Desi, Fieber, Händewaschen. Jetzt leidet auch die Haut

Viele von Ihnen haben sich zu Beginn der Krise Desinfektionsmittel gekauft. Von Kollegen wissen wir, dass es Menschen gab, die Desinfektionsmittel für Geräte aus Kliniken sogar entwendet haben und sich nun das Zeug, das niemand anfassen soll, über die Hände kippen.

Aber auch das Händewaschen, das nun ganz, ganz häufig am Tag betrieben wird – und womöglich dann noch im Zusatz mit Desinfektionsmitteln – hinterlässt bei den Ersten Spuren auf der Haut. Doch ist das wirklich so? Oder steckt nicht vielleicht ein kleiner Kniff aus der Pflege mit dahinter, von dem Sie vielleicht nichts wissen?

Schauen wir mal:

Die Haut ist das größte Organ des Körpers. Sie ist verzeihlich, aber sehr empfindlich. Von Natur aus hat sie einen leicht sauren PH-Wert. Seife ist in der Lage, den Säureschutzmantel der Haut zu stören. Sie alle kennen das sicher aus der einschlägigen Werbung. Ph-Hautneutralität. Viele Seifen entfetten auch. Aber, machen wir uns nichts vor: beim Run auf die letzten Reserven vom Drogeriemarkt hat eigentlich niemand drauf geachtet. Nicht schlimm. Waschen ist superwichtig!

Das Problem ist, dass viele danach dieses unangenehm trockene Hautgefühl spüren. Und dann …. greift man schnell zur Cremetube. Da Sie nicht aufhören könne, sich die Hände zu waschen, wird es Zeit, sich einmal näher mit der Rückseite Ihrer Creme zu befassen. Denn ganz vielleicht steckt da das Problem.

Viele Cremes hinterlassen schon beim Eincremen dieses zartweiche Gefühl. Seien Sie skeptisch. Woher mag das kommen? Viele Cremes enthalten Paraffin. Ganz ganz grob gesagt, cremen Sie sich da die Hände mit Kerzenwachs ein. Diese Partikel schlüpfen in die kleinen Falten und Poren und zack, fühlt sich die Haut ganz toll an. Fataler Fehler. Auf Dauer nämlich pflegt das nicht, es trocknet die Haut sogar aus. Ein blöder Teufelskreis aus waschen müssen, eincremen, waschen, eincremen.. man möchte durchdrehen.

Auch Glycerin trocknet die Haut aus, wenn es zu lange angewandt wird. Es lohnt also gerade jetzt, die Tube umzudrehen und mal zu gucken.

Das Doofe ist, dass man natürlich gerne schnell cremen möchte und dann, ohne dass es schmiert, weiterarbeiten möchte. Das klebrige Ölgefühl mag keiner. Muss auch nicht.

Sie können die Feuchtigkeit ein bisschen in der Haut halten, wenn Sie einfach nach dem Händewaschen aufs Trocknen verzichten und 1 Tropfen Öl auf die Hand geben. Das kann, aber muss nicht, Olivenöl sein. Wenn dann natürlich ohne Kräuter und so. Es kann aber auch Ihr Lieblingskosmetiköl sein. Je natürlicher, desto besser. Keine reinen ätherischen Öle, das versteht sich bitte von selbst! die sind viel zu scharf! In der Apotheke macht man Ihnen auch gerne eine Lösung aus Nachtkerzenöl. Sie werden sehen, dass die Hände trotzdem relativ schnell trocknen und gar nicht so arg ölen.

IMMER VORAUSGESETZT, SIE SIND NICHT HAUTKRANK ODER ALLERGISCH

Wo wir schon dabei sind.

Fieber zu haben bewegt viele Menschen dazu, Ihre Liebsten einzucremen. Achten Sie einmal darauf, was Sie da an Lotion/Milch in der Hand haben. Es gibt grundsätzlich 2 Sorten.

ÖL in Wasser Emulsionen = die trocknen zwar die Haut aus, kühlen aber angenehm

Wasser in Öl = die fühlen sich dick und fett an. Sind sie auch. Bei Temperaturen lieber die Hände davon lassen. Die Haut kann bei Temperaturen dann nicht mehr so gut die Wärme ableiten. Der, dem schon jetzt warm ist, wird noch wärmer. Sie kennen das vielleicht sogar schon vom Eincremen am Strand. Kaum ist man fertig, ächz, möchte man lieber ins Wasser.

Und wenn Sie vielleicht zu den Leuten gehören, die das Zeug aus dem OP und aus den Stationen geklaut haben (man kann ja nie wissen): geben Sie es doch der Klinik lieber wieder. Es gehört wirklich auf Scheren und Metallgegenstände und nicht auf die Haut. Es wird dort dringend benötigt und dafür helfen die Ihnen auch bei Hautproblemen.

Bleiben Sie gesund und passen Sie auf sich auf.

Den Fokus verlagern. Ambulante Pflege und Therapeuten werden benötigt.

Seit zwei Wochen versuchen meine Kollegen und ich, insbesondere die Menschen in der Häuslichkeit in ihren Gesundheitskompetenzen zu stärken. Dass das über einen Blog nicht wirklich gut funktioniert, liegt dabei auf der Hand. Normalerweise setzen wir uns mit der individuellen Situation des Einzelnen auseinander, kennen seine Vorerkrankungen, seine häuslichen und sozialen Bedingungen.

Wie die Beiträge zum Rasieren, zur Prophylaxe, zur Hygiene zeigen, sind uns beim Übertragen auf eine ganze Population die Hände gebunden.

Dazu kommt, dass es keine Plattform gibt, kein Medium, wie Rundfunk oder TV, das sich für das Problem interessiert. Auch bei den Entscheiden sitzen wir nicht mit am Tisch. Mit meiner Kritik stehe ich dabei nicht alleine. Auch einige Hochschullehrer der Pflege sehen das Problem deutlich.

Wir können nur mutmaßen, dass es daran liegt, dass das rückständige Pflegeverständnis hier seinen Tribut fordert.

Nun aber melden sich Ärzte aus Bergamo zu Wort und ziehen erste Lehren aus der Pandemie. Auch sie sagen, dass es ein Fehler ist, nicht die Gemeinschaft in den Blick zu nehmen. Der größte Druck laste auf der ambulanten Pflege und mobilen Kliniken. Die seien in der Lage, die Kliniken deutlich zu entlasten und sich um minder schwere Fälle in den Häuslichkeit zu kümmern. Die Ressourcen, die dabei in den Kliniken frei würden, könnten die Kliniken entlasten.

Was man schmerzlich lerne, sei, dass man Experten für die öffentliche Gesundheit brauche. Es sei auch eine Krise der öffentlichen Gesundheit. (Ärztezeitung).

Nun, genau das aber ist die Aufgabe von Pflegenden und Therapeuten. Sie sind in der Lage, die Menschen anzuleiten. Therapeuten sind befähigt, den Menschen nicht nur Atemunterstützung zu bieten, sondern auch Mobilisationsstrategien. Ambulante Pflegende sind befähigt, die Situation in der Häuslichkeit ganz genau zu analysieren und gegenzusteuern.

Doch genau diese Gruppe ist noch weniger geschützt als die Berufsgruppen in den Kliniken. Eine Einbindung findet nicht statt. Sie sind, so berichten Therapeuten, gar nicht im Plan mit vorgesehen. Mittel, in Form von Schutzausrüstungen, stehen ihnen kaum zur Verfügung, die Angelegenheit scheitert auch an Verordnungen. Viele Praxen haben jetzt geschlossen, aber ohne VO kann der Therapeut nicht tätig werden.

Dazu kommt das Problem, dass 300.000 osteuropäische Pflegende, die pflegerisch gar nicht ausgebildet waren, sich nun zurück nach Hause begeben haben. Auch hier droht eine massive Versorgungslücke bei Pflegebedürftigen.

Dahinter verbirgt sich auch das Problem, nicht qualifiziertes Personal zu lange geduldet zu haben, alles über die Grundpflege definiert zu haben. Grundpflege musste nicht von Ausgebildeten geleistet werden. Dabei sind gerade die diejenigen, die die Gesamtheit und die Effizienz der Maßnahmen planen, einschätzen und bewerten (evaluieren) können.

Hoffen wir, dass demnächst diese Menschen mit an den Tischen sitzen und endlich in die Entscheidungen mit eingebunden werden. Es gibt nämlich keine Lücke in der Versorgung der öffentlichen Gesundheit. Sie sind längst da. Es sind Therapeuten und Pflegekräfte, die die Gesundheitsvorsorge (health Promotion) gelernt haben. Aber da sie sie nie ausführen durften, wird nun nicht wahrgenommen, welch unglaublich entlastende Ressource da unsichtbar bleibt.

Weil? Weil es unsere Traditionen erfordern, den Beruf nicht so handeln zu lassen, wie er es gelernt hat. Das übrigens ist mit ein Grund, weshalb Tausende jährlich die Berufe verlassen.

Dabei könnte jetzt sogar endlich die Aufwertung des Berufs erfolgen, indem die Politik zeigt, dass sie die Kompetenzen Pflegender und Therapeuten ernst nimmt. Schade. Schade für beide Seiten.

Lieber Arne Evers, Schluß mit der Polemik? Echt jetzt?

Lieber Herr Evers,

da haben Sie einen schönen Artikel bei Bibliomed.

Man solle, das sei prinzipiell richtig „mit angemessenen Mitteln“ auf die Situation in der Pflege aufmerksam machen.

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus der Geschichte. Weil ich das kann. Ich bin Historikerin. Seit Telemachos seiner Mutter befahl, in ihr Zimmer zu gehen, ist es Brauch, dass Frauen in der Öffentlichkeit zu schweigen haben. Halten sie sich nicht dran, dann wird es als unweiblich, unangemessen, unangepasst bezeichnet. Von Männern.

Nun also erklären Sie, es sollen angemessene Mittel sein. Und lassen Sie mich raten, wer die Angemessenheit der Mittel bestimmt? Sie? Nein!

Äußern sich Frauen zu öffentlichen Themen, wird es auch gerne als Jammern, als Muhen, als Bellen bezeichnet. Und da sind wir am Punkt: die angemessene Kritik hat niemand ernstgenommen. Sie wurde als Jammern bezeichnet. Das war bequem, nicht wahr, weil auch die Verbände dazu schwiegen, dann und wann ein Positionspapierchen zweifelhafter Wirkung durch die virtuelle Welt schoben und dann war gut.

„Von Gesundheitseinrichtungen wird verlangt zu funktionieren, trotz aller Probleme. Das ist auch korrekt ..“ sagen Sie. Unter welchen Umständen, das sagen Sie nicht. Es sind nicht die Einrichtungen, Herr Evers, die funktionieren sollen. Es sind Menschen, die Pflege, die unter allen Umständen jetzt funktionieren soll. Es sind 86% Frauen.

Sie sollen funktionieren, ohne Schutz, mit abgesägtem Arbeitszeitgesetz, manche wurden freiwillig in Heime interniert. Das KANN nicht korrekt sein.

Sie unterstreichen, dass man stolz sein könne, „Schwester“ zu sein. Die Bevölkerung applaudiere doch auch. Sagen Sie, leben Sie von Applaus? Ist Stolz tatsächlich das Einzige, was Pflege am Leben lässt? Sie sagen mit keinem Wort was zu PTBS, zu dieser enormen Gefahr. Sie erwarten zu funktionieren. Stolz zu funktionieren. Und ich würde gerne wissen, wo Sie jetzt sitzen? Im Homeoffice?

Was erdreisten Sie sich eigentlich? Keine der Kolleginnen, keiner der Kollegen muss noch irgendwie über die Maßen etwas leisten, um stolz sein zu können. Stolz sollten Männer wie sie sein. Auf Menschen wie diese. Ich kenne das vom Pflegetag, wo man den Menschen zuruft „Feiert Euch selbst“.

Die müssen sich nicht selbst feiern, die müssen gefeiert werden. Die müssen nicht stolz auf sich selber sein, auf DIE KANN MAN STOLZ SEIN. Aber das erwähnen Sie mit keinem Wort.

Überzogene Forderungen nennen Sie virtuelle Aktionen und ich nehme an, Sie beziehen sich auf die Petition.

Danach könne man reden. Jetzt käme es auf Zusammenhalt an. Sagen Sie? Die Zustände, die da jetzt herrschen, unter denen muss niemand zusammenstehen. Ich sehe in keinem einzigen Wort von Ihnen, das Sie zufrieden sind, dass die Leute Ihnen nicht in Scharen davonlaufen. Und dazu hätten Sie in ihrer Angst das Recht.

„Zeigen wir gemeinsam, was wir leisten können“ rufen Sie. Was genau leisten SIE denn persönlich gerade am Krankenbett? Die Pflege zeigt seit 30 Jahren, was sie leisten kann. Was sie leistet. Es wären gar keine zusätzlichen Krisen nötig gewesen. Aber statt sie zu schützen, feuern Sie sie noch an.

Meinungsfreiheit, ja. Aber später. Angemessenheit? Wo bitte waren Sie als Träger angemessen, wie viele Überstunden haben Ihre Proudnurses auf der Uhr? Sie silencen Frauen.

Nach alter antiker Tradition sollen die jetzt leise sein und arbeiten. Angemessen, leise nach außen kommunizieren. Für was? Dafür, dass die ersten Konzerne ihnen Geld gestrichen haben?

Wagen Sie sich nicht, Menschen wie Jana, Yvonne, Franzi, Marcus oder mir noch einmal in Ihrem Leben den Mund zu verbieten! Auch, wenn ich an dieser Petition nicht beteiligt bin. Jetzt ist nicht IHRE Zeit. Jetzt ist Zeit, die, die unter diesen unfassbar schändlichen Bedingungen das Land retten sollen, zu stützen, ihnen zu zeigen, dass man sie sieht.

Und das tun wir.

Nur sie, sie bejammern den Verfall der alten Traditionen., möchten liebe, leise Kräfte. Und warum? Weil auch Sie davon profitieren. Der Einzige, der gerade blökt, das sind Sie mein Guter. Fast ist es schon Jammern. Es wird Zeit, dass die über den Beruf reden, die ihn nicht in die alten Schubladen zurückdrängen. Frauen wie Agnes Karll und Florence, in ihrer Progressivität, hätten Menschen mit solchen Aussagen wie der Ihren nur eins: Den Waschlappen vor die Füße geworfen!

Danken Sie Gott, oder wem auch immer, dass das nicht alle anderen gerade tun und hören Sie auf mit diesem herablassenden Gebabbel über eine Situation in der Sie nicht stecken !

Der Stolz, den Sie beschwören, rettet NIEMANDEN. Ausrüstung und Pflege zusammen retten. Den Stolz können Sie sich an den Hut stecken, dafür ist später noch Zeit.

Wenn irgendwer jetzt Schluss mit Polemik machen sollen sollte, dann ganz zuerst Menschen wie Sie!

Was ist Pflege?, oder: sollen wir jetzt Ihr Händchen halten oder doch lieber unseren Job machen?

Es ist das vielleicht größte Missverständnis dieses Landes, dass jeder, aber auch jeder, der das Wort Pflege schonmal gehört hat, meint, darüber eine Meinung haben zu dürfen. Und die projiziert er dann genüsslich auf den realen Beruf.

Warum eigentlich hat die Gesellschaft nicht gemerkt, dass sich in dem Bereich seit 30 Jahren Dinge verändert haben? Und dass wir den Anschluss an die EU gar nicht hinbekommen haben?

Über Pflege redet jeder. Und zwei Dinge kommen darin vor: Lieb sein und Händchen halten. Irgendwas mit Empathie und Herzenswärme. Wie ist es dahin gekommen, dass Fremde ÜBER den Beruf reden, aber Pflege nie daran beteiligt ist? Und warum sind es immer Männer, die darüber reden, die weit weit weg vom Beruf der Pflegenden sind?

Irgendwas mit Herzenswärme? Das ist Pflege nicht!

Werfen wir einen langen Blick zurück. Weit zurück. In ein Land vor unserer Zeit. Wohl die erste Beschreibung von Pflege finden wir in der Antike. Als König Odysseus nach langer Irrfahrt heim in sein Königreich kam und in seinem Palast die Herrschaft wiederherstellen wollte, fand er diesen belagert von Freiern seiner Frau Penelope vor. Um überhaupt Zugang zu seinem Herrschersitz zu bekommen, verkleidete er sich als Bettler und mischte sich unter die Fremden. Niemand erkannte ihn, auch seine eigene Frau Penelope nicht. Doch wies die Sklavin Eurykleia an, dem Bettler die Füße zu waschen. Eurykleia wiederum war die Amme Odysseus gewesen. Sei Vater hatte sie dereinst für 20 Ochsen gekauft und sie hatte den Königssohn großgezogen. Beim Waschen seiner Füße erkannte sie Odysseus an einer Narbe auf seinem Schenkel, die von einem Kampf mit einem Eber rührte. Odysseus aber verbot Eurykleia, irgendwem von seinem Wiedererscheinen zu berichten. Sie gehörte zu den wenigen, die ihn anschließend beim Kampf mit den Belagerern unterstütze. Odysseus Frau Penelope erfuhr erst durch Eurykleia von der Heimkehr ihres Gatten. Doch Glauben schenkte sie erst Odyyseus selbst. 

            Die kleine Anekdote aus Homers Odyssee gewährt uns einen Blick auf die antiken Sorgevorstellungen, von denen uns Pflegende einige merkwürdig vertraut vorkommen dürften. Pflege spielt sich auf Anweisung eines Nichtkundigen, hier Penelope, ab und selbstverständlich scheint es, dass sich die Sorge auf der Ebene des Waschens abspielt. Eurykleia war Sklavin, sie war nicht frei, war dem Willen eines anderen unterworfen. Doch ihr Wissen um den, den sie jahrelang pflegte, brachte ihr durch die Wundversorgung an Odysseus einen unerreichten Wissensvorsprung ein. Allein sie war es, die in der Lage war, den heimgekehrten König zu identifizieren und erinnerte sich noch dazu noch daran, woher diese Narbe rührte. Hin- und hergerissen zwischen dem Willen des Angehörigen und dem ihres Patienten, musste sie ihre Informationen transportieren. Und am Ende, obwohl sie zu den wenigen Getreuen des Königs gehörte und sogar an seiner Seite gekämpft hatte, reichte ihr kompetentes Wort nicht, um ihr selbst Glauben zu schenken. Wem aus der Pflege käme das nicht irgendwie vertraut vor? Und es ist kein Zufall, dass diese Geschichte von einem Mann, Homer, überliefert wurde. Einem Mann, der als griechischer Mann der Antike mit Pflege und Haushalt rein gar nichts zu tun hatte, sondern letztlich nur seine Idealvorstellungen im Höhepunkt seiner Odyssee überliefert – oder vielmehr überliefern konnte. Denn öffentliche Rede, dazu gehörte auch das Schreiben, war Frauen und erst Recht Sklaven schlicht untersagt. Sklaven, Frauen, Pflege und Haushalt waren die Privatangelegenheit des antiken Mannes. Sie waren unsichtbar in der Außenwelt der schicken Häuser. Und sie hatten keine eigene Stimme.

            Gerade die ambulanten Pflegedienste werden jetzt ein Dejavu bekommen.  Spielt sich auch dort die Versorgung des Kranken und Pflegebedürftigen ab. Und nicht nur das. Die Leistung, die der Kunde heute als Leistungskomplex kauft, ist eine Leistung gegen Geld. Eine Ware. Sie kostet heute keine 20 Ochsen mehr, doch hinuntergerechnet auf die Lebensjahre, die Eurykleia dafür gearbeitet hat, auch nicht sehr viel mehr. Welche Leistung Pflege erbringt, bestimmen zumeist Angehörige und der Patient.  Sinnvoll oder angepasst muss sie nicht zwingend sein. Das sieht man sehr schön daran, das Männer sich schonmal das Waschen der Genitalien ohne Handschuhe gönnen. Was daran verwerflich ist? Pflege bedeutet, dabei zu helfen oder zu übernehmen, was der darauf Angewiesene selbst nicht vollbringen kann. Wer also in der Lage ist, seine Genitalien selbst zu waschen, muss das selbst tun. Aber, wie man sieht, es ist halt käuflich, was der Pflegedienst verkauft. Nach Sinnhaftigkeit wird selten gefragt. Das steht Schwester Stephanie nicht zu. Sie hat zu lächeln und zu ertragen. Ob sie sich dann darüber anonym bei Twitter auslässt, ist ihre Sache. Wie sie damit zurechtkommt, missbraucht worden zu sein für sage und schreibe 4,95 Euro, ist ihr Geschick. Wer weiß nicht, ob Odysseus selbst nicht lieber etwas zu trinken gehabt hätte, aber eine Fußwaschung bekam? Alles spielt sich im Spannungsfeld zwischen Angehörigen und zu Versorgendem ab. Am Ende ist, ob Wundversorgung oder Informationsweitergabe, die Pflege oft nicht glaubhaft genug. Die Besitzverhältnisse sind klar geregelt, wenn wir uns die Sprache anhören. Da kommt schon mal „meine Schwester“ und „Ich will aber keine andere!“ ist das Problem, wenn die Sklavin, äh Pflege, einmal einen freien Tag hat. Wer sie ersetzt, wird gerne mal angepampt. Nach dem Motto: „Was erlaube sich der fremde Waschlappen?“, als sei mit dem Buchen des Leistungskomplexes ein Anspruch auf 24/7 der Zeit eines einzelnen Menschen gebucht. Schließlich handelt es sich auch noch um einen PflegeDienst. Servus, Dienst, das war das lateinische Wort für Sklave, das auch Dienen bedeutet. Pflege heißt Dienen. Das war einmal ein modernes Schlagwort. In 2013. Von eigenverantwortlichem Handeln a la Burger keine Spur. „Und wenn Sie schonmal da sind, dann bringen Sie gleich den Müll runter! Was, das kostet Geld? Das ist doch der gleiche Weg! Haben Sie sich mal nicht so!“ Tausende Pflegedienste haben diese Auseinandersetzung geführt. Dienen, das soll nämlich gerne gratis sein. Bei einem Kollegen rief dereinst ein Patient an, und beschwerte sich, dass er „Für diese Scheiße auch noch Geld zahlen soll!“. Diese Scheiße, das war die Pflege, die er benötigte, um daheim leben zu können. 

            Ja, könnte man jetzt sagen, nun gut, das ist nicht so glücklich gelaufen. Immerhin sind nun 2500 Jahre vergangen. Es muss sich doch etwas geändert haben. Nein, im Gegenteil. Im Jahr 2007 gab es ein Programm in Nordrhein-Westphalen, das „eine neue Chance für Prostituierte“ versprach. „Die Pflege sei der nächste logische Schritt nach dem Sexjob.“ Schwärmte die Leiterin des Projekts. Bei Pflege gehe es ja um nackte Menschen. Bei den Adressaten des Projekts handelte es sich, zynischerweise, um Prostituierte und Gewaltopfer. 1,1 Millionen Euro machten das Projekt möglich. Man hat nie wieder davon gehört. Nein, Prostitution ist nichts Verwerfliches. Es ist einer der wichtigsten Berufe überhaupt. Es ist nur weder Voraussetzung noch Befähigung. Nein, Pflege wäscht nicht den ganzen Tag nackte Menschen. Nein, Pflege hat mit Liebe gegen Geld nichts zu tun. Gerne würde ich wissen, ob die damals Umgeschulten noch in der Pflege sind und wie ihre Erfahrungen mit Gewalt sich verändert haben. #Respectnurses lässt nicht darauf schließen, das es ihnen nun besser geht. 

            Was die Phantasie derer angeht, die im täglichen Berufsleben mit Pflege umgehen, scheinen keine Grenzen gesetzt. So erklärte der Leiter der Mannheimer Akademie für Pflege, Wolfgang Hahl ausgerechnet in einem Managementmagazin, weshalb viele lieber in die Krankenpflege gingen, statt in die Altenpflege. „Der Aspekt, das Krankenschwestern dort (in der Klinik) zumindest in der Vorstellung Ärzte kennenlernen können, ist bei jungen Frauen nicht zu unterschätzen.“ Da war Schwester Stephanie wohl fester Bestandteil seiner Träume. Dass der Arbeitsbereich vielleicht einfach interessanter sein könnte oder die Ausbildung vergütet, statt vom Azubi bezahlt, war gar kein Thema. Frauen wollen Ärzte. Die geilen Luder. Pflege und Sexualität sind offenbar – und schon gar nicht in der Männerphantasie – voneinander zu trennen. Zurück zur Realität. Wer heute einen Arzt kennenlernen möchte, der muss nicht Pflege lernen. Der geht einfach auf eine Blaulichtparty oder zu Tinder. Frauen müssen auch heute keine Doktoren mehr kennenlernen, um einer zu werden. Die machen den einfach selbst. In der Pflege. Einen Dr. rer. Cur oder rer. med. Das geht? Das geht! Und viele haben ihn schon. Auch phil. Sind möglich. Pflege, das ist keinesfalls das dumme Blondchen mit dem Waschlappen. Sie sehen, Schwester Stephanie hat keinen Doktor. Burger ist mit großer Wahrscheinlichkeit graduiert. 

            Auch bei der Rekrutierung neuen Personals darf die Anspielung auf Sex keinesfalls fehlen. „Willst Du mit mir pflegen gehen?“ hauchte da ein Plakat. Oder, näher dran, „Du duschst doch auch lieber zu zweit?“. Verkauft man so Pflegeleistungen oder geht es schon um andere Sachen? Soll das in irgendeiner Weise witzig sein? Auch das ist ja sehr beliebt. Sexistische Sprüche zu kritisieren, wird ja gerne mit Humorlosigkeit erwidert. Doch quasi-sexuelle Handlungen als professionelles Pflegen zu verkaufen oder zu hoffen, es ließe sich jemand drauf ein, scheint absurd. Da werden teure Kampagnen gekauft und was verkaufen sie? Lediglich nur wieder das, was sie selber unter Pflege verstehen. Selbst da Bundesgesundheitsministerium warb in einem Imagefilm mit einer rührseligen Schnulze, in der die liebliche Pflegekraft Schneebälle in der weißen Winterlandschaft formte und dem Patienten mit ins Haus brachte. Der Wunderland-Schwarzwald ließ grüßen. Das also ist dieser spannende Beruf? Die Realität sieht anders aus. Die Fahrtzeiten sind kaum einzuhalten, hektisch sucht man sich einen Parkplatz, jede Minute zählt. Für Schneebälle ist weder Zeit, noch Schnee, noch Muße. Und was soll überhaupt das schmelzende Zeug im Bett? 

            Schön auch, wie Patienten angelockt werden. Da hing da Berliner Dominikus-Krankenhaus ein Transparent an seinen Maschendrahtzaun. Ein kirchliches Haus. Ein seriöses Haus. Wie warb es? Domini- und dann war ein Lippenstift-Kussmund zu sehen. Domini-Kuss. Was mag es in dieser Klinik geben? Die Verheißung eines Pflegepersonals zwischen Heiliger und Hure? Was, wenn das Pflegepersonal gar niemanden küssen möchte? Was wird da für ein Bild aufgebaut? Man möchte Schwester Stephanie in diesem Maschendrahtzaun einwickeln und vor die Tür stellen. Wie eine Frühlingsrolle des schlechten Pflegetraums. 

            Doch nicht nur regulär angestellte Pflege guckt da in eine Mischung zwischen Fassungslosigkeit und Entsetzen, zwischen Prostitution und Pneumonieprophylaxe, zwischen Penis und plumper Anmache. Auch und gerade die osteuropäische Pflege, die monateweise für sehr viel weniger als 20 Ochsen zu haben ist, ist fester Bestandteil, fast schon Besitz des Eigners. „Meine Polin“ kommt. Es gibt da gar keine Erklärungsnot. „Die ist billig und hat bei uns ein Zimmer und Essen kriegt sie auch.“ Kost und Logis und ein Taschengeld. Qualität? Sozialleistungen? Aber nein. Die osteuropäische Eurykleia wäscht noch immer für eine Handvoll Oliven und zu gerne würde man wissen, ob sie ihre Rechte kennt. 

            Das alles war vor Corona. Bei Corona ging es nicht mehr um Sex. Da wurde gekämpft, wie Eurykleia neben Odysseus. Statt „Wenn sie kein Brot mehr haben, sollen sie doch Kuchen essen!“ (ein Satz, den Marie-Antoinette nie gesagt hat), gab es aus Baden-Württemberg eine neue Parole, und die hatte es in sich. „Wenn sie keine Schutzausrüstung mehr haben, sollen sie halt ohne arbeiten!“ meldete die Krankenhausgesellschaft. Während aus den Homeoffices „wir können das!“ aus dem Verbarrikadieren in der Quarantäne in die Presse geredet wurde, galt Pflege so viel wie die kämpfende Sklavin neben ihrem Herrn. Sie sollten das schaffen, es ging um Alles, jetzt nur Augen zu und durch. Über Geld rede man vielleicht später. Oder auch gar nicht. War es nicht das Große, Ganze, um das es jetzt ging? Ja, in der Not kämpft die Sklavin und das auch gerne ohne Schutzausrüstung. Dann wird sie zur Heldin. 

            Natürlich wird die Heldin von einem Mann zur Heldin gemacht, der seine Projektionen ungeniert auf sein Traumbild Schwester werfen darf. So sprach dann in der Corona-Krise die Bild über Pflege:

„Sie sind es, die unsere Hand halten, wenn wir Angst haben vor einer schmerzhaften Behandlung, wenn wir vor einer Operation in düstere Gedanken sinken, die uns trösten, wenn wir alleine auf der Station liegen und uns einsam fühlen“

Das hat zwar nichts mit Pflege zu tun, aber das Wunschbild des Herrn sagt uns nun mehr über das, was er erwartet, als über die Realität. Ein moderner Homer, wenn man so will. Und die neue Heldin ist natürlich eine Mischung aus Mutter, Nonne und Playboybunny. Ob der wohl immer die Hände über der Bettdecke hatte? Mit Händchenhalten hat das Ganze nichts zu tun. Es hat mit Scoring und Krankenbeobachtung zu tun. Wir halten keine Händchen, wir messen Puls. Und wenn Sie sich je auf einer überbelegten Station einsam gefühlt haben, und in den paar Minuten, die zum Abfragen der Vitalparameter im direkten Patientenkontakt übrig sind, getröstet wurden, mit Händchenhalten und die OP Schwester nicht dem Arzt assistiert hat, sondern Ihr Händchen gehalten, dann stimmt etwas ganz und gar nicht. Wie ich diese schrecklichen Ergüsse nenne? Ganz unverhohlen sexistische Kackscheiße.  Da möchte man doch Schwester Stephanies Hand in Gips tauchen, die auf die Patientenbetten zum Händchenhalten legen und nach Hause gehen. Dieses Heldengedöns hat allerdings auch eine praktische Seite. Abgesehen davon, dass zu Zeiten Coronas immer wieder Kriegskommunikation genutzt wurde, sind Helden ja bekanntlich oftmals tot und ihre Leistung umsonst, wenn nicht gar gratis. Wir kommen später noch dazu.             Schwester Stephanie muss sterben, weil wir diese Traumergüsse ohne Bezug zur Realität nicht mehr ertragen. Weil wir dieses Mansplaining und silencing nicht mehr sehen möchten. 

Pflege ist ein wissenschaftliches Arbeiten, eines, wofür man Wissen haben muss. Ob wir Ihre Hand halten, wird an Ihrem Gesundheitsstatus nichts ändern. Niemand von uns hat Herzenswärme, Händchenhalten oder gar Liebsein als Fach gehabt.

Sie müssen sich der Realität stellen. Akzeptieren Sie, dass das ein Beruf ist, in dem man knallharte Entscheidungen treffen muss, Dinge wissen muss.

Niemand ist ausgebildet, Ihrer Gattin Tee zu bringen, wenn sie Sie besucht. Wir wurden ausgebildet, Sie zu trainieren, mit Ihrer Situation zurecht zu kommen. Das können Sie von uns erwarten. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn Pflege Händchenhalten ist, dann können wir jetzt alle nach Hause gehen. Händchenhalten kann jeder.

Und ja, manchmal halten wir auch Händchen. Wenn das alles ist, was Sie von unserer Arbeit mitbekommen haben, dann haben Sie nicht ganz so gut drauf geachtet, was passiert. Das ist nicht schlimm. Aber die Deutungshoheit, die überlassen wir doch lieber denen, die es können: Pflege.

Kliniktaschen! Was Sie jetzt wissen müssen. Warum ein Bart jetzt keine gute Idee ist.

Wenn Sie mit akuter Atemnot vom Rettungswagen in die Klinik geholt werden müssen, haben Sie eines ganz gewiss nicht: Zeit. Immer wieder erleben wir es, dass man dann noch warten soll, weil mal eben eine Kliniktasche gepackt werden möchte. Leute, ganz echt? Das geht nicht. Atemnot ist Lebensnot. Und da warten noch andere.

Doch was schon in Nicht-Krisenzeiten nicht funktioniert, hat unter den Infektionsbedingungen noch einen anderen Aspekt. Viele der Dinge, die Sie mit in die Klinik nehmen, müssen desinfizierbar sein.

@comafrili hat Ihnen wunderbare Tipps zum Vorbereiten einer Kliniktasche aufgeschrieben. Und Zeit zum Packen haben ja jetzt die Meisten.

Aktuell ist die Chance einen Krankenhausaufenthalt „zu gewinnen“ ja enorm gestiegen. Und zwar für die gesamte Bevölkerung. Daher habe ich ein paar NotfallTaschenTipps zusammengestellt, die ich eigentlich sonst nur den über 60jährigen Patienten empfehle. Zu meiner Person: ich bin exam. GuK und bereits einige Jahre dabei. Schon einiges erlebt und ausgehalten.

Los gehts mit den NTT – NotfallTaschenTipps: Einer der Sätze, der immer beim Aufnahmegespräch fällt, und ein wichtiger Hinweis an euch, ist: „Diebstahl kommt auch im Krankenhaus vor“ das ist in Corona Zeiten wohl deutlich geworden. Nach der Vorwarnung nun an die Packliste:

Krankenkassenkarte – immer griffbereit Notfall Telefon Nummern eurer Liebsten – mit Namen und Beziehungsverhältnis, Freundin, Vater …whatever ab in die NTT

Ihr habt iwelche Krankheiten und nehmt Medikamente – alles kurz und knapp auf einen Zettel.

Falls ihr illegale Drogen nehmt, auch das müssen wir wissen. Einfach für den Fall der Fälle um die evtl benötigten Medikamente richtig dosieren zu können.

Patientenverfügung (AKTUALISIERT) und Bevollmächtigungen – Kopie in die NTT Entbindung der ärztlichen Schweigepflicht bei unverheirateten Paaren, etc – Kopie in die NTT

Ein bisschen Kleidung in die NTT: Unterwäsche, Socken, TShirt, kurze Hose, bequeme Hose und Langärmeliges Oberteil, Hausschuhe mit sicherem Halt und rutschfest. Zur Not müsst ihr halt Einmalschlüppis und ein KrankenhausNachthemd anziehen.

NTT-Toilettentasche mit Zahnbürste/Creme, Kamm/Bürste, Lippenpflege, Handcreme, Evtl Haargummi und Rasierapparat… OHROPAX und SCHLAFBRILLE wenn vorhanden!

Und hier möchte ich noch auf ein sehr wichtiges Thema aufmerksam machen: Liebe Männer, liebe bärtige Männer: RASIERT EUCH!!! Im GESICHT! Die Beatmungsmaske kann nur perfekt sitzen wenn der Bart ab ist.

Handy und langes Ladekabel – Vorsicht Diebstahlgefahr Geldbeutel mit ein wenig Kleingeld – max. 50 Euro – Vorsicht Diebstahlgefahr Papier und Stift – notiert euch Fragen für die Visite Buch oder Zeitschrift

NTT – alle Dinge sollten desinfizierbar sein oder einer heißen Runde in der Waschmaschine standhalten. Alles andere sollte man verwerfen können. Ja, ab in den Müll damit nach einer Isolation. Also überlegt euch ob ihr Luxusartikel braucht.

Die NTT-Tasche selbst bitte nicht größer als Handgepäck, es wird in den Krankenhäusern kaum Platz vorhanden sein. Beschriftet die Tasche selbst auch gut leserlich mit eurem Namen.

Stellt die Tasche in euren Kleiderschrank und hofft, dass ihr sie nicht braucht. Ich wünsch es euch. Bleibt gesund!

Und viel wichtiger im Moment – bleibt daheim und verdammt nochmal bleibt daheim.

Systemrelevant, oder was?

Guten Morgen.

Agnes Karl war einmal in Amerika. Und das erschütterte sie zutiefst. Die Pflege dort war wesentlich weiter als in dem Land, aus dem sie kam. Deutschland. Aber nun sind über einhundert Jahre vergangen, es gibt diese Globalisierung und lassen Sie uns doch mal schauen, ob und was sich so geändert hat.

Seit Corona sind wir jetzt „systemrelevant“. Hört sich super an, oder? Ich möchte zu dieser Systemrelevanz ein paar Fragen stellen. Beantworten kann ich sie nicht. Vielleicht der andere oder eine hier.

Schutz

Wenn Pflege so systemrelevant ist, dass ohne sie das System zusammenbricht, weshalb gilt dann in Amerika die Leitlinie bei Pandemien: Nurses first! Der Schutz der Pflegenden hat oberste Priorität. Das verkündete heute morgen eine Krankenschwester in der New York Times.

Die Unterschiede in einem Bild.

Im Ausland haben die Teams nicht nur Vollvisiere, sondern auch entsprechende Masken. DAs oben sind die Papierlappen, die der Kollege für eine Woche ausgehändigt bekommen hat. Wo ist da die Systemrelevanz?

Kommunizieren

Die Kollegin, die in der New York Times sprach, bekam Raum dafür in einer der größten Tageszeitungen des Landes. Habe ich hier noch nicht erlebt. Weder spricht Pflege in Talkshows, in Zeitungen oder im Radio. Könnte ich bitte die Systemrelevanz nochmal sehen? Die informieren da auch die Bevölkerung. Hier weiß zwar mittlerweile Hinz und Küster, wie Corona aussieht, dank Drosten, wie es sich vermehrt und welche Sequenzen getestet werden: über Isolation, Infektionsschutz in der Häuslichkeit und Pneumonieprophylaxe berichtet… Tata…. lediglich dieser kleine Pipelpopelblog.

Häuslichkeit

Diese beratende Funktion steht also Menschen in der Häuslichkeit gar nicht zu Verfügung. War nicht gerade die Funktion der Shutdowns, dass Menschen sich weniger infizieren? Wer nicht wirklich weiß, wie er das schaffen soll, wenn er beispielsweise mit pflegebedürftigen Menschen im selben Haushalt lebt, der hebt mal bitte die Hand.

Arbeitszeit

Noch ist es gar nicht losgegangen, da kippte man schon das Gesetz. Systemrelevanz bedeutet jetzt, 12 statt 8 Stunden arbeiten zu „dürfen“ und 7 von 8 Sonntagen. Dass das Ganze in Überlastung endet, das abzusehen muss man kein Zauberer sein. Wenn wir so systemrelevant sind, wäre es nicht sinnvoll, genau vor solchen Ausfällen zu schützen? Noch immer gibt es elektive Patienten auf den Stationen.

PTBS

In nahezu allen Desasterplanungen ist vorgesehen, dass ein Seelsorgeteam die Pflegenden auffängt, um posttraumatischen Belastungsstörungen von Anfang an entgegenzuwirken. Da verheizen sie schon jetzt Schüler auf den Stationen, es werden Überstunden geknüppelt. Wenn Pflege so systemrelevant ist, weshalb schickt man jetzt keine Teams zu ihrem Schutz? Alle anderen Katastrophenteams auf der Welt haben so etwas.

Einkaufen

Wenn Pflege nach 12 Stunden endlich raus aus der Klinik und rein in die Kontaktsperre kommt, kriegt sie weder Nudeln noch Klopapier. Andere Städte und Länder öffnen Supermärkte nur für medizinisches Personal. Nur hier, in der Systemrelevanz, kloppt sich die ausgelaugte Intensivpflegekraft noch um Erbsen, Mehl und Klopapier. (Mit dem Danke kann man sich also nichtmal den Ar*** aber lassen wir das)

Geld

Der Aufschrei, wenn Pflege für sich mehr Gehalt fordert, ist enorm. Weshalb darf Propofol nun das 20fache kosten, Pflege nicht?

Während England befürchtet, die Nurse Patient Ratio könne von 1:1 auf 1:5 steigen und das System kollabieren, ist 1:5 hier durch ausgesetzte PPUG schon lange ein Idealfall, der nicht zu erreichen ist. Deutsche Nurses fahren das Vierfache im Normalbetrieb. Aber Danke reicht. Man ist ja systemrelevant

Wie kann es sein, dass sich über 100 Jahre lang nichts getan hat? Dass nun die Stunde der Berufenen schlagen soll, während jedes andere Land der Welt verstanden hat, dass es mit Profis arbeiten und diese schützen muss, wenn es überleben möchte? WIE KANN DAS SEIN?

Und an den Typen, der mir heute morgen erklärt hat, dass ein Bäcker genauso wichtig ist, wie eine Krankenschwester: Versuch bei kommender Dyspnoe folgende Maßnahme: Atme durch ein Brötchen und dann denk drüber nach.

Postapokalpytische Visionen

Ich weiß nicht, ob Ihr es wisst, aber wir haben auf Twitter eine „Twundesregierung“, in der wir spielerisch dann und wann die Rollen des Twabinetts durchgehen. (Ich bin Twanzlerin). Heute spricht aber nicht der Twarfrichter (oh, ich LIEBE Twarfi), sondern der @twundesminister zu Euch.

Und er hat Euch etwas Ernstes zu sagen. Über Eure Zeit danach, über die Verletzungen, die auf Euch zukommen können – und deren Folgen. Vergesst bitte nicht: Ihr habt nicht nur Verantwortung für die, die sie jetzt fordern, Ihr habt in erster Linie Verantwortung für Euch selbst, Eure Seelen und wir wollen nicht, dass die zerbrechen. Es ist klar, dass wir Euch nicht wirklich schützen können. Bitte passt gegenseitig auf Euch auf.

Postapokalyptische Visionen

Das Virus hat die Welt in den Griff genommen. Epidemien sind nicht wirklich etwas Neues, wohl aber das Tempo, mit dem diese nun die ganze Welt als Pandemie überrollt. Während ich noch damit beschäftigt bin zu akzeptieren, dass meine nächsten zwei bis drei geplanten Urlaubsreisen nicht stattfinden, bin ich doch froh, dass wenigstens Netflix noch läuft. Okay, Klopapier könnte knapp werden, aber das bereitet mir seltsamerweise gerade gar keine Sorge.

Sorge mache ich mir um die Kolleginnen und Kollegen, die durch die Arbeitsbedingungen seit etlichen Jahren ausgelaugt sind. Die psychischen Erkrankungen in der Pflege haben enorm zugenommen. Ein ganzer Berufsstand wurde systematisch dequalifiziert, an einer Selbstorganisation gehindert und ebenso systematisch ausgebeutet. Unabhängig eines Virus ist die Gruppe der Pflegenden wenig handlungsfähig, da sie lethargisch bis passiv-depressiv mehr schlecht als recht ihrer Pflicht nachkommt und den Laden am Laufen hält. Und da sie nichts anderes dürfen und viele sich auch nicht mehr zutrauen, sorgen sie wenigstens dafür, dass der Opa und Oma gut eingecremt sind und die GKW auch täglich sauber in der Akte abgezeichnet ist. Da schaut das Medizincontrolling auch genau drauf. Macht drei Aufwandspunkte für PKMS. Es rollt was auf uns zu. Jetzt rollt etwas auf uns zu, was hierzulande noch niemand von uns erlebt hat.

Es geht um das Überleben. Hinter vielen Standards und Routinen kann sich Pflege nicht mehr verstecken. Es geht um Fachkompetenz und personale Kompetenz! Passend dazu sollen wir jetzt vergessen werden, auf welches Niveau das “Pflegen kann jeder” den Berufsstand die letzten Jahre reduziert hat. Plötzlich ist Krisenmanagement gefragt, blitzschnell entscheidende Maßnahmen über Leben und Tod einzuleiten. Dafür werden auf die Schnelle Pflegende für den Intensivbereich eingearbeitet. Acht Stunden – statt zwei Jahre. Das ist angesichts der Lage richtig, weil man über verschüttete Milch jetzt nicht klagen braucht. Und “irgendjemand” muss ja erkennen, wenn sich ein Patient verschlechtert. Trotzdem wird dies die Letalität bei uns beeinflussen. Pflegende, die ihre Arbeitsbelastung seit Jahrzehnten damit messen, wie viele Patienten sie heute “zu waschen” hätten, sind unter Umständen nicht viel besser auf die Situation vorbereitet, wie ein Führerscheinneuling nach dem Erste-Hilfe-Kurs. Es rollt also auf uns zu und holt zum letzten Schlag aus: auf Pflegepersonen, die bereits angeschlagen im Ring taumeln und die nicht die leiseste Ahnung haben, was sie dem Angriff entgegensetzen sollen.

Mit etwas Glück gelingt ihnen kurzfristig die Deckung. Lieber ohne Kompetenzen als gar keine Hände Per Dekret werden sie aus dieser von der Regierung wieder herausgeholt. Lieber ohne Kompetenzen als gar keine Hände. Und das bedeutet, dass sie konfrontiert werden: mit Atemnot, Triage und Todeskampf. Mit einer Priorisierung der Tätigkeiten, die über ein Leben entscheiden kann. Und das nicht “mal”, sondern ständig. In einem nie dagewesenen Ausmaß. Und da viele der Pflegenden dies qualitativ gar nicht leisten können, werden Menschen sterben. Sie werden auch sterben, weil irgendjemand nicht für Material gesorgt hat. Oder für die Geräte.

Pflegende werden ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen und die ihrer Familien. Sie werden Überstunden machen oder sich selbst ins Krank verabschieden. Wer letzteres tut, wird von seinen Kolleginnen und Kollegen und der Gesellschaft gehasst werden. Im Stress stirbt das Teamgefühl zuerst. Aber was unterscheidet in dieser Situation ärztliches Personal und Pflegende? Pflegende werden in einen Krieg geführt, den sie nicht gewinnen können; auf den sie einfach fachlich noch viel weniger vorbereitet sind. Nach der Corona-Krise Und so schweife ich in Gedanken zu einer Zeit nach der Corona-Krise. Und ich prophezeie ein postapokalyptisches Szenario. Pflegende, die die Toten in ihrer Schicht nicht mehr zählen konnten. Pflegende die täglich Überstunden machen mussten. Pflegende, die selbst erkrankten und nach 2 Wochen wieder in dem Wahnsinn weiterarbeiten durften. Pflegende, die quasi rechtlos wurden, durch Zwang zur Arbeit auf der einen Seite, aber Ausgangsbeschränkungen auf der anderen. Ein Leben für den Dienst am Menschen. Ich sehe in dem Szenario Pflegende, die kein Burnout mehr haben, sondern posttraumatische Belastungsstörungen. Allen voran die Auszubildenden, die anstatt die Schulbank zu drücken jetzt bereits an die Front auf Isolierstationen geschickt werden. Im großen Umfang werden Pflegepersonen ausfallen oder ganz den Dienst quittieren. Die Belastung wird weiter steigen. Eines Tages werden die elektive Eingriffe wieder aufgenommen. Die Personaluntergrenzen werden ausgesetzt bleiben, damit man die Regelversorgung abarbeiten kann.

Die geleisteten Überstunden können nicht frei genommen werden. Spätestens dann werden die letzten Verdrängungsmechanismen über das Erlebte versagen.

Alle normalen Jugendlichen werden einen Bogen um so einen Beruf machen, wenn er dies erlebt hat. In der postapokalyptischen Welt nach Corona wird man nach einem digitalen Arbeitsplatz streben. Einer Arbeit, die pandemiesicher ist; bei der man sich in den eigenen vier Wänden verschanzen kann und sich nicht in Gefahr begibt. Es wird natürlich auch weiter Menschen geben, die trotz der Arbeitsbedingungen und der Risiken diesen Beruf ergreifen werden. Weil er so toll ist und man so viel zurückbekommt, z.B. Schokolade oder weil es der einzige Beruf ist, den man mit mittelmäßigen Schulleistungen noch machen kann. Weil es kommt aufs Herz an – und Mut – und Hände: Herz, um billig zu bleiben, Mut, um ungeschützt Viren und Übergriffen entgegenzutreten, Hände, um Hintern abzuputzen.

In diesem postapokalyptischen Szenario nach Corona kollabiert das Gesundheitssystem letztendlich, weil eine systemrelevante Berufsgruppe wegbricht – und der Therapie-Stau aus der Krisenzeit aufgearbeitet werden müsste. Wenn wir jetzt die Infiziertenkurve glätten, dürfen wir die Kurve durch anderweitige Schäden aufgrund fehlender Therapie nicht ausblenden. Der Markt an Pflegenden wird nach der Krise noch viel leerer sein als davor. Vielleicht kommt es aber ganz anders. Es könnte natürlich ganz anders kommen. Wenn eine Gesellschaft nicht nur die Systemrelevanz bescheinigt, sondern sich auch der Wirksamkeit von professioneller Pflege in der Gesundheitsversorgung sowie die Notwendigkeit von Fachexpertise bewusst wird.

Ja, es muss ins Bewusstsein. Ein Blick in Nachbarländer hilft manchmal, wenn man denkt, dass es nur so wie bei uns in Deutschland geht. Auch dort ist nicht alles Gold. Meist ist aber schon mal die Bezahlung besser. Meist ist Pflege primär akademisch. Aber vor allem hat Pflege eines: eine Anerkennung als anspruchsvolle Profession, deren Ausübung umfangreiche fachliche, methodische, soziale und personale Kompetenzen benötigt. Kompetenzen, die eben nicht jeder hat. Zugangsvoraussetzungen, die man sich erarbeiten muss und kein Förderunterricht, damit man irgendwie durch die 3 Jahre Ausbildung und das Examen kommt. Vielleicht gelingt es, dass professionelle Pflegende zu den Eliten im Gesundheitssystem zählen, die es in der Krise beherrschen und nicht von der Krise beherrscht werden. Profis statt Held*innen Dann kann man Pflegende gerne als Profis bezeichnen und das Gelaber vom Heldentum stecken lassen. Und dann besteht vielleicht die Chance, dass sich junge Menschen von diesem Image anziehen lassen. Ich bin mir sicher, dass man das Gesundheitssystem nach dem Pflege-Fukushima in die eine oder die andere Richtung steuern kann. Aber vielleicht gibt es auch noch ein drittes Szenario: Es bleibt alles so gut, wie es jetzt ist.