Am Nasenring zum Pflegeschafott. Warum Ihr uns mit Bodyshaming und Tonepolicing mal gepflegt am gepiercten (Köchelverzeichnis 382c)

Deutschland im Jahr 2021. Eine Pandemie erschreckenden Ausmaßes hat das Land fest im Würgegriff. Menschen sterben. Die Wirtschaft liegt am Boden. Pflegekräfte sterben ungeschützt wie die Fliegen, unbeachtet von den Medien, arbeiten unter unwürdigsten Bedingungen. Pflegende fühlen sich von den Organisationen nicht vertreten, die Politik adressiert die Arbeitsbedingungen genannten Missstände nichtmal im Wahlkampf. Doch all das ist nichts gegen das, was die Kollegen, die Gesellschaft und die Menschheit wirklich bewegt. Das wahre Problem sitzt tiefer: Franzi von B. trägt einen Nasenring.

Dinge, die die Welt bewegen

Im Entwicklungsland Pflege kannst Du jahrelang in der AIS gearbeitet, studiert oder Dich ehrenamtlich engagiert haben. Du kannst mental load als Mutter neben dem Job geschultert haben, wie ein andalusischer Packesel. Alles nichts gegen den Fakt, dass Du in Deiner Freizeit Schmuck, Nagellack und (heaven!) einen Nasenring trägst. Und da möchte ich gerne mal fragen, ob Euch der Hut brennt. Seit 1920 wird Pflege gebetsmühlenartig erklärt, dass sie sich nicht kleiden darf, wie sie will, dass sie die Haare nicht tragen soll, wie sie will. Und da kommt Ihr tatsächlich im Jahr 2021, einhundert Jahre nach dem Mutterhausprinzip, und fordert, wer seriös sein will, der habe sich in irgendeiner Weise zu kleiden, die Euch gefällt? Ihr habt die dreiste Unverschämtheit, erwachsenen Frauen Eure Vorstellungen aufzudrücken, wie sie aussehen, sich kleiden, sich schmücken sollen? Ist schon wieder Antike, wo der Hausherr bestimmt, was der Arbeitssklave zu tragen hat? Ist es möglich, dass Ihr nicht alle Latten am Zaun habt?

Wo nehmt Ihr die Frechheit her, Fremden zu erklären, was sie in ihrer Freizeit dürfen, und was nicht? Als seien die ein Allgemeingut, über das Ihr bestimmen dürft, nur weil sie Content posten? Wir waren da vor Kurzem, als man einer Kollegin auf Twitter erklärte, Krankenschwestern dürften keine gezeichneten Aktbilder von sich veröffentlichen, das gezieme sich nicht für eine Schwester. Das große Geheimnis: was Pflege in ihrer Freizeit macht, wie sie sich kleidet, sich zeigt, was sie trägt und tut .. geht Euch im Grunde einen feuchten Scheißdreck an. Es ist unklar, weshalb ausgerechnet am Körper der Pflegenden jeder Hans und Franz, der schonmal die Schwarzwaldklinik gesehen hat, meint, er dürfe da aus irgendeinem Grund mitbestimmen oder habe gar irgendwas zu melden. Dieses Bodyshaming, und das noch in der Freizeit, geht allen auf den Nerv. Es ist übergriffig, dreist und wer daran teilnimmt, sollte vielleicht eher mal bei Pochers „Halt die Fresse“ Challenge mitmachen. Seriös und kompetent wirkt man, wenn man seine Botschaft auf der Basis seines Wissens rüberbringt. Wie das geschieht, derjenige aussieht und was er in seiner Freizeit tut, ist absolut nicht kommentierbar. Bei dieser Form des Bodyshamings kommt mir wirklich der Kaffee hoch.

Schwestern sollen möglichst blond, weiß, rein, untätowiert, dezent geschminkt, stilvoll und von der Stange angezogen sein. Wer bei Google mal auf „Krankenschwester, Bilder“ drückt, erlebt die Klischeehölle. Aber ich habe eine betrübliche Botschaft für Euch. Nicht nur das Frei gehört uns, auch der eigene Körper, mit dem wir machen können, was wir wollen. Und nein, der Hygienezirkus als Argument gilt nicht. Und nein, 24/7 ist kein Mensch Pflege, außer er ist sozial schon so depriviert, dass er behandelt gehört. Es tut mir wahnsinnig leid, aber die Zeiten von Pflege als Nonne, wo man keinerlei Individualität an Äußerlichkeiten erkannte, sind vorbei. Adios. Und das Gleiche gilt auch für die Art und Weise, wie sie sprechen. Bodyshaming und Tonepolicing, MY ASS!

Es gibt da draußen Pflegenotstand, die nächste Generation Frauen wird nicht mehr frei entscheiden können, ob sie berufstätig ist, weil die Pflegeheimplätze nicht reichen, der Pflexit post Pandemie wird kommen. Ihr habt echte Probleme. Und Ihr erdreistet Euch echt, diesen sagenhaften Schwachsinn, dieses neidvolle MIMIMIMI wegen eines fucking Nasenrings zu fahren?

Frauen sehen aus, wie sie wollen. Wenn Dir das in irgendeiner Form nicht passt, dann husch, ab mit Dir zurück ins Kloster. Und am Peinlichsten ist es, wenn mittelalte Kolleginnen so einen Kommentar hinterlassen. Oder geifernde Männer, die sich das Objekt ihrer virtuellen Begierde mit dämlichen Kommentaren zurechtformen wollen. Die Borisgeneration der Pflege kommt erst. Der könnt Ihr sowas gerne erzählen. Die feuchte Traum, Krankenpflege wäre körperneutral wie die Schweiz ist ausgeträumt. Die private Normierung funktioniert nicht mehr. Wer auch immer von Euch diesen Blödsinn postet, überprüf mal, ob Du noch Einfachbilder siehst. Es ist nicht mehr das Ziel junger Frauen, sich in den Merkmalen in die weiße Pflegearmee einzureihen und nicht aufzufallen, als hätte man beim Fernsehballett angeheuert. Niemand arbeitet darauf hin, am Ende wahlweise wie Franz Wagner oder Prof. Bienstein auszusehen, weil sie die gewünschten Prototypen bilden.

Und schon dieses Zwinkersmilie. Als sei diese traurige Selbstoffenbarung der eigenen Übergriffigkeit irgendwie witzig, statt hoffnungslos zurückgeblieben. Da lesen Leute Content gratis. Und haben da noch Ansprüche? Echt jetzt? Seid froh und macht drei Kreuze, dass Menschen sich in ihrer Freizeit dafür engagieren, am Beruf etwas zu verändern, während Ihr dröge vor dem Bildschirm sitzt und Euch fragt, ob Euch ein Nasenring nicht passt. Anstelle irgendeines übergriffigen Kommentars könnte der Kommentator*in natürlich selbst aktiv werden oder sich mal fragen, ob dem Contentcreator das, was ER darstellt, ins Bild passt. Ich fasse es nicht, denn soweit ich weiß, war das sogar die eigene Berufsgruppe. Was fällt Euch eigentlich ein? Was denkt Ihr eigentlich, wer Ihr seid? 1900 ist vorbei.

Die Alternative?

Wem daran irgendwas nicht passt: Köchelverzeichnis 382c: Mozart: Leck mich am Arsch. Und Achtung, der ist heutzutage sogar in dem Bereich gepierced. Und falls es Fragen gibt: ich bin tätowiert. Und es geht Euch nix an

7 Kommentare zu „Am Nasenring zum Pflegeschafott. Warum Ihr uns mit Bodyshaming und Tonepolicing mal gepflegt am gepiercten (Köchelverzeichnis 382c)

  1. Bist die beste. Tausend Dank. Stehe mit dir, stehe für dich, stehe für uns alle. Wir sind stark, wir sind cool, wir sind gepierced und tätowiert, wir haben blaue Haare, wir sind wir. Wir machen unsere scheisse und wir sind gut darin. Saugut darin. Und wir haben hintereinander zu stehen und für uns einzustehen!

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  2. Ich lese das und mein Kopf denkt die ganze Zeit nur „Ja, ja, jaaa!!!“ als bemalter Heilerziehungspfleger, muss ich mir oft ähnliches anhören… Man können so einen kriminellen doch nicht auf Menschen mit Behinderung loslassen usw.. Ja. Wirklich. Herzlich Willkommen im Jahr 2021

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  3. Das ist ein starker Text und ich stimme zu 100 Prozent zu. Weder arbeite ich in der Pflege, noch habe ich Tattoos, Piercings o.ä., aber: nie käme ich auf die Idee, jemandem vorzuschreiben, ob und wie er/sie seinen/ihren Körper schmücken darf. Und zwar völlig unabhängig von irgendwelchen Berufen. WTF? Es ist mir doch sch…egal, ob Arzt, Schwester, Pfleger z.B. ein Tattoo tragen, weil das in keiner Weise beeinflusst, wie sie ihren Job machen. Allein die Tatsache, dass so eine Diskussion überhaupt geführt werden muss, macht mich sprachlos.
    Ich bin dankbar für das, was Pflege leistet und habe großen Respekt. Lasst euch nicht unterkriegen (auch wenn das sicher oft nicht leicht ist).

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  4. Ich habe den Post bei Franzi gesehen und dachte nur WTF?! Will diese Followerin/Frau mich und alle anderen komplett verarschen? Was geht sie das Aussehen eines anderen Menschen an, egal als was er arbeitet oder ob er privat unterwegs ist? Mit welchem Maß richtet man denn da, ist man der große Richter und hat die Weisheit mit Löffeln gefressen? Ich habe leider keine Antworten, was Menschen dazu bewegt andere Menschen be-/verurteilen zu müssen.

    Danke, dass du das in Worte gefasst hast. Ich komme nicht aus der Pflege, finde Bodyshaming aber zum Kotzen und bin genervt vom Mom Bashing bzw. der Tatsache, dass ich sowas bisher nur unter Frauen erlebt habe. Das anonyme Internet tut leider sein übriges dazu.

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  5. „körperneutral wie die Schweiz“: am 6. März wird eine Mehrheit der Schweizer, ungeachtet ihrer Neutralität, ein Burka- und Niqabverbot in das Grundgesetz aufnehmen, gleich nach der Aufzählung der Menschenrechte. Dies zum wohlwollenden Schutz von etwa 30 Konvertitinnen vor sich selbst. Dies nur nebenbei.
    Ihre Artikel sind belebend.

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  6. Wer hat das denn je behauptet, dass Menschen tragen dürften, was sie wollen? Das war noch nie die Wahrheit, sondern nur Wunschdenken und betrifft alle, nicht nur Frauen?

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