Das Positionspapier Pflege der Grünen. „Yes, we care!“ ?- NO! You don’t!

Vor ein paar Tagen überreichte mir Katharina Schulze auf Twitter stolz das Positionspapier der Grünen zur Pflege. Ich brauchte 3 Minuten, um es durchzulesen und fand: nichts. Nichts Sinnvolles. Aber gehen wir es doch gemeinsam durch.

„Yes we care!“ schöne Grüße an das „yes we can“ von Obama. Passt schon zum Atomwaffenshopping, das Grün jetzt treibt, aber was weiß ich schon?

Das Cover ist alleine schon geeignet, jeder Pflegefachkraft die Zornesröte ins Gesicht steigen zu lassen. Man muss nicht Kunstgeschichte studiert haben (hab ich aber), um zur verstehen, worum es geht.

Zitiert wird Superman, der sich das Oberhemd aufreißt, bevor es zum Retten der Welt geht. Das war ja auch logisch. Alle Welt redet vom Coronahelden und auch, wenn unklar bleibt, wer denn nun schon wieder zum Helden gemacht werden soll oder wer sich zum Helden macht, stechen die Farben Pink und Grün hervor. „Yes we care“ steht auf pinkfarbenem Grund und wie schon immer bleibt offen, wer dieses „wir“ eigentlich ist. Auch Ramelow (Linke) bemühte ja das „wir“, als er davon sprach, dass „wir“ uns um die 20% schwerkranken Pflegenden kümmern könnten. Wenn mit „wir“ = wir sorgen uns um Pflege gemeint ist, ist das schwer in die Hose gegangen. Auch das Cape des Helden/der Heldin ist rosa. Und auch die Fingernägel sind lackiert. Hier wird (weibliche) Pflege mit Grüner Politik im Heldenmythos gemischt. Diese Adaption ist eine Hybris, denn geopfert (unfreiwillig) haben sich bislang nur Pflegende. Der Held stirbt gerne mal, er arbeitet umsonst und deshalb braucht er auch zwei Jobs (Superman arbeitete bei der Zeitung, weil man vom Heldentum nicht leben kann). Niemand aus der Pflege will Held sein. Dafür hätte man aber vielleicht statt seiner eigenen Projektionen mal die Tagespresse lesen müssen. Also unterm Strich: Die Grünen wollen so tolle Helden sein wie Pflege und Pflege ist Held und alles ist eins. Pink wird für Frauen bemüht. Eigentlich ein Fall für die Rosa-Hellblau-Falle. Aber nicht nur die Symbolik ist von gestern

Die große „Reform“ kommt auf 17 Seiten daher. So schnell geht Reform also. Von der sind Einleitung und alles abseits Profipflege abzuziehen, dann bleibt nicht viel.

„Richtungswechsel in der Pflege“

Es wird beschrieben, dass es nun eine generalistische Ausbildung gäbe und das Schulgeld wegfalle. Man könne studieren. Ja, das wissen wir bereits. Neu wird es bei der Altenpflege.

„Die alten Abschlüsse in der Gesundheits- und (Kinder-) krankenpflege und Altenpflege bestehen weiter fort, allerdings wurden in der Altenpflege die Anforderungen gegenüber den anderen Ausbildungsab- schlüssen heruntergesetzt. Wir wollen das Ziel der Pflegeberufereform, die Ausbildung zur Alten-, Kinder- und Krankenpflege gleichwertig zu gestalten, umsetzen. Wir treten deswegen dafür ein, dass das abge- senkte Qualifikationsniveau bei einer eigenständigen Ausbildung in der Altenpflege geändert wird. Denn die Ausbildung zur Altenpflege wurde aus dem Konzept der Generalistik herausgerissen. Sie kann weiter- hin eigenständig, mit einem deutlich niedrigeren Kompetenzniveau separat weitergeführt werden. Aus un- serer Sicht hat das nichts mit Attraktivitätssteigerung in dem Berufsfeld zu tun. Zudem ist dieser Abschluss nicht europaweit anerkannt, wie der Abschluss der Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann. Wir wollen, dass die erstmals gesetzlich festgeschriebenen Vorbehaltsaufgaben ebenso in der Altenpflege gelten und auch die wissenschaftliche Untermauerung in der Altenpflege muss vertieft werden.“

Das Problem ist nicht so einfach, wie es dort steht. Denn schon lange hinkt Deutschland der von der EU geforderten 12 Jahre Schulbildung für Pflege hinterher. Nur Deutschland unterscheidet überhaupt zwischen den 3 Feldern. Das liegt daran, dass es einfach nicht so viele Menschen gibt, die den Beruf ausüben wollen. Der Altenpflege wird unterstellt, sie arbeite lieber mit Herz statt Wissen. Der Punkt ist problematisch, aber bekannt. Es muss also die Möglichkeit zum Qualifizierungsaufstieg auch für niedrigere Schulabschlüsse geben oder für Quereinsteiger. Historisch ist das ein Problem. Denn das ist kein Fortschritt, sondern beamt uns zurück in die 1960er, wo der Deutsche Verein Altenpflege definiert hat als Beruf, den ausüben soll, wer nicht so gebildet ist und schulisch für Krankenpflege nicht geeignet ist. Das ist so retro wie eine Schlaghose.

Erfreulich ist, dass endlich akademisiert werden soll. Allerdings kann man die Nachtigall steppen hören. Denn bislang zahlen Pflegestudierende horrende Summen für ihr Studium, weshalb der Satz „Mit uns wird es deshalb eine universitäre Fakultät für Pflegewissenschaft in Bayern geben.“ erstmal wundert. Wer wird die betreiben? Wer verdient daran? Weshalb wird nur eine Akademisierungsquote von 10-20% anvisiert? Es gibt über 50 Pflegestudiengänge. Worum genau geht es hier? Niemand weiß es.

Pflegeexpertise nutzen

Eingesetzt werden Community Health Nurses (=Gemeindeschwestern/Kiezpflege) und Advanced Nursing Practise. Doch konkrete Bedarfszahlen bleiben offen. Es wird von Projekten gesprochen. Ein konkreter Plan steht nicht dahinter. Auch, wo die Leute herkommen sollen, bleibt ein ewiges Rätsel.

Pflegexpertise nutzen hätte so viel beinhalten können. Dahinter verbirgt sich jedoch nur der Ausbau der ländlichen Versorgungsstruktur ohne konkrete Zahlen oder Bedingungen.

Mitspracherecht für Pflegende

Es wird darauf verwiesen, dass in anderen Ländern Pflegende selbst Heil-und Hilfsmittel verordnen (es geht hier um APN), in der Fußnote wird das Dilemma ersichtlich, denn andere Länder akademisieren und so ist das die Aufgabe einer akademisierten Pflegeperson. Jetzt wird es wieder schwammig: „Wir Grüne setzen uns für Rechtssicherheit und Klarheit in der Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten ein. Um auch in Zukunft mehr Eigenverantwortung für die Berufsgruppe zu ermöglichen, ist diese Ausübung dauerhaft zu verankern.“ Wo das zu verankern ist, ob Rechtssicherheit Gebot oder Verbot bedeutet, nichts ist transparent.

Dann geht es um Kammer. Unter dem Mitspracherecht verbirgt sich: nichts. Was Pflege von Kammer zu erwarten hat, hat sie in der Pandemie gelernt.

Personalbemesssung

Nach viel Text, der zeigt, dass die Pflegeberufereform in der Praxis nicht umsetzbar ist, scheint die Lösung, mehr Personal zu wollen, konkludent. Die große Enttäuschung nach vielen Verweisen auf Pflegepersonalbemessungsforschung: es gibt keine Lösung.

Implementiert werden soll PPR 2.0, ein Bemessungsinstrument. Doch das hat eine Geschichte.

Lange, lange Zeit maßen Pflegende (es ist eine Zusatzarbeit, die auf die Pflege noch draufkommt, die eh nicht mehr kann) die PPR 1.0. Jeder Patient wird dabei in Gruppen eingeteilt und es wird geklickt was die Maus hergibt. Hinter den Tätigkeiten, Bedarfen und Ausführungen sind Minutenwerte hinterlegt. Die bilden dann den eigentlichen Bedarf ab. Als es Auswirkungen zeigte, wurde es ganz schnelll eingestampft. Was daran noch schlecht ist? Zuerst ist es ein Instrument, das zusätzlich geleistet werden muss. Dann passiert es, dass die Zeit, die am zu Pflegenden geleistet wurde, oftmals den Stundenrahmen der Pflegeperson überschreitet. Auf meiner ITS (da hieß es TISS), habe ich so in einem Dienst an einem Patienten eine Arbeitsleistung von 12 Stunden gehabt. Was die Verwaltung sagte? Toll. Da kann man mal sehen, was die noch bringen können. Alles Gute. Zudem verspricht PPR2.0 keine akute Entlastung, denn erstmal muss wieder jahrelang der Bedarf gemessen werden, bevor man diskutieren kann, wie der Bedarf dann mit Personal gedeckt wird (und woher eigentlich soll der kommen?). Völlig unbeeindruckt zeigen sich also die Grünen davon, dass Pflege nicht mehr kann, laut internationalen Studien (zu denen Deutschland wohlweislich KEINE DATEN eingereicht hat) mental zusammenbricht und unter PTBS leidet (es wurden Pflegende stationäre aufgenommen, aber wo keine Daten, da sind keine Probleme, das ist ja schön einfach). Es ist davon auszugehen, dass Long-Covid bei Pflege, PTBS, Depressionen, Burnout durch Covid zu einem beispiellosen Pflexit führen wird. Und was machen die Grünen? Hängen die Aussicht auf bessere Zeiten nach einer jahrelangen Messung den erschöpften Pflegenden wie einem müden Esel die Möhre am Stock vor die Nase, damit er weitertrabt. Das ist also „Pflege stärken“? PPR 2.0 sind lediglich neue Minutenwerte. Bislang ohne Erfassung und damit: keine Hilfe. Nur mehr Arbeit.

Dazu kommt, dass Pflege wieder nach Verrichtung gemessen wird. Wieder Taylorisierung. Dass es einen Pflegeprozess und Beziehungsarbeit gibt, fällt bei verrichtungsbezogener Messung völlig weg. Genau diese beiden Elemente aber sind DIE Pflege, die Pflege ausmachen, wenn wir von Qualität sprächen. Pflege bleibt also Fließbandarbeit. Da ist das Abo auf mental Health Krankheiten schon drin.

Meisterbonus
2000 Euro soll Weiterbildung einmalig dem Absolventen bringen. Dass der aber vorab viel mehr Geld in seine Weiterbildung gesteckt hat? Uuuups! Vergessen

Digitalisierung

Ja, jede Lobby muss bedient werden. Ich habe mich schon dazu ausgelassen, dass Digitalisierung im Pflegebereich nach Neurologen ein Gefahrenpotential für Pflegende darstellt, da sie ihrer Resonanz beraubt werden (Mabuse 2020) und weitere Burnouts/Pflexits/Berufsunfähigkeiten drohen. Ja, aufgrund Digitalisierung! Doch statt das ins Arbeitsschutzgesetz aufzunehmen und Richtlinien dafür zu präsentieren, wird die Digitalisierung fröhlich vorangetrieben. Die Gefahr wird dabei völlig ignoriert.

Gesundheit

Ganz im Sinne Westerfellhaus Beratungsprojekt, der Beraterfirmen dafür anheuern möchte, Pflege einmal beizubringen, wie sie richtig führt, damit die MA gesund bleiben, sprechen sich die Grünen aus (ein Schelm, wer die kommende Grün-Schwarze Freundschaft hier schon sieht). Pflege ist also nur zu doof zum Führen und braucht Beraterkompetenz (die viel, viel Geld kostet). Dass Pflege durchaus durch Studium und Weiterbildung bereits diese Kompetenzen erworben hat und nur nicht umsetzen kann, weil sie systemisch daran gehindert wird? Egal! Weitere Millionen werden also in Beraterfirmen versenkt, und die Pflegeführung zum Sündenbock gemacht. Dass aber gleichzeitig bad Leadership (ich schrieb drüber) durchaus die Regel ist, dass systemische Probleme nicht im mittleren Management angegangen werden können? Spielt keine Rolle. Die Schuld an allem haben ab nun die PDLs dieser (schönen neuen schwarz-grünen Pflege-)Welt, die einfach zu doof zum Führen waren. Alles klar.

Gewalt

Ja, Schutz von Gruppen? Unbedingt dafür. Wer vergessen wurde? Gewalt gegen Pflegende. Sie findet bei den Grünen einfach nicht statt.

Magnetkrankenhäuser sollen gefördert werden

Problem? Es gibt in Europa bislang nur eins. Das ist in Belgien.

Das alles ist unbefriedigende Politik und keine „Pflege nach Corona-Politik“ Es offenbart sich, dass über Pflege jeder 17 Seiten reden kann. Verstehen aber wohl niemand.

Danke für nichts.

Ein Kommentar zu „Das Positionspapier Pflege der Grünen. „Yes, we care!“ ?- NO! You don’t!

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