Lindner geht fischen, oder warum es falsch ist, Sozialpolitik von Männern gestalten zu lassen, die unter Carearbeit Selfcare verstehen

Wir haben eine Carekrise. Die haben wir nicht seit gestern sondern schon seit vielen Jahrzehnten. Care, das ist Sorgearbeit, haushaltsnahe Arbeit und bis um die 1970er herum sollte sie von Frauen erledigt werden – während der Mann Karriere machte. Das war natürlich prima für die Männer, die sich um ihr eigenes Leben so gar nicht kümmern mussten.

Aus der Verberuflichung der Sorgearbeit gingen letzten Endes die Sozialberufe hervor. ErzieherInnen, LehrerInnen, Pflegefachpersonen, Altenpflege, Raumpflegerinnen…, also all das, was substituieren sollte, dass Frauen ab den 70ern selbst Karriere machten. Noch heute können Männer nichts mit Carearbeit anfangen. Almut Schnerring, die ein Buch über Equalcare geschrieben hat, konstatiert, dass Männer augenscheinlich zu starken, selbstständigen Kerlen erzogen würden. Der traurige Fakt ist aber, dass sie bis heute nicht lernen, wie man einen Geschirrspüler ausräumt, Wäsche macht, kocht, putzt. Ihre Unfähigkeit, für sich und oder gar andere zu sorgen, müssen sie kompensieren, indem sie Sorgearbeit bei ihren eigenen Partnern einkaufen, sie ihnen überlassen. Nicht selten arbeitet die Frau deshalb halbtags, hat Einkommenseinbußen, während der ganze Kerl, der keine Ahnung hat, wie man ein Hemd bügelt, sich für einen tollen Hecht hält. All das Organisieren, den mental load, er hat ihn nicht, er überlässt ihn oft der Frau. Feminismus hin oder her, noch heute machen Frauen weit mehr als die Hälfte der Sorgearbeit, während Jennifer Lopez „Ain’t your Mama“ im Radio singt wie Johanna von Koczian früher „Das bisschen Haushalt“.

Männer haben also von Sorgearbeit keine Ahnung. So wenig Ahnung, dass sie nicht zwischen Care und Nursing unterschieden können. „Pflege kann jeder“, sagte einst Norbert Blüm, wohl im festen Glauben daran, dass Pflege irgendwas mit Waschen sei und da Generationen Frauen ja ihre Eltern gepflegt hatten, war seine Schlussfolgerung: das kann jeder. Ich habe es immer bedauert, und das bei aller Empathie, dass ihn nie wer befragt hat, ob er das noch immer so gesehen hat, als er tetraplegisch auf Profis angewiesen war. Es wäre seine Chance gewesen, die Sicht auch Nursing zu verändern. Seinen Satz glaubt heute noch ein ganzes Land.

Jens Spahn konnte und kann sich nicht vorstellen, seine Eltern zu pflegen. Er würde aber helfen. Das sehen bedauerlicherweise alle Männer so. Sie helfen den Frauen pflegen. Je pflegebedürftiger der Angehörige, desto mehr ziehen sie sich zurück. Die Last der Carearbeit liegt bei den Frauen. Sie pflegen erst ihre Kinder, dann die Eltern und Schwiegereltern und am Ende ihren Mann. Ist ihr eigenes Ende nah, ist niemand da, der sie pflegt. Pflegepolitik wird von Männern gemacht. Ein ganzes Sozialgesetzbuch ruht sich darauf aus, dass die Frau per se es schon richtet. Wer es für SIE richtet, danach fragt das von Männern entwickelte Sozialgesetzbuch nicht.

Sozialberufe sind Berufe ohne gesellschaftliche Wertschätzung. Weshalb sie auch einfach niemand mehr machen will. Das ist von den Frauen konsequent, die die Mehrheit in diesen Berufen stellen. Warum keiner mehr zu miesen Bedingungen Kinder betreuen, Alte und Kinder pflegen und putzen will, darauf kommen weder die Politiker noch die Gesellschaft. Ich habe da eine Idee.

Will ich wissen, wie es um die Sozialpolitik und Gleichberechtigung bestellt ist, dann guck ich in den Bundestag. Der nämlich bildet ja im Grunde die Gesellschaft ab. Frauen gibt es dort kaum. Gerade mal 34,9 Prozent. Männer also machen Sozialpolitik. Christian Lindner soll gar in Zukunft für die Personalschlüssel in Kliniken und Heimen zuständig sein. Für DEN Sorgeberuf also per se, der in Deutschland nie von Care und Nursing unterschieden wird und seit Jahren selbst Sorgenkind ist.

Nun hat Lindner bekanntgegeben, dass er selbst st Elternzeit nehmen wird, wenn es denn soweit ist. Was man in dieser von Carearbeit getragenen Zeit macht, das weiß er auch schon. Angeln, imkern, promovieren, Bücher schreiben, jagen.

Carearbeit als Selfcarearbeit

Was Lindner nicht weiß oder nicht zu wissen scheint. In der Elternzeit geht niemand promovieren, angeln oder fischen. Es sei denn, man repräsentiert gar nicht den Bürger, sondern parkt das Baby ab 6:00 bei einer Nanny.

Man kümmert sich ums Kind, ist froh, wenn man es bis 13:00 unter die Dusche schafft, fröhlich der Tag, an dem man ein T-Shirt ohne Möhrenbreisabber sein Eigen nennt, in Ruhe pinkeln konnte oder die Augenringe einem nicht über die Wangen klappen. Ich habe nichts dagegen, dass Reiche das anders machen. Dass sie vielleicht tatsächlich Kinder bei den Kindermädchen parken, zum Jagen gehen wie einst Kaiser Wilhelm, während der Hof den Nachwuchs erzieht. Aber das ist halt weltfremd und ich würde es den 80 Millionen Menschen, 40 Millionen Frauen nicht unter die Nase reiben. Weil das einfach arschig ist. Sicher kann man liberal sein aber unter Carearbeit nur Selfcare zu verstehen und damit as Signal zu senden: Carearbeit? What the actual fuck? Das sourced man aus, soll das Kind erziehen, wer will, Sorgearbeit schert mich nicht, sie ist nichts wert. Seht her, wer Sorgearbeit macht, der kann noch jagen, fischen, promovieren, was kostet die Welt, Geld spielt keine Rolex, ihr Möhrenbrei-T-Shirt-tragende Loser! Das ist ärmlich. Ärmlich, weil es zeigt, wie wenig vom Careproblem im Bundestag angekommen ist, der sich doch von den Steuern derer ernährt, die Möhrenbrei-T-Shirts tragen.

Ärmlich, weil eben dieser Mann wesentliche Teile der Sozialpolitik mitsteuern wird, von der er, so sehen wir es hier, keine Ahnung, keine Wertschätzung hat und Abstand hält.

Der selbe Linder, der von Wohlstand erhalten salbadert, aber nicht auf dem Schirm hat, dass ab 2030 Frauen nicht mehr Teil der Erwerbstätigen sein können, weil sie ihre Eltern pflegen müssen. Diese Männer also gestalten die Sozialpolitik des Landes. Für Frauen und auf dem Rücken der Frauen. Dass er seine privilegierten Carearbeits-Vorstellungen in die Welt posaunt, ist eine Schelle für all die Frauen, die in der Carefalle stecken. Die übrigens der Mittelstand sind, den er vorgibt, entlasten zu wollen.

Es ist 2022. Nie vorher war nach den 1970ern Emanzipation so verloren wie in diesen Jahren, als klar wurde, dass Carearbeit unsichtbar ist, von Frauen ausgeübt, die einfach nur zu arm, zu doof oder und unkreativ waren, nebenbei noch zu jagen, fischen, imkern, während sie all das stemmten, von dem Männer keine Ahnung haben. Meine Damen, erziehen Sie die nächste Generation Männer gründlicher.

6 Kommentare zu „Lindner geht fischen, oder warum es falsch ist, Sozialpolitik von Männern gestalten zu lassen, die unter Carearbeit Selfcare verstehen

  1. Hallo Monja,
    bislang habe ich deine Beiträge gern und auch mit einem gewissen Vergnügen gelesen, da du viele Dinge, bei aller Subjektivität, in der Regel auf den Punkt gebracht, hinterfragt und ggf. angeprangert hast.
    Zu deinem letzten Artikel möchte ich jedoch bemerken, dass ein Rundumschlag gegen die Männer aufgrund von Einzelbeispielen aus der „Politiker Kaste“ deren Mitglieder meiner Ansicht nach,
    oft abgehoben in einer eigenen Blase existieren, nicht gerechtfertigt ist.
    Männer wie von dir beschrieben, sind sicherlich keine aussterbenden Exemplare, jedoch vom Einzelnen auf das Ganze zu übertragen, erachte ich als nicht zielführend, sondern als diskriminierend. Ich sehe mich nicht so und mein Umfeld ebenso wenig.
    Mit kollegialen Grüßen
    Klaus Meister

    Gefällt mir

  2. Ich staune wie Sie die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau auf einen Punkt bringen. Es ist so! Und vier Finger von meiner eigenen Hand zeigen da auch zurück. Einiges habe ich im Alter dazu gelernt.
    Wenn Sie einmal 19:24 Minuten lang Ihre Batterien aufladen möchten, klicken Sie auf den Link, aber nicht am Handy auf dem Gehsteig sondern vor einem grossen Bildschirm mit einem vertretbaren Audio.

    Das Universum der klassischen Musik ist der «Pflege» 30, 40 Jahre voraus. Die Präsenz von Frauen in den grossen Orchestern ist von nahe 0 auf 50 % gestiegen. In der Pflege werden die Männer bei 10, 15 % dümmeln. Weit wichtiger noch, die Musik ist dabei partizipativ geworden, inniger, tiefer. «Krieger» wie Rubinstein und Karajan sind Schnee von gestern. Solistinnen lassen sich nicht begleiten, sie fühlen sich Teil eines Ganzen. Sehen Sie Alice Ott wie sie mit dem Orchester dialogiert, wie sie mitsingt, wem sie applaudiert. Und die Dirigentin, sie koordiniert. Da ist kein Platz für selbstgefällige Theatralik.
    Und sehen Sie die jungen Ministerpräsidentinnen, in Europa, in NZ? Da ereignet sich etwas! Ich kenne kein Land mit einer hoffnungslosen populistischen Regierung, die von einer Frau geführt wird. (Frau Meloni lassen wir zuerst einmal ein paar Monate Zeit, sich zu erklären.)
    Die Evolution des Menschen geht in Richtung Matriarchat. Es ist die einzige Überlebenschance, falls es diese noch gibt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s