der Eigenanteile in diesem Jahr wegen der Tarifpflicht und die Erhöhung der Energiepreise führt gerade momentan dazu, dass die meisten Bewohner in den Altenheimensich ihre Plätze nicht mehr leisten können.
    Die Sozialämter melden jetzt schon, dass sie die Flut der Anträge von Pflegeempfängern nicht mehr bewältigen können … wer hat schon mehr als 3000€ Rente zur eigenen Verfügung?

    Und das ist heutzutage ein vollkommen moderater Preis für einen Pflegeplatz im Altenheim.
    Wir müssen nicht warten, bis wir in Rente gehen … Altenpflege ist heute schon unbezahlbar für den, der sie braucht.

    Privatversicherte werden übrigens von den meisten Betreibern abgelehnt … manche haben Kosten alleine für Medikamente im mittleren fünfstelligen Bereich vorzulegen, das hat im Alter dann halt auch keiner mehr . Und die Apotheken verweigern irgendwann die Versorgung….. und nach dem Tod bleiben die Heime auf ihren Kosten sitzen. Da hat ja auch keiner Bock zu …

    Krank werden ist schon übel genug in der heutigen Zeit. Pflegebedürftig im Seniorenheim landen, Armut vorprogrammiert. Wir haben Bewohner, die leben seit mehr als 15 Jahren bei uns. Da haben die Kinder kein Erbe mehr zu erwarten, die Elternhäuser sind längst dem Staat zum Opfer gefallen.

    Die Tante Moll habe ich bereits mehrfach zu diesem Thema angeschrieben … die hat es nicht mal nötig, zu antworten…!!

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  2. Die rote Laterne hält dann wohl Fr. Moll. Hofiert wird nett, lieb, selbstlos und etwas dümmlich. Laienpflege und Ehrenamt bekommen das Zepter. Ich gehe jetzt meine Schildkröten anschreien, denen das genauso egal ist, wie der Politik, die zusieht wie jetzt ein ambulanter Pflegedienst, nach dem anderen die Grätsche macht.

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