2019, das wars – auf so vielen Ebenen

Morgen gehen viele von euch in den wohl härtesten Nachtdienst des Jahres. Es lohnt nicht, sich am nächsten Morgen die Schlagzeilen anzuschauen. Wieder werden Kliniken unterbesetzt gewesen sein, wieder werden RTW-Besatzungen verprügelt und mit Böllern beschossen worden sein, wieder lungerten viel zu viele Bagatellfälle auf den Notaufnahmen rum. Ein endloser Kreis.

Das war das Jahr, das die KAP (Konzentrierte Aktion. Pflege) gebracht hätte haben sollen (welchen Fall nimmt man da eigentlich?), aber es ist keine Entlastung da. 12 % aller Dienste auf den pflegesensiblen Bereichen fahren unterhalb der PPUG! Nur der Durchschnitt muss irgendwie stimmen. Selten wurde ein Gesetz beschlossen, das nichts, aber auch gar nichts ändert, keine Konsequenzen hat und niemanden schützt.

Noch immer werden unsägliche Werbestrategien gefahren, Imagekampagne mit süßen Schneebällen, warmherzigen, sexy Frauen, neuerdings dürfen es auch kriminelle Assoziationen sein (siehe Bild), in einem kirchlichen Krankenhaus steht Domini-KUSS jetzt mit (weiblichem) Kussmund da und es ist schwer zu sagen, wo man als Außenstehender da hinkommt: in die Klinik oder in den Puff (wo wir wieder bei der 2007er Gleichsetzung von Prostitution und Pflege wären, aber ich bin so müde, so unendlich müde).

WO genau waren sie eigentlich dieses Jahr alle, die Akteure, die Vertreter, die Kammer und die Politiker? Was außer einem Positionspapier, einer noch immer aufgeregten Debatte um die Verkammerung ist denn eigentlich geschehen? Die Antwort lautet: nichts.

Die Kammer ist keine Kammer mehr. Sie ist per Gesetz zum zahnlosen Tiger gemacht worden (und Pflege jubelt dazu), im eigentlichen Sinn keine Kammer mehr. Noch immer wird das ewige Lied von der Berufung gesungen und , man muss es sich eingestehen, natürlich flüchteten auch dieses Jahr wieder unzählige Kollegen, weil es ein Problem gibt: die Pflege, die wir gelernt haben ist nicht die Pflege, die die Gesellschaft und die Politik wollen. Berufung soll es sein, irgendwas mit Empathie statt Strategie, Liebe statt Zielen, Aufopferung statt Hilfsbedarfsplan, im Bett liegen lassen statt Mobilisierung, denn – soviel steht ja fest – das hat man sich im Alter und in Krankheit ja verdient. DAs, was wir anzubieten hätten, mobil bleiben, wieder zurechtkommen, das will niemand. Eher soll so eine Art Superservice aus der Pflege gemacht werden, der allzeit bereite Hochleistungswaschlappen mit Zimmermädchenfunktion, Servicegedanken und … ganz wichtig ..Demut.

Dass dieses Konzept nicht nur nicht ankommt, sondern auch im Beruf selbst seit mindestens 30 Jahren überholt ist, juckt genau niemanden. Die Kliniken sind voller Altenpflegekräfte, die für das, was da im DRG-Takt geleistet werden müsste, gar nicht ausgebildet sind. Was wir gelernt haben: Fachkraft ist Fachkraft. Wer keine Fachkraft ist, wird in 188 Stunden dazu gemacht, zack, fertig ist die Laube. Das also ist diese Wertschätzung, dieser besondere Beruf.

Niemand zeichnet für die katastrophalen Zustände zuständig. Kein DBfK, keine Kammer, kein Politiker, keine Gewerkschaft. Das Flickwerk hält nicht, es profitiert auf keinen Fall der, der von diesem Beruf leben möchte, und schon gar nicht der Patient. Die, das muss man ja auch mal betonen, sonnen sich in dem jahrhundertealten Gefühl, es sei eine SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT, medizinisch-pflegerisch betreut zu werden. Und, oh große Entrüstung, wenn es dann einen selber trifft, und es kommt keiner. Weil keiner da ist. Dann ist die Sache natürlich eine ganz andere.

Noch immer wird beklagt, dass die Pflegedienste keine Zusatzaufgaben kostenlos übernehmen, noch immer, das hat #respectnurses gezeigt, gilt es als Ausnahmesituation, wenn Respekt eingefordert wird. Zitate wie „Da fordern Sie Respekt, aber sie selbst.. (hier sinnlosen Berufungskram einfügen)“ zeigen deutlich, dass anscheinend für diesen Respekt irgendetwas zusätzliches geleistet werden soll – von Menschen, die schon dass Doppelte an vereinbarter Zeit leisten. Das ist absurd und verachtend.

Immer mehr muss man sich auch fragen: hat eine solche Gesellschaft Pflege verdient? Lohnt das, das eigene Leben hintenan zu stellen und im Akkord disgrace zu erlangen, für die Tatsache, einen Beruf auszuüben? Wenn die Lücke zwischen dem, was wir anbieten und dem, was die Gesellschaft will, SO groß ist, dann kann die Gesellschaft den Beruf, den Ihr ausübt eben nicht haben. Wir wissen aus Studien, dass das Leben kostet. Ist diese Gesellschaft mündig genug, das zu begreifen?

2020 wird das Jahr der Pflegefachpersonen und ich sehe schon, wie mit Pflege dann wieder alle gemeint sein werden: Angehörige (die eben nicht professionell pflegen, es wird Zeit, ein eigenes Wort dafür zu schaffen), Laien, Carearbeit, Sozialarbeit. Es gelingt der Pflege nicht, Deutungshoheit über ihren eigenen Beruf zu erlangen. Nein, der deutschen Pflege gelingt das nicht. Nie waren wir von Professionalisierung weiter entfernt, als im Jahr 2019.

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