Führen in der Pflege: eine Kultur der Angst

Vor ein paar Tagen begleiteten wir einen Azubi auf Twitter, der folgendes Problem hatte: er bekam keinen Dienstplan und musste täglich fragen, wie er am nächsten Tag arbeiten solle. Das ist natürlich ungesetzlich, aber er traute sich nicht so recht dagegen an, denn ganz unverblümt hatte die Station ihm gesagt, wenn er aufmucken würde, würde er das bei der Note auf seiner Beurteilung sehen und das wäre für das Examen sicher nicht so schön. Er hatte einfach Angst.

Auf einer Psychiatrie sind die Fixierungsleitlinien ausgesetzt. Patienten werden fixiert. Kein Personal da. Die Gewalt ist beidseits. Pflege wurde zusammengeschlagen. Der GF droht mit Klage und Kündigung jedem, der das nach außen kommunizieren wird.

Daneben gibt es den Fall der Kollegin aus Hamburg, die gekündigt wurde, weil sie über die Mißstände in ihrem Konzern aufmerksam gemacht hatte. Was ist da los und woran liegt das?

Deshalb möchte ich Euch die Geschichte meiner Abteilung erzählen, auf der ich jahrelang tätig war. Eine riesige ZNA in einer großen, großen Stadt. Die Geschichte mit Klinik und Namen zu erzählen, ist mir bis heute vertraglich verboten und die Klinik hat uns damals „viel“ Geld gezahlt, um dieses Versprechen zu bekommen. (Völlig unabhängig davon möchte ich Euch sagen, wenn Ihr mal einen Unfall habt, könnt ihr in ein Krankenhaus in Berlin gehen.)

Unser Stationsleiter war der liebste und beste Mensch auf der Welt. Hätte er das alles überlebt, würde er heute an unserer Seite kämpfen, Phantastillionen Follower auf allen Kanälen haben. Aber das hat er nicht. Er war der klügste und versierteste Retter, Gipser, Verbinder, Anleiter, fair, integer und sozial kompetent. Aber manchmal, wie aus heiterem Himmel, brüllte er uns an. Das war unangenehm und passte nicht zu ihm. Irgendwann kam er zu mir in den septischen OP und schrie, weshalb die Sterikisten noch nicht eingeräumt seien? Es war kurz nach 10:00 und er war gerade aus der morgendlichen Leitungsrunde gekommen. Ich sagte: „Na? Hat er da oben Euch wieder angewiesen, jeden Tag einen zusammenzuscheißen? Mach ruhig, ich kann das ab. Gehen wir nachher was essen?“ Er schaute betroffen und er brüllte nie wieder. Stattdessen geschah etwas anderes. Es wurde nun richtig unangenehm.

Wir waren durch unseren Pflegedirektor, den es heute nicht mehr gibt, ein gerütteltes Maß an Gewalt gewohnt. So sehr gewohnt, dass wir nicht wagten, uns zu wehren, wenn er uns zur Fingernagelkontrolle in Reih und Glied antreten ließ wie beim Militär, unsere Unterwäsche kontrollierte und – irre – uns Arbeitszeit abzog, weil wir mit unseren Chipkarten ein Polytrauma in den OP per Fahrstuhl gefahren hatten. Den Weg runter rannten wir dann durchs Treppenhaus, weil das schneller ging. Aber er machte daraus, wir hätten im OP Kaffee getrunken und Pause gehabt und zog uns die Zeit, bis zur nächsten HOCHfahrt, die er als Abwärtsfahrt interpretierte, von der Zeit ab.

Essen und trinken war auf dem Gang verboten und nur in der Pause erlaubt. Wir hatten knapp 200 Patienten am Tag und waren heillos unterbesetzt. Pausen gab es für uns schon lange nicht mehr. Und so kamen wir 8,5 h am Tag nicht zum Essen oder Trinken. Nicht alle hielten das aus. Täglich schlenderte er über den Flur und versprühte Angst wie andere Charme. Man hörte ihn am Schritt. Eines Tages hielt meine Kollegin Petra es nicht mehr aus, rannte in den Pausenraum und holte sich einen Apfel. Sie sah schon übel aus, hatte Durst und konnte nicht mehr. Gerade, als sie in den verdammten Apfel biss, hörte man die Schritte. Was dann passierte, war alles eins. Der Apfel flog durch den ganzen Flur, klatschte an die Wand, splashte durch den Flur, Petra wurde noch weißer, der Pflegedirektor bog um die Ecke, sah das Malheur und brüllte wie von Sinnen. Er hatte nicht ausmachen können, wer da was warf und stauchte uns zusammen wie Kinder. Aber wir antworteten nicht, denn das hätte Petra die Stelle gekostet. Nichts gesehen, viel los hier. Petra schickten wir danach weinend nach Hause.

Ein anders Mal trennte sich eine Kollegin. Vielmehr hatte sich ihr Freund von ihr getrennt und ihr Leben war ein Scherbenhaufen. Sie weinte viel, kam aber arbeiten, um „das Team nicht alleine zu lassen“. Ihr kennt das. Sie wurde dünner und bekam leichte Augenringe. Aber sie machte ihren Job wie immer. Sie sagte, das sei ok, es lenke sie ab. Bei einem seiner Kontrollgänge sah er sie an und befahl ihr, sofort in sein Büro zu kommen. Sie kam weinend und schluchzend und völlig aufgelöst eine Stunde später wieder runter. Augenringe, sagte er ihr, seien definitiv ein Zeichen, dass sie drogenabhängig sei. Leugnen sei zwecklos. Alle Drogenabhängigen wie sie würden es leugnen. Sicher hätte sie auch gestohlen. Er erwarte einen Therapiebericht, sonst würde er sie kündigen. Das war unfassbar absurd, weil sie nie auch nur irgendwelche Anzeichen hatte. Es ging ihr mental einfach scheisse, sich neben der Stelle eine Wohnung suchen zu müssen und dazu noch den Trennungsschmerz auszuhalten. Es bliebt ihr nichts. An ihren freien Tagen musste sie zusätzlich nun einen Drogenberatungstermin wahrnehmen. Nach Wochen der Gespräche und der Anamnese ( sowas dauert ja schon, bis man einen Termin bekommt), hatte sie den Zettel, dass sie eindeutig keine Abhängigkeitsproblematiken habe. Sie hat die ganzen Wochen vor Angst funktioniert wie ein Uhrwerk, war reaktiv depressiv und völlig am Boden.

Dann begannen die Versetzungen. Jeden Tag wurde ein anderer abgezogen und auf eine fremde Station geschickt. Die anderen, die unten verblieben, mussten seine Arbeit mitmachen. Das erfolgte völlig willkürlich. Man wusste nie, wen es warum an welchem Tag erwischte.

Dann kam der Tag, an dem der Direktor unseren Chef zu sich holte und ihn von „der Leitung entband“. Unser Chef kam runter, zerrte uns zur Seite und sagte uns schnell, wen es noch erwischen würde. Es waren sicher 6 Mann, einschließlich mir. Ohne Grund und ohne Vorwarnung wurden wir versetzt. Wir hatten nichts verbrochen, wir hatten keine Fehler gemacht. Unser Chef hatte lediglich diese Angstkultur unterbrochen und sich geweigert, sie durchzuziehen. Dafür wurde nun jeder bestraft, den der Direktor in seinem Umkreis wähnte. Wir mussten nach den Nachtdiensten bleiben, „für ein Gespräch“, das oft erst am Nachmittag stattfand. Wir waren müde und erledigt, schliefen dadurch beim Fahren fast ein, konnten unsere Kinder nicht mehr aus der Kita holen oder bringen. Es war eine Zeit der puren Willkür und Gewalt. Wir alle gingen. Was damals nicht so einfach war, denn es wurden kaum Stellen besetzt. Die Station machte natürlich nie wieder „Ärger“, alle waren vor Angst wie gelähmt.

Der Direktor bekam einen Preis für seine Innovative Führung vom/ durch den DBfK und ich rede seitdem nicht mehr mit dem Verband auch nur ein Wort.

Es sind noch tausend andere Dinge passiert und irgendwann konnte ein Betriebsrat, den es damals noch nicht gab, das alles aufrollen. Der Typ leitet heute kein Krankenhaus mehr, soweit ich weiß.

Ja, das war ein spezieller Fall, aber Strafversetzen, Kündigen, Angst verbreiten, emotional erpressen („Dann bist DU schuld, wenn unsere Patienten nicht versorgt sind“), Macht über Dienstpläne ausüben, Drohen… all das sind bis heute gängige Praxen in Kliniken. Wer dabei ertappt wird, dass er den Mund aufmacht, dem kann es übel ergehen. Ihr müsst verstehen, dass nichts davon Eure Schuld ist. Aber Ihr müsst auch verstehen, dass Ihr das nicht hinnehmen dürft. Viele sagen mir offen, dass sie im Blog nicht genannt werden wollen, weil sie Angst vor Repressionen haben.

Bad Leadership wird in der Pflege gefeiert. Es kann auch offen kommuniziert werden, es wird von en einschlägigen Medien sogar unterstützt, indem sie die Profile der Leader so transportieren. Mir sagen tatsächlich Leute, sobald sie in bestimmten Medien ein „Führungsprofil“ sehen, ist die dazugehörige Klinik für sie gestorben. Ihr müsst verstehen, dass das System hat. System, weil der Druck auf dem Kessel der Personalnot so groß ist, dass er beim geringsten Blubbern hochgehen und dem Konzern um die Ohren fliegen kann. Deshalb werden Exempel wie in Hamburg statuiert, werden schon Azubis daran gewöhnt, faktisch nichtmal ihre Rechte durchsetzen zu können. Das ist mehr als Nurses eat Their Young. Das gewöhnt an Gewalt.

gewöhnt Euch nicht dran, resigniert nicht und wehrt Euch trotzdem.

Und passt auf Euch gemeinsam auf. Tragt Maske.

6 Kommentare zu „Führen in der Pflege: eine Kultur der Angst

  1. Gab es eigentlich irgendwann auch mal schlechte WEIBLICHE Führungskräfte in Deinem Leben?
    Und wie lange hast Du in diesem gar nicht kleinen Horrorladen gearbeitet? Und warum?

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    1. Es gibt grundsätzlich mehr männliche als weibliche Führungskräfte – zudem ist das Geschlecht scheissegal. Schlechte u gewalttätige Führung ist immer absolut abartig egal welchem Geschlecht die Führungsperson sich zugehörig fühlt.

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  2. Ich glaube deinen Bericht sofort, ich habe mit Psychisch Kranken gearbeitet und meine Chefs, also Heimleiter und Geschäftsführerin, waren beide völlig krank im Kopf! Durch ihr Verhalten sind ständig Leute gegangen!
    Aber ich hab mir dann einfach was anderes gesucht, nach 5 Monaten hatte ich keinen Bock mehr! Heute denke ich, ich hätte schon nach vier Wochen gehen sollen oder mich nach zwei Monaten kündigen lassen, wegen dem Arbeitsamt….

    Wieso bist du da geblieben, in Berlin muss es doch genug Stellen für Krankenschwestern geben, damals wie heute…..

    Aber sehr erschreckend, wer nicht selber mal im Sozialen Bereich gearbeitet hat, wird dir kein Wort glauben….

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  3. Einstellungsstopp, obwohl man chronisch unterbesetzt war und ist. Ich frag mich wenn uns das alles um die Ohren fliegt…..
    Könnte es 2021 endlich soweit sein???

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