Migration und Pflege. Oder: Als Salvatore nach Hause ging

Ich komme aus einer Pflegedynastie. Das bedeutet, dass schon immer der eine oder andere gepflegt hat. Schon meine Uromas in Lazaretten, die eine sogar mit besonderen Fähigkeiten, die mit Kräutern zu tun hatten. Das war zu Zeiten, als man darüber am Besten nicht sprach. Mein Großvater war Pfleger, Einjähriger, in den 1970ern umgeschult worden. Ich bin Pflege, meine Kinder sind Pflege… bzw. Anrainerberufe.

In den 1970ern war ich klein. Mein Opa bastelte auf unserem Küchentisch eine riesige Karte. Er war traurig, denn es sollte eine Abschiedskarte werden. Der Abschied wurde im Altenheim gefeiert. Ich habe das nicht so richtig verstanden als Kind. Es war Salvatore, der unbedingt nach Hause wollte. Ich habe nicht verstanden, weshalb alle traurig waren. Ich jedenfalls ging gerne nach Hause, meine Familie kam nach der Arbeit nach Hause. Weshalb Erwachsene das traurig machte, habe ich nicht verstanden. Salvatore hielt es hier nicht aus und zu Hause, das war übrigens in Italien, war er auch gar nicht Pfleger. Ohne es zu wissen, denn wer weiß mit sieben Jahren schon, woran er gerade teilnimmt, habe ich also die erste Welle Pflegenotstandsoffensive und ihre Auswirkungen, sowie das mitbekommen, was man „Gastarbeiter“ nannte. „Nach Hause gehen“ bedeutete damals, dass man sich nie wiedersehen würde. Denn wir in Neukölln hatten damals weder Handy noch PC, noch EasyJet. Und der Süden, wo Salvatore nach Hause ging, der hatte zwar Telefon, aber diese Gespräche hätte sich niemand leisten können.

Zu dieser Zeit gingen viele wieder „nach Hause“. Südkoreanerinnen, die ausgebildete Krankenschwestern waren, flüchteten vor den deutschen Kliniken nach Hause, wo sie ihre Arbeit nicht so machen konnten, wie sie sie aus Südkorea gewohnt waren. Manche blieben. Ich wusste bis vor Kurzem nicht viel über Rassismus in Kliniken.

Als ich in die Welt der Klinik eintrat, war ich ein Teenie und hatte von der Welt entsprechend nicht viel Ahnung. Ich glaube bis heute, dass man die Welt am Besten über das Essen verstehen lernt, wenn man die Landschaft nicht sehen kann. Und ich betrat die Welt naiv und neugierig. Damals, ältere erinnern sich vielleicht, war die Putzfrau nicht outgesourced. Sie gehörte zum Team. Als Stationshilfe. Damit unterstand ihr die Küche. Und, missverstehen Sie mich nicht: Ich weiß, es ist ein Stereotyp, dass die erste Generation der türkischen Frauen Reinigungspersonen mit Kopftüchern waren. Aber Sie missverstehen die Situation auf der Inneren Station vollends, wenn Sie Fatma nicht gekannt haben. Fatma putzte, das ist wahr. Fatma briet Sucuk zum Frühstück und das roch und duftete über den ganzen Flur, bis sich Leute beschwerten. Wer sich beschwerte, der bekam es mit Waltraud zu tun. Das war die Oberschwester. Uns glauben sie mir, Sie WOLLEN sich nicht mit Waltraud anlegen. Zum Frühstück gab es also oft Knoblauchwurst mit Ei und die wichtigste Lektion war etwas, dass sie – kein Scherz!!!- heute noch auf Managementseminaren lehren! MAN LÄUFT NICHT DURCHS FRISCHGEWISCHTE! GEFÄLLIGST! Man behandelt alle mit Respekt. Ehrlich. Das lehren die heute Managern. Manchmal duftete es lange nicht nach Wurst. Und Fatma hatte keine gute Laune. Das war die Zeit, in der wir lernten, was Ramadan ist, wie Zuckerfest schmeckte. Fatma sprach nicht gut Deutsch. Aber wir sprachen bald etwas Türkisch, stotterten „Günaydin“, verhaspelten uns bei „tessekür ederim“ und irgendwie war das ziemlich gut, denn bald lachten auch türkischstämmige Patienten mit uns. Wir lernten zählen. Vor ein paar Tagen sah ich im Internet, dass es jetzt Kurse für Kliniken gibt. „Muslime verstehen“. Ich dachte, das liegt daran, dass die Kommunikation heute nicht klappt. Was mag geschehen sein, wenn die Kollegen nicht mehr erklären, weshalb so viele Menschen zu Besuch kommen können und wie man die Situation erklärt?

Später waren meine türkischstämmigen Kollegen nicht mehr alleine Reinigungskräfte, sondern Krankenschwestern. Sie brachten uns Schulterwackeln bei und Bauchtanz, das konnten wir auch von den Kollegen aus Marokko lernen. Die wiederum verstanden sich phantastisch mit unserem Schullehrer, Herrn Pruneau, der aus Frankreich kam. Er war Hygienefachpfleger und schwerst im Culture-Clash mit den Deutschen, weil die kein Bidet kannten. Oh la la!! Das hat dazu geführt, dass ich nie versucht habe, mir im Hotel die Füße damit zu waschen. Ja, es gab Glaubenskriege. Und zwar darüber, ob Baklava mit viel oder wenig Zuckersirup das einzig Wahre war. Ja, es gab Kollegen mit Kopftüchern. Das entsetzte uns zutiefst! Weil? Wir bis dahin nur die Variante kannten, sich die Enden unterm Kinn zu verknoten, was immer ein bisschen aussah wie die Hexe Schrumpeldei. Wir mussten eh alle die Haare hochstecken. Was scherte uns also ein Kopftuch? Nix. Hatice machte es nichts aus, Heiligabend Spätdienst zu machen. An dem sie trotzdem mit Lebkuchen überhäuft wurde. Wir nahmen Rücksicht auf die Ramadanzeit und lernten, dass die meisten Feiertage flexibel sind.

Und entdeckt wurde ich von Hong-Soon. Die war aus Korea und lange Zeit im Herzkatheter gewesen, wie so viele von den akademischen Pflegern aus dem Ausland. „Das hier ist nichts für Dich!“sagte sie beim Betten zu mir und organisierte mir einen Hospitationstermin. „Du bist zu schlau!“ Ich verliebte mich auf der Stelle. Sie hatte Recht. Kathetern machte Spaß. Jahre später verstand ich, weshalb sie aufgehört hatte. Nach zig Judgins links und rechts….

Bis heute kauft meine Familie keinen Glasnudelsalat, denn Tamika, die sich mit Hong-Soon darüber nie ganz verständigen konnte, brachte uns bei, was ihrer Meinung nach in diesen Salat gehörte. Bis zu dem Tag hätte ich Koriander nicht von Petersilie unterscheiden können. Wir kannten also nun die kleinen türkischen Läden, wo wir selbst Knoblauchwurst und Knotenkäse einkauften und entdeckten bald auch unsere Liebe zu – oh bitte, hassen Sie mich nicht – Instantnudelsuppen aus dem Asialaden. Später wurde die abgelöst durch unser Liebe zu polnischen Bonbons, die nur nach grauer Zuckermasse aussehen, aber im Mund süß explodieren. Wohl dem, der eine polnische Stationsschwester im Umfeld hat.

Es gab sprachliche Aushandlungsprozesse. Nach 1989. Wir nannten es Braunüle, „die“ nannten es „Flexüle“. Gottlob kam irgendwann die Viggo auf. Eine schwarze Kollegin erzählte mir, wie sie als Kind König Haile Selassie gesehen hatte. Und jedes Mal, wenn wir Brot wegwarfen oder unachtsam mit Essen umgingen, dann sagte sie „Liebchen!“, seufzte und erst später sollte ich verstehen, dass es in anderen Ländern Hunger gab. Dass sie lange sparen musste, um „nach Hause“ zu fliegen und das Geld, das sie für diesen Flug ausgab, dort sehr lange für Essen gereicht hätte, das wir achtlos wegwarfen. In Äthiopien. Und dass Tee eine vollständige Mahlzeit sein kann.

Ja, es gab alte Menschen, die versucht haben, diese Kollegen zu diskriminieren. Ich weiß heute, dass es auch damals schon rassistische Tendenzen auf den Stationen gab. Aber ich weiß, dass ich mehr von meinen Kollegen über die Welt gelernt habe, als ich es ohne sie gekonnt hätte. Und ich wünschte mir, es gäbe mehr von migrantischstämmigen Geschichten, von Culture-Clashs der Pflege. Von voneinander lernen. Denn das ist einer der coolsten Aspekte der Pflege. Wir sind und pflegen Menschen. Uns ist egal, woher sie kommen. Und dafür hätte ich nichtmal einen Codex gebraucht.

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