Ans BMFSMJ

Ihr habt doch auch alle ans Ministerium geschrieben? Hier meine Kritik, auch auf Wunsch von Jana Langer.

Sehr geehrte Frau Dr. Giffey, sehr geehrter Herr Dr. Viering,

als ehemalige Pflegende und als Pflegehistorikerin möchte ich Ihnen meine Kritik an Ihrem Projekt „Ehrenpflegas“ der KAP zukommen lassen und wünsche mir, dass Sie auch einmal eine andere Perspektive auf die von Ihnen genutzten Narrative einnehmen.

Ich nehme an, dass Sie die Reaktionen auf die Serie bereits wahrgenommen haben und wie ich meine Kollegen kenne, nehme ich auch an, dass sie vielleicht einen destruktiven Charakter haben. Ich versuche nach Kräften, das jeweilige Problem zu historisieren und aufzulösen.

Beginnen wir bei der Rollenverteilung, die auch wahrgenommen werden kann als den jeweiligen Berufsgruppen inhärente Eigenschaften der drei Protagonisten, somit also implizit auch soziale Rollen repräsentieren. Schon immer, das bestätigt ein Blick in die gängigen Rollenklischees der Pflege auf Witzseiten, Comics oder gar in die Pornoindustrie, galten Altenpfleger als ein bisschen unterkomplex. Die Statuten des Deutschen Vereins, die diesen Beruf in den 1960ern aus der Taufe gehoben haben, machten dies sogar zu seinen Charakteristika. Damals sollten die Frauen älter sein, der Zugang zur Krankenpflege ihnen intellektuell nicht möglich, sie wollten, nachdem ihr „weibliches“ Leben vorbei war, einen erneuten Betreuungssinn finden, helfen. Und dann präsentieren Sie Boris, der bereits mehrere Ausbildungen abgebrochen hat und, sagen wir es salopp, nicht gerade die hellste Kerze auf der Pflegetorte ist. Es gibt auch innerhalb der Pflege die Vorstellung, Altenpflege könne nicht so viel. Die Gruppen, die wir jetzt in der Generalistik vereinen, sind zutiefst heterogen. Deshalb halte ich es für strategisch ungünstig, ausgerechnet eine Klischeerolle zum Aufhängeschild zu machen. Es beleidigt die jetzigen Altenpfleger. Zudem findet sich darin niemand wieder.

„Mach Karriere als Mensch“ unterstreicht das Ganze doch im Grunde. Mensch ist jeder, jeder kann pflegen, Pflege braucht keine besonderen Eigenschaften. Diese Aussage stärkt Pflege doch nicht. Sie reproduziert nur Norbert Blüms „Pflege kann jeder“ und ab dem Moment stagniert das Stärken doch und die Berufsgruppe wird auf die pure Existenz reduziert, der keine Kompetenz zugrunde liegt. Es ist doch zutiefst schwierig, dass wir uns in Deutschland gerade in diesem Punkt von allen anderen Ländern unterscheiden, die diese Reduzierung eben nicht vornehmen.

In anderen Ländern, gerade in Nightingales England, war Pflege adelig und weiblich. Der Versuch Kaiserin Friedrichs im 19. Jh., die professionelle Pflege nach Nightingale nach Deutschland zu holen, scheiterte grandios genau daran, dass Deutschland Pflege als eine Tätigkeit sah, die von Niederen, von Frauen, von Verlorenen und sozial klassistisch gesehen wurde. Nun sind doch aber 150 Jahre vergangen. Wie nur kann es sein, dass ein Spot 2020 die gleichen Stereotype reproduziert? Das enttarnt doch zutiefst die so fest in der Gesellschaft verankerten Vorurteile Pflege gegenüber. Und abseits der systemischen Probleme ist es doch genau diese Vorstellung von Wilhelm I., über Norbert Blüm bis hin nun ausgerechnet zu Ihnen, Frau Dr. Giffey, die Pflege genau in diesem sozialen Pool verorten. Ja, sozialer Aufstieg über Pflege ist möglich. Aber Klassismus ist nicht die Voraussetzung für ein Staatsexamen.

In den 1920ern waren es „abwandernde Landmädchen“, die man rekrutieren wollte, also Menschen ohne Bildung, 2007 befand die SPD „wenn man aus der Prostitution kommt, ist Pflege der nächste logische Schritt!“. Pflege darf doch nicht die Schmuddelecke sein. Damit wird Pflege immer mit „Genitalien und bildungsferne Menschen“ in Verbindung gebracht. Pflege ist keine Sexarbeit, Sexarbeit ist keine Pflege. Beides sind wichtige Dienstleistungen, aber sie sind nicht eins. Würden Sie dann in so einen Beruf gehen? Wertschätzung? Wie soll Gesellschaft da Wertschätzung lernen? Wenn Pflege immer der ist, der als der Dorftrottel hingestellt wird.

Kinderkrankenschwestern galten immer als belesen, als „too posh to care“. Und Sie präsentieren Harry Potter. GuKs als blonde Schönheiten wurden seit der amerikanischen Rekrutierungskampagne für den WKII zur pflegerischen Ikonographie Das geht doch besser! Sexualisierte Gewalt ist aber die Regel geworden in den Kliniken. Eine Werbenurse muss nicht blond sein.

Ein weiteres Problem ist das Phänomen, das wir „Nurses eat their young“ nennen. Ein Mobbingphänomen. Mobbing ist eine der schlimmsten Copingstrategien einer überforderten Pflege. Und schon in Serie 1 präsentieren Sie eine Nurses eat their Young Gewaltszene bei der Pädagogin, die sich fortsetzt („Du bist doch schon eine alte Schachtel“). Das ist nicht witzig. Gerade beim Präsentieren der männlichen Pflegerolle schleifen Sie auch konsequent die Stereotype des männlichen Krankenwärters mit. Gewaltaffin, herablassend (die Szene mit dem dementen Mann war furchtbar), emotional abwesend. Dass Sie in der Serie zudem Übergriffe marginalisieren, die Privatsphäre des Bewohners ungeschützt ist, haben Sie sicher schon gehört. Männliche Rekrutierung, das zeigte die Kampage Bremens in den 1960ern, funktioniert über zwei Strategien. Weiche Männer können hier ihre weichen Seiten ausleben, oder ganz harte Männer sind die, die in Funktionsbereichen arztnahe Tätigkeiten ausüben. (Ch. Schwamm, Dissertation). Das ist doch kein zeitgemäßes Bild. Deshalb verfehlt die Figur so unfassbar.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Sie meinen, intrinsische Motivation stünde im Vordergrund bei der Berufswahl. Das kann sie sein, aber sie ist es eben auch, die über den Theorie-Praxis-Gap zu so unendlich viel Desillusionierung und letztlich zum Pflexit führt. Werben Sie so, ist die Kampagne nicht nachhaltig.

Pflege stärken bedeutet doch auch, die, die schon Pflege sind, im Beruf zu stärken. Schon die ganz jungen Kollegen bemerken bei dieser Strategie doch, dass das Heim, das Sie zeigen, mit der Realität nichts gemein hat. Was also nutzen Azubis, die uns schreiend weglaufen, wenn die Erwartungen sich nicht erfüllen?

Was ist Pflege, Frau Dr. Giffey?

Gerade diese Frage lässt sich Gottseidank nicht beantworten. Es gibt 1 Million Menschen mit den unterschiedlichsten Motivationen und Rollenvorstellungen. Das Coole an Pflege ist, dass eigentlich jeder seine Nische finden kann, in der er in ganz diversen Bereichen ganz verschiedene Tätigkeiten ausüben kann. Pflege ist bunt! Auch diesen Aspekt habe ich vermisst. Wir sind große Teams mit Menschen aus allen Nationen, aus allen Religionen. Wir feiern verschiedene Feiertage zusammen, wir sind interkulturell, wir lernen voneinander, wie diverses Zusammenleben funktioniert. Wir haben schon Sucuk gefrühstückt, als Sucuk noch uncool aber lecker war. Wir sind seit den 1970ern multikulturelle Teams, lernen verschiedene Frauenbilder und -rollen kennen. Wir arbeiten mit Menschen aus aller Herren Länder, wir pflegen Promis und Eliten, wir haben Tempo. Wir sind digital und kannten eine Matrix lange vor dem Film. Wir arbeiten zu solch unfassbaren Uhrzeiten, wir kennen quasi keinen Stau! Wir können über unsere Monitore mit Menschen in Narkose kommunizieren! Wir haben fast so viel Technik an Bord wie ein Raumschiff. Wir können auf den ZNAs visuell mehr Drogenkonsum auseinanderhalten, als die Szene (und wir beide kennen Marzahn und das Urban!). Wir sind die, denen man Geheimnisse anvertraut. Wir erleben die schrillsten Dinge, vom Sexunfall bis hin zu Tragödien, die uns nicht mehr loslassen. Pflege ist vom Stationsdienst über den MDK bis hin zum Professor für Pflege 1000 Berufe in einem. Nur, im Gegensatz zu irgendwelchen Computerspielen sind unsere Grafiken besser, realer und wir retten Leben damit. Wir bewahren. Oder, wie der Engländer im NHS sagt: we serve! Und das alles sind für Sie Dinge, die Sie nicht kommunizieren, und dafür führen Sie eine Boris-Skala der Idiokratie ein? Bitte lassen Sie uns reden. Wir helfen Ihnen gerne.

Ein Kommentar zu „Ans BMFSMJ

  1. Kommentieren: Ehrensache.

    Ich war so frei und kommentierte die Youtube Clips „Ehrenpflegas“

    Wird zwar nichts bewegen, aber zeigt ein sich regen.

    Ein Miniaturspektakel auf 1000 Pflegeplateaus
    wenn es denn 1000 Pflegeportalen gäbe, die agierend reagieren.

    – und ja, liebe Monja: sogar beim Kommentieren und Parrieren
    sind unsere Kolleginnen meistens zu sehr softy und wagen es nicht
    als „Dwarslooper“ wahrgenommen zu werden.

    LG

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