„Sein Leben der Pflege opfern als Alltagsheld“

Jüngst postulierte eine Krankenkasse wieder einen Pfleger, der „sein Leben der Pflege widmete“. Zum Tag der Pflegenden am 12. Mai gab es Grüße vom BGM für die Alltagshelden. Und nicht wenige fühlen sich dann geehrt, selbst einer so edlen Tätigkeit anzugehören.

Freiheit, das hatten wir besprochen, ist das, was sich im öffentlichen Raum vollzieht. Nicht fei sind, im philosophischen Sinn, diejenigen gewesen, die den Haushalt verrichteten. Nun müssen wir nur etwas von den Griechen weg und hin zu den Klöstern. Dieses Leben vollzog sich, als Mönch, vollkommen unfrei. Man lebte abgeschlossen hinter Mauern, hatte keinen freien Willen, lebte in Gemeinschaft. Das Leben wurde geregelt durch die Benediktsregel. Wann man schlief, wie man aß, wann man arbeitete – all das regelte diese Regel. Die unfreien Mönche und Nonnen waren dort daheim Sie gasteten (Hospital) Reisende oder Kranke. Diese jedoch verstanden sich im Sinne des Wortes als Gäste – und gingen wieder. Der unfreie Mönch blieb. Sein Leben lang. Er war für „die Welt gestorben“, hatte sein Leben geopfert und nur der Abt durfte darüber bestimmen.

Schauen wir uns Grundrisse an, damit Ihr versteht, was ich meine:

St Gallen Kloserplan/Source Wiki
9. Jh.
Virchow Grundriss7Source Wiki

Wie man sieht, sind die beiden Bilder so unterschiedlich nicht: Kloster und Klinik sind bis ins 20 Jh weitgehend gleich geblieben. Die meisten Kliniken haben noch heute eine Mauer. Das bedeutet, dass dort drin keine wirkliche Öffentlichkeit herrscht. Kliniken sind vom sozialen Leben weitgehend ausgeschlossen. Wer dort drin ist, ist nicht wirklich „frei“. gerade aus diesem Grund, Kranke vor der Allgemeinheit zu verbergen, wurden Kliniken am Stadtrand gebaut. Den Gesunden wollte man die Kranken, insbesondere psychisch Erkrankte, „ersparen“.

Das Ganze hat aber einen Unterschied, vor allem, wenn wir uns die Altenheime anschauen. Nicht mehr der Kunde ist Gast, sondern das ist nun sein Daheim. Das dreht die Angelegenheit im Gegensatz zum 10. Jh ein wenig um. Und auch nicht. Wie Privat, wie frei ist ein Bewohner, dem letztlich nur, wie eine Wabe im Bienenstock, ein Zimmer gehört? Wie schlecht es ist, dass die Allgemeinheit nicht mit kommt, was in Kliniken geschieht, zeigte in den 70er Jahren die Enquete. Man ging in die Psychiatrien, und fand dort derart erschreckende Zustände vor, dass es unbeschreiblich war. Es gab keinerlei Privatheit. Die Leute schliefen in Sälen zu 20. Es gab für sie einfach keinen Rückzug, nur Verwahrung. Man öffnete diese Psychiatrien, in denen auch chronisch Kranke untergebracht waren und „erfand“ so das Altenheim und die ambulante Betreuung. Die Verwahrlosung, die sich dort zeigte, fand hinter den Mauern statt. Deshalb nennt man sie „intramurale Verwahrlosung“ (intra innen mura Mauer). was nun folgte und noch immer folgt, ist ein grauenhafter Zustand außerhalb der Mauern. Die Leute können kaum noch versorgt werden, es fehlt Personal. Die Patienten in ihren Wohnungen sind oft isoliert. Yvonne und ich nennen das deshalb extramurale Verwahrlosung. Wie Ihr seht, ist der Tausch nicht soooo klasse geworden.

Wo in all dem steht derjenige, der pflegt?

Seine Privatheit sind im Mindesten seine eigenen 4 Wände. Dort darf ihn niemand stören (eigentlich), die eigenen 4 Wände sind so heilig, dass jeder Polizist und Feuerwehrbeamte deshalb einen Beamtenstatus hat (auch), um im Notfall die Tür aufbrechen zu dürfen. Denn die Wohnung ist unantastbar. Aber wie frei ist fei? Während der Beamte nicht einfach zur Tür reinkommen darf, darf es das Telefon der PDL. Die Ausgewogenheit zwischen Dienst und Frei ist gar nicht gegeben. Überstunden sind die Regel. Die Regel ist, dass also der Pfleger_in sich dann in einen Zustand des quasi „Gastes im eigenen Hauses“ begibt und dort, hinter den Mauern, arbeitet. Auch, wenn er das gar nicht müsste. Zu Regeln, die schon 1000 Jahre alt sind.

Wenn Dich jemand Held nennt, weil Du die 10000ste Überstunde hast und Dir bescheinigt, dass Du Dein Leben der Pflege widmest, dann besteht aus meiner Sicht das Problem, dass Du dann wirklich und wahrhaftig für die Welt gestorben bist. Hinter diesen Mauern gibt es keinen Zugriff. Kein Sozialleben, kein Familienleben. Selbst, wenn Du nur Deine Regelarbeitszeit dort verbringst, dann sind das fast 80% Deines Lebens. Wenn Du diese Prozentzahl erhöhst, dann ist daran nichts heldenhaftes. wer sich dafür bei Dir bedankt, nennt Dich unfrei. Weil Du es bist. Was bitte soll das für ein eigenes erfülltes Leben sein?

Oft hören wir dann, es gäbe ja so viel Dank und leuchtende Augen von Bewohnern/Patienten. Wenn ich das höre, graust es mir ein bisschen, wie leicht man an dir unethisch handeln darf. Und wie billig es sich dafür Danke sagt. Wo ist das Interesse, das, was den Patienten und Dich verbindet, dass Du Deine eigene Familie hinter Dich lässt und Dein eigenes Leben? Wer Dir sagt, du opferst Dein Leben, der bescheinigt Dir ganz direkt, kein eigenes zu haben. Und das, das ist wirklich ein armes Leben. Und was absolut unethisch daran ist, gerade, wenn man Kinder hat, ist, dass die kaum zählen. Beim ganzen Heldentum fragt niemand, wie es für Dich ist, Dein Kind nicht gute-Nacht-küssen zu können. Du derangierst zur Selbstverständlichkeit und Deine Kinder mit. Für mich ist das nicht in Ordnung, wenn so mit Pflege verfahren wird. Es ist unethisch.

Kommen wir zurück zur Verwahrlosung. Denn es gibt noch etwas zu bereden. Den Tagesraum, in dem man alle Bewohner zusammenfährt. Da sitzen sie dann. Ob sie das wollen, oder oft auch nicht. Der Krankensaal von einst mit keinerlei Privatraum ist für mich der Tagesraum von heute. Und das bedeutet NOCH weniger Privatheit.

Letztlich, bei all den glänzenden Augen, treffen sich auf Stationen zwei Unfreie. im Mindesten, wenn es gar nicht Dein Dienst gewesen wäre. Früher, und den Hospitälern, erzählten die Gäste dann, was es Neues in der Welt gab. Diese Informationen gibt es heute durch die Medien. Der Gast wird gehen. Die Kette der Gäste und Bewohner reißt nie ab. Seit über 1000 Jahren nicht. Was aber ist dann aus Deinem Leben geworden?

Willst Du es wirklich opfern? Oder reicht auch, einfach arbeiten zu gehen?

Ist es nicht an der Zeit, Wohn – und Klinikkonzepte zu überdenken? Völlig neu zu denken?

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