Über Pimmelnasen und die ersten infizierten Kollegen in der Abstrichstelle

Die erste Kollegin aus unserer Corona-Untersuchungsstelle ist seit letztem Wochenende infiziert und erkrankt. Sie hat hohes Fieber. Sie kann nicht gleichzeitig essen und atmen, und sie lebt allein. Sie ist Anfang 50, ein paar Jahre älter als ich. Und sie sagte mir grade, dass sie Sorge davor hat, ins Krankenhaus zu müssen, wenn die Atmung so schlecht bleibt, wie sie grade ist. Das war vor 10 Minuten. Ein paar WhatsApp-Nachrichten, hin und her. 

Ich habe ihr gesagt, dass sie sich um Gottes Willen melden soll, wenn ich irgendwas tun kann. 

Dass unsere Chefin mir heute morgen erzählt hat, dass sie jetzt nachts das Telefon mit ans Bett nimmt, damit sie bloß nicht verpasst, falls die Kollegin sich akut verschlechtert und sie dann anruft. 

Wir rätseln alle, wo sie sich angesteckt haben könnte. 

Grade diese Kollegin ist sehr genau, achtet sehr darauf, sich zu schützen, ist nie ohne Maske unterwegs, auch wenn sie Abstriche macht, immer mit zusätzlichem Augenschutz, doppelte Handschuhe, FFP2-Maske, Virenschutzkittel, ständige Zwischendesinfektion, natürlich auch, wenn sie angehustet oder angefasst wurde. 

Eigentlich ist unser Arbeitsplatz einer der sichersten: wir haben genug Schutzkleidung und – Vorrichtungen. Niemand ist leichtsinnig. Die Fenster stehen permanent offen, es herrscht überall Durchzug. 

Und trotzdem ist meine Kollegin jetzt infiziert und es geht ihr nicht gut. Natürlich kann man eine Infektion nie zu hundert Prozent ausschließen, das geht nicht. 

Egal wie gut du dich schützt, es kann immer genau der eine Patient sein, der nun die astronomische Virenlast hatte, der dich aus vollem Hals anhustet, der die Maske eben doch nicht sofort nach dem Abstrich wieder aufsetzt, das kleine Kind, das nach dir schlägt, weil es den Abstrichtupfer in der Nase nicht erträgt…wenn da die Aerosole trotz Durchzug (bei Windstille zB) zu lange stehen bleiben, und du blöderweise grade beim Wechseln der Maske eingeatmet hast (was du natürlich eigentlich nicht tust, aber was immer einfach mal sein kann) – dann kann es passieren.

Und natürlich kannst du auf dem Weg zur Arbeit neben einem dieser unzähligen Pimmelnasen sitzen, die vielleicht asymptomatisch sind und gar nicht wissen, dass sie über ihre Ausatmung permanent  Viren im Waggon verteilen. Wenn von denen nicht nur einer, sondern zwei, drei, vier mit fahren (was im Berufsverkehr keine Seltenheit ist, und übrigens BVG: Eure Kontrolettis bekleckern sich da nicht grade mit Ruhm, weil sie offensichtlich zu konfliktscheu und feige sind, um sich mit Covidioten anzulegen, und deshalb lieber alle Augen maximal zukneifen als einen von denen tatsächlich mal zur Kasse zu bitten) und vielleicht noch der eine oder andere Corona-Leugner, der sich provokativ komplett ohne Maske in die Bahn setzt – wenn du da mit einer gewöhnlichen Alltagsmaske auch sitzt, hast du eigentlich schon verloren. 

Ich habe mich immer über die Maskenverweigerer geärgert. Ich habe sie auch verschiedentlich angesprochen. 

Ich habe auch Menschen angesprochen, die Pimmelnase trugen. 

Die Reaktionen waren nie sonderlich aggressiv, eher haben mich die Angesprochenen belächelt, oder sie haben genervt die Augen gerollt, womit ich sehr gut zurechtkomme. Aber ehrlich: jeder einzelne dieser Menschen, von denen täglich ich weiß nicht wie viele mit ÖPNV unterwegs sind, könnte derjenige sein, der meine Kollegin oder eine andere Pflegefachfrau angesteckt hat. 

Jeder von denen könnte einer von denen sein, der für den Tod einer der 106 Kolleg:innen durch Covid-19 verantwortlich ist. 

Jede Pimmelnase ist ein Zurschaustellen der eigenen „Arschlecken“-Mentalität, der eigenen „Mirdochegal“-Einstellung gegenüber Anderen, die deine absolut unwichtige Befindlichkeit über die Gesundheit und im schlimmsten Fall über das Leben meiner Kollegin stellt. 

Und ich kann überhaupt nicht sagen, wie sehr ich diese Wurschtigkeit verachte. Ich möchte jedem Einzelnen von ihnen Fotos der verstorbenen Kolleg:innen zeigen. Ich möchte jedem Einzelnen die Nachrichten meiner Kollegin aus Italien vorlesen, die sie mir in der ersten Welle aus Norditalien geschickt hat. 

Und nicht zuletzt möchte ich jedem einzelnen von denen meine volle grade Rechte zwischen die Zähne schlagen. Das überlebt man wenigstens. 106 Kolleg:innen haben Covid-19 nicht überlebt. 

Und meine Kollegin? Ist jetzt infiziert. Ich hoffe, sie hat einen milden Verlauf. Und überlebt.

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