Systemrelevant Händchenhalten. Ein Jahresend-rant ;-)für Pinar Atalay und die Tagesthemen

Tagesthemen am 30.12.2020. Pinar Atalay dankt. Wie man das so am Jahresende macht. Sie dankt den Held*innen, die in Altenheimen den Menschen die Hand hielten. Und ich denke mir: was nur läuft bei den Leuten falsch?

Was da geschehen sein mag, kann man sich nur erahnen. Vielleicht kam der Chefredakteur 10 Minuten vor der Sendung zu ihr und sagte: „Pinar! Gleich machst Du […]“ und Pinar ballte freudig die Hände progressiv und dachte motiviert „FAKTEN! INVESTIGATIV! GRÜNDLICH!“ „[…] die Dankesrede an die Pflegekräfte!“ und Pinar blieb nach dem „Fuck!“ der Rest im Kopf stecken. Könnte ich sogar verstehen, weil das nun nicht der Superauftrag ist. Ich weiß nicht, weshalb Fairmedia für Pflege nicht klappt, weshalb wir da auf Händchenhalten reduziert werden und der Heldenmythos bemüht wird, wo bereits 133 Helden so tot sind, wie es Superwoman selbst in den 1990ern nie war. Vielleicht denken Menschen wie Pinar Atalay auch, dass es reicht, Held*Innen und Händchenhalter*Innen/Händchenhalter_Innen/Händchenhaltenden auf seinem Paper ordentlich zu gendern und dann wäre der sozialen Gleichheit Genüge getan. Vielleicht ist es dann nicht so schlimm, der Berufsgruppe einfach mal so übelst abwertenden Klassismus, garniert mit berufsdiableistischem Schmalz zu servieren, der 1, 3 Millionen Frauen einfach so in die Karrierefresse haut. Vielleicht ist das so, wenn man Karriere gemacht hat, dass man alle anderen für ein bisschen dämlich hält. Zu blöde für Kompetenz, aber gut genug für Händchenhalten. Mir erschließt es sich nicht, dass man für Deniz Yücel Menschenrechtsverletzungen erkennt, für Millionen Alte und Senioren nicht. Ist das Wohlstandsverwahrlosung? Rohheit? Ich weiß es nicht. Frau Atalay ist da auch nicht alleine. Auch Politik bemüht das Geschwafel vom Händchenhalten der Pflege, spickt den emotional aufgeladenem Schrott dann auch mal mit „die Stirn kühlen“. Aber viel spannender, als die Beobachtung, dass es im Öffentlich-rechtlichen einfach superwurstwumpsegal ist, wie Pflegefachpersonen im Beruf heißen, was sie tun: was wäre, wenn die Leute recht haben?

Wenn Pflege Händchenhalten ist, was stellen sich diese Leute dann vor, wie so ein Tag abläuft? Da kommst Du morgens zum Dienst und ergreifst die ersten Hände, spendest Trost am Fließband wie ein Superstar die Hände seiner Fans von der Bühne aus berührt. Da jeder weiß, dass es Pflegenotstand gibt, hältst Du Hände im Akkord, schwitzend, mit schwarzen Krümelchen, bist völlig exhausted (heute ist man nicht mehr platt wie ein Fahrradschlauch, man ist heute exhauuuuusted) und kannst den Ansturm der Hände einfach nicht mehr bewältigen. Die Übermenge an Patienten, 150 Paare versorgst Du in der Nacht, greifen, grabschen, haschen und zerren an Dir wie Zombies im Apokalypsefilm auf der Suche nach dem manuellen Trostspender, der ihnen aus Zeitmangel die schweißige Hand verwehrt.

Trostsuchende Hände im Pflegenotstand. Der Händchenhaltendendenden gibt es zuwenig! Man verzweifelt

Wie viele Kollegen haben sich auf diese Art und Weise abgearbeitet? Vom ganzen Händchenhalten bluteten ihnen die Finger, die Haut fiel ihnen in Fetzen runter und endlich, ja endlich, waren sie so abgegriffen, die trostspendenden Hände der Liebesdienerin, wie der Fuß der Petrusstatue im Vatikan. Die abgegriffenen Stümpfe, eine gruselige Mischung aus einem Paar Pinguinflossen und Bernd das Brot, wurden zum Betriebsarzt geschickt, der dann die Berufsunfähigkeit aussprach. Und letztlich: fordern wir nicht alle, es müssen endlich mehr Hände ans Krankenbett?

Machen wir nicht selbst ein Gewese und Händehygiene? Regten wir uns nicht auf, als sie uns literweise Sterilium klauten? Begann nicht damit das ganze Coronaleid, weil wir einfach keine Hände mehr halten konnten? War das nicht der Beginn der kalten Hand am Nachttopfrand? Wetterten nicht gerade österreichische Ärzte gegen die Expansionsbestrebungen der Pflege, dass man meinen könnte, sie hätten Pflege bei der Flucht gleichwie in Handsmade Tale ertappt? Desdoktor auf der Flucht? Ist es nicht so, dass man ein glückliches Händchen bei der Pflege braucht?

Haben Sie auch ein glückliches Händchen zum Händchenhalten? Pflege kann jeder!

Was macht es schon, dass dieses Narrativ weder Rücksicht auf Person, Körper und Mensch nimmt? Pflege als schiere Händchenhalter sind die Lösung. Das eiskalte Händchen (im Englischen The THING) macht und hält alles. Nicht nur Hände, sondern vor allem den Mund. Und genau das wünscht man sich von Pflege so. Endlich wären auch die ätzenden Suchen nach Imagekampagne vorbei. Vorbei das Gelächel und Gesäusel. Endlich ginge Rekrutieren ganz einfach.

Suchen eiskaltes Händchen zum Händchenhalten

Auch die Digitalisierung würde dann endlich voranschreiten und die Robotik. Statt die ewig nörgelnden Pflegekräfte zu ertragen, würden im 100 Patienten-Saal einfach Hände aus der Decke fallen wie sonst Sauerstoffmasken bei Druckabfall aus der Flugzeugkabinendecke. Dann endlich könnten alle Händchenhalten. Wer braucht schon den Rest von dem, was die da können, von dem wir nicht wissen, wie sie heißen und was sie machen?

Die Ausbildung würde sich stark verkürzen. Statt teurer Bücher würde ein Einblatt zur Demonstration reichen, wie die hohlen Fritten der Pflege Hände halten müssten. Alles wäre so viel einfacher.

Ausbildung, 3 Jahre lernen, Hände zu halten

Pflege? Das Zeug braucht keiner. Was man braucht ist, Robotik und Journalismus. Der nämlich ist immer faktenbasiert, respektvoll, die Stimme der Bevölkerung, mit Druck auf Menschenwürde. Und nun geht, und haltet Hände. Und endlich den Mund!

Das narrativ vom Händchenhalten kommt übrigens aus dem 19. Jahrhundert, als adelige Frauen ohne Skills zum Trost am Krankenbett standen.
Wer hofft, das sei noch heute so, entwertet 3 Jahre Ausbildung und tritt kompetenten Menschen in den Arsch!

Ein Kommentar zu „Systemrelevant Händchenhalten. Ein Jahresend-rant ;-)für Pinar Atalay und die Tagesthemen

  1. Ich glaube das wiederholte Klischee vom Händchenhalten ist der missglückte Versuch der Gesellschaft unsere Profession anzuerkennen. Diese kann sich unter dem Pflegeberuf nur Dinge vorstellen, die mit Ausscheidungen zu tun haben und versucht ihn durch die emotionale Komponente irgendwie aufzuwerten.

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